Monatsarchiv: Dezember 2012

Fassbinders Ameisen, Serendipität und unverstandene Artistik

Bei meinen Recherchen zu „Welt am Draht“ begegnete mir das nachfolgende Video. So manches kann man ja schnell als belanglos einstufen, aber dieses Video fesselte mich. Die letzten 70 Sekunden, als Fassbinder die Philosophie seines Schaffens erklären möchte – und dann vom etwas unglücklichen Journalisten unterbrochen wird. Schade.

Wie im youtube-Kommentar richtig bemerkt: man würde schon gerne wissen, was Fassbinder da zu sagen hatte. Natürlich hat mich dieser Gedanke den Tag über beschäftigt.

Wenn man durch’s Internet streift und etwas findet, das man ursprünglich nicht gesucht hat – aber doch auf wunderbare Weise passend erscheint – dieses Phänomen nennt man Serendipität. Heute machte mich ein niederländischer Philosoph auf Durs Grünbein aufmerksam. Mir erschien Grünbein sogleich als eine Art Fassbinder der Lyrik. Durch eine Dissertation über Grünbein gelangte ich zur Lyrik-Philosophie von Gottfried Benn (Probleme der Lyrik, 1951).
Benns Definition von Artistik schien sofort die Lücke zu füllen, die ich den Tag über verspürte:

„Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen Stil zu bilden, es ist der Versuch gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust. So gesehen umschließt dieser Begriff die ganze Problematik des Expressionismus, des Abstrakten, des Anti-Humanistischen, des Atheistischen, des Anti-Geschichtlichen, des Zyklismus, des ‚hohlen Menschen’ – mit einem Wort die ganze Problematik der Ausdruckswelt.“

Mit welcher Formulierung auch immer – vielleicht war dies die Botschaft, die Fassbinder vermitteln wollte.

Alternative Erklärungen werden gerne als Kommentar entgegengenommen. Was war im Kern Fassbinders Kunstphilosophie?

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Welt aus Brühwürfeln – Fassbinders Prolegomenon zur Matrix

Ist unsere Welt nur eine Simulation? Ein Gedankenexperiment des schwedischen Philosophen Nick Bostrom führt zu etwas abenteuerlichen Gedanken – bis hin zur techno-magischen Verhinderung des Weltuntergangs.

Beim gegenwärtigen Hype dieses Themas – medial gerne flankiert mit Bildern aus The Matrix – ist es angebracht auf Fassbinders geniales Werk Welt am Draht zu verweisen. Tom Tykwer bezeichnete Welt am Draht als ein „ein Prequel zu The Matrix“.

Fassbinder hat 1973 den neun Jahre zuvor erschienenen Science-Fiction-Roman Simulacron-3 des US-amerikanischen Autors Daniel F. Galouye verfilmt. Die Akteure sind nicht physisch, sondern Projektionen in der Simulationswelt eines Computers. Alle wesentlichen Matrix-Elemente – etwa die berühmten ‚Fehler in der Matrix‘ – sind in dem zweiteiligen Fassbinder-Werk bereits präsent.

Hier steht nun nicht der Roman von Daniel F. Galouye im Fokus, sondern die spezielle Handschrift von Fassbinder. Zwei Punkte sind mir dabei aufgefallen.

I. Simulation – warum?
Im Film will ein Stahlkonzern seine Absatzprognosen verbessern. Ziel ist offenbar eine deterministische Welt ohne prognostische Unschärfen. Im Rechner werden 9.700 „Identitätseinheiten“ einer Simulation unterzogen. Das Programm Simulakron erreicht dabei eine prognostiosche Unschärfe von 5,8 %.
Durch Spiele wie Civilization ist dieses Szenario für uns schon Wirklichkeit geworden. Und es wäre schon vorstellbar, dass man künftig Probleme wie die Euro-Finanzkrise per Computersimulation lösen möchte. Diverse Hedgefonds arbeiten schon heute mit extrem ausgereiften Programmen.
In den 70er Jahren wurde in der Bundesrepublik noch über Staatsmonopolkapitalismus als Alternative diskutiert. Fassbinder knüpft hier an Machtfragen an, indem er das Machtstreben der Unternehmer als Bedrohung darstellt.

