Radikale Historisierung der Sexualität

Was ist radikale Historisierung? Ein Begriff sollte hinreichend erklärt sein, wenn es ein suhrkamp taschenbuch wissenschaft gibt, das seinen Namen trägt (Olaf Breidbach: Radikale Historisierung. Kulturelle Selbstversicherung im Postdarwinismus. stw 1991, 2011. Kurz: RH).

Die radikale Historisierung greift verschiedene philosophische Traditionen auf, zentral ist allerdings das historisch-archäologische Denken des Michel Foucault. „Michel Foucaults Idee zufolge sind wir mit unseren Meinungen und Auffassungen immer nur als Momente im Strom eines Kulturgefüges eingebunden, das nicht wir strukturieren, sondern das uns bestimmt. Schließlich denken wir nur in der Weise, die die Begriffe, Zuordnungen und Logiken der uns tragenden Sprache zulassen.“ (RH Seite 48).

Die Anwendung dieses Denkens auf den Kosmos der Sexualität bei Foucault hat momentan Konjunktur. Die posthume Publikation des vierten Bandes von Sexualität und Wahrheit („Die Geständnisse des Fleisches“) und eine Sonderausgabe des philosophie Magazins sind Indizien für die Aktualität seines Denkens.

Folgen wir Foucault, denn gehören die Begriffe Sexualität und Geschlecht in ein Abklingbecken, um sich ihrer kontingenten Hülle zu entkleiden. Fakt ist das Fleisch.

Doch so einfach geht das nicht. „Sexualität“ und „Geschlecht“ sind in einen Nexus eingebunden, man möge sich diesen wahlweise als Rhizom, als neuronales Netzwerk oder als komplexe semantische Ontologie vorstellen. Wir können keine Begriffe als Solitär zum Verhör bitten.

Als Foucault am 25. Juni 1984 in Paris starb, war François Mitterrand Frankreichs Staatspräsident und Ronald Reagan Präsident der USA. Die Erde hat sich seitdem weitergedreht. Eine neue kontingente Häutung der Welt ist eingetreten, liberal-intellektuelle Werte verschwinden wie ein Gesicht im Sand am Meeresufer.

Kurz: Die radikale Historisierung der Sexualität erfordert neue Methoden. Wenn wir für Foucault denken wollen, dann dürfen wir nicht mit Foucault denken.

Hier können wir nun an Breidbach anschließen. Sein Ansatz besteht darin, für die radikale Historisierung Ansätze aus der Systemtheorie (selbstreferentielle Systeme) und den Neurowissenschaften (interne Repräsentation) zu nutzen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren war ich selbst in diese wissenschaftlichen Arbeiten eingebunden. Allerdings wurde dieser Ansatz noch nie auf den Kosmos der Sexualität angewandt. Die Zeit ist nun da.

Wir gehen noch kurz auf zwei zentrale Aussagen zur radikalen Historisierung ein.

„Die radikale Historisierung entzieht … nicht den Boden für eine Positionierung, sondern gibt die Bewegung an, aus der heraus eine Positionierung in einem dynamischen Gefüge überhaupt erst schlüssig erfolgen kann.“ (RH Seite 253).

Das ist zentral. Unsere Analyse darf nicht in einem fatalen „alles ist relativ“ enden. Übrigens war das zentrale Entstehungsmoment der speziellen Relativitätstheorie die Beobachtung, dass die Lichtgeschwindigkeit eine Konstante ist. Analog sollten wir unseren Blick wach halten für die Suche nach anthropologischen Konstanten.

„Eine Theorie, die derart, in der Bescheidung auf relative Bestimmtheit, das andere als anderes zulässt, setzt Maßstäbe und damit sich selbst in Geltung.“ (RH Seite 261).

Damit ist klar: die radikale Historisierung der Sexualität ist ein iterativer Prozess. Wir bewegen uns dabei nicht im luftleeren Raum. Wir können durchaus mit einer konkreten Positionierung starten, sollten diese aber stets als dynamisches Momentum betrachten.

Kritisch ist bereits die Auswahl der ersten Begriffe für den Startpunkt. Ich möchte die semantisch überfrachteten Begriffe „Diskurs“ und „Narrativ“ vermeiden. Ich bevorzuge den Begriff des Gefüges.

Nun liegen „Sexualität“ und „Geschlecht“ im Abklingbecken. Hier bevorzuge ich den Begriff der Intimität. Nutzen wir nun eine Deutung im Sinne Foucaults, dann kommen wir zum ersten Startpunkt.

These 1: Das Gefüge verdeckt den Blick auf die Intimität.

Was soll das nun heißen? Müssen wir ausgerechnet einen Startpunkt wählen, der nach sonntäglicher Kontemplation klingt?

Nun ist dieser Tage ein tatsächlich neues Verständnis von Leib und Zärtlichkeit publiziert worden (Gernot Böhme: Leib – Die Natur, die wir selbst sind, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2270). Die offenbar aus dem Erfahrungskontext der Intimität älterer Menschen gewonnene Sicht gibt auch dem Miteinander von Frau und Frau bzw. Mann und Mann eine natürliche Basis.

Der Leib bei Böhme ist in der Tat ein Novum, da wir – ganz im Sinne Foucaults – nur kalte Nutzungs- und Optimierungsnarrative von Sexualität verinnerlicht haben.

Damit ist eine weitere Etappe unseres Weges vorgezeichnet: Nun gilt es herauszufinden, welche Schnittmengen das, was Foucault Fleisch nennt und das, was Böhme Leib nennt, haben.

Implikationen für den feministischen Diskurs

Eine systemtheoretische Betrachtung der Sexualität nutzt Begriffe und Herangehensweisen aus der Mathematik. Diese haben den Vorteil, zunächst „neutral“ zu sein, andererseits aber wichtige Momente einer Struktur zu benennen.

Der feministische Diskurs ist stark durch Abgrenzung gekennzeichnet. Ganz im Sinne Spinozas (omnis determinatio est negatio) stehen die Negation des Patriarchats und die Negation einer Phallus-zentrierten Sexualität im Fokus. Dies hat durchaus seine Berechtigung. Wenn wir eine homoerotische Beziehung als selbstreferentielle Abbildung betrachten, dann geht es aber in der Abbildung auf sich selbst um die eigenen Konstanten und nicht um die Abgrenzung gegen ein X. Die Mathematik kennt hier den Begriff des Eigenwerts.

These 2: Das Gefüge verdeckt den Blick auf den Eigenwert homoerotischer Beziehungen.

Und schon sieht es so aus, als seien wir mitten im Geschäft.

Dabei haben wir die mächtigsten Werkzeuge noch nicht in die Hand genommen. Dazu gehört für mich die Ontologie eines Nicolai Hartmann. Während Foucault in der Sphäre des realen Seins verweilt, sollten wir die Sphäre des idealen Seins nicht aus den Augen verlieren.

Ich verdeutliche dies mit einer Kritik an Foucault. „Die Geständnisse des Fleisches“ haben als zentralen Inhalt den Begriff der Libido bei Augustinus. Foucault nimmt hier eine archäologische Ausgrabung vor und macht sichtbar, welche Diskursfäden sich von hier aus spannen. Das ist relevant und verblüffend aktuell – wenn etwa einer der Fäden zur aktuellen Vorsitzenden der CDU führt.

Nun die Kritik. Foucault verhält sich wie eine Evolutionsforscher, der komplett nur auf die Linie fokussiert, die zum homo sapiens führte. Das männliche Narrativ eines Augustinus war eine Realisationsform. Ständig waren alternative Erzählungen gegenwärtig, die allerdings entweder unterdrückt wurden oder keine Genesebedingungen vorfanden. Was ist mit den kabbalistischen Traditionen? Der Theosoph Jakob Böhme hat mit seiner Christosophia die Geschichte von Mann und Frau neu geschrieben. So könnte es also sein, dass die „ausgestorbenen Arten“ mehr über unsere Zukunft verraten als die bisherige Hauptlinie.

Wir sollten also vermeiden, der historischen Realität einen Status zuzuweisen, der ihr ontologisch nicht zukommt.

Dies sind nun also die ersten Bausteine für eine radikale Historisierung der Sexualität. Das Attribut „radikal“ ist übrigens ähnlich zu deuten wie das „radikal“ im radikalen Konstruktivismus. Positive Geisteshaltung ist der Glaube, dass ein Novum der Sexualität möglich ist.

Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns mit den Neurowissenschaften und Judith Butler.

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Alles rund bei Parmenides

Platons Dialog Parmenides hat die Philosophiegeschichte nachhaltig beeinflusst. Der zweite Teil des Dialogs (Parm 137c-166c) gilt als einer der dunkelsten des platonischen Gesamtwerks.

Nach mehrfacher Lektüre sehe ich zwei tödliche Klippen, die den Leser aus der Bahn werfen könnten. Eine davon ist die Definition von „rund“ und „gerade“ in Parm 137de. Hier hat Gregor Schneider in seiner Dissertationsschrift „Mathematischer Platonismus“ (München 2012) wesentlich zur Aufklärung beitragen können.

Betrachten wir also die betreffende Textstelle[1]:

„Unbegrenzt also ist das Eine, wenn es weder Anfang noch Ende hat.

Ja, unbegrenzt.

Folglich auch ohne Gestalt. Denn es hat weder am Runden noch am Geraden teil.

Wieso?

Rund ist doch dasjenige, dessen Enden überall vom Mittelpunkt den gleichen Abstand haben.

Ja.

Und gerade ist doch dasjenige, dessen Mitte beiden Enden vorangeht.

So ist es.“

Die Schwierigkeit liegt bei der Interpretation der Definition von „gerade“. In der Anmerkung 21 der Reclam-Ausgabe steht lapidar, dass man „normalerweise“ etwas anderes erwarten würde. Für den Zusammenhang sei jedoch nur wichtig, dass in der Definition Teile enthalten sind. Mit dieser Erklärung kann sich der Leser nicht zufriedengeben.

Die Lösung besteht in der richtigen Interpretation des „Vorangehens“. Ich werde hier nicht Schneiders durchweg überzeugende Lösung wiederholen, sondern verweise auf die Ausführungen der Dissertationsschrift. Wir springen hier direkt zum Resultat, das Schneider wie folgt visualisiert hat:

Quelle: Gregor Schneider, Mathematischer Platonismus, Seite 93

Für uns ist die Interpretation des Resultats wesentlich. Was haben Kreis und Gerade eigentlich gemeinsam? Aus der Perspektive eines Physikers ist das überraschend einfach zu beantworten. Betrachten wir die Größen Impuls und Drehimpuls. Beide sind eng mit Symmetrien verknüpft: Translationssymmetrie und Rotationssymmetrie. Das „rund sein“ wäre also zu interpretieren als „im Einklang mit Symmetrieprinzipien stehend“. Die Symmetrieprinzipien stehen auch mit einer Optimierungsfunktion (Hamilton-Funktion) im Zusammenhang. Das „den Enden vorangehen“ ist dann als „von der Optimierung abweichen“ zu deuten.

Dies ist ein bemerkenswertes Resultat. Die Literatur kennt die Platonischen Körper (Tetraeder, Würfel, Oktaeder, Pentagondodekaeder und Ikosaeder.), die in der Astronomie u.a. bei Kepler eine bedeutende Rolle gespielt haben. Hier zeichnet sich eine weitere Kategorie platonischer „Figuren“ ab, die in Bezug auf aktuelle Fragestellungen der Physik sogar relevanter erscheinen.

  1. Quelle: Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8386, Stuttgart 2015. Übersetzung von Ekkehard Martens.

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Nicolai Hartmann und die Quantentheorie

In seiner Ontologie leitet Hartmann eindrucksvoll den Unterschied zwischen realem Sein und idealem Sein ab. Wahrscheinlich war ihm nicht bewusst, wie sehr sich sein Dualismus von realem Sein und idealem Sein in den mathematischen Strukturen der Physik spiegelt. Dies betrifft den Welle-Teilchen-Dualismus allgemein und die Axiomatik der Quantenphysik im Besonderen.

Leider ist es zum Verständnis dieses bedeutenden Sachverhalts unumgänglich, den grundlegenden Ansatz der Quantenphysik zu verstehen. Beginnen wir mit dem Phänomen der Elektronenbeugung (siehe Bild).

Ein Bild, das grün, Licht, sitzend, dunkel enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Ein Beugungsexperiment kann man sich analog zu Newtons berühmten Prismen-Experiment vorstellen. Newton lenkte einen dünnen Lichtstrahl durch einen kleinen Spalt in einen abgedunkelten Raum, bevor dieser Lichtstrahl durch ein Prisma in seine Spektralfarben gebrochen wurde. Als Ergebnis erkannte er, dass weißes Licht aus allen Spektralfarben zusammengesetzt ist. Nun gibt es eine Reihe von Experimenten, die die Teilchennatur des Elektrons zeigen (Blasenkammer). Die Wellennatur hingegen zeigt sich im Beugungsexperiment. Das Bild oben zeigt nun hellere und dunklere Ringe, die die Aufenthaltswahrscheinlichkeit der Elektronen anzeigen.

Die Physik benötigt also eine Mathematik, die solche Wellenpakete beschreiben kann. Wir können hier nicht die Geschichte der Quantenphysik komplett reproduzieren. Daher konzentrieren wir uns auf die axiomatische Basis der Quantenphysik, da sich daraus auch Anknüpfungspunkte für Philosophen ergeben.

Wir starten mit dem Zustandsaxiom:

Physikalische Zustände Ψ werden durch die Vektoren eines Hilbertraumes H beschrieben. Ein Hilbertraum ist ein vollständiger komplexer Vektorraum mit einem hermiteschen, positiv-definiten Skalarprodukt, der eine abzählbare Basis besitzt[1].

Der mathematische Laie wird sich an seine Schulzeit erinnern, als er Sinus- bzw. Cosinus-Funktionen auf Millimeterpapier aufgetragen hat. Die Form der Wellen änderte sich, wenn man von sin(x) etwa zu sin(2*x) überging. Der oben erwähnte Hilbertraum enthält Funktionen Ψ, die man sich zusammengesetzt aus verschiedenen Sinus- und Cosinusfunktionen vorstellen kann, so dass Ψ auch noch so komplexe Wellenmuster (wie etwa bei der Elektronenbeugung oben) abbilden kann.

Den Gegenpol zum Zustandsaxiom bildet das Observablenaxiom:

Jede physikalische Observable A wird durch einen linearen hermetischen Operator A des Zustandsraumes H dargestellt. Sehr vereinfacht drückt sich das in der Formel

<A> = < Ψ |A| Ψ>

aus. Diese Schreibweise stammt von Dirac, der aus dem englischen Begriff für Klammer (bracket) die Bestandteile der Formel in einen Teil „bra“ < Ψ | und einen Teil „ket“ | Ψ> aufgeteilt hat.

Wie ist diese Formel zu interpretieren? Ich gebe ein extrem vereinfachtes Beispiel. Wir stellen uns vor, dass wir die Basisformeln für die Wellen durchnummerieren, Funktion Nummer drei wäre etwa sin(3*x). Der „ket“-Vektor steht für den physikalischen Zustand. Ist in dem Wellenpaket unseres physikalischen Zustands also diese dritte Funktion enthalten, dann wäre das die Komponente | Ψ3>. Der „bra“-Vektor steht für das, was wir mit unserer Messung abfragen wollen. Wenn wir ermitteln wollen, ob die Funktion sin(3*x) zum Zustand gehört, benötigen wir die Komponente <Ψ3|. Wir messen den relativen Anteil der abgefragten Funktion zum Wellenpaket (die Amplitude). Dabei kommt stets eine reelle Zahl (ein Skalar) als Ergebnis heraus.

Wir haben also für Zustände und Observablen zwei völlig verschiedene mathematische Beschreibungen. Einerseits Wellenpakete, bei denen sich Zustände überlagern können, auf der anderen Seite eine Zahl, die das Ergebnis einer Messung repräsentiert. Wir haben den Dualismus zweiter Welten. Dies hat in der Quantenphysik zu Diskussionen geführt, die bis zum heutigen Tage nicht abgeschlossen sind.

Aus philosophischer Perspektive sind dabei die Interpretationen von besonderem Interesse, die diesen Dualismus überwinden wollen und eine physikalische Beschreibung für eine Welt anstreben[2].

Und genau an diesem Punkt ergibt sich ein verblüffender Blick auf Hartmanns Ontologie. Wenn wir die Quantenphysik in seinem Schema verorten wollen, dann ist ganz klar, dass die Messung (die Observable) der Sphäre des realen Dasein zuzuordnen ist (siehe Schema).

Ein Bild, das Screenshot enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Die Superposition von Zuständen hingegen gehört zur Sphäre des idealen Seins. Die Quantentheorie benötigt also zu ihrer Darstellung zwei Sphären des Seins! Man kann es auch so ausdrücken: ein quantentheoretischer Dualismus ist ontologisch denknotwendig.

Dies dürfte eine der bemerkenswertesten Einsichten in den Aufbau unseres Universums sein. Leider scheint sich Hartmann nicht eingehender mit dem Formalismus der Quantentheorie beschäftigt zu haben. Und so kam es, dass er diese bemerkenswerte Frucht seiner Ontologie schlicht übersehen hat.

