Monatsarchiv: November 2012

Hölle und Quantenphysik

Jean-Paul Sartre hat mit dem Drama „Geschlossene Gesellschaft“ (frz. Huis clos) seine philosophische Sicht der Hölle vorgelegt. Berühmt ist und bleibt das Zitat: „Die Hölle, das sind die anderen.
Zum Verständnis der nachfolgenden Überlegungen ist zu empfehlen, entweder die Verfilmung zu betrachten oder die Zusammenfassung bei Wikipedia zu lesen.

Wir haben es also mit zwei Frauen und einem Mann zu tun, die für alle Ewigkeit in einen Raum eingesperrt sind. Zum Leidwesen der lesbischen Inès Serrano entwickelt sich zwischen Joseph Garcin und Estelle Rigault eine Affäre.

Für diese Art von Dilemma hat die Quantenphysik den Begriff der Frustration geprägt. In der Physik gibt es eine Reihe von Eigenschaften, die man mit einer Richtungsangabe assoziiert. Objekte mit einen Drehimpuls (etwa Elektronen und Atomkerne) können sich entweder im Uhrzeigersinn oder entgegengesetzt drehen. Dies wird durch einen Pfeil nach oben oder unten gekennzeichnet.
Nun gibt es Materialien, bei denen sich die Drehimpulse antiparallel ausrichten: Zeigt der Pfeil von Atom x nach oben, sollten die Pfeile Nachbarn nach unten zeigen, um einen Optimalzustand zu erreichen.
Hat man ein physikalisches System aus drei Teilchen, wobei ein Paar sich antiparallel ausgerichtet hat, kann das dritte Teilchen sich nicht optimal ausrichten: Es ist frustriert.
Zur sexuellen Situation in Sartres Hölle würde ein Quantenphysiker folgende Grafik zeichnen:

Sexuelle Frustration

In so einem System ist auch am absoluten Nullpunkt (= Hölle) die Entropie von Null verschieden.
Nehmen wir an, Inès könnte ihren physikalischen Zustand ändern. Vielleicht ist sie ja bisexuell und kann zwischen zwei Zuständen Z wählen: Z= {„Ich liebe Männer (Pfeil nach unten)“,“Ich liebe Frauen (Pfeil nach oben)“}. Beide möglichen Zustände bedeuten für das System das gleiche Energieniveau.

Neben der sexuellen Frustration gibt es auch noch einen weiteren Grund zur Frustration. Die intellektuelle Inès ist für Joseph faszinierend und für ihn eine Quelle der Anerkennung. In dieser Projektion bildet das Paar Inès-Joseph den Ausgangspunkt:
Diskurs-Frustration

Man kann es also drehen und wenden wie man will: Egal, ob sexuelle oder intellektuelle Kräfte auf das System einwirken: Frustration bleibt unausweichlich. Das Wesen der Hölle ist also die ewige Fortsetzung von Frustration. Es gibt kein Entrinnen und es bleibt das Fazit: „also – machen wir weiter“.

Bemerkenswert ist nun, dass der Ansatz der Frustration eine bedeutende Rolle in der Theorie neuronaler Netzwerke spielt. Frustrierte Systeme sind besonders interessant, da sie mehrdeutig sind und es zu Schwingungen (Attraktoren) kommt. Diese Modelle dienen auch als Erklärungsmodell für die Assoziationen unserer Großhirnrinde. Merke: Ohne Frustration gäbe es kein Denken. Oder – etwas anders ausgedrückt: Denken ist Hölle.

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Antonius Block und der Sinn des Lebens

Ingmar Bergmans Meisterwerk „Das siebente Siegel“ (1957) ist einerseits Mysterienspiel und gleichzeitig auch philosophischer Diskurs.
Kernhandlung: Der Ritter Antonius Block kehrt mit seinem Knappen von einem Kreuzzug heim in seine nordische Heimat, die von der Pest heimgesucht wurde. Desillusioniert und sinnsuchend beginnt für ihn die letzte Stunde seines Lebens. Doch durch die Begegnung mit einer real existierenden heiligen Familie kann er die Sinnfrage aus einer für ihn neuen Perspektive betrachten.

