Hermann Wein. Eine Würdigung.

Wie kann man einen Philosophen entwürdigen? Die Geschichte der Philosophie ist ein lebendiger Fluss. So manches Philosophen-Zitat wirkt im Diskurs so, als wäre es soeben erst ausgesprochen worden und so für uns neu entdeckt. Für einen Philosophen kann es also ein transzendentes Weiterleben nach dem Tod geben.

Die Entwürdigung eines Philosophen ist das Vergessen. Das völlige In-Vergessenheit-geraten des Philosophen ist sein eigentlicher Tod. Eine ganze Strömung der Philosophie schien zeitweise davon betroffen zu sein: die Fundamentalontologie Nicolai Hartmanns.
Analytische Philosophie und Existenzphilosophie stellten die Fundamentalonotologe lange in den Schatten. So wurde zum Beispiel erst im März 2009 eine Nicolai-Hartmann-Society gegründet, 59 Jahre nach dem Tod Nicolai Hartmanns!
Bemerkenswert ist, dass durch den Hartmann-Schüler Takiyettin Mengüşoğlu die Fundamentalontologie in der Türkei einen Wirkungsort gefunden hat.
Der Göttinger Philosoph Hermann Wein war ebenfalls Hartmann-Schüler. Bis heute gibt es keinen Wikipedia-Eintrag zu Hermann Wein.
Ein Impuls zur Auseinandersetzung kam aus der Türkei: Nebil Reyhani hat an der Hacettepe-Universität Ankara sein Philosophie-Studium absolviert. Durch ein Auslandsstipendium kam er nach Mainz und verfasste eine Dissertation über Hermann Weins Kosmologie.
Diese Dissertation sowie die Schrift Kentaurische Philosopie sind für mich der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Hermann Wein.

Hermann Wein ist der Philosoph der Struktur. Für Naturwissenschaft und Systemtheorie sind seine Überlegungen sehr bedeutsam. Starten wir mit seinem „Zugang zu Philosophischer Kosmologie“ (kurz: ZpK).

„Was nicht in den Zusammenhang der Erfahrung, des Bewußtseins eingeht, kann nicht Erfahrung, kann nicht Bewußtes sein“ (ZpK 46)
„Es handelt sich um das Eintreten in eine Ordnung“ (ZpK 47)

Wie Nebil Reyhani überzeugend darstellt, gibt es hier einen engen Zusammenang zu Kants Begriff der Affinität. Wein übernimmt von Hartmann die Kernpunkte seiner Kategorienlehre: Kategorien können keine isolierten Entitäten sein, sondern stehen selbst im Zusammenhang und sind als Teil einer Struktur zu betrachten.

„Das Metakategoriale, das ‚hinter’ den Kategorien – Seins und Erkenntniskategorien – Stehende, an dem sie insgesamt teilhaben, ist: Geordnetheit-überhaupt, Systematik-überhaupt“ (ZpK 111).

Kategorien werden hier als Teil eines Gefüges aus (System,Struktur,Ordnung) gesehen.
Worum geht es hier?
Wein bemängelte, wie Philosophie und Naturwissenschaften auseinander drifteten.
Die Diskussion um die „richtige“ Deutung der Quantenphysik war aus Weins Sicht ein Indiz dafür, dass den Naturwissenschaften eine philosophische Grundlage fehlt. Damit im Zusammenhang steht die Kluft zwischen Realismus und Idealismus und zwischen der Welt des Seins und der Welt des Seienden.
Wie aktuell die Überlegungen von Hermann Wein sind, zeigt die Diskussion in der Quantenphysik. Elementarteilchen werden durche eine Wellenfunktion Ψ beschrieben (unendlich ausgedehnt). Eine MESSUNG hingegen wird durch den Skalar |Ψ|² (punktförmig) beschrieben:
Denkbare Welt (Idealismus, homogen): Ψ
Messbare (erfahrbare) Welt (Realismus, heterogen):|Ψ|²

Eine Mehrheit der Physiker findet sich unreflektiert damit ab, dass es offenbar zwei Physiken gibt. Weins Philosophie bietet einen Lösungsansatz für eine Theorie, die beide Welten umfasst:

