Monatsarchiv: Oktober 2012

Die unglückliche Liebesgeschichte der Welt

Ein Plädoyer für die Auseinandersetzung mit Hegel

Es ist nicht leicht ein Gott zu sein. Das haben Arkadi und Boris Strugazki gezeigt. Es ist aber auch keineswegs leicht, eine Welt zu sein. Besonders wenn es um die Liebe gibt.

Damit ist allerdings nicht die Liebe auf der Erde gemeint. Die Welt wird bewohnt von Wesen der Gattung Homo oeconomicus, die zunehmend als Interessenvertreter agieren. Durch diesen Seinsmodus stumpft die Fähigkeit zur Liebe sukzessive ab. Aber der Welt kann es letztlich egal sein, ob und wie auf ihr geliebt wird. Die Frage lautet nun: Wer liebt die Welt?

Damit ist eine unbedingte, verzehrende Liebe zur Welt gemeint. Ich assoziiere zwei Menschen, die diesen Seinsmodus annähernd erfüllt haben: den Theosophen Jakob Böhme und den Philosophen Giordano Bruno. Bruno allerdings hatte ein Faible für Satire und in seiner Schrift „Die Vertreibung der triumphierenden Bestie“ von 1584 schildert er Jesus als unbeholfenen Betrüger. Jesus wurde zwar nicht namentlich genannt, aber für die Kirche war die Zuordnung klar. Dies brachte ihm eine herbe Randbedingung ein: Je nach der Tageszeit, der verwendeten Holzart, der Windstärke und dessen Richtung konnten Scheiterhaufen eine Hitze von 900-1000°C erreichen.

So verlor die Welt also einen ihrer größten Liebhaber.

Jahrhunderte später setzt sich ein gewisser Herr Hegel in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes das folgende Ziel:

„Daran mitzuarbeiten, daß die Philosophie der Form der Wissenschaft näherkomme – dem Ziele, ihren Namen der Liebe zum Wissen ablegen zu können und wirkliches Wissen zu sein -, ist es, was ich mir vorgesetzt.“

Das Verständnis von Philosophie als Liebe zur Weisheit ist Gemeinplatz. Dabei handelt es sich aber nicht selten um Eigenliebe, gekoppelt mit dem Bedürfnis in einem philosophischen Salon gepflegt Konversation betreiben zu können. Bonmots sammeln und Allgemeinplätzchen wahllos mit den Namen berühmter Philosophen verknüpfen können. Philosophie-Foren im Internet sind diesbezüglich sehr zeigefreudig.

Hegel negiert diese Liebe und schichtet seine Energie für die unmittelbare Begegnung mit seinem Untersuchungsgegenstand um. Damit wird alles zu Philosophie. Vom Grashalm auf der Wiese bis zur Politik: alles tritt in Wechselwirkung mit dem Weltliebhaber Hegel. Würde heute noch so eine Gestalt existieren, wie würde sie auf unsere zahllosen komplexen Ereignisse reagieren?

Vielleicht so:

Griechenland-Krise? Logos! Her damit!

Sars-Viren? Logos! Her damit!

Higgs-Bosonen? Logos! Her damit!

Uns fällt es heute schon schwer, längere Enzyklopädie-Artikel zu lesen bzw. selbst mal einen einzelnen Artikel zu schreiben. Der Weltliebhaber aber kann nicht anders: Er muss eine Enzyklopädie schreiben. All-umfassend! Die einzelnen Artikel sind nicht für einen Setzkasten zum Verstauben gedacht, sondern Teile eines organischen Ganzen. Jedes Itzelchen Welt wird innig geliebt.

Wahnsinn!

Hegel sprach explizit von der Wissenschaft. In seinen Schriften kommen dementsprechend auch unzählige naturwissenschaftliche Beispiele vor, vom Magnetismus bis zur Astronomie. So sollte man eigentlich erwarten, dass die Wissenschaft voll des Lobes für Hegels Werk ist.

Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Stellvertretend ein Zitat von Karl Raimund Popper aus „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“:

„Für einen logischen Hexenmeister wie ihn war es ein Kinderspiel, mit Hilfe seiner zauberkräftigen Dialektik wirkliche, physische Kaninchen aus rein metaphysischen Zylindern herauszuholen.“

Mit einem Wort: Popper betrachtet fast alles, was Hegel geschrieben hat als sinnlosen (aber gefährlichen) Quatsch. Auch in Arthur Schopenhauer hatte Hegel einen erbitterten Gegner: „Hegel… ein platter, geistloser, ekelhaft-widriger und unwissender Scharlatan.“.

Die Wirkung dieser Verdammung Hegels ist nicht zu unterschätzen. Die Zahl der Naturwissenschaftler, die sich ernsthaft mit Hegel beschäftigen, liegt nahe bei Null.

Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn Hegel den Grundmodus des Denkens ausleuchten wollte? Müssen wir bierernst jedes Wort auf die Goldwaage legen? Warum können wir die Phänomenologie des Geistes nicht lesen wie einen Roman? Warum können wir die Wissenschaft der Logik nicht als bemerkenswertes Experiment betrachten?

In den Kapiteln „Negation und Impertinenz“ und „Dasein und Dualraum“ habe ich ansatzweise darauf hingedeutet, dass Hegel Strukturen von Cusanus, Spinoza, Böhme und anderen übernommen hat. Hier gibt es durchaus Berührungspunkte mit einem meta-mathematischen Diskurs.

Vielleicht könnte die Naturwissenschaft mal darin pausieren, Hegel zu hassen und sich in bedingungsloser Liebe zur Welt üben. Vielleicht gibt es ja doch noch ein Happy End.