I. Die Sinnfrage

Block sieht sich mit einer Apokalypse konfrontiert: Die Pest hat ganze Landstriche verwüstet. Wie im Gemälde von Arnold Böcklin war die Pest der personifizierte Tod:
The Plague, 1898
Als „Das siebente Siegel“ in die Kinos kam, hatte das Publikum gleich zwei Resonanzräume zur Apokalypse zur Hand: den verheerenden Zweiten Weltkrieg und den befürchteten finalen nuklearen Weltkrieg. Ingmar Bergman bestätigte diese Analogie. Sein Thema war die Todesangst.
Daher lohnt es sich auch, den Verweis des Titels auf die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament näher zu betrachten. Die Offenbarung ist innerhalb des Neuen Testaments sowohl inhaltlich als auch semantisch ein Fremdkörper. Ein selbstreferentielles Machwerk aus Angst und Ungewissheit.
Der Offenbarungs-Inhalt der Apokalypse wird verkörpert durch ein Buch mit sieben Siegeln. Ausgerechnet ein Lamm, das erscheint „als wenn es erwürgt wäre“, wird für würdig befunden, das Buch in Empfang zu nehmen:

„Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.“ (Kapitel 5, 12)

Ich assoziiere mit Antonius Block das ‚erwürgte‘ Lamm. Sein Stolz – sein Genick – ist gebrochen. Ingmar Bergmann identifiziert sich als Sohn eines lutherischen Pastors selbst mit Block (und nicht etwa mit dem atheistischen Knappen Jöns, mit dem sich die meisten Filmkritiker identifizieren mochten).
Für Jöns ist es eine etatmäßige Apokalypse mit Kneipe, Bier und Sex. Für Antonius ist es die totale Aufhebung von Sinn. Er ist isoliert.

II. Die heilige Familie


Die Begegnung mit dem Schauspielerpaar Jof und Mia ermöglicht es Antonius, noch einmal Glück und Zufriedenheit zu empfinden. Die Isolation wird aufgehoben durch den Kontext der heiligen Familie.
Der neue Kontext ist konstituierend für seine neue Sicht auf den Sinn von Sein. Daher kann es ihn erneut ihn Todesangst versetzen, wenn Mikael – der Sohn von Mia und Jof – bedroht wird.

III. Interpretationen
Was will uns dieser wunderbare Film nun sagen? Eine eindeutige Interpretation Bergmans gibt es nicht, wie Jacques Siclier so schön formulierte:

„Bergman schafft keine abgeschlossenen philosophischen Systeme […] Er schlägt eine oder mehrere mögliche Haltungen vor und zieht keine Schlußfolgerungen.“

(Quelle: Nachwort von Jacques Siclier in Ingmar Bergman: Das siebente Siegel, Reihe Cinematek 7 – Ausgewählte Filmtexte, Marion von Schröder Verlag, Hamburg 1963, S. 75–85.)

IV. Eros
Ingmar Bergmans ursprünglicher Anreiz, Das siebente Siegel zu drehen, ging nach eigener Aussage auf die Vagantenlieder in Carl Orffs Komposition Carmina Burana zurück: „Menschen, die durch den Untergang der Zivilisation und Kultur zogen und neue Lieder gebärten, das war ein verlockender Stoff für mich.“ (Quelle: wikipedia).
Nun ist in die Carmina Burana als wesentliche Komponente auch ein Lobgesang auf die Erotik eingewoben:

Wächst die Liebe sacht heran
Und ist zwischen beiden alle Scham
Gleicherweise abgetan,
Beginnt ein unaussprechlich Spiel
Mit Gliedern, Armen, Lippen.

Die Rolle der Mia wird gespielt von Bibi Andersson, mit der Ingmar Bergman damals liiert war. Mia reicht Antonius Erdbeeren und Milch. Sind die Erdbeeren ein Zitat erotischer Liebe? Ist es das: Eros als Sinnspender und Gegenspieler des Todes? Ich glaube, dass das zu kurz greift.

V. Frigg
Explizit wird Antonius eine Schale mit außergewöhmlich großen Walderdbeeren gereicht. In der germanischen Mythologie ist die Walderdbeere mit der Göttin Frigg verknüpft.

„Sie soll die toten Kinder in Erdbeeren versteckt haben, um sie dann unentdeckt mit nach Walhall nehmen zu können. Dieser Glaube hat sich später auf die Gottesmutter Maria übertragen. Legenden behaupten, dass Maria einmal im Jahr vom Paradies auf die Erde herabsteige, um dort Erdbeeren für die verstorbenen und nun im Paradies lebenden Kinder zu sammeln.“

(Quelle: Die wunderbar gestaltete erdbeerseite.de. Für den ausführlichen Kontext siehe „Deutsche Mythologie“ von Jacob Grimm (1835)).
Wäre es dann nicht naheliegend Mia (=Maria) mit der Göttin Frigg zu assoziieren? Die Apokalypse bietet auch eine Chance. Der Bankrott eines nicht mehr funktionstüchtigen Religionssystems wird sichtbar. In einer Nebenhandlung des Film wird der fanatische Priesteranwärter, der Block einst zum Kreuzzug überredete, mit einem Kainsmal ausgestattet. Es gibt kein Re-Entry für diese Art der personalisierten Kirche.

Wie in einem Dürer-Gemälde erscheinen Flora und Fauna merkwürdig unbeteiligt. Als der Tod einen Baum fällt, entsteht dadurch kein Vakuum: sofort springt ein Eichhörnchen auf den Baumstumpf.