  1. Siehe: Horst Rollnik, Quantentheorie, Braunschweig/Wiesbaden 1995
  2. Ein prominenter Vertreter dieser Herangehensweise ist Sir Roger Penrose.

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Kritische Ontologie – Teil IV

Übersicht der Intermodalgesetze des Realen (Seite 107ff)

Hartmann gibt zunächst eine Übersicht der Intermodalgesetze. Die eigentliche Beweisführung folgt später. Grundsätzlich gibt es drei Arten der Beziehung zwischen Modi: Ausschließung, Implikation und Indifferenz. Unter Indifferenz versteht Hartmann die Situation, dass sich ein Modus mit einem anderen verträgt, ohne ihn zu fordern.

I. Grundsatz: Von den Modi des Realen ist keiner gegen einen anderen indifferent.

Man könnte dies auch so formulieren: Die Modi des Realen fordern stets einen anderen Modus oder sind zumindest mit einem anderen Modus unverträglich.

Die allgemeine Modalanalyse zeigte die Indifferenz von Möglichkeit gegen Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Wenn der I. Grundsatz zutrifft (die Beweisführung steht noch aus), dann trifft das in der Sphäre des Realen nicht zu. Möglichkeit des Nichtseins und Wirklichkeit schließen sich hier aus. Daraus folgt dann der nächste Grundsatz.

II. Grundsatz: Alle positiven Realmodi schließen alle negativen von sich aus; und – da Ausschließung nur gegenseitig sein kann – alle negativen Realmodi schließen alle positiven von sich aus.

Der Grundsatz klingt für sich recht plausibel. Doch betrachten wir einen der Sätze, die Hartmann daraus ableitet:

„Dasjenige, dessen Sein möglich ist, kann nicht unwirklich sein.“ (Seite 113)

Das ist für das traditionelle Denken mehr als merkwürdig. Oder – wie Hartmann es formuliert: „Es ist der Boden der Logik, der zu wanken scheint.“ (Seite 114)

Das gewohnte Denken macht uns glauben, dass ein A, das möglich ist, aber zur Zeit noch nicht wirklich ist, in der Zukunft noch wirklich werden kann. Dieses „wirklich werden können“ impliziert natürlich, dass es auch nicht wirklich werden kann, somit unwirklich bleibt. Gerade das negiert Hartmann. Wenn ich einen Lottoschein abgebe, dann sehe ich die Möglichkeit, einen hohen Gewinn zu erzielen („den Jackpot knacken“). Durch die gültige Abgabe des Lottoscheines steht für das tradierte Bewusstsein der Gewinn in der Kategorie der Möglichkeit. Und damit denken wir an Hartmann vorbei. Es geht nicht um eine Kategorie im Sinne Kants. Möglichkeit bei Hartmann ist ein Modus innerhalb einer Sphäre des Seins. Der Lottoladen, der Verkäufer im Laden und das Geld in meinem Portemonnaie, mit dem ich den Lottoschein bezahle, befinden sich in der Sphäre des realen Seins. Alles darin ist den Gesetzen in der Sphäre des realen Seins unterworfen.

III. Grundsatz: Alle positiven Realmodi implizieren einander, und alle negativen Realmodi implizieren einander.

„Es ist ein eigentümlicher Radikalismus des Seins und Nichtseins, der sich darin ausspricht. Dieser Radikalismus ist das erste ontologische Licht, das auf das Wesen der Realität fällt.“ (Seite 116)

Daraus leitet Hartmann folgende Gesetze ab:

Realgesetz der Möglichkeit: Was real möglich ist, das ist auch real wirklich.

Realgesetz der Notwendigkeit: Was real wirklich ist, das ist auch real notwendig.

Das ist nun wirklich verblüffend. Sind damit alle Unterschiede zwischen Notwendigkeit, Wirklichkeit und Möglichkeit in der Sphäre des realen Seins aufgehoben? Läuft das auf eine Tautologie hinaus? Das meint Hartmann natürlich nicht. Wir müssen „möglich“ von „Möglichkeit“ ebenso unterscheiden wie „wirklich“ von „Wirklichkeit“. Vor der Herleitung dieser Gesetze hat der Leser jedes Recht, die vorgetragenen Gesetze anzuzweifeln.

Deshalb lohnt es sich, ein fundamental einfaches Beispiel aus der Physik zu betrachten, das mit Hartmanns Gesetzen gut verträglich ist.

Wir denken uns eine Glasmurmel (13 Millimeter Durchmesser d und 3,75 Gramm Masse m), die sich mit 10 Stundenkilometern Geschwindigkeit v geradlinig-gleichförmig im leeren Raum bewegt. Aus den genannten Parametern können wir den Impuls p (p= m*v) und die kinetische Energie E (E = ½ * m * v²) berechnen. Beobachten wir die Kugel zum Zeitpunkt t=t1 an einem Ort x=x1, dann können wir den Ort zum Zeitpunkt t2 (eine Stunde später) vorhersagen: x2= x1 + 10 km. Was wir dann sehen, ist im Prinzip dasselbe physikalische System: Die Zahlenwerte von Impuls und Energie sind unverändert (wir nehmen an, dass es im leeren Raum keine Reibungsverluste gibt). Die Erhaltung der Energie ist mit einer Zeit-Symmetrie und die Erhaltung des Impulses mit einer Raum-Symmetrie verbunden (Noether-Theorem). Daraus resultiert das Bewegungsgesetz. Die Symmetrie ist mit den Freiheitsgraden des Systems verbunden (hier: Bewegung entlang eines bestimmten Vektors im kartesischen Raum).

Zum Zeitpunkt t2 beobachten wir die Glasmurmel am Ort x2. An diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt ist die Murmel wirklich, notwendig und möglich. Das Wirklichsein ist die Daseinstatsache der Murmel in der realen Welt. Das Möglichsein resultiert aus dem Freiheitsgrad. Das Notwendigsein aus dem Bewegungsgesetz. Und doch ist die Notwendigkeit (das Bewegungsgesetz) von der Wirklichkeit (die physikalisch nur einen Zustand im Zustandsraum bzw. Phasenraum darstellt) verschieden. Dies gilt auch für die Möglichkeit an sich (die dem System zugänglichen Punkte im Zustandsraum bzw. seine Freiheitsgrade).

Hartmann gibt ein sehr anschauliches Beispiel für die Realmöglichkeit. Von einem morschen Baum lässt sich sagen: Es ist möglich, dass er umstürzt. Für die reale Möglichkeit muss der komplette Nexus erfüllt sein, d.h. jede zur Ermöglichung fehlende Bedingung. Dies kann zum Beispiel ein Windstoß sein. Aus einer tatsächlichen Möglichkeit folgt bei Hartmann die Tatsache. Das Gravitationsgesetzt trägt dazu bei, dass der Baum auch notwendig umfällt. Dann gibt es einen Raumzeitpunkt, in dem der Baum wirklich, notwendig und möglich umfällt.

Das Spaltungsgesetz der Realmöglichkeit (Seite 118ff)

Reale Wirklichkeit setzt reale Möglichkeit voraus, und reale Unwirklichkeit setzt reale Möglichkeit des Nichtseins voraus. M+ bezeichnet bei Hartmann die Möglichkeit des Seins und M- die Möglichkeit des Nichtseins.

Reales Sein im Sinne Hartmanns meint eindeutiges Sein im Hier und Jetzt. Dieses bestimmte Möglichsein schließt die Möglichkeit des Nichtseins aus.

Wie ist das zu verstehen? Physikalisch ist das eindeutige Sein im Hier und Jetzt als Fixierung eines Punktes im Zustandsraum der Welt zu interpretieren. Der einzelne Weltpunkt ist Teil einer Trajektorie, die in Zukunft und Vergangenheit eine Bandbreite verschiedener Zustände durchläuft. Aber zum konkreten Zeitpunkt t=X ist der Zustand eindeutig fixiert.

Folglich sind M+ und M- in der Sphäre des Realen strikt getrennt.

„Indem die Möglichkeit des Seins im realen Wirklichsein enthalten ist, ist die Möglichkeit des Nichtseins von ihm ausgeschlossen.“ (Seite 121)

„Was heißt es denn eigentlich, daß in der Wirklichkeit keine Möglichkeit des Nichtseins besteht? Es heißt dieses, daß das einmal Wirklichgewordene auf keine Weise mehr unwirklich (rückgängig) gemacht werden kann.“ (Seite 122)

Diese Passagen gehört zu den zentralen Aussagen von Möglichkeit und Wirklichkeit. Hartmann kennzeichnet hier das Wesen der Zeit und verortet dieses ganz in der Sphäre des realen Seins. Es gibt einen eindeutigen Zeitpfeil, der einen Zustand vorher von einem Zustand nachher unterscheidet. Er beschreibt einen irreversiblen Prozess.

Es ist merkwürdig, dass Hartmann sich hier den Grundgedanken der Quantenphysik nähert, ohne diese explizit zu benennen. Wahrscheinlich war ihm die Isomorphie seines ontologischen Konstrukts zum mathematischen Apparat der Quantenphysik nicht bekannt.

In sehr vereinfachter Darstellung beschreibt die Schrödinger-Gleichung, wie sich die Zustände einer Wellenfunktion Ψ verändern. Hier kennt die Physik lineare Überlagerung von Zuständen[1]. In der realen Welt gibt es solche Überlagerungen nicht. Klassisch geht man davon aus, dass bei einer Messung eine nichtlineare Funktion greift, bei der die Amplituden der Wellenfunktion |Ψ|2 der entscheidende Parameter für eine Observable sind. Man spricht von der Reduktion R des Zustandsvektors bzw. vom Kollaps der Wellenfunktion. Und das ist genau die Art einer irreversiblen Funktion mit Zeitpfeilrichtung, die exakt die ontologischen Kriterien des realen Seins erfüllt.

„Absinken ins Vergangene kann nur, was im Vollgehalt seiner Realwirklichkeit an seiner Zeitstelle festgehalten wird.“ (Seite 123)

„Am Sinn des Möglichseins und Wirklichseins hängt das Verständnis des Zeitlichseins.“ (Seite 123)

Im realen Wirklichsein von A ist die Möglichkeit von A eingeschlossen, die Möglichkeit von non-A ausgeschlossen. Daraus folgt: Was real wirklich ist, dessen Nichtsein ist real nicht möglich.[2]

„Realität ist die absolute Entschiedenheit von Sein und Nichtsein.“ (Seite 141)

„Was sein ‚kann‘, in dem ist die Entscheidung zum Sein schon gefallen. Es kann nicht mehr nichtsein. So ‚muß‘ es also sein. Und darum ‚ist‘ es.“ (Seite 141)

Hartmann beschreibt hier die Realmöglichkeit. Der naive Begriff der Möglichkeit ist an Bedingungen geknüpft, zum Beispiel mit der Vorstellung, dass in Zukunft eine Bedingung X erfüllt ist, die ein Ereignis Y möglich macht. Der Mensch sieht immer nur eine Teilmöglichkeit, er hat keinen Zugriff auf die Totalität der Bedingungen.

„Die Zeit selbst bestimmt nichts, sie bringt nichts und sie verschlingt nichts. Sie ‚zeitigt‘ nicht. Wohl aber zeitigen die Ereignisse in ihr.“ (Seite 215)

Auch hier ist die Betrachtung der Quantenphysik interessant. Im Sinne Hartmanns „zeitigt“ der Kollaps der Wellenfunktion.

Ganz anders ist die Situation in der Sphäre des idealen Seins. Hartmann unterscheidet hier genus (zum Beispiel ein Dreieck) von species (etwa Dreiecke mit stumpfem oder spitzem Winkel)[3].

„Unter jedem genus bleiben die nicht kompossiblen species friedlich nebeneinander bestehen.“ (Seite 308)

In der Quantenphysik denke man an ein Elektron mit Drehimpuls. Der Drehimpuls kann – anschaulich – eine Drehung im Uhrzeigersinn oder entgegen des Uhrzeigersinns repräsentieren (Spin up oder Spin down). In der Quantenphysik gibt es die lineare Überlagerung beider Zustände. In der Realität (bei einer Messung) gibt es immer nur ein Resultat, nie die Gleichzeitigkeit beider Zustände. Spin up und Spin down sind nicht kompossibel.

„Das ideal Wirkliche hat Spielraum für die Parallelität des Inkompossiblen.“ (Seite 310)

„Das ideale Sein ist ein Reich der reinen und gleichsam allmächtigen Möglichkeit.“ (Seite 310)

Dieser Satz ist versöhnlich. Deutet doch die Nexusgebundheit des realen Seins auf ein deterministisches Universum hin, das keine disjunktive Möglichkeit kennt. Die Quantenphysik macht deutlich, wie ein Bindeglied zwischen realer und idealer Sphäre aussehen könnte.

Dies zeigt auch, wie aktuell die kritische Ontologie ist. Die Naturwissenschaft täte gut daran, ihre philosophischen Grundlagen eingehender zu reflektieren.

Fußnoten

  1. Populär ist Schrödingers Katze mit den Zuständen |tot> und |lebendig>.
  2. In der realen Welt gibt es eben kein Zugleichsein einer toten und lebendigen Katze.
  3. Zum genus „Katze“ denken wir uns die species „lebendige Katze“ und „tote Katze“.

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Kritische Ontologie. Teil III

Einleitung. Übergang von der Grundlegung der Ontologie zu Möglichkeit und Wirklichkeit

Wir haben uns bisher auf den rein ontologischen Teil der Grundlegung konzentriert (siehe Teil I und II). Sowohl die Grundlegung als auch Möglichkeit und Wirklichkeit enthalten ausführliche Erörterungen der Erkenntnistheorie.

Mehrere Gründe sprechen allerdings dafür, die Erkenntnistheorie zunächst auszuklammern. Zum einen ist es heute praktisch nicht möglich, eine seriöse Erörterung der Erkenntnistheorie vorzunehmen, ohne die Neurowissenschaften einzubeziehen. Darüber hinaus sind seit Hartmanns Zeiten bedeutende neue Ansätze entstanden (etwa Luhmanns Systemtheorie und der Radikale Konstruktivismus), die zur Bestandsaufnahme gehören. Wären Kant und Hartmann unsere Zeitgenossen, dann würden sie ganz sicher nicht auf eine Bestandsaufnahme verzichten.

Bedeutender noch scheint mir der Gewinn an Klarheit und Struktur, wenn wir nahtlos den ontologischen Teil aus der Grundlegung auf den ontologischen Teil aus Möglichkeit und Wirklichkeit folgen lassen. So werden die Konturen eines Werkes sichtbar, das sich Neue Ontologie[1] nennen könnte.

Zentrales Ergebnis der Grundlegung war die Herausarbeitung der Seinsmomente Dasein und Sosein sowie der Seinsweisen Realität und Idealität:

Ideales Sosein Ideales Dasein

(Reine Mathematik, Ideen, Ψ)

Reales Sosein

(Empirische Wissenschaft, Messung, Quantität, Skalare, |Ψ|)

Reales Dasein

(Anmerkungen in Klammern von mir)

Dieses Schema hat Hartmann übrigens nicht bewiesen. Wie könnte man auch eine deduktive Ableitung erwarten? Wir stellen hier ja gerade erst die zentralen Grundbegriffe des Seins zusammen, die irreduziblen Grundelemente der Ontologie. Auf Basis der Aufarbeitung der Geschichte der Ontologie konnte Hartmann zeigen, dass sein Schema Widersprüche bzw. Aporien früherer Systeme vermeidet. Das Schema ist also im höchsten Maße plausibel.

Der kritische Leser wird allerdings in einem zentralen Punkt nicht zufriedengestellt: Was ist im Kern der Unterschied zwischen Realität und Idealität? Es kann nicht reichen, wenn wir uns auf die Begriffsgeschichte und Intuition verlassen, um diese zentralen Weisen des Seins einzuordnen. An dieser Stelle beginnt ein bemerkenswertes Kapitel der Philosophiegeschichte. Hartmann wendet sich den Seinsmodi Möglichkeit, Notwendigkeit und Wirklichkeit zu. Wird hier ein Kategoriengebäude auf unsicherem Grund errichtet? Nein. Die nachfolgenden Erörterungen zeigen, wie die Untersuchung von Möglichkeit und Wirklichkeit den Unterschied von Realität und Idealität vor Augen führt. Darüber hinaus gelingt eine Charakterisierung des Wesens der Zeit.

Doch diese Geschichte muss in der richtigen Reihenfolge erzählt werden. Wie kommen wir überhaupt auf Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit als Untersuchungsgegenstand? Werfen wir dazu einen Blick auf Immanuel Kants Kategorientafel:

Transzendentale Tafel der Verstandesbegriffe[2]

Quantität

Einheit

Vielheit

Allheit

Qualität

Realität

Negation

Einschränkung

Relation

Substanz

Ursache

Gemeinschaft

Modalität

Möglichkeit

Dasein[3]

Notwendigkeit

Bei Kant steht natürlich die Erkenntnistheorie im Fokus. Wie verschieden können das Wesen der Erkenntnis und das Wesen des Seins sein? Goethe sagt: „Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken“. Und der Mathematiker Hermann Minkowski sprach von einer prästabilisierten Harmonie zwischen den Gesetzen der Mathematik und den Gesetzen des Universums (d.h. der Raumzeit). Unserem Verstand und unserer Vernunft ist irgendeine Art der Teilhabe am Sein möglich. Ganz im Sinne Kants sicher keine Erfassung des Seins-an-sich, das Dasein bleibt in seinem Ansichsein privat.