II. Die Medien und die Simulation von Wirklichkeit
Ein Reporter nimmt in Welt am Draht mit einem Informanten Kontakt auf, um kritisch über das Projekt Simulakron zu berichten. Dazu spielen einige Szenen des Films in einem Verlagsgebäude. Völlig losgelöst von diesem Plot wird eine Besuchergruppe mit folgenden Worten durch die Redaktion geführt:

„Sehen sie meine Damen und Herren, hier sind unsere Reporter. Sie sind es die die Geschichten machen.
Sie bearbeiten kurze Meldungen; den Brühwürfel einer Nachricht sozusagen und sie lösen ihn auf in Stories; bringen die Hintergründe, sofern vorhanden.
Und von da wandert dann das Manuskript, wenn es redigiert ist in die Setzerei, die sie jetzt gleich sehen werden.“


(Die Szene beginnt hier ab 01:50)

Das hat nichts mit dem Roman zu tun und muss als Fassbinders Statement interpretiert werden. 1973 waren die SPIEGEL-Affäre und die Auseinandersetzung mit der Springer-Presse noch sehr präsent. Man beachte nur das Wortspiel „Hintergründe“ sollen „vorhanden“ sein. Dieser Widerspruch ist natürlich eine Absage an investigativen Journalismus. Die Gäste sehen die Journalisten und die Maschinen – den Mechanismus des Journalismus sehen sie nicht.
Die Vorstellung, dass das, was in der Zeitung steht, nicht die wirkliche Wirklichkeit abbildet, war implizit vorhanden. Fassbinder schenkt mit diesem Statement dem ursprünglichen Science-Fiction-Thema eine soziale Dimension.

Dies sind nur zwei Facetten, die bei mir Assoziationen ausgelöst haben. Die eigentliche philosophische Dimension von Welt am Draht ist damit keineswegs erschlossen.

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Hermann Wein. Eine Würdigung.

Wie kann man einen Philosophen entwürdigen? Die Geschichte der Philosophie ist ein lebendiger Fluss. So manches Philosophen-Zitat wirkt im Diskurs so, als wäre es soeben erst ausgesprochen worden und so für uns neu entdeckt. Für einen Philosophen kann es also ein transzendentes Weiterleben nach dem Tod geben.

Die Entwürdigung eines Philosophen ist das Vergessen. Das völlige In-Vergessenheit-geraten des Philosophen ist sein eigentlicher Tod. Eine ganze Strömung der Philosophie schien zeitweise davon betroffen zu sein: die Fundamentalontologie Nicolai Hartmanns.
Analytische Philosophie und Existenzphilosophie stellten die Fundamentalonotologe lange in den Schatten. So wurde zum Beispiel erst im März 2009 eine Nicolai-Hartmann-Society gegründet, 59 Jahre nach dem Tod Nicolai Hartmanns!
Bemerkenswert ist, dass durch den Hartmann-Schüler Takiyettin Mengüşoğlu die Fundamentalontologie in der Türkei einen Wirkungsort gefunden hat.
Der Göttinger Philosoph Hermann Wein war ebenfalls Hartmann-Schüler. Bis heute gibt es keinen Wikipedia-Eintrag zu Hermann Wein.
Ein Impuls zur Auseinandersetzung kam aus der Türkei: Nebil Reyhani hat an der Hacettepe-Universität Ankara sein Philosophie-Studium absolviert. Durch ein Auslandsstipendium kam er nach Mainz und verfasste eine Dissertation über Hermann Weins Kosmologie.
Diese Dissertation sowie die Schrift Kentaurische Philosopie sind für mich der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Hermann Wein.