Und noch eine Komponente ist zu beachten: Die Schauspieler tragen schwarz-weiße Hosen – als Fingerzeig auf einen Dualismus? Es sollte ein Dualismus sein, der mit einer germanischen Mythologie kompatibel ist. Ein Kandidat wäre der Manichäismus. Die gegenpoligen Naturen Licht und Finsternis werden von Mia durch die Tages- und Jahreszeiten-Metapher zitiert.

VI. Fazit
Der Film und seine ersten Kritiken sind mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Und doch erscheint es mir, dass viele Aspekte des Films noch nicht erfasst wurden. Welche Hoffnung kann ein Mensch wie Antonius Block im Jahr 2012 noch haben? Am 21. Dezember 2012 soll ja die nächste Apokalypse stattfinden.
Wie kann sich Theismus konstituieren? Ein Philosoph würde sich wohl zunächst mit Augustinus und Thomas von Aquin beschäftigen.
Und hier sehe ich die wertvolle Anregung durch das Medium Film: Bitte berücksichtigt auch Eros und die germanische Mythologie als möglicherweise konstituierend für Religion.
Apokalypse now? So what. Es gibt ja jemanden, den wir anrufen können: Maria Isis Frigg.

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Pussy Riot, istina und pravda. Nichts ist wahr.

Die deutsche Sprache ist ein ganz wunderbares Vehikel für die Philosophie. Doch sobald man den Blick über die Ländergrenzen lenkt, wird der eine oder andere Mangel sichtbar. Die Franzosen zum Beispiel kennen zwei Begriffe für das Nichts: rien und néant. Und die Russen verwenden zwei Begriffe für Wahrheit: pravda und istina. Dabei handelt es sich nicht um semantische Kleinigkeiten. Es geht um die Diversifikation eines Begriffs durch zwei Assoziationsräume. Der Wahrheitsbegriff in Russland zeigt dies sehr deutlich.

Beginnen wir mit unserem Wahrheitsbegriff, kurz und knapp in diesem Video besprochen:

Dies sind zwei Assoziationsfelder der beiden russischen Wahrheitsbegriffe:

pravda := {ontisch, praktisch, just-the-truth, göttliche Wirklichkeit}

istina := {ontologisch, rational, truth-seeking, Richtigkeit}

Offenbar ist in der westeuropäischen Philosophie die istina-Wahrheit dominierend.

In einem Beitrag für den Band  „Kulturen der Lüge“ (herausgegeben von Mathias Mayer) hat Walter Koschmal den kulturellen Hintergrund und die Wirkungsgeschichte der beiden Wahrheitsbegriffe eindrucksvoll dargestellt.
Die pravda-Wahrheit hatte in der russischen Kultur stets den Vorrang vor der istina-Wahrheit. Koschmal nennt mehrere Faktoren, die dazu Beitragen:

1. Das Lexem für „Orthodoxie“ trägt im Russischen, in dem Wort „pravoslavie“, dieselbe Wurzel in sich wie „pravda“.
Der russische Philosoph Vasilij Rozanov grenzte die Orthodoxie (pravda-Wahrheit!) vom reformierten Christentum westlicher Prägung (istina-Wahrheit) ab.
2. Kulturgeographie. Die istina-Wahrheit hat ihren Ursprung in Westeuropa, die pravda-Wahrheit in Asien. Russland grenzt also an zwei verschiedene „Wahrheitsgebiete“ an.
Koschmal nennt auch Beispiele für die Geringschätzung der istina-Wahrheit. Zum Beispiel wurde in einem Brief eines Symbolisten die „istina-Wahrheit“ als „getötete pravda-Wahrheit“ bezeichnet.

Es mag eine etwas gewagte These sein, aber ich betrachte die politischen Umwälzungen in Russland nun mit anderen Augen. Ich sehe nun ein assoziatives Band zwischen der altbekannten pravda-Zeitung und der orthodoxen Kirche. Ich sehe Putin als Nachlassverwalter der pravda-Wahrheit (mit durchaus Zustimmung gerade im ländlichen Teil Russlands) und die Frauen von Pussy Riot als Prophetinnen der istina-Wahrheit (mit Zustimmung in den urbanen Metropolen).
Betrachten wir den Auftritt der Band genau:

Die Demonstration musste in einer orthodoxen Kirche erfolgen!
Lesen wir einen Auszug aus dem Putin-Gebet:

Mutter Gottes, Jungfrau, vertreibe Putin
vertreibe Putin, vertreibe Putin
(Ende Chor)
Der Priesterrock schwarz, die Schulterstücke golden
Die Gemeinde kriecht an, um sich zu verbeugen
Im Himmel schwebt das Gespenst der Freiheit
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Pussy Riot betreibt die Negation der pravda-Wahrheit. Der Gerichtsprozess war ein Prozess pravda-Wahrheit contra istina-Wahrheit.
In Russland ist auf diese Weise nichts mehr wahr.

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