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Jenseits der Satire: Was ist das Neue in der Debatte zum freien Willen?

Das letzte Blogpost hat eine Reihe von Reaktionen ausgelöst. Für mich eher unerwartet war eine Déja-vu-Reaktion: ein Reflex an eine sinn-entleerte Pseudo-Debatte, ausgelöst unter anderem durch Beiträge in der F.A.Z.

Umso mehr scheint es mir erforderlich, klare Positionen zu beziehen.

1. Meine Meinung zur bisherigen Debatte der letzten Jahre:

Wenn es ein Paralleluniversum ohne Roth, Singer & Co gibt, dann nehme ich den erstbesten Last-Minute-Flug dorthin.

2. Willensfreiheit und Determinismus

Von Willensfreiheit zu sprechen und gleichzeitig am Determinismus festhalten, das wäre intellektuell arm. Das wäre in etwa so, als würde man sich im gelb-schwarzen Trikot in die Nordkurve auf Schalke stellen.

Was ist nun das Neue unter der Sonne der Willensfreiheit?

A. Neue Befunde der Neurowissenschaften

Hier gab es in den letzten zwei Jahren substantielle Erfolge: Mehr und mehr gelingt es, das Gehirn bei seiner Entscheidungsfindung zu beoabachten. Ein hochgradig intelligibles Unterbewusstsein kommt hier zum Vorschein. Diese neuen Experimente stellen den ohnehin fragwürdigen Libet-Versuch in den Schatten. Offenbar machen einzelne Areale unserer Großhirnrinde (insbesondere gyrus angularis und insula) unsere Entscheidungsfindung sichtbar. Das ist neu und – soweit man den Publikationen entnehmen kann – signifikant. Philosophen und Soziologen sollten diese neuen Entwicklungen nicht ignorieren.

B. Qualitative Momente der Willensfreiheit

Milan Scheidegger hat drei konstitutive Momente der Willensfreiheit benannt. Erst durch so eine Differenzierung kann meines Erachtens die Debatte zum freien Willen an Qualität gewinnen.

Das Neue in der Debatte ist die Identifikation des Moments des freien Willens, das am stärksten durch die jüngsten Erfolge der Neurowissenschaft in Frage gestellt wird: die Urheberschaft.

Die Sedimente eines Ozeans bilden die Vergangenheit eines prallen Lebens ab: Seesterne, Muscheln etc. in ihrem selbstreferentiellen positivistischem Tun nur durch Lebenszeit begrenzt. Offenbar nimmt das, was wir bisher nebulös als Unterbewusstsein bezeichnen, diese Sedimentgestalt an. Das Unterbewusste – abgerufen in diversen Bereichen unserer Großhirnrinde, ist die sedimentierte Erfahrungssumme aus frei gewonnenen Entscheidungen.

Dort, wo unser Gehirn determiniert ist, handelt es gemäß der Sedimente, die wir einst frei und höchstselbst angelegt haben.

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Freiheit: Das war’s. Die Neurowissenschaften fordern ihr erstes Opfer.

Eine Satire. Oder auch nicht.

Wenn Sie sich von Ihrem Selbstbild lösen, können Sie frei entscheiden, als täten Sie es zum ersten Mal.“
(Deepak Chopra, Das Buch der Geheimnisse)

Dieses Blogpost ist für Personen unter 18 Jahren nicht geeignet. Für Personen ab 18 Jahren ist die Lektüre ebenfalls nicht zu empfehlen, da sie in der hohen Meinung von sich selbst irre gemacht werden könnten.

Vieles wäre einfacher und unbefangener, wenn ich ein Orang Utan, ein Meerschweinchen oder eine Honigbiene wäre. Als Tier – mit einem Ereignishorizont aus Verstand und Empathie ausgestattet – muss man nicht so viel nachdenken. Vor allem hat man als Tier keine unbequemen Wahrheiten zu vermitteln.

Menschen sind komplizierter und ambivalenter. Während die Polkappen abschmelzen, baden wir im Zivilisationsstolz. Unsere persönliche Monstranz ist der freie Wille.Unser freier Wille ist konstituierend, wenn wir uns selbst auf die Schulter Klopfen und sagen: „Ich habe dies geleistet…“. Dieses Ich des freien Willens ist es, das uns die Anerkennung unserer Freunde einbringt. Dieses Ich des freien Willens macht uns zum Subjekt. Also eigentlich keine Frage: der freie Wille gehört so sehr zu unserem Menschsein, dass wir uns eine Existenz ohne freien Willen gar nicht ausmalen wollen.

Ach. Alles könnte so schön sein.

Ist es aber nicht. Kein freier Wille. Aus die Maus und Schluss mit lustig.

Mehrheitlich sind Menschen ja durchaus optimistisch. Würde man eine Umfrage durchführen, was uns denn im 21. Jahrhundert erwartet, so käme so manche Phantasie zwischen Zuckerwatte und gratis-Pay-TV ans Tageslicht. Vielleicht sollten wir aber auch ab und an den worst case bedenken. Was sind die drei schlimmsten Nachrichten, die die Menschheit im 21. Jahrhundert erwarten?

Schlimm wäre zum Beispiel, wenn Außerirdische die Erde besiedeln und Bundesliga-Fußball verbieten. Jeder hat da wohl seinen persönlichen worst case im Kopf. Aber auf einen Nenner gebracht: Richtig schlimm wäre eine Nachricht, die die conditio humana in Frage stellt. Etwa wenn demnächst in der tagesschau verkündet wird: „Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der neuronalen Entwicklung hat festgestellt, dass der freie Wille auf einer Täuschung beruht. Die Bundesregierung ruft die Bevölkerung auf, künftig gemäß der conditio robotics zu handeln.“

Ein seiner Seele beraubtes, willenloses Wesen bezeichnet man auch als Zombie. Es fragt sich als mit Nachdruck, ob unsere Gesellschaft darauf vorbereitet ist, ein Gefüge aus Zombies zu sein. Das Strafrecht könnte sich drastisch vereinfachen, ansonsten würden die gewohnten Tagesabläufe wohl ins Wanken geraten.