Einige Kategorien erscheinen auf den ersten Blick unmittelbar einleuchtend, etwa die Begriffe der Quantität. Die Metamathematik zeigt allerdings, dass sich gerade hier Abgründe für das Verständnis auftun. Eine Ontologie der natürlichen Zahlen zu formulieren, gehört zu den schwierigsten Aufgaben überhaupt. Von Frege über Russell bis Gödel wurde deutlich, dass es eine Formalisierung der Mathematik in sich hat. Und eine Annäherung über die Ontologie führt mit Parmenides auf den schwierigsten Text der Philosophiegeschichte.

Wie auch immer: Für Hartmann – der auf die Mathematik und die empirische Naturwissenschaft vertraute – waren Qualität und Quantität keine priorisierten Untersuchungsgegenstände. Der Begriff der Ursache wird bei Hartmann aus der Auseinandersetzung mit Möglichkeit und Wirklichkeit abgeleitet.

Damit steht der Ausgangspunkt der philosophischen Reise fest: Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit. In den ersten acht Kapiteln erarbeitet Hartmann das modale Grundgesetz. Diesem Gedankengang werden wir nun folgen.

Bedeutungen der „Zufälligkeit“ (Seite 29ff)[4]

Hartmann beginnt mit der Ergänzung der Gegenpole zu den drei Modi:

Notwendigkeit – Zufälligkeit

Wirklichkeit – Unwirklichkeit

Möglichkeit – Unmöglichkeit

Diese ordnet er in folgende Rangordnung:

Notwendigkeit (Nicht anders sein können)

Wirklichkeit (So und nicht anders sein)

Möglichkeit (So oder nicht sein können)

Zufälligkeit (Nicht notwendig sein; auch anders sein können)

Unwirklichkeit (Nicht so sein)

Unmöglichkeit (Nicht so sein können)

Bei den negativen Modi gibt es Besonderheiten. Unmöglichkeit sei negative Notwendigkeit, Zufälligkeit dagegen sei der Gegensatz zum Notwendigsein überhaupt. Wirklichkeit setzt Möglichkeit voraus, doch eine analoge Beziehung ist zwischen Zufälligkeit und Unwirklichkeit nicht zu sehen. Was die Beziehungen der Modi anbelangt, gibt es keine Symmetrie zwischen positiven und negativen Modi.

Hartmann bemerkt die Sonderstellung der Zufälligkeit. Sie sei der einzige Modus, der sich negieren lässt. In einem deterministischen Universum wäre kein Platz für den Zufall. Darüber hinaus hat die Zufälligkeit positive wie negative Aspekte. Von den verschiedenen umgangssprachlichen Verwendungen der Zufälligkeit ist aus ontologischer Sicht das reale Grundlossein relevant.

„An der Realzufälligkeit allein hängt das metaphysische Problem von contingentia und necessitas, und mit ihm zugleich das Problem des zureichenden Grundes.“ (Seite 35)

Bedeutungen der Notwendigkeit (Seite 36 ff)

Notwendigkeit erscheint relational fundiert, etwa als Denknotwendigkeit oder Wesensnotwendigkeit.

Im ontologischen Fokus aber steht das „Nicht-anders-Können“ der Realnotwendigkeit. Hartmann spricht vom ontologischen Gesetz der Realdetermination. Für die Sphäre des idealen Seins ist die Wesensnotwendigkeit (und ihr negativer Pol, die Wesensunmöglichkeit) relevant.

Bedeutungen der Möglichkeit (Seite 41ff)

Die disjunktive Möglichkeit ist ein Modus, „in dem die sonst nie vereinigten kontradiktorischen Gegenglieder A und non-A zusammenbestehen“ (Seite 42). Allerdings: Sobald A wirklich wird, verschwindet die Möglichkeit von non-A.

Hartmann kommt zur folgenden Überlegung:

„Die disjunktive Möglichkeit bedeutete einen ‚Seinszustand‘ neben der Wirklichkeit; sie kann nicht als Bedingung in das Wirklichsein der Sache mit eingehen, sondern bleibt von ihm ausgeschlossen, denn die in ihr mitgesetzte Möglichkeit von non-A widerspricht dem Wirklichsein von A.“ (Seite 43)

Wir befinden uns zwar noch mitten in der Begriffsklärung, aber schon jetzt zeigt sich, dass die disjunktive Möglichkeit für die Quantenphysik von zentraler Bedeutung ist. Die Gleichzeitigkeit von A und non-A ist der Zustand vor der Messung. In der gemessenen Wirklichkeit wird immer nur das Sein von A oder non-A festgestellt, nie eine Koexistenz. Wir werden diese Analogie im Auge behalten.

Alternativ zur disjunktiven Möglichkeit nennt Hartmann das „Bloß-möglich-Sein“ als „indifferente Möglichkeit“.

Jede Realmöglichkeit ist an Bedingungen geknüpft, sie ist relational. Hartmann nennt das Beispiel eines Planeten mit vollkommener geometrischer Kugelgestalt. Ist so etwas real möglich? Das hängt von zahlreichen Faktoren ab, etwa der Rotation und der Gravitation anderer Körper. Wenn aber eine lange Liste von Faktoren erfüllt sind, dann ist der Zustand A möglich. Für Hartmann kann die Realmöglichkeit keine disjunktive Möglichkeit sein.

Bedeutungen der Wirklichkeit (Seite 49ff)

„Die Realwirklichkeit als solche ist nicht ein Strukturelement des Realen; sie ist nichts als das nackte ‚So-und-nicht-anders-sein‘, ohne die Gründe, warum es nicht anders ist.“ (Seite 53)

Bei der Notwendigkeit und der Möglichkeit wurde das Eingebundensein in ein relationales Gefüge (Bedingungen) deutlich. Demgegenüber betrachtet Hartmann die Wirklichkeit als den „am meisten irrationalen Modus.“

Der Gegensatz der fundamentalen und relationalen Modi (Seite 60ff)

Notwendigkeit und Möglichkeit sind basierte Modi und können nur vorkommen in einem Gefüge des Seienden, in dem alles durch Abhängigkeitsbeziehungen verbunden ist.“ (Seite 61)

Dem stehen mit Wirklichkeit und Unwirklichkeit die fundamentalen Modi gegenüber.

Entwicklung des modalen Grundgesetzes (Seite 65ff)

„Die relationalen Modi sind alle relativ auf die absoluten Modi. Darum allein sind die letzteren die ‚fundamentalen‘ Modi zu nennen.“

Dies ist Hartmanns modales Grundgesetz. Wie ist es zu verstehen? Jedes Relationsgefüge hat eine Grenze, zum Beispiel einen Anfang, der sich selbst auf keine Bedingung zurückführen lässt. Betrachten wir den Urknall. Im Sinne Hartmanns kommt dem Urknall der Modus der Wirklichkeit zu. Einen Sekundenbruchteil nach dem Urknall herrscht ein Relationsgefüge: Raum, Zeit, Temperatur, Strahlung und Elementarteilchen stehen in Wechselbeziehungen. Der Stab wechselt von der Wirklichkeit zu Möglichkeit und Notwendigkeit. Mit Notwendigkeit werden sich Sonnen und Planeten bilden, sobald die Schwerkraft und Verteilung der Materie dies zulassen.

Oder betrachten wir innerhalb der Sphäre des idealen Seins die Mathematik. Die Mengenlehre beruht auf Axiomen. Das Fundierungsaxiom zum Beispiel verhindert, dass es zu einer Russell’schen Antinomie kommt. Möglichkeit und Notwendigkeit operieren auf Basis der Axiome. Die Axiome haben hier den Status einer Wirklichkeit. Der Mathematiker generiert mit den Axiomen eine neue Welt, die instantan mit den Axiomen ins Leben gerufen wird: „Es werde Mengenlehre!“.

Möglichkeit und Notwendigkeit sind stets auf die Wirklichkeit bezogen:

„‘Ein Ereignis ist möglich‘ heißt nichts anderes als ‚es kann wirklich eintreten‘; ‚eine Folge ist notwendig‘ heißt nichts anderes als ‚sie muß wirklich eintreten‘“. (Seite 68)

Die Stellung der Zufälligkeit unter dem modalen Grundgesetz (Seite 79ff)

„Zufälligkeit ist der negativ-relationale Modus. Sie ist der die Relationen selbst negierende Modus.“ (Seite 82)

Das formale System der Modi (Seite 88ff)

  1. Wirklichkeit ist indifferent gegen Notwendigkeit und Zufälligkeit;
  2. Möglichkeit ist indifferent gegen Wirklichkeit und Unwirklichkeit;
  3. Unwirklichkeit ist indifferent gegen Möglichkeit und Unmöglichkeit.

Hartmann verdeutlicht die Unterschiede der Modi anhand verschiedener Skizzen, die hier nachstehend mit ausführlicher Beschriftung nachgebildet sind (Abbildung 1 und 2).

Die vertikale Achse zeigt jeweils den Rang des Modus. Dementsprechend steht die Notwendigkeit ganz oben. Die horizontale Achse in Abbildung 1 unterscheidet relationale und absolute Modi.

In Abbildung 2 bildet die horizontale Achse die Bestimmtheit des Modus ab. Das Verständnis dieses Schemas hängt davon ab, ob man Hartmanns Beschreibung der Wirklichkeit als absoluten und unbestimmten Modus nachvollziehen kann. Dies wird nicht jeder Leser zu diesem Zeitpunkt einlösen können. Daher sei auf die nachfolgenden Kapitel verwiesen, die die Anwendung dieser Schemata auf die Sphäre des realen Seins darstellen. Dort warten auch die eigentlichen ontologischen Überraschungen auf uns.

Abschließend noch zwei Anmerkungen. Hartmann verweist darauf, dass man sich die Abbildungen 1 und 2 als gemeinsamen Bild in einem dreidimensionalen Raum vorstellen sollte. Dies zeige dann den eigentlichen Stufenbau der Modi. Der Modus der Zufälligkeit wurde bisher ausgespart. Hartmann verortet die Zufälligkeit in Abbildung 1 am Schnittpunkt der beiden Achsen. Auch auf diesen Aspekt werden wir bei der Erläuterung der Sphäre des Realen näher eingehen.

Ein Bild, das Text enthält.

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Abbildung 1

Ein Bild, das Text, Karte enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Abbildung 2

  1. Sollte sich ein Verlag wie Felix Meiner der Sache annehmen, wäre dies ein empfehlenswertes Konzept.
  2. Quelle: Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage 1781 (Akademie-Textausgabe 1968) Seite 303
  3. Bei Hartmann ist Dasein bereits ein Seinsmoment. Als Seinsmodus verwendet er den Begriff Wirklichkeit.
  4. Seitenangaben beziehen sich auf Möglichkeit und Wirklichkeit, dritte Auflage, Berlin 1966

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Nicolai Hartmann und die Relativitätstheorie. Ein Einwurf.

War Nicolai Hartmann ein Gegner der Einstein’schen Relativitätstheorie? Ausgerechnet Hartmann, der die Astronomie so sehr liebte? Und was sagt das über Hartmanns Urteilskraft aus?

Ich bin durch Sekundärliteratur auf das Problem aufmerksam geworden. Das Buch „Nicolai Hartmann – erneut durchdacht“ von Frank-Peter Hansen erschien 2008 bei Königshausen & Neumann. Man spürt bei Hansen die authentische Begeisterung für Hartmann und auch ein wenig von der Verzweiflung, dass die Naturwissenschaft Hartmann kaum zur Kenntnis nimmt. Hansen ist Hegel-Experte und legt den Fokus auf erkenntnistheoretische Aspekte (siehe auch: Vom wissenschaftlichen Erkennen. Aristoteles – Hegel – N. Hartmann. Königshausen & Neumann 2005). Lesenswert ist auch die Darstellung der Beziehung von Ernst Cassirer und Albert Einstein (Seite 137ff.). Darüber hinaus wird ein Teil der bis 2007 erschienenen Sekundärliteratur besprochen.

Beginnen wir mit dem Stein des Anstoßes. Der deutsche Mathematiker Hermann Minkowski gilt als einer der Begründer der vierdimensionalen Raumzeit. Am 21. September 1908 hielt er seinen Vortrag „Raum und Zeit“ vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Bereits die Begrüßung beginnt mit einem Paukenschlag:

„Meine Herren! Die Anschauungen über Raum und Zeit, die ich Ihnen entwickeln möchte, sind auf experimentell-physikalischem Boden erwachsen. Darin liegt ihre Stärke. Ihre Tendenz ist eine radikale. Von Stund an sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Art Union der beiden soll Selbständigkeit bewahren.“[1]

Das ist in der Tat für einen Ontologen schwere Kost. Diesem Faustschlag folgt mit dem Schlusswort noch ein zweiter:

„Bei der Fortbildung der mathematischen Konsequenzen werden genug Hinweise auf experimentelle Verifikationen des Postulates sich einfinden, um auch denjenigen, denen ein Aufgeben altgewohnter Anschauungen unsympathisch oder schmerzlich ist, durch den Gedanken an eine prästabilisierte Harmonie zwischen der reinen Mathematik und der Physik auszusöhnen.“

Bekanntlich besteht Hartmanns ontologisches Hauptwerk aus vier Bänden. Die Grundlegung der Ontologie wurde bereits in Kritische Ontologie Teil I und II dargestellt. In Möglichkeit und Wirklichkeit beschäftigt sich Hartmann mit dem Wesen der Zeit und stellt deren Sonderstellung eindrücklich dar. Die Kritik an der Relativitätstheorie findet sich dezidiert im vierten Band Philosophie der Natur. Abriss der speziellen Kategorienlehre.[2] (PdN).

Dies sind Hartmanns Kernaussagen:

  1. Die Zeit ist das maßgebende Merkmal der Realität. (PdN Seite 142)
  2. Das Wesensstück der Realprozesse ist ihre Zeitlichkeit. (PdN Seite 164)
  3. Bei Minkowski verschwindet die Besonderheit der Zeitdimension. (PdN Seite 219)

Wer hat nun Recht? Hartmann oder Minkowski? Leider helfen uns Hansens Erörterungen hier nur bedingt weiter. Hansen zitiert Sekundärliteratur zur Physik und landet bei einer Besprechung des Zwillingsparadoxons.

Als Astrophysiker bin ich natürlich befangen. Von meiner Seite gibt es keine Kritik an der Speziellen oder Allgemeinen Relativitätstheorie. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Nicolai Hartmanns Ontologie für die Naturwissenschaft von grundlegender Bedeutung ist. Also: Hartmann hat Recht. Und: Minkowski hat Recht. Wie geht das zusammen?

Der geniale Mathematiker Hermann Minkowski war der Unfehlbarkeit nahe. In einer leicht humorvoll geprägten Stelle seiner Rede findet sich der Schlüssel zur Lösung unserer Aporie:

„Um nirgends eine gähnende Leere zu lassen, wollen wir uns vorstellen, daß aller Orten und zu jeder Zeit etwas Wahrnehmbares vorhanden ist. Um nicht Materie oder Elektrizität zu sagen, will ich für dieses Etwas das Wort Substanz brauchen.“

Und diese Substanz spielt im Fortgang der Theorie keine Rolle. Für Hartmann hingegen ist die Substanz bei der Betrachtung der realen Welt entscheidend. Minkowski geht es nicht um die reale Raumzeit. Er präsentiert uns ein mathematisches Konstrukt. Und dieses Konstrukt kann – bis in unsere Zeit – hervorragende Vorhersagen beobachtbarer Phänomene in der realen Raumzeit machen (man denke an Gravitationswellen oder an die 2019 entstandene Fotografie eines Schwarzen Lochs). Diesen Sachverhalt muss Minkowski mit der „prästabilisierten Harmonie“ (s.o.) gemeint haben.

Die Quantenphysik ist die Physik der Substanz (Elementarteilchen und Felder). In der Quantenphysik hat die Zeit die von Hartmann erwünschte Sonderrolle: Es gibt eine Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft. Der Experimentalphysiker unterscheidet den Zustand vor der Messung und den Zustand danach. Der Theoretiker unterscheidet die Zeit vor dem Kollaps der Quantenfunktion und die Zeit danach. Die Quantenphysik verbindet die Sphäre des Idealen mit der Sphäre des Realen.

Und was ist mit Raum und Zeit? Wir alle waren einst Kants Schüler[3] und haben die transzendentale Ästhetik verinnerlicht: Raum und Zeit als reine Formen der Anschauung. Wir werden diese Haltung verlassen, jedoch bietet sie den richtigen Startpunkt. Wir ordnen Raum und Zeit (genauer: die Raumzeit) der Sphäre des idealen Seins zu.

Das ist einfach zu realisieren. Die Mathematik ist der Hauptmieter dieser Sphäre. Und das mathematische Objekt, das Minkowski nutzt, ist ein Vektorraum. Dieses mathematische Objekt baut sich sukzessive aus einfacheren (und bekannteren) mathematischen Objekten auf:

{ { {Menge} Gruppe } Vektorraum}[4]

Also: Ein Vektorraum baut auf eine Gruppe auf (in unserem Fall auf einer abelschen Gruppe), die ihrerseits auf einer Menge aufbaut. Dies alles ist der Ontologie zugänglich, doch lediglich in der Mengenlehre finden sich mehrere ontologisch relevante Ansätze (u.a. Finslers Mengenlehre).