Hermann Wein ist der Philosoph der Struktur. Für Naturwissenschaft und Systemtheorie sind seine Überlegungen sehr bedeutsam. Starten wir mit seinem „Zugang zu Philosophischer Kosmologie“ (kurz: ZpK).

„Was nicht in den Zusammenhang der Erfahrung, des Bewußtseins eingeht, kann nicht Erfahrung, kann nicht Bewußtes sein“ (ZpK 46)
„Es handelt sich um das Eintreten in eine Ordnung“ (ZpK 47)

Wie Nebil Reyhani überzeugend darstellt, gibt es hier einen engen Zusammenang zu Kants Begriff der Affinität. Wein übernimmt von Hartmann die Kernpunkte seiner Kategorienlehre: Kategorien können keine isolierten Entitäten sein, sondern stehen selbst im Zusammenhang und sind als Teil einer Struktur zu betrachten.

„Das Metakategoriale, das ‚hinter’ den Kategorien – Seins und Erkenntniskategorien – Stehende, an dem sie insgesamt teilhaben, ist: Geordnetheit-überhaupt, Systematik-überhaupt“ (ZpK 111).

Kategorien werden hier als Teil eines Gefüges aus (System,Struktur,Ordnung) gesehen.
Worum geht es hier?
Wein bemängelte, wie Philosophie und Naturwissenschaften auseinander drifteten.
Die Diskussion um die „richtige“ Deutung der Quantenphysik war aus Weins Sicht ein Indiz dafür, dass den Naturwissenschaften eine philosophische Grundlage fehlt. Damit im Zusammenhang steht die Kluft zwischen Realismus und Idealismus und zwischen der Welt des Seins und der Welt des Seienden.
Wie aktuell die Überlegungen von Hermann Wein sind, zeigt die Diskussion in der Quantenphysik. Elementarteilchen werden durche eine Wellenfunktion Ψ beschrieben (unendlich ausgedehnt). Eine MESSUNG hingegen wird durch den Skalar |Ψ|² (punktförmig) beschrieben:
Denkbare Welt (Idealismus, homogen): Ψ
Messbare (erfahrbare) Welt (Realismus, heterogen):|Ψ|²

Eine Mehrheit der Physiker findet sich unreflektiert damit ab, dass es offenbar zwei Physiken gibt. Weins Philosophie bietet einen Lösungsansatz für eine Theorie, die beide Welten umfasst:

„Die Möglichkeit einer Struktur, die weder homogen noch heterogen sein soll, sondern aus mit einander affinen Strukturen besteht, braucht nicht gesondert gezeigt zu werden. Da diese Struktur ein Erfahrungsbefund ist, ist ihre Möglichkeit durch ihre Realität schon bewiesen.“

Dies ist eine Beweislastumkehr: Warum soll sich eine Philosophie, die die Vereinigung von Idealismus und Realismus propagiert, vor einer Physik rechtfertigen, die diese Vereinigung schon lange lebt?
Wein stellt die alles entscheidende Frage nach einer Isomorphie der Welt des Seins und der Welt des Seienden. Diese Isomorphie soll sich auf eine neutrale Ur-Ordnung gründen.

Natürlich sind diese Überlegungen nur eine erste Einordnung. Seine Auseinandersetzung mit Heidegger und Hegel ist sehr bemerkenswert, würde hier aber den Rahmen sprengen. Um meinen ersten Eindruck auf den Punkt zu bringen: Hermann Wein war der letzte echte Kosmologe.

Mir ist es nicht gelungen eine Abbildung von Hermann Wein im Internet zu finden. Durch seine Positionierung zwischen Idealismus und Realismus kann ich mir Hermann Wein gut als einen Kentaur vorstellen:

Chiron instructs young Achilles - Ancient Roman fresco

Wie man sieht ist der von der Gesellschaft geächtete Kentaur zumindest als Lehrer von Achill zu gebrauchen. Der abgebildete Chiron hatte eine ganze Reihe prominenter Schüler. Dies steht bei Hermann Wein offenbar noch aus.

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