„Die Möglichkeit einer Struktur, die weder homogen noch heterogen sein soll, sondern aus mit einander affinen Strukturen besteht, braucht nicht gesondert gezeigt zu werden. Da diese Struktur ein Erfahrungsbefund ist, ist ihre Möglichkeit durch ihre Realität schon bewiesen.“

Dies ist eine Beweislastumkehr: Warum soll sich eine Philosophie, die die Vereinigung von Idealismus und Realismus propagiert, vor einer Physik rechtfertigen, die diese Vereinigung schon lange lebt?
Wein stellt die alles entscheidende Frage nach einer Isomorphie der Welt des Seins und der Welt des Seienden. Diese Isomorphie soll sich auf eine neutrale Ur-Ordnung gründen.

Natürlich sind diese Überlegungen nur eine erste Einordnung. Seine Auseinandersetzung mit Heidegger und Hegel ist sehr bemerkenswert, würde hier aber den Rahmen sprengen. Um meinen ersten Eindruck auf den Punkt zu bringen: Hermann Wein war der letzte echte Kosmologe.

Mir ist es nicht gelungen eine Abbildung von Hermann Wein im Internet zu finden. Durch seine Positionierung zwischen Idealismus und Realismus kann ich mir Hermann Wein gut als einen Kentaur vorstellen:

Chiron instructs young Achilles - Ancient Roman fresco

Wie man sieht ist der von der Gesellschaft geächtete Kentaur zumindest als Lehrer von Achill zu gebrauchen. Der abgebildete Chiron hatte eine ganze Reihe prominenter Schüler. Dies steht bei Hermann Wein offenbar noch aus.

6 Kommentare

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6 Antworten zu “Hermann Wein. Eine Würdigung.

  1. Reblogged this on Differentia.

  2. …nachdem
    Gelernet die Centauren
    Die Gewalt
    Des honigsüßen Weines

    (Pindar, Das Belebende)

    Beim Lesen des Beitrags habe ich mich gefragt, wie sich Weins kentaurische Philosophie zu Whiteheads Prozess-Ontologie verhält. Beim Öffnen in den verlinkten Text wird dieser Bezug sogleich durch ein längeres Zitat Whiteheads deutlich, der auch später in dem Text noch öfter eine Rolle spielt. Der Zusammenhang scheint mir interessant zu sein. Danke für diese Lektüre-Empfehlung.

  3. Eine schöne Würdigung ist auch das Schlusswort der Dissertation von Nebil Reyhani:
    „Es geht ihm um diejenige Verbindung, deren Glieder nicht als identisch zu entlarven sind, wodurch die Verbindung selbst in einer höheren Einheit aufgehoben werden müßte. Es geht ihm also um die kentaurische Verbindung.
    Weins Denken erweist sich in diesem Sinne als ein Denken des Bodens, auf dem man philosophiert, der daher alle Philosophien verbindet.“

  4. Anmerkungen zur Biographie
    In dem etwas verwegenen Unterfangen, eines Tages vielleicht doch einen Wikipedia-Artikel zu Hermann Wein zu schreiben, habe ich Recherchen zur Biographie durchgeführt. Zwar handelt es sich nur um Facetten, doch wird die Isolation Weins etwas besser verständlich:

    Erinnerungen des Historikers Georg Gerson Iggers:

    „Einer unserer wichtigsten Gesprächspartner war der Philosoph Hermann Wein. Er war ein Außenseiter unter seinen Kollegen im Seminar für Philosophie, das überwiegend analytisch orientiert war. 1945 war er als Nikolai Hartmanns Assistent nach Göttingen gekommen, hatte nie einen Ruf erhalten und musste sich mit der Stelle eines außerplanmäßigen Professors begnügen. … Obwohl Wein in seiner Lebensart und seinem gesellschaftlichen Denken eher konservativ ausgerichtet war, kamen die Studenten der neuen Studentenbewegung zu seinen Seminaren und bildeten den Kern eines Kreises von Wein-Schülern, der jahrelang zusammenhielt. … 1972 ließ er sich im Alter von sechzig Jahren frühpensionieren, offiziell aus Gesundheitsgründen, aber in erster Linie wohl, weil er sich unter seinen Kollegen vollständig isoliert fühlte. Er zog sich mit seiner Frau in sein Bauernhaus im bayrischen Dorf Althöllmühle zurück, wo manche seiner Studenten und auch wir ihn bis zu seinem Tod 1981 öfters besuchten.“