Nun wird es interessant. Natürlich sollte sich auch die Mathematik der Quantenphysik in der Sphäre der idealen Welt finden. Das mathematische Konstrukt hier ist der Dualraum. Dabei handelt es sich um eine Abbildung zwischen zwei Vektorräumen. Und damit haben wir den Kern: Die Quantenphysik beschreibt Prozesse (man denke an den nuklearen Zerfallsprozess). Sie macht reichlich Gebrauch von Hartmanns Modi Möglichkeit und Wirklichkeit.

In einem Satz: Innerhalb der idealen Raumzeit beschreibt die Quantenphysik reale Prozesse.

Dies ist allerdings nur eine Momentaufnahme, solange Relativitätstheorie und Quantenphysik nicht vereinigt sind. Wir sollten uns an Hartmanns Programm halten und im im ersten Schritt die Ontologie der Sphäre des idealen Seins vollenden.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen der Relativitätstheorie und Hartmanns Ontologie.

Nachbemerkung

Ich würde Hartmanns Werk gerne in die eigentliche Ontologie und in Anwendungen der Ontologie einteilen.

Ontologie: Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und Wirklichkeit

Anwendung: Der Aufbau der realen Welt, Philosophie der Natur.

In der Sekundärliteratur (auch bei Hansen) wird vorwiegend aus dem Anwendungsbereich zitiert. Besonders wenig Zitate finden sich zu Möglichkeit und Wirklichkeit, also ausgerechnet dem Werk, das für die Ontologie der Quantenphysik eine Schlüsselstellung hat.

Das ist befremdlich. Was würden wir davon halten, wenn ein Philosoph, der sich nur auf Kants Kritik der Urteilskraft fixiert hat – das Buch ist angenehm zu lesen – uns über Kants Erkenntnistheorie belehren wollte? Der junge Arthur Schopenhauer würde sich mit Sicherheit auf die Ontologie konzentrieren – und sich darüber freuen, dass Hartmann Schopenhauers Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde wohlwollend bespricht.

Das Schicksal des späten Hartmann war es wohl, dass nie ein ernsthafter Diskurs mit Naturwissenschaftlern zustande kam. Unerledigte Hausaufgaben auf beiden Seiten.

Fußnoten

    1. Quelle: Das Relativitätsprinzip. Achte Auflage 1982, B.G. Teubner Stuttgart. Seite 54
    1. Hansen zitiert aus der 2. Auflage, New York 1980. Wir übernehmen seine Seitenangaben.
    1. Minkowski besuchte übrigens ab 1872 das Altstädtische Gymnasium Königsberg.
  1. Der Einfachheit halber habe ich hier Ringe und Körper ausgelassen.

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Kritische Ontologie. Teil II

Kapitel 13 – Seite 36 bis 52

Nun endlich geht es zur Sache. In der Einleitung ging es um eine erste Orientierung, der allgemeine Fahrplan wurde aufgerufen. Ab jetzt bedeutet jedes Kapitel eine Weichenstellung. Aussage für Aussage ist kritisch zu überdenken, ob wir Hartmann folgen wollen (und können).

Der erste Teil der Grundlegung hat den Titel „Vom Seienden als Seienden überhaupt“. Der erste Abschnitt behandelt den Begriff des Seienden und seine Aporie.

Hartmann beginnt mit der Analyse des Seinsproblems:

„Das Seinsproblem haftet an Phänomenen, nicht an Hypothesen.“ (Seite 36)

Hier findet sich eine gewisse Nähe zur Phänomenologie, die durchaus – neben Mathematik und Physik – ein nützliches Vorstudium in Bezug auf die Kritische Ontologie darstellen kann. Aber eigentlich sind wir an diesem Punkt noch gar nicht bei Phänomenen, Gegenständen und Wahrnehmung. Was ist das Wesentliche am Begriff des Seienden?

„Das ontisch verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“ (Seite 38)

Der Duden nennt für den Begriff „ontisch“ die Bedeutungen „als seiend“, „unabhängig vom Bewusstsein existierend verstanden“ und „dem Sein nach“. Da der Satz von erheblicher Bedeutung ist, obwohl er harmlos klingt, betrachten wir die drei Aspekte des Satzes:

S1: „Das als seiend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Seiendes hat also ein Sein. Daraus folgt dann, dass die Sphären von Sein und Seiendem nicht getrennt sein können. Wie das genau aussieht, wird Hartmann später ausführen.

S2: „Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Dieser Satz ist für den Mathematiker leicht zu unterschreiben. Wir nehmen einen Standpunkt unabhängig vom Beobachter ein. Für Quantenphysiker hingegen ist die Aussage nicht so trivial. Doch dazu später.

S3: „Das dem Sein nach verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Ist das eine Tautologie? Eigentlich nicht. Wir stehen ja ganz am Anfang von Denken und Sein. Es ist dann schon eher eine Definition – wie etwa 1=1 in der Mathematik. Dem Satz haftet aber eine Selbstreferenz an und diese führt dann zu einer Aporie.

Aristoteles hat die philosophia prima als die Wissenschaft vom „Seienden als Seiendes“ definiert. Diese Formulierung findet Hartmann „in ihrer Art unübertrefflich“. Denn diese Formulierung wehrt voreilige Zuschreibungen des Seins ab – zum Beispiel werdendes, erscheinendes und generell subjektabhängiges Sein. Auch das Gegenstand-sein wird mit dieser Formel erfasst, doch geht sie über das Gegenständliche hinaus.

Aristoteles Formel ist natürlich abstrakt. Hier gibt es auch keinen Zugang über Definitionen oder Eingrenzungen, da sie die generelle „Seinsweise aller Seinsweisen“ thematisiert. (Seite 43)

Tatsächlich können wir beliebige Inhalte in die oben so intensiv betrachtete Formel packen:

„Das als zitronig verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S1)

„Das der Zitrone nach verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S3)

Hartmann stellt sich der Frage, ob wir hier nicht etwas schlechthin Irrationales thematisieren und es somit mit einer Aporie zu tun haben. Und doch gibt es einen rationalen Weg: Generelles wird von seinen Besonderungen aus zugänglich.

Die Ontologie „behandelt das Allgemeine und Grundlegende am Erkenntnisgegenstande“. (Seite 46)

Kehren wir noch einmal zu den Aussagesätzen über die Zitrone zurück. Es reichen kleine Ergänzungen, um einen tieferen Sinn zu enthüllen: Das Generelle der universellen Zitrone (Platons Perspektive) zeigt sich in den Prädikaten einer individuellen Zitrone (Aristoteles‘ Perspektive). Diese Verkürzung soll darauf aufmerksam machen, dass Hartmann in der Tat verschiedene Perspektiven kombiniert und ein Schema avisiert, das Widersprüche und Aporien der bisherigen Ontologie verständlich macht.

Insbesondere bei den Naturwissenschaften finden wir eine natürliche Auseinandersetzung mit den Gegenständen (intentio recta), daher seien diese „von Hause aus ontologisch“. (Seite 48)

„Der natürliche Realismus ist identisch mit der uns lebenslänglich gefangen haltenden Überzeugung, daß der Inbegriff der Dinge, Personen, Geschehnisse und Verhältnisse, kurz die Welt, in der wir leben und die wir erkennend zu unserem Gegenstande machen, nicht erst durch unser Erkennen geschaffen wird, sondern unabhängig von uns besteht.“ (Seite 49)

Und das gilt natürlich auch für eine Zitrone:

„Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S2)

Kapitel 14 – Seite 52 bis 80

Im II. Abschnitt beschreibt Hartmann die traditionellen Fassungen des Seienden und behandelt die Begriffe Ding, Gegebenheit und Weltgrund. Im Prinzip sind es Betrachtungen, die wir schon in der Einleitung besprochen hatten, so dass wir uns auf die Kernaussage konzentrieren können. Diese betrifft das Seiende als Wesenheit (essentia):

„Zur essentia gehört ein Korrelat, und dieses muß ein Seinsgewicht haben, das dem ihrigen die Waage hält.“ (Seite 59)

Mir gefällt die Waage-Metapher, da sie auf eine Verbindung der Sphären von Sein und Seiendem deutet. Konkret halten sich essentia und existentia die Waage. Bedeutend ist in diesem Kontext der Begriff des Moments, den Hartmann später einführt. Etymologisch ist Moment mit Beweggrund, Gesichtspunkt, Merkmal und Umstand assoziiert. Der Begriff momentum beschreibt „das Übergewicht, das bei gleichschwebenden Waagebalken den Ausschlag gibt“. Hier gibt es implizit eine Nähe zu Hegels Wissenschaft der Logik, wenn wir essentia und existentia als Momente des Seins verstehen.

Die Aussage selbst ist aus der Abgrenzung zu den traditionellen Fassungen des Seienden entstanden und wird in den nachfolgenden Kapiteln konkretisiert.

Aus heutiger Sicht wären noch die in der Zeit nach Hartmann entstandene Ansätze und Konzeptionen, wie etwa Luhmanns Systemtheorie, der radikale Konstruktivismus und vor allem die Neurowissenschaften zu berücksichtigen. Nach heutigem Verständnis teilt sich unsere Großhirnrinde in kortikale Säulen (ca. 20.000 Zellen), die verschiedene Schwingungsmuster (synfire chains) abbilden und neuronale Entitäten repräsentieren. In einer vom Gehirn konstruierten internen Weltrepräsentation gibt es mitunter nur zitronig, aber keine Zitronen. Entitäten werden als Knoten in einem neuronalen Netzwerk vorgestellt. Wir werden also später noch zu untersuchen haben, ob sich die Perspektive der Kritischen Ontologie mit der neuen Dinglichkeit der Neurowissenschaften vereinbaren lässt.

Im III. Abschnitt behandelt Hartmann die Bestimmungen des Seienden aus der Seinsweise. Auch in diesem Abschnitt geht es im Kern um Abgrenzungen, unter anderem vom Begriff des Ansichseins:

„Ansichsein“ ist und bleibt ein gnoseologischer Begriff.“ (Seite 79)

Damit wird ein erkenntnistheoretischer Ansatz nicht grundsätzlich abgelehnt – er käme lediglich zu früh: erst die Ontologie, später eine Erkenntnistheorie. So könnte das Programm lauten. Das Gleiche gilt für selbstbezogene Ansätze à la Heidegger. Das Programm hier: erst die Ontologie, später das Ich.

In der Tat sieht Hartmann auch gute Ansätze in Heideggers Existenzialphilosophie – insbesondere den Begriff der Zuhandenheit. Doch das alles kommt für die Grundlegung der Kritischen Ontologie zu früh.

Der Plan lautet also: Wir bleiben bei der Formel „Seiendes als Seiendes“ und schauen in aller Ruhe, wie sich Attribute bzw. Seinsverhältnisse wie „Ansichsein“ daraus entwickeln lassen. Und wir kommen mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es keine einfachere und bessere Formel als Startpunkt gibt.

Kapitel 15 – Chinesisches Dasein

Der Geschmack von Pistazien ist süßlich, mandelartig und gleichzeitig kräftig-würzig.

Das Parfum Mirto di Panarea hat ein Duftbouquet mit blumigen Akkorden aus Flieder und Freesien.

Unsere Welt ist bunt und vielfältig. Wie angenehm ist es, wenn Kommunikation unsere Sinne anregt. Und wie dunkel ist nun unsere Mission. Denn wir haben nichts anderes als die sterile Formel „das Seiende als Seiendes“ in der Hand.

Wir unternehmen einen kurzen Ausflug nach China, um anhand des Begriffs Dasein ein Gespür für die innere Dynamik eines Wortes zu bekommen. Die chinesische Schriftsprache eignet sich dafür, da sie aus semantischen Bausteinen besteht. Dies ist nicht die Arbeit eines Sinologen, sondern lediglich ein Experiment, das Hegels Dynamisierung der Seinsmomente in einem anderen Kulturkreis veranschaulichen soll.

Die Übersetzung für (soziales) Dasein lautet: 生存(shēngcún)[1]. Der Begriff setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen:

生 (shēng): gebären, wachsen, lebendig, Leben, Existenz

存 (cún): existieren, am Leben sein, leben, Vorräte anlegen

Daraus ergeben sich recht interessante Doppelnamen für das Dasein, etwa Leben-leben und Existenz-existieren. Es erscheint vor dem Auge aber auch eine kleine Geschichte. Der Mensch, der auf die Welt kommt und für sein Überleben Vorräte anlegt. Ein Hamsterrad der Existenz. Und Google Translate übersetzt 生存 in der Tat mit „Überleben“.

In den Doppelnamen steckt keine tautologische Selbstreferenz (wie etwa Existenz-Existenz). Im Kern ist es eine Subjekt-Prädikat-Selbstreferenz. Und das ist mehr als nur ein Fingerzeig, worum es beim „Seienden als Seiendem“ gehen könnte.

Kapitel 16 – Seite 81 bis 86

Der zweite Teil der Grundlegung hat den Titel „Das Verhältnis von Dasein und Sosein“. Wir treten damit in die Kerngedanken der Kritischen Ontologie ein – auf den nächsten 50 Seiten folgen die fundamentalen Gedanken. Von jetzt an müssen wir Seite für Seite jeden relevanten Gedanken aufgreifen und kritisch reflektieren.

Unser ontologischer Warenkorb W enthält bisher nur ein einziges Objekt:

W= {das Seiende als Seiendes}.

Damit wollen wir noch nicht zur Kasse gehen. Was sollten wir zuhause auch mit dem Objekt machen? Doch nur ein weiterer Gedanke wird den Warenkorb füllen. Hartmann beschreibt (auf den Seiten 80 und 81) die Indifferenzen des Seienden. Er benennt eine Reihe von Kategorien K, die wir hier im Einzelnen aufführen:

K = {Einheit und Mannigfaltigkeit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Beharrung und Werden, Materie und Form, Subjekt und Objekt, Mensch und Welt, …}.

Ein ganzes Füllhorn an Möglichkeiten. Und unser ‚Seiendes als Seiendes‘ – so wird behauptet – sei indifferent diesen Kategorien gegenüber. Wie ist das zu verstehen?

Es wäre eine Verlockung, einfach eine Kategorie in den Warenkorb zu legen – etwa die Materie. Wenn das Seiende als Seiendes eine Vorliebe für die Materie hätte und so ganz und gar nicht zum Begriff Form passen würde, dann wäre das doch fein. Wir bauen uns dann einen ontologischen Materialismus. Aber so einfach ist es nicht. Wir müssen zunächst Materie und Form auf die Waage der Justitia legen, die Augen schließen und uns ernsthaft fragen: Kommt dem fundamentalen Seinsmodus, den wir mit unserer Formel „Seiendes als Seiendes“ assoziieren, eine der beiden Waagschalen näher, gibt es eine Präferenz?

Und die gibt es nicht. Wasser als abstrakt vorgestellte Materie hat einen gefühlten Seinsmodus, der Wassertropfen oder ein Eiskristall aber nicht weniger. Wie Hartmann feststellt, ist unsere – von Sokrates übernommene Formel – universal.

Der Leser kann auch auf einem alternativen Weg zu diesem Punkt kommen. Wir sind auf der Suche nach dem universalen Seinsmodus. Anschaulich gesprochen suchen wir eine Art ontologisches Betriebssystem, das später die Spezialkategorien als Software abzuspielen vermag.

Nun kommt Hartmann zum Punkt. Bezüglich des Gegensatzes von essentia und existentia (Dasein und Sosein) besteht nicht die gleiche Indifferenz[2]. (Seite 81)

Man kann das zunächst als Ankündigung verstehen. In unserem Warenkorb liegt also nun eine Trinität:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}.

Die genaue Analyse erfolgt in den nachfolgenden Kapiteln. Aus Sicht der Quantenphysik ist es ein spannender Ansatz. Wir haben die möglichen Zustände Ψ eines Objektes als Wellenfunktion (Dasein) und die gemessenen Werte eines Operators X (kollabierte Wellenfunktion |Ψ| (Sosein).

„Alles Seiende hat notwendig ein Moment der Wesenheit und ein Moment der Existenz an sich.“ (Seite 83)

Dies steht im Widerspruch zur traditionellen Fassung der Begriffe. Betrachten wir den Satz: „Im Garten steht ein rotes Zelt.“

Traditionell würde man sagen: Das Zelt existiert. Nicht nur, dass man in den Garten gehen kann und sich das Zelt von allen Seiten ansehen und es berühren kann, es passt als Objekt zur Etymologie von existo („auslegen, aufstellen, herausstehen“). Die Farbe rot hingegen ist eine Wesenheit. Kommt diese nur dem platonischen Ideal der Farbe rot zu? Die Seitenfläche des Zelts ist ein Rechteck. Allerdings kein platonisch ideales Rechteck. Kommt dem Zelt keine Wesenheit zu?

Hartmann bemängelt, dass der Gegensatz von essentia und existentia dem Gegensatz von Idealität und Realität gleichgesetzt wurde. Es sind also zwei völlig verschiedene philosophische Diskurse, wenn wir diskutieren, ob das Zelt ideal oder real ist oder ob dem Zelt Wesenheit und Existenz zugesprochen wird.