Leider gibt es deutliche Hinweise, dass wir nur sehr schlecht auf ein Dasein als Zombie vorbereitet sind. Kürzlich ist Filmmaterial aus dem letzten Jahrtausend aufgetaucht, das auf grauenvolle Art soziales Scheitern vor Augen führt. Zart besaitete Seelen sollten auf die Konfrontation mit diesem Experiment verzichten und das Video einfach überspringen.

Wir sehen also, dass die Menschen in keinster Weise auf den Umgang mit willenlosen Wesen vorbereitet sind. Eine Reaktion wäre der Konsum von Alkohol (Vermeidungs- und Fluchtreaktion). Richtig diagnostiziert wurde der Verlust von Spannung und Sinn (Entwertungsgefühl).

Ausgelöst wurde die Debatte um den freien Willen durch ein Experiment von Benjamin Libet.

Libet hat bei Probanden, die eine Taste drücken sollten, die Reaktionen des Gehirns aufgezeichnet. Durch glückliche Umstände verfügen wir über illustratives Filmmaterial zum Libet-Experiment. Mehr als 10.000 Neuronen haben sich Ritterrüstungen angezogen, um den Versuch nachzuspielen (ggf. auf youtube wechseln):

Wir sehen hier eindeutig, wie sich zwei Minuten vor dem Angriff Bereitschaftspotential aufbaut. Wurde also die Entscheidung zum Angriff deshalb schon zwei Minuten vor dem Befehl getroffen? Nun das Bereitschaftspotential wurde erst mit dem Abklopfen der Lanzen komplett aktiviert (synchronisiert). Und: Bis zum Schluss hätte der Befehlshaber noch ein Veto einlegen können. Dies ist übrigens auch die Sicht von Benjamin Libet, der selbst den Glauben an den freien Willen nicht aufgeben wollte.

Die gängige Interpretation ist allerdings, dass die Messung von Bereitschaftspotential 350 Millisekunden vor der bewussten Intention das Konzept des freien Willens in Frage stellt.

Nun haben wir im Neuromarketing-Blog eine Reihe von Experimenten kennengelernt, die weit über den Libet-Versuch hinausgehen. Offenbar gibt es Gehirnregionen (u.a. gyrus angularis und insula), die wichtige Entscheidungen vorbereiten, ohne dass wir dies bewusst reflektieren. Die im  Neuromarketing-Blog geschilderte Nichtraucher-Kampagne wäre hier zu nennen.

Insofern gibt es seriöse Belege dafür, dass wir nicht immer Herr über unsere Entscheidungsfindung sind. Was bedeutet das nun für den freien Willen?

Eine schöne Übersicht zur Problematik liefert das Paper  „Willensfreiheit und Determinismus“ von Milan Scheidegger.

Ich stimme keineswegs mit allen Positionen dieses Papers überein, stütze mich aber gerne auf den Definitionsteil.

Die Willensfreiheit zeichnet sich durch drei Komponenten aus:

Willensfreiheit := {Intelligibilität, Urheberschaft, alternative Möglichkeiten}.

Wenn nun bestimmte Bereiche bei der Entscheidungsfindung unbewusst agieren, kann dies trotzdem intelligibel sein. Offenbar gerät die Urheberschaft ins Wanken.

Also: Die Maximalposition des freien Willens ist angesichts der Ergebnisflut der Neurowissenschaften auf Dauer nicht zu halten. Dennoch verbleibt uns noch eine reduzierte Willensfreiheit:

Willensfreiheit_reduziert := {Intelligibilität, alternative Möglichkeiten}.

Wir können uns nun im Sinne von Chopra zunächst einmal vom alten Selbstbild lösen. Eine Kompensation für den Verlust der (vollständigen) Urheberschaft könnte soziale Interaktion sein. Dort wo gyrus angularis und insula schweigen, bezieht unser Bewusstsein das Handlungsfeedback über unsere soziale Umwelt. Und in diesem Sinne würden wir dann tatsächlich zum ersten Mal frei entscheiden. Als soziale Wesen, nicht als Zombies.

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Dasein und Dualraum

Wenn man sich einen Spickzettel mit den wichtigsten Leitsätzen des Lebens zusammenstellt, sollte Spinozas Omnis determinatio est negatio darauf nicht fehlen. Hegel hat auf diesen Satz aufbauend einen inflationären Kosmos geschaffen, der keine Gefangenen macht. Religion, Naturwissenschaft, Anthropologie – alles wird genussvoll verzehrt. Da nutzt es der Physik auch nicht viel, einen Schutzraum aufzusuchen. Hegels Philosophie gleicht der überbordenden, ausufernden Elbe, die selbst die altehrwürdige Semperoper flutet. Natürlich kann die Semperoper behaupten: „Ich interessiere mich nicht für die Elbe.“ Doch im Sinne von Heideggers inter esse steht die Semperoper zeitweilig inmitten der Elbe. Also hat es auch die Physik zu interessieren, was eigentlich in der Wissenschaft der Logik steckt.