    Quelle: „Zwei Seiten einer Geschichte: Lebensbericht aus unruhigen Zeiten“ von Wilma Iggers und Georg G. Iggers, Vandenhoeck & Ruprecht, 2002

    In einem Biographie des Philosophen Helmuth Plessner werden Hintergründe für die Isolierung Weins beleuchtet.

    Nach dem Tod Nicolai Hartmanns wandte sich Helene Wein in einem Brief vom 23.10.1950 an Plessner, und schilderte, dass es für ihren Mann ’sehr schwer‘ sei, den Lehrer ‚ gerade jetzt zu verlieren‘

    Aus dem Jahrzehnt, das Plessner in Göttingen wirkte, sind elf offene Anfragen nach möglichen Kandidaten für philosophische Lehrstühle an deutschen Universitäten überliefert sowie fünf Bitten, sich direkt zu Hermann Wein zu äußern. In dreizehn der erhaltenen Gutachten empfahl er den Hatrmannschüler, dem er eine ‚ausgesprochen starke philosophische Ader‘ bescheinigte und von dem er der Meinung war, daß ‚die Umfänglichkeit seiner systemischen Interessen […] ihn zweifellos aus seiner Generation sehr deutlich‘ heraushebe. Gleichwohl erhielt Hermann Wein keinen Ruf; auch ein Aufenthalt an der Harvard University änderte daran nichts.

    Aus einem Brief Plessners aus dem Jahr 1967:
    „Ich habe mich oft gefragt, warum es … nicht gelingen wollte, Wein in eine beamtete Stellung zu bringen. […] Erst Gadamer klärte mich auf: Wein ist Mitglied des Amtes Rosenberg gewesen, ein übertriebener Kniefall, um die Habilitation in Berlin damals zu erreichen. Davon hat mir Wein nie erzählt, obwohl ich doch wiederholt Gast im Haus seiner Eltern war und mich freundschaftlich ihm verbunden fühlte.“

    Quelle: „Nachgeholtes Leben: Helmuth Plessner 1892-1985“ von Carola Dietze, Wallstein Verlag, 2006

  5. Rolf Wernstedt

    Ich habe Anfang der 60er Jahre mehrere Jahre in Weins Seminaren gesessen. Für mein Studium des Lehramts an höheren Schulen Niedersachsen war damals eine philosophische Prüfung notwendig, die ich im Sommersemester 1963 über Hegels Rechtsphilosophie ablegte. Wein galt unter den Studenten als unangenehmer und zynischer Prüfer, was ich keineswegs bestätigen kann. In seinen Seminaren fanden sich viele der Studenten zusammen, die später eine aktive Rolle in der Studentenbewegung in Göttingen spielten. Einige gehaltene Referate habe ich noch.. Seine Seminare über Hegel, Marx, Nietzsche u. a. waren immer gut besucht. Nach den offiziellen Veranstaltungen gingen interessierte Teilnehmer in die Kneipe und diskutierten weiter, in den letzten Jahren im neu errichteten Glasbau des Deutschen Theaters.
    Wein war der einzige Professor, der mich jemals fragte, wie ich meine Schulzeit in der DDR mit dem gelernten Schüler- Marxismus eigentlich verarbeitet habe. Dass mir seine Art zu philosophieren und zu fragen sehr geholfen hat, akademisch Fuß zu fassen, habe ich immer wieder erzählt. Seine „Realdialektik“ war eine wichtige Erkenntnisquelle für mich.
    Seine kosmologischen Ansichten hatten für mich keine Bedeutung.

    Prof. Rolf Wernstedt
    Niedersächsischer Kultusminister 1990- 1998
    Präsident des Niedersächsischen Landtages 1998- 2003
    Präsident der KMK 1997

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