Zumindest denkbar wäre, dass essentia und Idealität eine eigene, abgeschlossene Sphäre bilden. Hartmann lehnt das ab. Es gibt bei ihm keinen Chorismus und somit auch keine „Zwei-Welten-Theorie“.

Dasein und Sosein sind das „daß“ und „was“ des Seienden. (Seite 85)

Beim Dasein geht es um die Washeit (quidditas) des Seins. Damit endet das 11. Kapitel der Grundlegung.

Kapitel 17 – so und da sein

Wo stehen wir nun? Betrachten wir unseren aktuellen Warenkorb:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}

und formulieren mit anderen Begriffen um:

W*= {Sein, Subjektobjekt, Prädikat}.

Betrachten wir drei Aussagesätze:

A1. Elkana erkannte sein Weib Hanna.

A2. Die rote Linie im Wasserstoffspektrum hat eine Wellenlänge von 656,2793 nm.

A3. 0100011001011011101101000100100101001101011011011011101100111010101.

Zunächst noch eine Bemerkung zu W*. Wir kennen zu diesem Zeitpunkt noch keine Differenz von Subjekt und Objekt. Daher habe ich einfach den Begriff Subjektobjekt eingesetzt[3].

Was sagen uns nun die Sätze?

A1. Der daseiende Elkana hat sich im Rahmen seines Soseins mit Frau Hanna fortgepflanzt.

Dabei lesen wir diese Geschichte jenseits von Realismus und Idealismus. Dieser Elkana mag eine Figur aus dem Alten Testament sein. Ob es einen realen Elkana gab, ist unbekannt. Ob er aus der Sphäre des geistigen Seins heraus Gläubige inspiriert, entzieht sich ebenfalls unserer Kenntnis. Und doch ist es ein Satz zwischen Sachentität und Fiktion.

A2. Das daseiende Elektron des Wasserstoffatoms ist in seinem Sosein messbar.

Wichtig dabei: Das daseiende Elektron und das soseiende Elektron sind ein und dasselbe Elektron. Es gibt Beziehungen zwischen den Momenten des Daseins und des Soseins. Das ist keineswegs trivial. Die Kopenhagener Deutung verneint die Existenz jeglicher Beziehung zwischen den Objekten des quantentheoretischen Formalismus einerseits und der „realen Welt“ andererseits.

A3. ???

Dies soll nur den Sonderfall andeuten, dass die Welt eine Computersimulation oder Output einer Turing-Maschine ist. In diesem Fall gibt es eine recht überschaubare quidditas aus {0,1}, und die Ontologie der Welt am Draht mag auf einen Bierdeckel passen. Doch auch sie passt in unser Schema aus Dasein und Sosein.

Im 12. Kapitel behandelt Hartmann die Trennung von Dasein und Sosein. Das Sosein scheint ein Sein 2. Klasse zu sein, quasi eine Art Prädikat. Das Wort Prädikat leitet sich von prae-dicare („öffentlich ausrufen; laut sagen, aussagen; rühmen“) ab. Wir sehen am Zeitschriftenkiosk einen Bericht über den Urlaub einer Schlagersängerin in Südafrika. Alle erdenklichen Attribute ihres Lebens werden öffentlich ausgerufen. Und doch hat die daseiende Schlagersängerin gefühlt eine andere Seinsqualität. An ihr interessierte Personen geben sich nicht mit den öffentlichen Ausrufungen zufrieden. Sie besuchen Konzerte der Sängerin und möchten sie sehen und noch besser: berühren. Dann haben sie sie a posteriori erkannt.

Im 14. Kapitel wird der Unterschied zwischen Dasein und Sosein anhand von Urteilstypen besprochen.

Wir unterscheiden Daseinsurteile „S ist“ von Soseinsurteilen „S ist P“. Hartmann zeigt, wie wir ein Daseinsurteil in ein Soseinsurteil wandeln können. Dazu müssen wir nur das Daseinsurteil richtig ausschreiben: „S ist seiend“ oder „S ist existent“. Die Analyse zeigt, dass das Wörtchen „ist“ in beiden Urteilen verschiedene Funktionen hat:

„Das ‚ist‘ als Zeichen des Zukommens ist wesensverschieden vom ‚ist‘ als Existenzialprädikat.“

Wie kann man sich überhaupt ein einfaches Daseinsurteil wie etwa „Schopenhauer ist“ vorstellen? Einfaches Beispiel: Das Wort Schopenhauer taucht im Namensregister eines Buches auf. Dann steht da zunächst nur das Wort ohne jedes Prädikat. Implizit ist das Wort aber in einen Kontext eingebunden. Wir können folgern: Schopenhauer ist ein Nachname. Handelt es sich bei dem Buch um ein Philosophie-Lexikon, könnten wir vermuten: Schopenhauer ist ein Philosoph.

Ein wichtiger Meilenstein folgt im 17. Kapitel, dort wird der Begriff des ontisch neutralen Soseins eingeführt. Hartmann führt ein Beispiel auf:

„Am Rundsein einer Kugel macht es keinen Unterschied aus, ob es sich um eine geometrische Kugel oder eine materielle handelt“.

Das Sosein ist hier indifferent gegen die Sphären von Idealität und Realität. Das Rundsein hat demnach ein neutrales Sosein. Für imaginäre Zahlen gilt dies nicht, da diese sich nur auf die Sphäre der Idealität beziehen[4].

Das Dasein hingegen ist bezüglich der Sphären Idealität und Realität nicht neutral:

„Das Sosein verbindet die beiden Sphären des Seienden. Das Dasein scheidet sie.“ (Seite 112)

Wir haben hier 2 Dimensionen: Dasein und Sosein bilden die eine Achse, Idealität und Realität die andere. In einer Dimension beobachten wir eine UND-Verknüpfung (konjunktiv), in der anderen eine ODER-Verknüpfung (disjunktiv):

„Das Sein alles Seienden – einerlei ob ideal oder real – ist sowohl Sosein als auch Dasein; aber das Sein alles Seienden – einerlei ob Sosein oder Dasein – ist entweder ideales oder reales Sein.“ (Seite 113)

Damit haben eine wichtige Zwischenetappe erreicht, Hartmann spricht sogar vom „ontischen Grundschema im Aufbau der Welt“.

Wie haben also als Grundschema eine 2×2-Matrix mit den Elementen ideelles Sosein, ideelles Dasein (1. Reihe) und reales Sosein und reales Dasein (2. Reihe).

Es ist sehr interessant, die Quantenphysik in diesem Quadranten zu verorten. Die Mehrheit der Physiker hat einen pragmatischen Standpunkt und konzentriert sich auf den Messprozess. Damit wäre diese Fraktion beim realen Sosein zu verorten (unten rechts). Die Vertreter der Minderheit – etwa Roger Penrose – die auch der Schrödinger-Wellenfunktion ein Dasein zuschreiben wollen, wären dann beim ideellen Dasein (oben links) positioniert. Dieses sich diagonal Gegenüberstehen kennzeichnet den Stand der Debatte in der Philosophie der Quantenmechanik ganz gut.

Im 20. Kapitel wenden wir uns der Erkenntnistheorie zu. Für reales Dasein und Sosein stellt Hartmann fest:

  1. Dasein ist nur a posteriori erkennbar;
  2. a priori ist nur das Sosein erkennbar.

Die Grenze von Dasein und Sosein ist allerdings nicht identisch mit der Grenze von Erkenntnissen a priori oder a posteriori. So stellen zum Beispiel wahrgenommene Qualitäten von etwas ein Sosein a posteriori dar (etwa der Geruch einer Blüte).

Innerhalb der 2×2-Matrix stehen drei Blöcke der Erkenntnis a priori offen (mit Ausnahme des realen Daseins). Und nur im realen Sosein überlappen sich apriorische und aposteriorische Erkenntnis.

Damit ist es vollbracht. Hartmann hat die ontische Dimension (Dasein/Sosein) mit den Sphären von Idealität und Realität und den Erkenntnismodi a priori und a posteriori abgeglichen. Dieser Rahmen umspannt sowohl den mathematischen Platonismus als auch die empirischen Wissenschaften.

Ein entscheidender Schritt über die Grenzen der Kritik der reinen Vernunft hinaus ist geglückt.

Kapitel 18 – Manöverkritik

Und wo stehen wir nun? Wir halten mit der 2×2-Matrix unseren ontologischen Bierdeckel in der Hand. Jede weitere Überlegung hängt also von dieser Basis ab.

Gerade deshalb können und sollen wir Hartmann nicht blind folgen. Und durchaus gibt es Ansatzpunkte für Kritik. Dies betrifft die Sphären von Realität und Idealität. Diese werden nicht weiter hinterfragt, sondern uns als gegebene Begriffe vorgesetzt. Nun spielt sich die Mathematik in der Sphäre der Idealität ab. Handelt es sich um eine homogene Sphäre, oder gibt es dort eine versteckte Struktur? Eine Vielzahl von Bestandteilen bevölkert die Mathematik, etwa Operatoren, Axiome, Gleichungen, Zahlen, Vektoren etc. Und innerhalb der Welt der Zahlen gibt es offenbar Schichten (unter anderem rationale, irrationale und imaginäre Zahlen). Können wir also sicher sein, dass die Sphäre des Idealen homogen ist? Sind wir in unserem Verständnis der Differenz von Realität und Idealität hinreichend sicher? Offenbar liegt es uns, diesen Fragen im weiteren Verlauf nachzugehen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Kategorien und Begriffe, die Hartmann bis zu diesem Punkt behandelt hat (Materie, Form, Möglichkeit, etc.). Wurden dort nicht eigentlich (nur) die Schlachten und Dispute der antiken Ontologie neu aufgeführt? Kam denn in den letzten Jahrhunderten kein neuer Begriff hinzu? Das ist in der Tat der Fall. Dabei geht es um Begriffe und Strukturen, die zum Teil latent auch in der Antike bekannt waren, aber erst in unserer Zeit analytisch verstanden wurden. Vor allem wäre der Begriff der Isomorphie zu nennen. Bekanntlich hat Paul Finsler seine Mengenlehre auf diesem Prinzip aufgebaut. Die wissenschaftliche Lebensleistung eines Goethe hängt ebenfalls an diesem Begriff. Last but not least wäre zu bemerken, dass sich die moderne Physik im Wesentlichen auf Symmetrieprinzipien gründet.

Aus beiden Kritikpunkten folgt, dass unser ontologisches Verständnis vom Aufbau der Welt unvollständig sein könnte. Das klärt sich erst im Verlauf der Untersuchung. Womöglich können wir das Konzept der Isomorphie nahtlos aus den bestehenden Begriffen ableiten.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft Hartmanns Verhältnis zu Heidegger. Wie schon erwähnt, hat Hartmann das Konzept der Zuhandenheit ausdrücklich gelobt. Was in der Grundlegung komplett fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Zeit. Die Naturwissenschaften kennen das Konzept der Eigenzeit, das auch in den Neurowissenschaften zunehmend Anwendung findet. Das Phänomen der Zeitwahrnehmung gehört in den Fokus der Existenzialontologie. Allerdings wurde Sein und Zeit nicht vollendet und in den zu antizipierenden ungeschriebenen Kapiteln fände sich sicher eine Antwort. Heidegger hat zumindest in diesem Punkt den richtigen Fokus gesetzt (Zeit und Alltäglichkeit §§67-71).

Fußnoten

    1. Quelle: Langenscheidt Taschenwörterbuch Chinesisch 2008
    1. Die Waagschale richtet sich ja nach Perspektive auf Dasein oder Sosein aus – abhängig vom momentum.
    1. Dies mag auch ein kleiner Verweis auf den wunderbaren Ernst Bloch und sein Werk „Subjekt – Objekt“ sein.
  1. Diesen Befund lassen wir mal so stehen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass womöglich im Rahmen der Quantentheorie Observable definiert werden, die den imaginären Zahlen dann auch in der Sphäre der Realität einen Platz zuweisen.

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Kritische Ontologie. Teil I

Vorbemerkung

Warum eigentlich sollte man sich in unserer Zeit noch mit Ontologie beschäftigen? Die Naturwissenschaften haben einen Sieg nach dem anderen errungen. Innerhalb von 400 Jahren gab es einen Wandel von der Anfeindung der Naturwissenschaft hin zur Vergötterung der Naturwissenschaft. So begann am 12. April 1633 der Prozess gegen Galileo Galilei, der seine Schrift „Dialog über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme“ verteidigen musste. Am 4. Juli 2012 veröffentlichte das CERN eine Pressemitteilung, in der der Nachweis des Higgs Bosons verkündet wurde. Obwohl es sich dabei nur um ein zuvor auf Basis einer Eichfeldtheorie postuliertes Elementarteilchen handelte, wurde es der breiten Öffentlichkeit als „Gottesteilchen“ präsentiert. Dieser Wissenschaftseuphorie stand und steht kein kritischer Diskurs gegenüber.

Aus welchen Quellen könnte auch ein kritischer Diskurs schöpfen? Naturwissenschaftler befassen sich in der Regel nicht mit Ontologie. Der philosophische Kanon, den etwa ein Physiker während seines Studiums aufnimmt, beschränkt sich auf die Schriften eines Bertrand Russell oder eines Karl Popper – womit man sich im vermeintlich ruhigen Fahrwasser eines Süßwasserflusses aus Atheismus und Positivismus bewegt.

Bei der Betrachtung des Wikipedia-Eintrags zur Ontologie fällt auf, dass der größte Teil der Erörterung sich mit Niklas Luhmann beschäftigt. Sicherlich ein Mann mit großen Verdiensten auf dem Gebiet der Systemtheorie. Aber wie konnte ein Soziologe, der Jurisprudenz studiert hat, zum Kronzeugen der Ontologie werden? Eine einfache Antwort: Ein erheblicher Teil der Wissensbasis zur Ontologie ist nicht „online“. So gibt es bis zum heutigen Tag noch keinen Wikipedia-Artikel über den Philosophen Hermann Wein, der sich als Schüler Nicolai Hartmanns wesentlich mit Ontologie beschäftigt hat.

Auch der gesellschaftliche Wandel wird heute nicht mehr durch Philosophen wie einst Hegel, Marx und Engels beeinflusst, sondern vorwiegend durch Naturwissenschaft, Ökonomie[1] und Technologie. So beruft sich etwa Greta Thunberg, die Begründerin der globalen Bewegung „Fridays for Future“ einzig auf naturwissenschaftliche Fakten als Entscheidungsgrundlage: „Die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Natürlich ist der Kampf gegen den Klimawandel zu begrüßen. Aber warum spielt die Philosophie in der Gesellschaft und in den Naturwissenschaften kaum noch eine Rolle? Wird Philosophie heute noch gebraucht? Wir werden in den nachfolgenden Kapiteln eine Reihe von Gründen erörtern, warum die Ontologie zur Lösung fundamentaler Probleme unverzichtbar ist.

Wo befindet sich nun der richtige Einstieg in das Gebäude der Ontologie? Finden wir hinter der Türe ein Art Labyrinth aus Platonischen Dialogen, die uns im Kreis irren lassen? Wo soll sicherer Boden zu finden sein, nachdem der „Alleszermalmer“ Immanuel Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft jedwede Spekulation innerhalb der Philosophie entzaubert hat?

Es ist die Überzeugung des Autors, dass die Werke Nicolai Hartmanns (1882 – 1950) der ideale Ausgangspunkt sind. Eine neue Ontologie ist eben nur mit und nicht gegen Kant zu errichten. Nach zwei Jahrzehnten Arbeit legte Hartmann mit „Zur Grundlegung der Ontologie“ den ersten Teil seines Hauptwerks vor. Als er im September 1934 das Vorwort verfasste, war er 52 Jahre alt. Dies ist kein unwesentlicher Aspekt. Immanuel Kant war bei der Veröffentlichung seines Hauptwerks nur wenige Jahre älter. Wie Hartmann im Vorwort betont, ist die Auseinandersetzung mit zahlreichen Einzelwissenschaften und die so gewonnene philosophische Erfahrung eine notwendige Voraussetzung, bevor man sich der Ontologie stellt.

Unsere Arbeitsgrundlage ist die 1965 bei Walter de Gruyter & Co. erschienene vierte Auflage der Grundlegung der Ontologie. Sämtliche Seitenangaben beziehen sich auf diese Auflage.

Seit den Tagen des kauzigen Arthur Schopenhauer ist es angesagt, dem Leser Vorschriften zu erteilen, wie er mit der vorliegenden Schrift umzugehen habe. Und eines hat sich seitdem nicht verändert: Die Kenntnis der Kritik der reinen Vernunft müssen wir voraussetzen. Sie ist für die Philosophie so bedeutend wie die Mengenlehre für die Mathematik. Sie ist keine leichte Kost à la Wittgenstein, und Sekundärliteratur bringt nur vermeintliche Linderung beim Eindringen in den Wesenskern der Vernunftkritik. So bleiben nur Zeit und Geduld als Voraussetzung sowie die unmittelbare Begegnung mit der Redlichkeit und Klarheit eines Immanuel Kant.