Für den weiteren Verlauf unserer Überlegungen müssen wir kurz folgendes verinnerlichen: Die Philosophie ist kein Ponyhof und die Physik ist kein Kindergeburtstag. Oder – wie Ernst Bloch so schön formulierte: „Wie es eine Kriegsgeschichte des menschlichen Herzens gibt, und eine, die nicht mit der Schlafmütze bestanden wird, so verlangt auch der Gedanke Tapferkeit, um erfahren zu werden.“

Wir benötigen als Vermittlung zwischen Philosophie und Physik ein klein wenig Mathematik. Wir machen es so anschaulich und kurz wie möglich.

Kehren wir erneut zum Universum des Kleinkinds zurück:

X= { Breischüssel, Mama, Stofftierhase,Schnuller}.

Wir betrachten zunächst den Begriff der Dimension. Wenn wir den Zustand des Kindes beschreiben – etwa: „Das Kind möchte den Schnuller“ – dann sehen wir vier unabhängige Entitäten (Freiheitsgrade). Wir können diesen Entitäten feste Nummern zuordnen: 1 = Breischüssel, 2 = Mama , 3 = Stofftierhase und 4 = Schnuller.

Die Wünsche des Kindes codieren wir ebenfalls mit Zahlen. „1“ bedeutet, dass das Kind eine bestimmte Entität wünscht, „0“ bedeutet: kein Interesse.

Damit können wir eine neue Schreibweise für den Zustand des Kindes festlegen:

|v> = (0,0,1,1)

Dieses Objekt nennt sich nun Zustandsvektor und sagt aus, dass das Kind den Stofftierhasen und den Schnuller wünscht.

Aus Sicht der Eltern geht es darum herauszufinden, was das Kind will. Die Fragen der Eltern beziehen sich auf das Universum X des Kindes und damit auf die gleichen Entitäten und Dimensionen. Die Frage „Möchtest Du den Stofftierhasen?“ würde in Vektorschreibweise lauten:

           (0)
           (0)
<u| =  (1)
           (0)

Ein Physiker würde nun kalt davon sprechen, dass die Eltern an dem Kind eine Messung durchgeführt haben. Zur Unterscheidung von Zustand und Messung schreibt man jeweils den einen Vektor vertikal und den anderen horizontal.

Für die Messung betrachtet man das Produkt <u| * |v> bzw. kurz <u|v>.

Dazu werden nun der Reihe nach die Zellen der Vektoren paarweise multipliziert, also:

<u|v> = 0 * 0 + 0 * 0 + 1 * 1 + 0 * 1 = 1.

Das Ergebnis 1 bedeutet nun für die Eltern: Ja, das Kind will den Stofftierhasen.

Offenbar beziehen sich Zustand und Messung, u und v, auf das gleiche Universum und sind symmetrisch angelegt. In der Mathematik spricht man auch von Raum und Dualraum. Der Dualraum ist also der Raum der Messoperatoren, mit denen eine Projektion durchgeführt wird.

Mitfühlende Leser werden jetzt vielleicht sagen: Moment mal, das Kind wollte doch zusätzlich auch den Schnuller. Nun, dazu hätten wir einen anderen Vektor |u> ansetzen müssen. Jede Messung ist immer auch eine Hypothese.

Wie kehren nun zur Wissenschaft der Logik zurück.
Im zweiten Kapitel der Lehre vom Sein geht um das Dasein. Im Abschnitt B lesen wir:

„Etwas und Anderes; sie sind zunächst gleichgültig gegeneinander; ein Anderes ist auch unmittelbar Daseiendes, ein Etwas; die Negation fällt so außer beiden. Etwas ist an sich gegen sein Sein-für-Anderes.“

Wir assoziieren nun mit der Bestimmung aus Omnis determinatio est negatio unsere Messung. Folgende Lesehilfe:

Etwas = Stofftierhase

Anderes = Schnuller, Mama und Breischüssel

Etwas an sich = der gemessene, reelle Stofftierhase

Sein-für-Anderes = der noch unbestimmte Stofftierhase vor der Messung.

Negation: der Messoperator <u|

Jetzt können wir neu formulieren: Das Sein-für-Anderes bezieht sich nur auf den Dualraum und ist in Bezug auf den Raum transzendent. Und an anderer Stelle, wenn Hegel vom äußerlichen Monstrieren spricht, denken wir an die fragenden Eltern. Sie monstrieren den Schnuller im Gesichtsfeld des Kleinkinds – d.h. sie führen eine erneute Messung mit einem veränderten Vektor <u| durch.

Offenbar gibt es eine Isomorphie zwischen Figuren in Hegels Logik und dem fundamentalen Apparat der Quantenmechanik. Ein wenig bildet sich dies auch in der Sprache ab, etwa wenn die Quantenphysik von Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren spricht.

Wir fassen diesen Abschnitt wie folgt zusammen:

Philosophie:

Omnis determinatio est negatio.

Quantenphysik:

Keine Messung ohne Operator.

Diese Betrachtung soll folgendes zeigen: Auch für die Physik kann es lohnend sein, die logischen Strukturen des alltäglich genutzten Kalküls zu hinterfragen. Denn wenn die Physik einmal in eine Sackgasse gerät, könnte es sich dabei um ein rein logisches Problem handeln.

