Welt aus Brühwürfeln – Fassbinders Prolegomenon zur Matrix

Ist unsere Welt nur eine Simulation? Ein Gedankenexperiment des schwedischen Philosophen Nick Bostrom führt zu etwas abenteuerlichen Gedanken – bis hin zur techno-magischen Verhinderung des Weltuntergangs.

Beim gegenwärtigen Hype dieses Themas – medial gerne flankiert mit Bildern aus The Matrix – ist es angebracht auf Fassbinders geniales Werk Welt am Draht zu verweisen. Tom Tykwer bezeichnete Welt am Draht als ein „ein Prequel zu The Matrix“.

Fassbinder hat 1973 den neun Jahre zuvor erschienenen Science-Fiction-Roman Simulacron-3 des US-amerikanischen Autors Daniel F. Galouye verfilmt. Die Akteure sind nicht physisch, sondern Projektionen in der Simulationswelt eines Computers. Alle wesentlichen Matrix-Elemente – etwa die berühmten ‚Fehler in der Matrix‘ – sind in dem zweiteiligen Fassbinder-Werk bereits präsent.

Hier steht nun nicht der Roman von Daniel F. Galouye im Fokus, sondern die spezielle Handschrift von Fassbinder. Zwei Punkte sind mir dabei aufgefallen.

I. Simulation – warum?
Im Film will ein Stahlkonzern seine Absatzprognosen verbessern. Ziel ist offenbar eine deterministische Welt ohne prognostische Unschärfen. Im Rechner werden 9.700 „Identitätseinheiten“ einer Simulation unterzogen. Das Programm Simulakron erreicht dabei eine prognostiosche Unschärfe von 5,8 %.
Durch Spiele wie Civilization ist dieses Szenario für uns schon Wirklichkeit geworden. Und es wäre schon vorstellbar, dass man künftig Probleme wie die Euro-Finanzkrise per Computersimulation lösen möchte. Diverse Hedgefonds arbeiten schon heute mit extrem ausgereiften Programmen.
In den 70er Jahren wurde in der Bundesrepublik noch über Staatsmonopolkapitalismus als Alternative diskutiert. Fassbinder knüpft hier an Machtfragen an, indem er das Machtstreben der Unternehmer als Bedrohung darstellt.

II. Die Medien und die Simulation von Wirklichkeit
Ein Reporter nimmt in Welt am Draht mit einem Informanten Kontakt auf, um kritisch über das Projekt Simulakron zu berichten. Dazu spielen einige Szenen des Films in einem Verlagsgebäude. Völlig losgelöst von diesem Plot wird eine Besuchergruppe mit folgenden Worten durch die Redaktion geführt:

„Sehen sie meine Damen und Herren, hier sind unsere Reporter. Sie sind es die die Geschichten machen.
Sie bearbeiten kurze Meldungen; den Brühwürfel einer Nachricht sozusagen und sie lösen ihn auf in Stories; bringen die Hintergründe, sofern vorhanden.
Und von da wandert dann das Manuskript, wenn es redigiert ist in die Setzerei, die sie jetzt gleich sehen werden.“


(Die Szene beginnt hier ab 01:50)

Das hat nichts mit dem Roman zu tun und muss als Fassbinders Statement interpretiert werden. 1973 waren die SPIEGEL-Affäre und die Auseinandersetzung mit der Springer-Presse noch sehr präsent. Man beachte nur das Wortspiel „Hintergründe“ sollen „vorhanden“ sein. Dieser Widerspruch ist natürlich eine Absage an investigativen Journalismus. Die Gäste sehen die Journalisten und die Maschinen – den Mechanismus des Journalismus sehen sie nicht.
Die Vorstellung, dass das, was in der Zeitung steht, nicht die wirkliche Wirklichkeit abbildet, war implizit vorhanden. Fassbinder schenkt mit diesem Statement dem ursprünglichen Science-Fiction-Thema eine soziale Dimension.

Dies sind nur zwei Facetten, die bei mir Assoziationen ausgelöst haben. Die eigentliche philosophische Dimension von Welt am Draht ist damit keineswegs erschlossen.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie

Eine Antwort zu “Welt aus Brühwürfeln – Fassbinders Prolegomenon zur Matrix

  1. Die soziale Dimension ist vermutlich immer schon das wichtigste, wenn auch nicht immer oder nur selten explizite Motiv in den allen ontologischen Simulationstheorien gewesen, schon bei Platon, dem es ja letztlich auch um eine ideale Gesellschaft ging, die den ‚Simulationsmodus‘ ausschließt. Die ‚Sozialisierung‘ des Simulakrum-Motivs, d.h. seine Begründung (nicht nur Illustration) mit Macht- bzw. Verschwörungstheorien scheint indessen eine typisch moderne Erscheinung zu sein, die sich zum einen dem Aufkommen elektrischer Medien, d.h. also zweifelhaften Fern-‚Wahrnehmungen‘ und zum anderen der Erfahrung der funktionalen Differenzierung verdankt, dank der niemand mehr einen genauen Überblick über den Gesamtzusammenhang des Ganzen plausibel behaupten kann. (Platon wollte ihn einfach schaffen durch den Philosophenkönig). Der Entzug der (auch nur symbolischen) Ganzheitserfahrung, zuletzt repräsentiert durch den (doppelten) Körper des Königs, induziert eine Projektion zentrifugaler Kräfte, durch die das Geschehen des Weltlaufs erklärlich wird: Mächte, die die Geschicke des Lebens lenken. Verschwörungs- und Simulationstheorien sind damit so etwas wie ein siamesischer Zwilling des epistemologischen Dilemmas der Moderne.
    Ich werde mir den Fassbinderfilm unter diesen Aspekt gleich noch einmal anschauen.

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