Leider gilt auch das kritische Urteil in Bezug auf Sekundärliteratur nach wie vor. Der Leser wird nicht umhin kommen, sich selbst ein Exemplar der Grundlegung der Ontologie zu besorgen. Dieser Hinweis ist nicht ohne Risiko. Setzt sich doch Kants Klarheit und Redlichkeit fast nahtlos in den Werken Hartmanns fort. So könnte der Leser auch ohne diese Schrift die weitere Auseinandersetzung mit Hartmann suchen und sein eigenes Segelboot auf dem Ozean der Ontologie steuern. In diesem Falle bleibt die Hoffnung, dass sich einst die Wege kreuzen und sich Erfahrungen über die Bewohner einzelner Inseln der Erkenntnis austauschen lassen. Doch noch ist es ein sehr stiller Ozean.

Noch eine Bemerkung zum Aufbau dieses Werkes: Wir werden uns zunächst Kapitel für Kapitel mit Hartmanns Werk beschäftigen. Seine Positionen sollen so unverfälscht wie möglich dokumentiert werden. Im Anschluss folgen jeweils abgeschlossene Kapitel, in denen der Autor eigene Positionen abgrenzt und die Übertragung auf aktuelle Wissenschaften wie Quantenphysik und Metamathematik thematisiert.

Wir schließen die Vorbemerkung mit einem Zitat:

„Eine neue, kritische Ontologie ist möglich geworden.“ (Seite V).

Kapitel 1 – Vorwort (1934)

Hartmann bedauert in seinem Vorwort, dass er bisher nur fragmentarisch einzelne Aspekte der Ontologie bearbeitet habe, jedoch noch kein „ausgereiftes Werk“ vorlegen konnte.

„Vor jedes Begreifen und jede Errungenschaft haben die Götter den Schweiß der Arbeit gesetzt.“ (Seite VII)

Er beschäftigt sich mit den ontologischen Arbeiten seiner Zeitgenossen (unter anderem Heidegger) und erkennt dort nur „Ankündigungen“ einer Ontologie, jedoch nicht deren Ausführung.

Ein positiver Ausgangspunkt für Hartmanns Überlegungen war Hans Pichlers Schrift „Über die Erkennbarkeit der Gegenstände“ (1909), die sich mit Christian Wolff auseinandersetzt. Als weitere Quelle taucht Hegels Logik auf, da sie die Bahn gebrochen habe für „die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre“. In der Tat häuft sich die Bezugnahme auf Hegel im Laufe des Werkes, so dass die Lektüre der Wissenschaft der Logik ebenfalls zum tieferen Verständnis vorausgesetzt werden muss.

Hartmann betont, dass zentrale Fragen der mittelalterlichen Metaphysik (u.a. der Universalienstreit) nichts an Aktualität eingebüßt haben:

„Ob Kategorien Auffassungsweisen des Menschen oder unabhängig von aller Auffassung bestehende Grundzüge der Gegenstände sind, ist heute noch die ontologische Grundfrage der Kategorienlehre.“ (Seite X)

Zu den unentbehrlichen Grundlagen der Ontologie gehört die Philosophie des Aristoteles. Hartmann betont, dass der Begriff Metaphysik eben nicht von Aristoteles stammt, sondern dieser von der „Ersten Philosophie“ sprach und diese als „Wissenschaft vom Seienden als Seienden“ definierte. Aristoteles wirkte weit in die Kritik der reinen Vernunft hinein, da Kant nicht „in Rechnung zog, daß er selbst in weitem Maße mit den Kategorien der alten Ontologie arbeitete.“ (Seite XI). Dies ist in der Tat ein blinder Punkt, den bereits Schopenhauer – bei aller Wertschätzung für Kant – als kardinalen Schwachpunkt identifizierte.

Mit dieser Betrachtung endet das in Berlin im September 1934 verfasste Vorwort. Und nun?

Kapitel 2 – Heutige Positionierung der kritischen Ontologie

In diesem Kapitel geht es nicht um Nicolai Hartmann, sondern um uns. Wir müssen uns positionieren. Teilen wir die Ansichten Hartmanns?

Beginnen wir mit Hegel. Was halten wir von der Aussage, Hegel habe die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre vorangetrieben? Hegel hat nicht wenige Gegner. Legendär sind Schopenhauers Tiraden („Afterphilosophie“). Etwas differenzierter, jedoch nicht weniger aggressiv gegen Hegel, wirkt Karl Popper in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Schon diese beiden Autoren haben dazu beigetragen, dass Hegel von Naturwissenschaftlern oft erst gar nicht als seriöser Denker wahrgenommen wird.

Unsere Positionierung lautet: Ja, Hegel hat einen substantiellen Beitrag zur Weiterentwicklung der Philosophie geleistet. Und: ja, dieser Beitrag hat vor allem mit der Wechselwirkung von Ontologie und Kategorien zu tun.

Daraus folgt allerdings nicht, dass wir zu buchstabengetreuen Hegelianern werden. Vielmehr interessieren uns die Quellen, die Hegel quasi munitioniert haben. Drei hervorragende Quellen seien explizit aufgeführt:

  1. Platons Parmenides, sein Werk über Einheit und Vielheit, Sein und Nichtsein
  2. Spinozas omnis determinatio est negatio
  3. Die Theosophie des Jacob Böhme, insbesondere sein Begriff der Qualität (Hegel nannte Böhme den „ersten deutschen Philosophen“)

Dabei gibt es einige Punkte, bei denen Distanz zu Hegel angesagt ist. Wir können dies hier nur andeuten und somit unsere Positionierung vorwegnehmen. Eine detaillierte Analyse erfolgt erst in wesentlich späteren Kapiteln.

Beginnen wir mit Spinoza. Der Satz omnis determinatio est negatio ist laut Hegel von ungeheurer Bedeutung. Doch hat Hegel diesen nicht hinreichend reflektiert. Die Gefahr steckt im omnis. Hätte die wissenschaftliche Sorgfalt nicht geraten, zunächst das kleinere determinatio est negatio in Betracht zu ziehen und Kapitel für Kapitel dessen Wirkung zu erarbeiten? Aber nein, eine gewisse omnis-Trunkenheit führt nach wenigen Kapiteln Seinslogik zu Verkürzungen. Die bunten Gärten der Ontologie werden so nicht erreicht, der Leser landet in einer dürren Wüste mit Disteln namens „These – Antithese – Synthese“.

Wie ist das zu verstehen? Ohne Fichte und Schelling kein Hegel. Die Konzeption der intellektuellen Anschauung und somit die Fokussierung auf ideelles Sein bereitete die Basis für die Phänomenologie des Geistes. So wird Spinozas omnis in der Sphäre eines Geist-omnis und eben nicht eines Welt-omnis erörtert. Benötigt wird ein Idealismus, der sich auf die Welt zurückbesinnt. Nicolai Hartmann wird uns den Weg weisen.

Jacob Böhme wird in der Wissenschaft der Logik eigenartig distanziert zitiert. Warum bekannte sich Hegel nicht eindeutiger? Rund um den Begriff der Qualität ist Böhmes Handschrift durchaus spürbar. Doch bei Böhme gibt es eine farbenfrohe vernetzte Natur mit dynamisch verknüpften Kategorien. Sicher, das hat Böhme nicht als schulbuchmäßige Philosophie formuliert, sondern implizite Erkenntnisse in einem fulminanten Stück Weltliteratur verewigt. Bei ihm finden wir eine Grundfröhlichkeit des Daseins und Soseins, die zuvor so nur bei Echnaton und Giordano Bruno zu spüren waren. Diese Fröhlichkeit geht Hegel ab. Und auch der politische Pulsschlag eines Fichte oder eines Schiller gingen ihm ab. Wozu auch? Das omnis war Trittbrett zur Omnipotenz seines Geistes, und ohne Cholera bzw. Magenleiden hätte er noch weitere Jahrzehnte Vorlesungen zu allen erdenklichen Themen der Welt halten können.

Noch eine kurze Bemerkung zu Parmenides. Hegel hat dessen Bedeutung voll erfasst, jedoch die systemische Logik des Werkes nicht durchdrungen. Dies ist auch erst vor wenigen Jahren in einer Arbeit zur Metamathematik gelungen (siehe dazu: „Mathematischer Platonismus“ von Gregor Schneider, München 2012). Dies bedeutet, dass wir im Fortgang der Analyse ein wichtiges Werkzeug zur Verfügung haben. Denn wenn Hartmanns Kategorienlehre Früchte tragen soll, dann wäre zu erwarten, dass sie mit aktuellen Forschungen zur Metamathematik kompatibel ist.

Kapitel 3 – Vorwort 1948

Hartmann beklagt, dass der zweite („Möglichkeit und Wirklichkeit“) und dritte („Der Aufbau der realen Welt“) Teil seines Hauptwerkes vom Büchermarkt verschwunden sei und selbst in den „Bibliotheken der Fachgenossen“ kaum noch zu finden seien.

Er betont ausdrücklich, dass die Grundlegung der Ontologie einzeln betrachtet nur „in der Luft schweben“ würde und nur im Zusammenhang mit den Folgebänden verstanden werden kann.

Sein Vorwort endet mit dem Wunsch, man möge nicht gleich in den ersten Band eigene Weltbilder hineintragen:

„Weltanschauung ist etwas, was man nicht in die philosophische Forschung hineinträgt, sondern erst aus ihr zu gewinnen hoffen darf.“ (Seite XIII)

Diese Aussage gehört bereits zu Hartmanns Vermächtnis. Zwei Jahre später starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.

Kapitel 4 – Proviant auf dem Weg zur kritischen Ontologie

Wir sollen also keine Weltanschauung in die philosophische Forschung hineintragen. Diese Forderung klingt heute merkwürdig aktuell.

Worauf beruht denn unsere Weltanschauung? In der Mehrheit auf einem Bildungskanon, der unter anderem Rousseau, Kant und Schiller umfasst. Ein an Werten orientiertes idealistisches Weltbild, das insbesondere in den liberal-intellektuellen Milieus unserer Gesellschaft gelebt wird. Ein Weltbild, das mehrheitlich von Journalisten und Politikern sowie einer Bildungselite getragen wird.

Und dieses Weltbild zeigt nun Risse. In Europa und den USA beobachten wir den Aufstieg von Populisten – nicht selten verbunden mit einer Abscheu gegenüber den Eliten. In der globalen Entwicklung sind nunmehr Länder wie China führend, die durch ein gänzlich anderes Wertesystem geprägt sind. Der Befund geht weit über die Kombination des Staatsmonopolkapitalismus mit den Lehren des Konfuzius hinaus. Die chinesische Schrift stellt das einzige heute noch gebräuchliche Schriftsystem dar, das nicht primär auf die Lautung einer Sprache zurückgreift, sondern in der Mehrheit seiner Zeichen auch semantische Elemente trägt. Hat dies Auswirkungen auf das chinesische Denken? Ist es von jeher ein ontisches Denken, das dem westlichen ontologischen Denken mit seinen christlichen und platonischen Wurzeln entgegensteht?

Dies zu beantworten ist nicht leicht. Vielleicht können wir es nicht. Wir tun allerdings gut daran, unsere Weltanschauungen aus dem Blickwinkel der kritischen Ontologie auf den Prüfstand zu stellen. Wir sollten nicht befürchten, dabei etwas zu verlieren. Vielleicht werden wir nur einen alten Bund erneuern und gestärkt aus dem Diskurs hervorgehen.

Sicherlich wäre es im Sinne Hartmanns, dass wir reichlich Anschauungsmaterial aus den Einzelwissenschaften für die Reise durch die kritische Ontologie vorbereiten.

Die Metamathematik wurde bereits explizit genannt. Konkret werden wir die Arbeiten des Mathematikers Paul Finsler berücksichtigen. Dabei ist nicht nur seine durch philosophische Reflexionen entstandene Mengenlehre relevant, sondern auch seine kongeniale Kurzfassung des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes.

Aus den Problemfeldern der Naturwissenschaften hebt sich die Physik ab mit ihrem ungelösten Problem der Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie. Eine metamathematische Befragung führt zu der Frage, woher eigentlich der Ansatz einer Eichfeldtheorie kommt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine vergleichbare Situation innerhalb der Theorie der Wärmestrahlung. Die bis dahin gefundene Gleichungen, das wiensche Strahlungsgesetz und das Rayleigh-Jeans-Gesetz, konnten jeweils nur einen Teil des Strahlungsspektrums ohne Abweichungen wiedergeben. Max Planck war überzeugt, dass es eine einheitliche Formel geben müsse. Er erstellte eine provisorische empirische Formel, deren Sinn erst später im Rahmen der Quantentheorie verstanden werden konnte.

Ist der Eichfeld-Ansatz also auch nur ein Bypass oder ein Pflaster? Falls ja, dann würde das „Gottesteilchen“ Higgs Boson zu einem Pflasterteilchen degradiert. Es geht um die innere Ordnung und Logik der Physik. Hartmann betont, dass die Philosophie das „Gewissen der Naturwissenschaft“ sein solle. Die hier genannten Fragestellungen stellen also den idealen Probierstein für die Mächtigkeit der kritischen Ontologie dar.

Schließlich wurden oben schon gesellschaftliche und globale Änderungen erfasst, die die Geisteswissenschaften herausfordern. Unser Verständnis von Kommunikation gehört auch zu diesem Problemfeld. Wie kommen z.B. filter bubbles im Internet zustande?

Diese konkreten Punkte sollen andeuten, dass unsere Untersuchung nicht ohne Ergebnis bleiben wird. Es wird keine Sophisterei geben. Es wird auch keine Beliebigkeit geben. Auch ein negatives Ergebnis ist möglich. Sollte Hartmanns Kategorienlehre komplett inkompatibel mit aktuellen Forschungen der Metamathematik sein, dann war es das. Dann können wir nur noch hoffen, alt genug zu werden, das Wirken eines neuen Hartmann miterleben zu dürfen.

Einstweilen machen wir uns auf die erste von vier Etappen und vertiefen uns in die Grundlegung der Ontologie. Wenn wir nach einiger Zeit auf Seite 296 der Grundlegung ankommen, hat die konkrete Fassung der Kritischen Ontologie noch nicht einmal begonnen. Doch eines ist sicher: Der Leser wird dann zumindest wissen, worum es eigentlich geht.

Kapitel 5 – Seite 1 bis 6

Hartmann stellt gleich zu Beginn seiner Einleitung eine entscheidende Frage: „Warum – so ist allen Ernstes zu fragen – sollen wir denn durchaus zur Ontologie zurückkehren?“ (Seite 2)

Ist die Zeit einfach über die Ontologie hinweggegangen?

Er sieht eine Verwechslung von Problembestand und Problemstellung. Letztere könne man nach Bedarf umprägen. Und selbst Philosophen wie Kant, die sich durchaus am Problembestand orientierten, wählten spekulative Fragen rund um Kosmos, Seele und Gottheit aus. Hartmann zählt auch das Allernächste und scheinbar Selbstverständliche zum Problembestand.

Gibt es überhaupt eine Theorie ohne Ontologie? Wenn die Idealisten die Realität für Schein erklären, so formulieren sie doch damit gerade auch eine Aussage über das Seiende als Seiendes. Hartmann ruft Parmenides als Kronzeugen auf mit der Aussage, dass es das Wesen des Denkens ist, nur „etwas“, nicht aber „nichts“ denken zu können. Daraus folgt dann, dass Theorien ohne ontologisches Fundament ein „Ding der Unmöglichkeit“ sind.

Kapitel 6 – Problembestand 2019

Ständig müssen wir uns positionieren. Schreiten wir noch Seite an Seite mit Hartmann? Sind wir in der Lage, das Allernächste und scheinbare Selbstverständliche zu einem Problem zu machen? Eine Aussage wie „1 + 1 = 2“ würden 9999 von 10000 Menschen nicht ernsthaft reflektieren. Die eine Person, die es dennoch tut, hat damit nicht nur ein Ticket für Verzweiflung und Wahnsinn gebucht, sondern eventuell sogar einen Logenplatz im Theater der kritischen Ontologie.

Aber ernsthaft: Ein Ontologe, der sich mit Mathematik beschäftigt, kann einen Allquantor oder Existenzquantor als vom Himmel herabgeregnete Gegebenheiten betrachten. Auch Peano-Axiome sind für ihn zunächst unter Quarantäne zu stellen. Gilt es doch, die innere Seinsschichtung der Mathematik aufzudecken, eine dynamische Kategorienrelation, die quasi Prototyp des Denkens überhaupt ist.

Sind unsere Studierenden für den existenzial-ontologischen Kampf um die Wurzeln des Seins gerüstet? Im Rahmen des Bologna-Prozesses wurden Studiengänge harmonisiert. Wesentliches Element des Konvergenzprozesses war eine auf Beschäftigungsfähigkeit am Arbeitsmarkt zielende Ausrichtung der Studiengänge. Beschäftigungsfähigkeit am Arbeitsmarkt. Sehr interessant. Wer beschäftigungsfähig am Arbeitsmarkt sein möchte, der sollte auf die Frage „1 +1 = ?“ die Antwort „2“ parat halten. Idealerweise ohne Reflexion.

Man kann dem Bologna-Prozess also kaum nachsagen, dass er Querdenker fördere.

Wir sehen also: Ganz unabhängig vom fundamentalen ontologischen Problembestand – unser Handeln führt bis dato auch so nicht zu einem Mangel an Problembeständen.