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Negation und Impertinenz

Es gibt wohl keinen schöneren Einstieg in das Thema Impertinenz als die Lektüre der Zeitung für die elegante Welt (Ausgabe vom Dienstag, 18. Dezember 1804)

1. Definition

„Das Wort Impertinenz ist, wie viele andere, bei weitem nicht so schlimm als es aussieht, und als es der Schnak des sogenannten guten Tons gemacht hat: es heißt etymologisch weiter nichts als eine Sache, die nicht an ihrem rechten Orte steht.“

2. Anschauliches Beispiel

„Sehr ärgerlich kann die Impertinenz werden, wenn sie mit einem reichen Erben auf dem Fußsteige der Chaussee reitet. Da die Polizei gewöhnlich sehr wenig gehörige Notiz von dieser Ungebühr zu nehmen pflegt, so ist das pertinenteste, immer einen tüchtigen Knotenstock zu führen, um sein einfaches Knochensystem gegen das zusammengesetzte dieser Impertinenz zu sichern.“

3. Impliztites Beispiel

„Gelehrte Impertinenz ist etwas mehr als Pedanterei. Letztere ist meistens sehr gutmüthig; erstere fast immer nur ein frivoler Anspruch des innern Juckens in einem halbgebildeten Gehirn, das übelgesammlte Galimathias aus Plato, Aristoteles und Konsorten Leuten aufzutischen, die es entweder nicht brauchen können, oder es besser wissen.“

So manches, was die elegante Welt vor 208 Jahren verärgerte, finden wir heute als Variation vor. Sei es ein Sportcoupe, das stolz an der Terrasse eines Eiscafés vorbeifährt und den Bürgersteig streift oder seien es die allseits beliebten Trolle im Internet. Der Leser der eleganten Welt hat nun aber a priori eine feste Meinung, wer und was sich auf dem Bürgersteig aufhalten darf und wann und wie er mit Textfragmenten von Aristoteles konfrontiert werden möchte. Unser Weltbild gibt die Regeln für Pertinenz und Impertinenz vor.

Und wie ist es heute? So vieles hat seinen angestammten Platz. Frau Merkel sitzt im Kanzleramt, vorm Haus steht ein Starkstrommast und der FC Bayern München führt die Tabelle der Bundesliga an. Zwei verschiedene Personen werden nun mitunter verschiedener Ansicht sein, welche der drei genannten Entitäten impertinent ist. Und ein gesellschaftlicher Diskurs kann den einen oder anderen Wandel herbeiführen. So würde heute ein Atomkraftwerk wohl mehrheitlich als impertinent betrachtet.

Und doch: Morgen sitzt Frau Merkel im Kanzleramt, vor dem Haus steht ein Starkstrommast und der FC Bayern München steht an der Spitze der Bundesliga. Ja nach Standpunkt wird uns dann Pertinenz beglücken oder wir leiden unter Impertinenz. Wenn sich nun die Umstände nicht über Nacht geändert haben, so können wir doch der Ursache für Pertinenz und Impertinenz nachspüren. Wir können das Weltbild in unserem Kopf hinterfragen und über unsere Entfremdung sinnieren und eine Versöhnung mit der Wirklichkeit anstreben. Dazu müssen wir uns über uns selbst klar werden und der Devise folgen: Erkenne dich selbst!

Wir nähern uns hier den Kerngedanken Hegels. Ernst Bloch hat sich in „Subjekt – Objekt“ intensiv mit Hegel beschäftigt. Zur Selbsterkenntnis gehört die Sichtbarmachung der Subjekt-Objekt-Vermittlung in den Prozeduren unseres Geistes. Worte können nicht einfach als taken for granted betrachtet werden. Vielmehr soll das Logos des Johannesevangeliums einen Ausweis namens Ratio bei sich tragen. Keine Selbsterkenntnis ohne eine Wissenschaft der Logik (vergleiche Bloch, Subjekt – Objekt, Kapitel 5).

Das Versprechen lautet also: Lest und versteht die Wissenschaft der Logik und ihr werdet auch die Mechanismen hinter Pertinenz und Impertinenz verstehen. Was hat Hegel Zeile für Zeile im Sinn gehabt? Nun gibt es ein Problem. Hegel konstatierte selbst: „Was in meinen Büchern von mir ist, ist falsch.“.

Das wirft uns allerdings zurück. Bei einem Kunstwerk möchte man möglichst viel über den Künstler erfahren, um die Idee hinter dem Kunstwerk zu verstehen. Herr Hegel möchte nun aber, dass wir Herrn Hegel ausklammern. Damit ist wohl gemeint, dass Euklids Mathematik auch nicht davon abhängt, welches Mittagessen Herr Euklid bevorzugt hat. Euklids Werk spricht für sich.

Wenn wir Sekundärliteratur konsultieren – etwa Blochs Subjekt-Objekt, dann erfahren wir nur eine bestimmte Projektion von Hegel, sozusagen nur den Bloch-Hegel.

Ein weiterer Zugang besteht darin, dass wir danach fragen, aus welchen Quellen Hegel getrunken hat. Aus der erklärten Absicht heraus, Hegel vom sicheren Ufer mathematischer Logik aus betrachten zu wollen, sind hier vor allem Nicolaus Cusanus und Baruch de Spinoza zu nennen. Dies mag willkürlich erscheinen, wird aber zumindest als Leserichtung kundgetan. In der Gladiatorenarena der Hermeneutik mag man trefflich darüber streiten, was denn nun die „richtige“ Interpretation einer bestimmten Textstelle sei. Wir verstecken unsere Subjektivität nicht, sondern machen sie offenbar.

Wie viele hermeneutische Hegels sich zanken können. Der Bloch-Hegel, der die vermeintliche Bourgeoisie eines Heidegger oder Sartre ausblendet. Der Karl-Popper-hasst-Hegel-Hegel, der bis zum heutigen Tage Naturwissenschaftler von der Beschäftigung mit Hegel fernhält. Der Marx-Hegel-umgekert-Hegel und so weiter und so fort. All diese Hegel-Gestalten würden sich wechselseitig kaum erkennen, selbst wenn sie dicht gedrängt in der Berliner S-Bahn säßen.