Kapitel 7 – Seite 6 bis 7

Hartmann beleuchtet hier den metaphysischen Hintergrund der Naturwissenschaft.

„Hinter den mathematischen Formeln steht eine Reihe kategorialer Grundmomente, die selbst offenkundig substrathaften Charakter haben und sich aller quantitativen Fassung entziehen, weil sie Voraussetzungen der realen Quantitätsverhältnisse sind.“ (Seite 6)

Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie. Diese stelle lediglich die Frage: „Welche Begrenzung des Wesens von Raum und Zeit genügt den mathematischen Formeln?“. Stattdessen hätte die Frage lauten müssen: „Welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit?“ (Seite 7)

Dies ist keineswegs die Frage eines Laien. Als Sohn des Ingenieurs Carl August Hartmann wurde Nicolai schon als Kind mit den Naturwissenschaften vertraut, unter anderem entstand eine lebenslange Begeisterung für Astronomie. Hartmanns Witwe berichtete später: „Der Sternhimmel gehörte zu seinem Lebensraum. Bei anhaltend bewölktem Himmel konnte er sagen: ‚Ich fühle mich so eingesperrt auf der Erde.‘“[2]

Seinen Wohnsitz in Babelsberg wählte er bewusst, um die Universitätssternwarte und das Potsdamer Astrophysikalische Institut in der Nähe zu haben.

Betrachten wir die Kritik an der Relativitätstheorie also etwas genauer. Der Ausgangspunkt seien also mathematische Formeln gewesen. Aus diesen heraus sei dann die Begrenzung von Raum und Zeit abgeleitet worden.

In der Tat beruhen die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie auf einem mächtigen mathematischen Kalkül: der wesentlich von Carl Friedrich Gauß entwickelten Differentialgeometrie. Im Zentrum des von Riemann und Lorentz weiterentwickelten Kalküls steht eine sogenannte Metrik, also ein Verfahren zur quantitativen Erfassung von Abständen. Aus dieser Metrik folgt dann auch, dass in einem gekrümmten Raum die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eben keine Gerade ist. Der empirische Befund der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Krümmung des Lichts durch Gravitation sind aus Sicht des Kalküls Gegebenheiten, die sich aus der Mathematik ergeben.

Und was gefällt Hartmann daran nicht? Ist doch die Mathematik der Relativitätstheorie durch Klarheit, Symmetrie und Schönheit gekennzeichnet, wie man es zuvor nur bei den Maxwell-Gleichungen (James Clerk Maxwell (1831–1879)) bewundern konnte, die die Phänomene des Elektromagnetismus beschreiben.

Und doch scheint das Kalkül eigenartig gleichgültig gegenüber den Naturphänomenen zu sein. So kann das Kalkül auch eine Welt beschreiben, in der sich Materie bei Bewegung verformt (Fitzgerald-Lorentz Kontraktion). Einsteins geniale Leistung besteht somit vor allem in der richtigen Interpretation des Kalküls.

Das von Hartmann kritisierte Versäumnis ist, dass ein Kalkül als taken for granted angenommen wird. Stellen wir also die Frage: Welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit? Es wäre dann zu fragen: Ist die Riemannsche Geometrie in etwas Größeres eingebettet? Was genau sind die kategorialen Grundlagen des Kalküls? Ist ein erweitertes Kalkül denkbar, dass auch Eigenschaften der Quantenphysik abzubilden vermag? Tatsächlich hat die Physik durchaus in diese Richtung gearbeitet – man denke nur an die Stringtheorie und insbesondere an die 11-dimensionale Supergravitation. Doch verweilt dieser Ansatz zu sehr innerhalb der bekannten Mathematik und fragt nicht nach der Begrenzung des mathematisch Formulierbaren.

Kapitel 8 – Kritische Mathematik

Betrachten wir erneut die Gleichung 1 + 1 = 2. Eine ganze Reihe von Fragen drängt sich auf: Welche Bedeutung hat die erste Eins? Welche Bedeutung hat das + Zeichen? Welche Bedeutung hat die zweite Eins? Welche Bedeutung das das Gleichheitszeichen? Welche Bedeutung hat die Zwei? In welche Richtung ist die Gleichung zu lesen?

Wir können die Gleichung auch als Definition aufschreiben:

a) 1 + 1 := 2

b) 2 := 1 + 1

Hier leuchtet es ein, dass a) und b) zwei verschiedene mathematische Sachverhalte bezeichnen können.

Der eine oder andere Leser mag sich an dieser Stelle unwohl fühlen. Wie kann man nur so etwas Selbstverständliches wie 1 + 1 = 2 überhaupt hinterfragen?

Als Kronzeugen würde ich Bertrand Russell und Alfred North Whitehead aufrufen, die mit den Principia Mathematica den Versuch unternommen haben, die Mathematik aus der Logik herzuleiten. Dabei stand die Abfolge von Axiomen und Symbolen im Zentrum. Allerdings zeigte Gödels Unvollständigkeitssatz, dass der Ansatz nicht das zu leisten vermag, was sich die Autoren erhofft hatten. Dabei hat ihr Anliegen nichts an Dringlichkeit eingebüßt. Stecken wir also in einer Sackgasse?

Die Antwort hängt davon ab, was wir als mathematische Welt definieren. Bei Russell und Whitehead galt offenbar:

Mathematische Welt := {formale Mathematik, Logik}

Im Sinne von Hartmann würden wir definieren:

Mathematische Welt := {(formale) Mathematik, Logik, Ontologie}

In so einer Welt wäre man berechtigt zu fragen: Welche Kategorien werden in welcher Reihenfolge aktiviert, wenn wie 1 +1 = 2 denken? Im Kern kommen wir zu einer auf den ersten Blick merkwürdigen Frage: Wie sind analytische Urteile a priori möglich? Diese Frage taucht üblicherweise nicht als Problembestand auf. Kant fokussierte auf die Frage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Deshalb finden wir bei Kant auch keine kritische Mathematik vor, zu sehr ist bei ihm die Mathematik als Kronzeugin für analytisches Denken eingebunden. Sie fand ohne Ausweis und Zeugnis ihr Aufenthaltsrecht in der Kritik der reinen Vernunft.

Kapitel 9 – Seite 7 bis 15

Auf den folgenden Seiten befasst sich Hartmann mit der Biologie, der Psychologie und den Geisteswissenschaften. Hier seien zwei Zitate für die Kernaussagen hervorgehoben:

„Das Eigentümliche des Lebensvorganges bleibt ein metaphysisches Rätsel.“ (Seite 9)

„Das Metaphysische im Seelenproblem ist das einfache, von der inneren Erfahrung selbst aufgegebene Problem der Seinsweise des Seelischen.“ (Seite 10)

Alles in allem klingt seine Argumentation überzeugend. Allerdings es steht (noch) nicht im unserem Fokus, in die Sphären von Biologie und Seele einzutreten. Der Problembestand in der Sphäre von Mathematik und Physik ist schon hinreichend groß, um uns an die Kritische Ontologie zu binden.

Spannend wird es allerdings, wenn sich Hartmann mit dem Metaphysischen in der logischen Sphäre beschäftigt:

„Die logische Konsequenz gewinnt Erkenntniswert, wenn ihr im Realen eine Konsequenz der Seinsverhältnisse entspricht – wenn auch in der realen Welt Widersprechendes nicht koexistiert, von kontradiktorischen Gegengliedern notwendig eines besteht, das Allgemeine notwendig im Spezialfall zutrifft.“ (Seite 13)

Was sagt uns das? Wir können ein noch so überzeugendes logisches Gesetz nicht einfach so von einer ontologischen Befragung freistellen. Das gilt auch für den Satz vom ausgeschlossenen Dritten (tertium non datur).

Man denke an Schrödingers berühmte Katze. Das Nachdenken über eine Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, bereitet durchaus Kopfschmerzen. Die Physik rettet sich mit der Theorie des Paralleluniversums. Sobald der quantenmechanische Würfel fällt[3], spaltet sich das Universum in ein Universum a mit der lebendigen Katze und einem Universum b mit einer toten Katze.

Der Ontologe kann und darf sich damit nicht zufriedengeben.

Sein Blick richtet sich auf

Das Weltganze := {Universum a, Universum b, weitere Universen}.

Könnte es also ein Weltganzes geben, in dessen Gefüge tertium non datur nicht gilt? Vielleicht. Würde man eine Wette abschließen, dann wäre die Wette auf eine Mathematik ohne tertium non datur vielversprechend. Wie auch immer: Es ist zumindest denkbar, dass es logische Gesetze gibt, denen nicht überall im Realen eine Konsequenz der Seinsverhältnisse entspricht.

Das Metaphysische in der logischen Sphäre gehört also zum ontologischen Problembestand.

Auf den Seiten 13 bis 15 behandelt Hartmann den Verfall des Erkenntnisproblems. Seiner Meinung nach wird die Kritik der reinen Vernunft von dem zentralen Argument beherrscht, dass es kein Erkenntnisobjekt ohne Erkenntnissubjekt gibt. Erkenntnis könne dann nicht mehr als „Erfassen“ von etwas gelten. Die Kritik fokussiere auf „die innere Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Begriffen, Urteilen und Vorstellungen“. Das wirkliche Erfassen einer Sache kommt dabei nicht vor – damit wird das eigentliche Erkenntnisproblem durch die Kritik der reinen Vernunft nicht gelöst.

Kapitel 10 – Das Ding an sich: Kopf oder Welt

Ich kenne keinen Philosophen, der Kant näher steht als Hartmann. Aus seiner eigenen, gerechten Perspektive erfolgt die Werkschau der Kritik der reinen Vernunft, die sich nicht an Formulierungen festhält, sondern Motive, Grundlagen und Perspektiven einer Vernunftkritik kennt. Daher ist es ein massiver und erstaunlicher Vorwurf, Kant habe das Erkenntnisproblem nicht gelöst.

Wir können den Kern der Sache am Begriff des „Ding an sich“ festmachen. Die auf Kant folgenden Philosophen (Fichte, Schelling und Hegel) haben das Ding an sich im Kopf gesucht. In der eher dunkleren Ecke des Kopfes hatte sich zuvor ein selbstloser Untermieter namens Gott einquartiert, der als Laienschauspieler für das Ding an sich gerne zur Aufführung kam.

Warum sollte man das Ding an sich nicht in der Welt suchen? Wir scheitern bei Kant an einer frühen Hürde: der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit. Nun wird das Stück „Welt“ aber in einem Theater aus Raum und Zeit aufgeführt. Und die Lehre von der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit gehört zu den besten Passagen der Kritik der reinen Vernunft, ja sogar zum Besten der philosophischen Literatur insgesamt.

Wie wäre es mit einem kleinen Gedankenexperiment? Wie hätte Kant reagiert, wenn er von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erfahren hätte? Wir können nur raten.

Von der philosophischen Forschung zu wenig beachtet ist die Tatsache, dass Kant in seiner Frühschrift Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte bereits die Existenz einer Grenzgeschwindigkeit postulierte und somit ein zentrales Moment der speziellen Relativitätstheorie vorwegnahm. Daher hätte die spezielle Relativitätstheorie sein Weltbild durchaus erschüttert.

Dies gilt vor allem, wenn man den aktuellen Stand der Astrophysik betrachtet. Von Schwarzen Löchern bis hin zu Gravitationswellen gibt es ganze Bücherregale voller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die zu einem erheblichen Teil auf synthetischen Urteilen a priori über Raum und Zeit beruhen.

Wir dürfen also annehmen, dass Kant einer kritischen Revision der bisherigen Fassung der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit zugestimmt hätte.

Kapitel 11 – Seite 15 bis 35

Eine einfache Begriffsanalyse zeigt schon, dass sich „Objekt“ und „Gegenstand“ stets auf einen Beobachter beziehen. Hartmann interessiert sich für eine Perspektive unabhängig vom Beobachter: „An der Erkenntnis ist das Wesentliche, dass ihr Gegenstand in seinem Gegenstandsein für das Bewusstsein nicht aufgeht.“ (Seite 15)

Mehr noch: Es gibt ein vom Bewusstsein unabhängiges, übergegenständliches „Sein“. Wir betrachten nicht abstrakt „das“ Ding an sich, sondern allgemein an sich Seiendes:

„Das an sich Seiende ist das Erscheinende in der Erscheinung.“ (Seite 17)

Damit ist an sich Seiendes eben doch erkennbar. Hartmann kommt hier zu einer zentralen Fragestellung: Wie ist es möglich, dass das Seiende Gegenstand bzw. Objekt werden kann? Dies sei die zentrale Frage der Metaphysik der Erkenntnis[4].

Auf den folgenden Seiten kümmert sich Hartmann um die Themen Freiheit, Werte, Kunst und Geschichte. Im Theater der Ontologie reicht uns der Parkettplatz, von dem aus wir die Themen Mathematik und Physik beobachten können. Wenn uns die Vorstellung nicht gefällt, können wir das Theater jederzeit verlassen. Andererseits: Sollte Hartmanns Ansatz in den Bereichen Mathematik und Physik Früchte tragen, kehren wir gerne zum vollständigen Programm zurück.

Interessant sind allerdings die Passagen, in denen sich Hartmann mit der Geschichte der Metaphysik beschäftigt. Der Ruf der Metaphysik hat gelitten, solange sie mit Spekulationen über Gott und die Seele assoziiert wird. Dem setzt Hartmann entgegen:

„Die ewig unvermeidlichen Probleme der Metaphysik liegen mitten im Leben.“ (Seite 26)

Und Kants Vernunftkritik gibt uns ein Urvertrauen, dass die Mission der Ontologie gelingen kann:

„Die Frage der Seinsweise und Seinsstruktur, des modalen und kategorialen Baues ist das noch am meisten Unmetaphysische in den metaphysischen Problemen.“ (Seite 28)

Dabei will Hartmann kein System konstruieren. Vielmehr geht es um die Suche nach einer natürlichen Einheit der Welt. Und diese kann man sozusagen nur vom Ende her verstehen:

„Die Ontologie muss der Sache nach philosophia prima sein, ihrer Durchführung nach kann sie nur philosophia ultima sein.“

Das Thema der Grundlegung der Ontologie ist zunächst nur die Klärung der Vorfragen zur Ontologie.

Kapitel 12 – Philosophia ultima als neue Weltweisheit?

Und nun? Wir sind am Ende der Einleitung angelangt. Noch haben wir nichts unterschrieben. Wir müssen uns nicht von nun an jede Woche mit Hartmanns Ontologie beschäftigen. Die Freiheit erlaubt es uns, jederzeit im Buchhandel nach einer Neuerscheinung von Richard David Precht zu fragen und diese käuflich zu erwerben. Doch möchten wir das eigentlich noch?

Welcher zeitgenössische Philosoph hat ein Programm vom Umfang der Hartmannschen Untersuchung zu bieten? Allerdings wird auch sehr viel von uns verlangt. Die philosophia ultima ist nur über die Erfahrung mit den Einzelwissenschaften zugänglich. Es wäre von Vorteil, wenn der Leser in allen relevanten Wissensgebieten von der Astrophysik bis hin zur Hirnforschung bewandert ist. Das Weltganze des Wissens ist unser Basislager, von dem aus wir den Berg der Ontologie besteigen möchten. Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand bei dieser Expedition wird unsere Geduld sein. Hartmann wird uns nicht mit ultimativen Einsichten und Wahrheiten gleich zu Beginn beglücken. Eindimensionale Konzepte wie Schopenhauers Welt als Wille sind hier ausgeschlossen. Es geht um echtes Erkenntnisinteresse und um eine echte Suche, ein Ringen und Kämpfen mit den Phänomenen. Wir können kein kurzfristiges Glück erwarten wie etwa ein streng katholisches irisches Paar in der Hochzeitsnacht. Nein, es geht um die Perspektive eines gereiften Paares, das seine Kinder aufwachsen sieht.

Worin liegt nun der eigentliche Reiz der Hartmannschen Ontologie? Zunächst einmal ist es eine vom Ergebnis her offene Analyse. Wir sind auf der Suche nach einer natürlichen Einheit der Welt. Ob es diese Einheit überhaupt gibt, ist fraglich. Doch gerade in unserer Zeit dürfen wir optimistisch sein. Allein die Tatsache, dass wir Gravitationswellen nachweisen können, deutet doch stark darauf hin, dass wir in einem strukturierten Weltall leben und Chaos zumindest nicht die treibende Kraft darstellt. Mathematik könnte eine stabile Brücke zwischen Kopf und Welt sein. Doch wie können wir uns dessen sicher sein? Genau darin liegt das Geschenk der Hartmannschen Ontologie: Wir erhalten ein Framework, um uns mit diesen relevanten Fragen zu beschäftigen.

Noch wichtiger: Wir werden auf keinen Glaubenssatz vereidigt. Selbst die Logik inklusive eines tertium non datur werden zunächst nur mit Kneifzange angefasst. Wenn wir Hartmann also weiter folgen, sind wir in unserem Denken frei und offen.

Und genau das sollten wir sein.

Fußnoten

  1. Man denke etwa an die Demonstrationen gegen die Handelsabkommen TTIP und Ceta.
  2. Quelle: Wolfgang Harich (2018) „Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer“, Tectum Verlag
  3. Die Fachleute sprechen auch von einem „Kollaps der Wellenfunktion“.
  4. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass Hartmann im gerade neu erschienenen „Handbuch Metaphysik“ (Herausgeber Markus Schrenk) nicht erwähnt wird. Eine für sich stehende Tatsache.

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Liebe mit System

Das aktuelle Heft (Nr. 42) der philosophischen Zeitschrift der blaue reiter behandelt das Thema Liebe. Unter anderem findet sich dort ein Artikel von Jan Urbich über Liebe als Kommunikationssystem, der Niklas Luhmanns Arbeit Liebe als Passion aufgreift.

Im editorial heißt es, Liebe sei – Luhmann folgend – „nicht mehr als … ein Code“. Das nicht mehr als enthält natürlich eine Wertung. Diese findet sich auch explizit im Artikel:

„Damit ist wahrscheinlich die unromantischste Definition der Liebe der gesamten Philosophiegeschichte gegeben worden.“ [2], Seite 57

Aber ist das auch so? Aus der Perspektive eines Naturwissenschaftlers hantiert Luhmann mit anschlussfähigen Werkzeugen – das Vokabular von System, Code, Information und Entropie mag dies unterstreichen.

In der Tat wird gerade bei Luhmann die Wertigkeit von Romantik sichtbar. Eine Untersuchung, die sich zum Ziel setzt, den Wesenskern einer Sache freilegen, konzentriert sich freilich auf ihre Methoden und Werkzeuge – nicht anders als ein Chirurg bei einer Operation am offenen Herzen.

Einen Zugang zum Zusammenhang von Liebe und Kommunikation ermöglicht dieses Zitat von Rubert Musil, auf das Luhmann im 2. Kapitel im Kontext von „Augensprache“ verweist:

„Liebe ist  das gesprächigste aller Gefühle und besteht zum großen Teil ganz aus Gesprächigkeit“ [1], Seite 29

Luhmanns Arbeit mündet im 16. Kapitel in der Darstellung der Liebe als System der Interpenetration. Dabei gehe es nicht um eine unio mystica, sondern um die operative Ebene der Reproduktion der Elemente (Selbstreproduktion und Fremdreproduktion gleichzeitig).

Was ist nun davon zu halten?

Eine umfassende Theorie der Kommunikation der Liebenden aufzustellen – damit steht der Soziologie nicht allein. Kommunikations- und Informationstheorie haben in den letzten 20 Jahren zahlreiche Domänen erobert, u.a. Genetik und Quantentheorie. Starten wir also einmal ganz neu und stellen eine Informationstheorie der Liebe aus und finden heraus, ob wir in Luhmanns Strukturen landen.

Eine kleine Systemtheorie der Liebe

Das Attribut klein bedeutet hier, dass wir uns zunächst auf eine Informationstheorie der Liebe konzentrieren.

Leider ist die (quantitative) Informationstheorie ein abstraktes und trockenes  topic. Ein nützliches Kommunikationsmedium ist hier die Liebesgeschichte.

Sommer 2018 in Berlin. Ein brütend heißer Tag – gerade auch in den Fahrzeugen der SBahn Berlin GmbH. Wir werden Zeugen, wie sich Klaus und Marion (unser Liebespaar) zum ersten Mal begegnen. Marion hat in der S2 einen Sitzplatz mit Blick auf den Eingangsbereich. Sie senkt den Blick allerdings auf ihr Galaxy A6+ und hört gerade Yellow Submarine von den Beatles. Das Cover wird auf dem Display gut sichtbar angezeigt. Vor der Türe steht Klaus, Marion zugewandt, allerdings in Gedanken. Er trägt ein Jim Morroson T-Shirt mit der Aufschrift „An American Poet“.

Dann passiert der Moment, den Schopenhauer so gerne als Zeugungsmoment eines Kindes betrachtet. Es kommt zum Blickwechseln. Augenkontakt. Lächeln. Waren es Sekunden oder Sekundenbruchteile?

Marion steigt an der Buckower Chaussee aus. Als sie ihr Ziel, die Thai-Nippon Sushi-Bar erreicht, reflektiert sie die Begegnung mit dem ihr bisher unbekannten Klaus. Vor allem memoriert sie sein T-Shirt.

Klaus reflektiert bereits in der S-Bahn, denn er steigt erst acht Minuten später am Priesterweg aus. Er erinnert sich an das Album , das auf Marions Display angezeigt wurde.

Beide beginnen mit Projektionen. Es ist zwar nur ein Staubkorn im Universum, doch uns interessiert nun die wechselseitige Penetration im Universum der Musik. Um die Mathematik der Informationstheorie anwenden zu können, müssen wir allerdings das Szenario grob vereinfachen. Nehmen wir also mal an, es gäbe nur drei Musikgruppen auf der Welt, etwa

Musikgruppen := {Rolling Stones, The Doors, Beatles}

Dieses Universum ist also als Menge mit drei Elementen notiert. Nun benötigen wir noch eine Interpretation im Sinne der Wahrscheinlichkeitstheorie. Im Zeitalter von big data ist das recht einfach erklärt. Nehmen wir an, jemand hätte kompletten Zugriff aus alle unsere Daten auf amazon music, Spotify etc.

Dieser Jemand kann also eine Statistik generieren, was wir wann mit welcher Häufigkeit gerne hören (nach Feierabend etwa andere Vorlieben als morgens). Aber abgesehen von der Beobachtbarkeit, können wir uns eine Wahrscheinlichkeitsverteilung vorstellen.

Eine Wahrscheinlichkeitsverteilung, die dem tatsächlichen Verhalten entspricht, definieren wir als objektive Wahrscheinlichkeit p. Wie sieht es bei Marion und Klaus aus?

Wahrscheinlichkeitsvektor Marion
p(Rolling Stones|Marion)= 0,4
p(The Doors|Marion)= 0,2
p(Beatles|Marion)= 0,4

Wahrscheinlichkeitsvektor Klaus
p(Rolling Stones|Klaus)= 0,6
P(The Doors|Klaus)= 0,3
p(Beatles|Klaus)= 0,1

Die Summe der Wahrscheinlichkeiten im Modell ergibt stets den Wert 1,0. Bei Klaus sieht man dass er – anders als sein T-shirt suggeriert – die Stones favorisiert. Beim Reflektieren erstellt Klaus Projektionen von Marion und Marion erstellt ebenso Projektionen von Klaus. Es werden Hypothesen gebildet. Wer ist er? Was mag sie? Wo wohnt er? etc.

Eine Hypothese besteht aus einem Set subjektiver Wahrscheinlichkeiten.

Hypothese Marion über Klaus:
q(Rolling Stones|Klaus) 0,2
q(The Doors|Klaus)= 0,6
q(Beatles|Klaus)= 0,2

Aufgrund der erratischen Beobachtung des T-Shirts vermutet Marion eine Affinität zu den Doors.

Hypothese Klaus über Marion:
q(Rolling Stones|Marion)= 0,25
q(The Doors|Marion)= 0,25
q(Beatles|Marion)= 0,5

Umgekehrt ist Klaus durch das Yellow-Submarine-Cover beeinflusst. Spannend ist nun, dass sich dieses Gefüge mathematisch sehr gut beschreiben lässt. In der Informationstheorie arbeitet man mit der Kullback-Leibler-Divergenz (bzw. Kerridge-Bongard-Entropie):

Kullback

Für die mathematisch Interessierten hier eine kleine Aufstellung der Parameter, die wir aus den Wahrscheinlichkeitsverteilungen p und q ableiten können (der Logarithmus wird zur Basis 2 berechnet, damit ein Ereignis mit Wahrscheinlichkeit 50 % genau 1 Bit Information liefert).

Zur Erläuterung betrachten wir zunächst die Entropie im Musik-Universum. Die Thermodynamik beschreibt, wie sich ein Stück Würfelzucker im Kaffee auflöst. Die Aufenthaltswahrscheinlichkeit eines Zuckermoleküls in der Tasse ist zu Beginn auf den Zuckerwürfel beschränkt, am Ende sind in jedem Winkel der Tasse gleich viel Zuckermoleküle vorhanden. Dann ist die Entropie maximal.

Im Musikuniversum ist die Entropie maximal, wenn alle drei Gruppen gleich häufig gehört werden (Marion ist nahe dran an maximaler Entropie). Die geringste Entropie (und damit spiegelbildlich kommunizierend der maximale Informationswert) ergibt sich, wenn nur eine Gruppe mit Wahrscheinlichkeit 100 % favorisiert wird. Dann ist die Entropie Null, denn der Logarithmus von Eins ist Null.

Die cross entropy sagt nun etwas darüber aus, wie gut die Hypothese ist. Die Hypothese von Klaus führt auf einen Wert von 1,6 während Marions Musikentropie einen Wert von 1,52 aufweist. Die Differenz ist also nur 1,6 minus 1,52 – also 0,08. Bei Marions Hypothese ergibt sich eine Abweichung von 0,45.

Nun beginnt die wechselseitige Penetration. Am Abend ist es in Berlin noch immer heiß. Marion kann nicht schlafen. Sie ruft über ihren amazon Fire TV Stick Musikvideos auf. Sie bleibt bei Love Street (The Doors) hängen. Sie betrachtet das Video einige Male. Sie mag diese Musik und denkt daran, wie vergeistigt Klaus in der S-Bahn stand.

Nun verschiebt sich ihre objektive Wahrscheinlichkeitsverteilung, wenn auch nur schleichend:

Neuer Wahrscheinlichkeitsvektor Marion
p_neu(Rolling Stones|Marion)= 0,38
p_neu(The Doors|Marion)= 0,24
p_neu(Beatles|Marion)= 0,38

Ähnliche Mechanismen setzen bei Klaus ein. Die wechselseitige Penetration besteht hier im dynamischen Wechselbezug der Wahrnehmung des anderen (actio und reactio von Alter und Ego (siehe [1] Seite 27) und insbesondere jeweils antizipierte actio und reactio).

Wochen später. Nach erneuten Begegnungen in der S2 kam es endlich zum Kontakt. Weitere Wochen später. Klaus hat zum Abendessen eingeladen. Es stellen sich Fragen über Fragen. Welche Getränke gehören in den Kühlschrank? Welches Buch lege ich sichtbar auf den Wohnzimmertisch? Wie dann weiter? Verhütung? Sind meine Verhaltensmuster im Einklang mit me too? Was kommuniziere ich wann? Dahinter stecken nun tausende gekoppelte cross entropy Relationen. Physikalisch lässt sich diese Interpretation weiter ausbauen. Das Liebespaar bildet ein gemeinsames Inertialsystem aus, deren Dynamik sich in Matrizen mit Eigenwerten abbilden lässt. Novalis‘ Liebe um der Liebe willen wird in der Realität dieser Physik der Autopoiesis sichtbar.

Wir wissen natürlich nicht, ob Klaus und Marion glücklich werden. Wir dürfen das als eher unwahrscheinlich betrachten.

Doch eines ist sicher: Die Liebe als interpenetrierender Tanz um die cross entropy mag beide vor dem Wärmetod bewahren.

Literatur

[1] Niklas Luhmann, Liebe als Passion, stw 1124, 14. Auflage 2017

[2] der blaue reiter, Journal für Philosophie, Nr. 42 (2/2018)

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Zauberhafter Zeitvertreib

Eine Rezension zu: „Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger

Wer sich ernsthaft mit Philosophie beschäftigt, verfolgt in der Regel ein Ziel. Dieses Ziel weist nicht unbedingt von Anfang an klare Konturen auf, sondern zeigt sich mitunter zunächst als dumpfes Gefühl. Dies kann etwa eine pazifistische Grundhaltung sein, eine unglückliche Liebe oder eine Naturerfahrung. Entscheidend sind die Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Erfahrungen ziehen. Das bisher Vertraute – unsere innere Repräsentation von Welt, Liebe, Politik und Leben – wird fortan als uneigentlich empfunden. Auch die Wahrnehmung und die Sprache als Speicher und Vermittler der Wahrnehmung erscheinen nun uneigentlich.

So wird das Eigentliche zum Ziel. Das Eigentliche ist der Teil des Wesentlichen, den wir uns zu eigen machen. Es kann keine kurze Reise dorthin sein. Die Reise erfordert Fokussierung und lässt wenig Raum für Zeitvertreib. Manche dieser Reisenden verzichten konsequent auf den Konsum von Sekundärliteratur. Sie treffen auch bewusste Entscheidungen bei der Rezeption der Originalwerke – so lässt Arthur Schopenhauer nur die Erstausgabe von Kants Kritik der reinen Vernunft (1781) gelten. Warum aber keine Sekundärliteratur? Die Originalwerke sind Koordinaten und Kompass zugleich, sie erlauben die unmittelbare Begegnung mit einem potentiell Seelenverwandten auf der Suche nach dem Eigentlichen.

Nun hat Wolfram Eilenberger mit „Zeit der Zauberer“ ein Stück Tertiärliteratur vorgelegt. Es ist eine Darstellung des „großen Jahrzehnts der Philosophie (1919-1929)“ mit den Akteuren Wittgenstein, Heidegger, Benjamin und Cassirer. Natürlich lässt sich so ein Werk nicht ohne Zugriff auf die Sekundärliteratur kompilieren. Nach Meinung von Beobachtern lässt sich das Aroma von Safranskis Heidegger-Biographie zwischen den Zeilen deutlich schmecken. Nun formen die 402 Seiten Text ohne Frage ein erfolgreiches Buch. Doch dies wäre kaum der Fall gewesen, hätte der Autor vier kleinere Werke à 100 Seiten über die vier Protagonisten einzeln verfasst. Der Zauber des Werkes besteht in der realen und virtuellen Vernetzung seiner Figuren – angereichert mit zahllosen biographischen Anekdoten, die auch das Liebesleben umfassen.

Was ist nun von „Zeit der Zauberer“ zu halten? Kann ich eine Empfehlung aussprechen? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Hängt es doch ab von dem Eigentlichen, das der potentielle Leser sucht sowie von seiner Erwartungshaltung.

Mein Doktorvater hat mir einst eine einfache Methode erklärt, einen wissenschaftlichen Aufsatz oder ein Buch in wenigen Sekunden zu erfassen. Man beginne die Lektüre schlicht und ergreifend mit der Durchsicht des Literaturverzeichnisses. Auf welchem Grund steht der Autor? Heute reicht schon ein Blick auf Wikipedia. Wolfram Eilenberger ist gelernter Kulturphilosoph. Wo Kulturphilosophie draufsteht, ist auch Kulturphilosophie drin. Deshalb ist auch die Enttäuschung, die bei einigen Rezensenten zum Ausdruck kommt und sich auf die mangelnde philosophische Tiefe des Werkes bezieht, unbegründet. Gerade in Bezug auf Wittgenstein und Heidegger ist und war von „Zeit der Zauberer“ kein Erkenntnisfortschritt zu erwarten.

Doch umso mehr gelang Eilenberger die Darstellung von Leben und Werk bei Benjamin und Cassirer. Bei der Darstellung Benjamins beeindrucken das Einfühlungsvermögen und die kulturelle Einordnung. Bei Cassirer begeistern die Geschichten rund um Aby Warburgs kulturwissenschaftliche Bibliothek. Allein diese beiden Aspekte reichen bereits für eine Empfehlung. In unserer Zeit bewegen die Schilderungen der subtilen Diskriminierung des jüdischen Ehepaars Cassirer in den 20er Jahren besonders. Immanuel Kants geistiger Enkel wurde 1933 aus Deutschland vertrieben und kehrte nie wieder zurück. Mit dem Ausblick auf den weiteren Werdegang der vier Männer auf der Suche nach dem Eigentlichen verlassen wir die „Zeit der Zauberer“ und sind Wolfram Eilenberger für neue Einsichten dankbar.

Betrachten wir das Werk als Kunstwerk und setzen Benjamins Kunsttheorie um, dann bedeutet die Rezeption eines Werkes stets, dieses auch nachzubilden. Lasst uns also in Gedanken selbst ein Buch über das große Jahrzehnt der Philosophie schreiben. Wo fehlt etwas? Wo würde unsere eigene Handschrift ansetzen?

Ich würde einige biographische Episoden zugunsten einer Tiefenanalyse kürzen. Wie kann man Heidegger verstehen, ohne einen Blick auf Nietzsche und Hölderlin zu werfen? Was ist Cassirer ohne Kant? Konkret wäre Nietzsche in der Zeit zwischen 1880 und 1882 zu erfassen – der Autor der Fröhlichen Wissenschaft. Noch weit von geistiger Umnachtung entfernt und gleichzeitig von Schopenhauer emanzipiert, entwickelt hier Nietzsche ein philosophisches Hauptwerk (das vielfach irrtümlich als aphoristische Sammelsurium missverstanden wird). Hier findet sich auch ein Schlüssel zum Verständnis Wittgensteins. Bei Cassirer reicht die philosophische Nabelschnur ins 18. Jahrhundert zurück und gibt ihm – stabil wie ein Stahlseil – Rückhalt für eine souveräne und widerspruchsfreie Philosophie. Dass er auch als einziger der vier Probanden eine glückliche Ehe führte, zeigt, dass der ehemalige Rektor der Universität Hamburg offenbar das Eigentliche gefunden hatte.

 

 

 

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