Vor diesem Hintergrund können wir prinzipiell nicht über den Hegel referieren. Befreien wir unseren Kopf davon und nennen unseren Untersuchungsgegenstand einfach mal Schlumpf. Wir definieren Schlumpf wie folgt:

Schlumpf := {Hegel | Spinoza /\ Cusanus}

Diese mathematische Notion meint: Wir interessieren uns für den Nexus aus dem Werk Hegels, der insbesondere konzeptionelle Schnittmengen von Spinoza und Cusanus aufgreift und weiterentwickelt. Haben wir diese Projektion erst fixiert, können wir den Untersuchungsgegenstand wieder Hegel nennen.

Was hat Hegel nun von Spinoza übernommen? Nichts weniger als einen Satz, der von „unendlicher Wichtigkeit“ sei:

Omnis determinatio est negatio.

Jede Bestimmung ist eine Negation. Mit diesem Diktum erweitern wir nun unsere Betrachtung aus dem Beitrag Metapher und Monstranz.

Erneut betrachten wir die Welt eines Kleinkinds, das gerade noch nicht über Sprache verfügt. Das Universum des Kindes sei:

X= { Breischüssel, Mama, Stofftierhase,Schnuller}.

Das Kind will nun mit Bestimmtheit den Stofftierhasen. Das Kind quengelt und seine Mutter reicht ihm den Schnuller. Das Kind weint. Gescheiterte Deixis, der impertinente Schnuller wird in seine Schranken verwiesen. Schnuller wird nur als (NICHT Schnuller) verstanden. Das Kind will NICHT Schnuller, NICHT Breischüssel und auch NICHT Mama. Dadurch ist der Wunsch des Kindes eindeutig bestimmt.

Doch das Universum des Kindes wandelt sich. Nun gibt es drei Mengen:

X= { Breischüssel, Mama, Stofftierhase,Schnuller}.

Y= { Breischüssel, Mama, Schnuller}.

Z= { Stofftierhase}

und das Universum U={X,Y,Z}.

Y ist also für Z seine Bestimmung. Der Urtyp des Attributs ist hier die Abgrenzung. Es bildet sich ein relationales Gefüge aus – ein Netzwerk.

Dies ist aus Sicht der Neurowissenschaften recht eingängig. Wie bereits früher erwähnt, betrachten wir Konzepte als Entitäten, die in unserer Großhirnrinde in neuronalen Säulen gemapped sind. Nun verfügt das biologische neuronale Netzwerk über einen ausgefeilten Mechanismus aus erregenden und hemmenden Zellen. Wenn also die neuronale Repräsentation von „Stofftierhase“ aktiviert werden soll, dann muss gleichzeitig die Aktivierung von “ Schnuller“ unterdrückt werden. In mathematischen Modellen dieser neurosemantischen Karten, den neuronalen Netzwerken, konnten diese Mechanismen gut nachgebildet werden. Dabei wurde auch gezeigt, dass hemmende (sozusagen negierende) Neuronen absolut unentbehrlich für das Funktionieren des Netzwerks sind.

Wir folgern also:

Philosophie:

Omnis determinatio est negatio.

Neurowissenschaften:

Keine Repräsentation ohne Inhibition.

Man könnte noch hinzufügen: Nur in der Vernetzung konstituiert sich Bedeutung.

Offenbar sind mit (NICHT Stofftierhase) eine Reihe von Dingen assoziiert. Führen wir die Operation ein zweites Mal durch, erhalten wir nur:

NICHT (NICHT Stofftierhase) = Stofftierhase

Dem entspricht in der neurowissenschaftlichen Interpretation eine völlig isoliert feuernde synfire chain – ein einzelner Netzwerkknoten nur für sich ohne weitere Vernetzung.

Bei Hegel ist der Stofftierhase „ein Etwas, als die erste Negation der Negation, als einfache seiende Beziehung auf sich….Etwas gilt der Vorstellung mit Recht als Reelles.“ Die Deixis legt sich ins Tiefkühlfach.

Betrachten wir noch ein weiteres Beispiel, um die Beziehung zwischen Negation und Impertinenz vor Augen zu führen. Nehmen wir ein Universum aus Fußballvereinen:

U={FC Bayern München, FC Schalke 04, Borussia Dortmund}. Hier ist im Alltag schön zu beobachten, wie sich die Anhänger der Vereine durch Negation definieren. Für einen Anhänger von Schalke ist die Abneigung der gelb-schwarzen Vereinsfarben des Rivalen aus Dortmund fast so konstitutiv wie die eigenen Vereinsfarben. Die Vereine sind füreinander impertinent. Dies bildet beachtliche Reaktionsmuster, zum Beispiel, wenn der Name des Rivalen nicht genannt werden darf und Konstrukte wie Herne-West (für Schalke) und Lüdenscheid-Nord (für Dortmund) entstehen.

Wie verhalten sich Schalke (A) und Dortmund (B) nun philosophisch?

Dazu Hegel: „Wenn wir ein Dasein A nennen, das andere aber B, so ist zunächst B als das Andere bestimmt. Aber A ist ebenso sehr das andere des B. Beide sind auf gleiche Weise Andere. Um den Unterschied und das als affirmativ zu nehmende Etwas zu fixieren, dient das Dieses.“

Ontologisch gesehen sind Schalke und Dortmund Brüder, die sich wechselseitig konstituieren. Und dieser Gedanke lässt sich ausweiten auf unsere Mitmenschen mit Migrationshintergrund (was negiert diese Metapher?), auf alle erdenklichen Strömungen von Occupy Wallstreet bis Opus Dei.

Impertinenz ist eigentlich nur etwas für nicht aufgeklärte Menschen.

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Metapher und Monstranz

Hauptsache Metaphern

Wohl kaum ein Phänomen der Sprache ist gleichzeitig so nebensächlich und so hauptsächlich wie die Metapher. Nebensächlich, wenn wir von Stuhlbein, Angsthase und Bierbauch sprechen. Bedenklich wird es, sobald wir Asylantenflut, Döner-Morde, Herdprämie und Humankapital zum Gegenstand des Denkens werden lassen.

Zur Hauptsache wird es aber, wenn ein Lehrer davon spricht, er werde den „Schülern den Stoff eintrichtern.“ Hier wird ein Bild transportiert, das nicht im Einklang mit unserem Verständnis von moderner Pädagogik ist.
(siehe dazu: Metaphern des Lehrens und Lernens.)

Offenbar können Metaphern unseren Alltag unterschwellig beeinflussen. Es gibt aber auch Metaphern, die für eine ganze Institution konstitutiv sind – etwa der paulinische Begriff vom „Leib Christi“. Eine semitische Interpretation, die den „Leib Christi“ mit dem auserwählten Volk assoziiert, steht sofort im Widerspruch zum Versprechen des 1. Korintherbriefs, dass auch „Griechen, Knechte oder Freie“ zum „Leib“ gehören sollen (siehe dazu die Auslegung).

Auch Begriffe wie „Korruption“, die uns als seriös gekleidetes Wort daherkommen, führen ein Doppelleben als Metapher und unterspülen langsam und beharrlich unser moralisches Fundament (siehe dazu: Dirk Tänzler: Korruption als Metapher).

Wir merken also: Metaphern können unseren Alltag negativ beeinflussen und erhebliche Probleme verursachen. Wir benötigen eine Theorie der Metaphern, um besser mit den teils unbemerkten Störenfrieden unseres Denkens umgehen zu können.

Ursprung

Mein Interesse an der Metaphorik-Problematik wurde durch eine Diskussion mit @kusanowsky und @str0mgeist auf dem Blog Differentia befördert. Die Lektüre dieses Threads ist für das Verständnis der folgenden Ausarbeitung zu empfehlen.

Einstieg

Einen guten Überblick zum Stand der sozialwissenschaftlichen Metaphernanalyse gibt der Review Rekonstruktive und andere Metaphernanalysen von Rudolf Schmitt.
Zum Kanon der Metapherntheorien gehören u.a. Substitutionstheorien, Interaktionstheorien, semantische und pragmatische Theorien. Im Fokus dieses Blog stehen die Philosophie und die Neurowissenschaften. Daher ist unser nativer Zugang zum Thema die Variante einer kognitiv-philosophischen Metapherntheorie.

Neurosoziologie

Als neues Bindeglied zwischen Soziologie und Neurowissenschaften konstituiert sich gerade die Neurosoziologie.

Als Einführung in das Thema empfehle ich den Review-Artikel von Gábor Király: Who Gets on Your Nerves?.

Was ist nun das Besondere an der Neurosoziologie? Zunächst einmal muss man ganz klar sagen, dass die Neurowissenschaften noch sehr weit davon entfernt sind, den Diskurs der Sozialwissenschaftlichen auch nur annähernd zu flankieren. Wir sollten die Neurosoziologie als ein zartes Pflänzchen betrachten, das eine erste Knospe hervorbringt (Ach wie schön, dass es Metaphern gibt). Diese erste Knospe bezieht sich auf das Phänomen der Intersubjektivität und auf das Entstehen von Sprache.

Sehr lange hat man geglaubt, dass in unserem Gehirn sensorische und motorische Programme in verschiedenen Schubladen abgelegt sind. Die Theorie der Spiegelneuronen stützt sich auf neue experimentelle Belege, dass sensomotorische Schleifen wohl eher der Regelfall neuronaler Aktivität sind. Ein Kind, das einen neuen Text liest, geht häufig in den Modus des Sprechens über. Ein Affe, der beobachtet, wie ein anderer Affe eine Banane schält, aktiviert motorische Neuronen, obwohl er sich selbst ja nicht bewegt. Das Lernen durch Beobachten von Mitlebewesen ist offenbar Teil eines evolutionären Programms. Keine Kognition ohne soziale Interaktion. Somit ist die Theorie der Spiegelneuronen eine Antithese zu Kaspar Hauser (und das wäre dann wohl eine verunglückende Metapher).

Das eigentlich Bemerkenswerte an der Theorie der Spiegelneuronen ist, dass wir uns im vorsprachlichen Bereich bewegen und die Theorie nicht müde wird, allerhand kognitive Konzepte – bis hin zur Empathie – auf ihr Erklärungsmodell zu reduzieren. Lässt man mal die Tierversuche beiseite, so bleibt ein konzeptioneller Torso, der allerdings nichts Neues unter der Sonne darstellt. Bereits vor 45 Jahren hat Jean Piaget in Biologie und Erkenntnis den Prozess der sensomotorischen Assimilation formuliert. Offenbar muss man kurz den Aussichtsturm der Phänomenologie der Wissenschaft betreten, um die Lage zu sondieren. Die bildgebenden Verfahren der Neurowissenschaften sowie neue Methoden zur Messung der Aktivität einzelner Neuronen und ihre Auswertung (synfire chains) verleihen dem Forschungsgegenstand eine unmittelbare Faszination. Ein Bild sagt mehr als jede Theorie, könnte man meinen. In der Neuroökonomie ist schon seit etwa fünf Jahren zu beobachten, wie Ergebnisse der Neurowissenschaften als Gültigkeitsverweis für und zur Auffrischung von althergebrachten Theorieansätzen dienen. Radikaler Konstruktivismus und evolutionäre Erkenntnistheorie stehen am Bahnsteig bereit, um auf den bildgebenden Wissenschaftsreduktionismuszug aufzusteigen.

Philosophie – ein monströses Unterfangen

Durch die Neurowissenschaften inspiriert, entsteht für uns ein Bild des vorsprachlichen Denkens. Sprache wäre dann ein Interface für neuronale Assoziationsfelder, die Inhalt und Bedeutung ohne Referenz auf Sprache – mit einem Explosionskörper aus Immanenz und a priori versehen – konstituieren. Was ist dann Sprache? Wie entsteht dann Sprache? Diese Frage zu beantworten, läge der kritischen Philosophie sicher fern: Wer sich gerade eine Kur vom Ding an sich verschrieben hat, wird nicht bei nächster Gelegenheit in die Speichen des Bloch’schen Weltennetzes greifen. Aber auf den Alleszermalmer Kant folgte der Alleserklärer Hegel.

Könnte also Hegel – etwa mit der Wissenschaft der Logik – den Neurowissenschaften ein „Erklärungsmodell“ zur Entstehung von Sprache und Metaphern liefern?

Was die eigentliche Logik hinter Hegels Logik ist, das würde den Rahmen dieser Betrachtung sprengen. Wir wollen nur kurz das Hegelsche Weltvarieté betreten, um dort eine Metapher zu stehlen.

Die „Entstehung“ von Begriffen wird zweiten Teil der Subjektiven Logik, im Kapitel „Der Begriff“ abgehandelt. Im Abschnitt C „Das Einzelne“ erfahren wir:

Dieses ist das in sich reflektierte Eins für sich ohne Repulsion; … Dieses ist; es ist unmittelbar, es ist aber nur Dieses, insofern es monstriert wird. Das Monstrieren ist die reflektierende Bewegung, welche sich in sich zusammennimmt und die Unmittelbarkeit setzt, aber als ein Äußerliches.“

Das klingt wirr, komplex und abgehoben? Nun, für all diejenigen, die diese Art von Text und Diskurs nicht mögen, hat der der liebe Gott Florian Silbereisen erschaffen.

Die anderen dürfen weiterlesen.

Machen wir es konkret. Stellen wir uns ein Kleinkind vor, das Sprache erlernt. Hier können wir ganz unmittelbar an die Konzepte von Piaget anknüpfen.

Das Universum X des Kleinkinds laute: X= { Breischüssel, Mama, Stofftierhase}. Das Kind zeigt auf die drei Entitäten und sagt: „…da…. da….da…“.

Aus Sicht der Neurowissenschaften bildet das Kleinkind eine interne Repräsentation seiner Außenwelt. Der Stofftierhase wird durch eine neuronale Assembly repräsentiert, etwa 20.000 cortikale Zellen, die gemeinsame Schwingungsmuster ausbilden. Die drei Entitäten der Au0ßenwelt werden also auf verschiedene cortikale Säulen gemapped. Nehmen wir noch die deiktische Sprachtheorie hinzu, so können wir also den Vortrag „…da…. da….da…“ des Kleinkinds wie folgt übersetzen: „Liebe Eltern, ich habe soeben das Konzept ‚Breischüssel‘ in Säule x gemapped, das Konzept ‚Mama‘ in Säule y, etc.“.

Konzeptionell kann es wohl kein Zufall sein, dass die Begriffe Metapher, monstrieren und Deixis allesamt eine Bewegungsmetapher als Batterie tragen.

Wir kommen nun zu folgender These:

Jeder Begriff war ursprünglich eine Metapher.

 Mit diesem Bild des monstrierens und der deiktischen Sprachtheorie im Rücken erscheinen Hegels Ausführungen ein ganzes Stück vertrauter.

Für unser Kleinkind wird die Breischüssel zur Monstranz.

Monstranz als tötende Metapher

Für den Verlauf unserer Betrachtung ist es ein Glücksfall, dass jüngst eine systemtheoretische Betrachtung der Monstranz vorgelegt wurde. Die Betrachtungen von Prof. Dr. Johann Evangelist Hafner
Monstranz – Gott zeigen sind ein erfreuliches Paradebeispiel für eine interdisziplinäre Betrachtung.

Welche Funktion hat nun die Monstranz? Laut Hafner leistet die Monstranz „einen Latenzschutz durch Hantieren mit nichtnegierbaren Zeichen.“ Ohne diese Funktion „zerfiele die Anbetung in Diskurs, der Gottesdienst in Theologie.“

Und weiter:

„Die Hostie wird gezeigt als nichtnegierbares Zeichen, das die Einheit der Differenz der Unterscheidung symbolisiert, also nicht in der Unterscheidung vorkommt und explizierbar wäre, sondern latent fungiert. Das beobachtbare Hantieren mit diesem Zeichen ist das Zeigen der Monstranz. Das ist der blinde Fleck. Das ist der Sinn von Fronleichnam.“

Damit endet unsere eigentliche Betrachtung. Metapher und Monstranz als Stiefbrüder entlarvt, ihr Schadpotential jedoch keinesfalls eliminiert.

Assoziativer Ausklang am Diskursende

In einem Text über Metaphern wollen wir uns am Ende das freie Assoziieren (neudeutsch Brainstorming) erlauben. Könnte man die Monstranz auch als gefrorene Deixis verstehen? Gewöhnlich steht die Monstranz auf einem Altar und fixiert eine Zeigerichtung. Ist dies das eigentlich schlechte an toten Metaphern? Wenn Asylantenflut, Döner-Morde, Herdprämie und Humankapital allesamt Monstranz sind, dann macht uns das über kurz oder lang womöglich auch zu (sprachlichen) Monstern. Und dies nicht nur aus Sicht der Gesellschaft für Deutsche Sprache.

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