Der Sinn von Tod

Wir müssen alle sterben. Das ist die einzige Gewissheit, die wir haben. Könnte es einen besseren Ausgangspunkt für eine fundierte Philosophie geben?

Es ist erstaunlich, wie sehr die Philosophie die Thematisierung von Tod vermieden hat. So konstatierte Spinoza: „Ein freier Mensch denkt über nichts weniger nach als über den Tod; seine Weisheit besteht nicht im Denken über den Tod, sondern über das Leben.” Ebenso klar positionierte sich Goethe: „Den Tod aber statuiere ich nicht.“

Ganz im Gegensatz zu diesem Postulat identifizierte der kongeniale Jochen Hörisch in seiner Schrift Der Rest ist beredtes Schweigen. Goethes Gedicht Im ernsten Beinhaus eine Reihe grundlegender Überlegungen zum Tod. In seiner Interpretation geht Hörisch auf Goethes Setzung Gott=Natur ein und verknüpft diese mit dem naturwissenschaftlichen Entropie-Begriff.
Hörisch kommt zu folgender Schlussfolgerung:

„Was bleibt, ist aber eine Goethe-nahe Intuition: dass ontologische Entropie semiologische Potenzen freisetzt. Für physische Systeme gilt der Entropiesatz, für „metaphysische“ nicht. Spekulativ formuliert: zerfallendes Sein vernichtet nicht etwa Sinn, sondern setzt Sinn frei.“

Das klingt nach einer Beantwortung der Frage nach dem Sinn von Tod. Wie aber sind diese Aussagen zu deuten?

Nähern wir uns zunächst aus naturwissenschaftlicher Sicht den Themen Gott=Natur und Entropie. Der Autor dieses Blogs ist ein sterblicher Mensch, der aus etwa 700 Quadrillionen Kohlenstoffatomen, vier Quadrilliarden Wasserstoffatomen und diversen weiteren Atomen besteht. Diese Atome formen unter anderem eine Hand, die eine Computer-Tastatur bedienen kann. Rein thermodynamisch ist das schon recht unwahrscheinlich, dass so ein Gefüge aus Atomen existieren kann. Es ist eben ein Naturgesetz, dass sich auf Dauer die Unordnung (Entropie) durchsetzt. Unter normalen physikalischen Umständen wären unsere Wasserstoffatome im Wasser der Ozeane verteilt und unsere Kohlenstoffatome an des Kohlendioxid in der Atmosphäre gebunden.
Nur durch Zufuhr von Energie kann Ordnung generiert werden. In diesem Sinne haben wir unsere Existenz der Sonne zu verdanken, deren Strahlen in Verbindung mit Chlorophyll die Photosynthese ermöglichen. In diesem Sinne hat der Pharao Echnaton mit seiner Verehrung der Sonne auf einen passablen Gott=Natur-Kandidaten verwiesen.

Diese Entropie-Betrachtung führt dazu, dass wir das Leben als Mysterium begreifen sollten und den Tod als pure Selbstverständlichkeit. Wie kann man aber nun begreifen, dass der Entropiesatz für metaphysische Systeme nicht gilt?

Philosophen und Literaturwissenschaftler nutzen den Entropie-Begriff wie eine Metapher. Nun stammen die Hauptsätze der Thermodynamik aus dem 19. Jahrhundert und es stellt sich die Frage, ob sich durch Quantenphysik und Relativitätstheorie neue Metaphern anbieten, die uns den Sinn von Tod in einem erweiterten Sinne interpretieren lassen.

Einen Hinweis auf eine mögliche Richtung gibt uns Hegels Diktum, dass der Tod als Befreiung des Endlichen von seiner Endlichkeit betrachtet werden sollte. Für unendliche (metaphysische?) Systeme könnte der Entropiesatz nicht gelten.

Aus Sicht der Quantenphysik sind die Atome meines Körpers unendlich ausgedehnte Wellen. Während der materielle Schwerpunkt meines Körpers hier in Westfalen am Schreibtisch sitzt, haben einzelne Teilchen für einen potentiellen Beobachter in Paris oder London eine von Null verschiedene Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Entsprechend der Kopenhagener Deutung gilt dies allerdings nur so lange ich nicht beobachtet werde (d.h. eine Messung durchgeführt wird). Bekomme ich Besuch und der Besucher sieht mich am Schreibtisch sitzen, so sieht er nur das „kollabierte“ Wellenpaket |Ψ|² und nicht die ursprüngliche Wellenfunktion Ψ.

Von besonderer Bedeutung ist nun, was sich in unserem Kopf abspielt. Die Aktivität unseres Gehirns geht mit der Erzeugung elektromagnetischer Felder einher, denen man nach E=mc² eine Masse zuordnen kann. Damit könnten Effekte der Quantengravitation in unserem Gehirn eine bedeutende Rolle spielen. Nach der Theorie der Orchestrated objective reduction von Penrose und Hameroff ist unser Bewusstsein als quantenmechanischer Prozess zu verstehen.

Penrose und Hameroff wollen die Ambivalenz zwischen unendlich ausgedehnter Wellenfunktion Ψ und endlichen (punktförmigen) Messwerten |Ψ|² überwinden. Sie interpretieren den „Kollaps“ der Wellenfunktion als natürlichen Prozess, der sich immer und überall ereignet. Demnach führen Endlichkeit und Unendlichkeit einen ständigen Tanz auf. Mehr noch: das Wechselspiel aus Endlichkeit und Unendlichkeit konstituiert den Zeitpfeil, das instantane Jetzt. Dies führt zu einen neuen, mächtigen Metapher in der Gleichung Gott=Natur=Zeit. Hölderlins „reißender Fluß der Zeit“ kann somit als friedlicher, natürlicher Teil des Ganzen gesehen werden. Oder – wie Hörisch konstatiert: nur ein zeitlich verfasstes Sein ermöglicht Bedeutsamkeit.

Wenden wir uns damit erneut Hörisch‘ Spekulation zu: „zerfallendes Sein (|Ψ|²) vernichtet nicht etwa Sinn, sondern setzt Sinn (Sein Ψ) frei“. Meine Einfügungen deuten dabei an, wie sich die Spekulationen eines Literaturwissenschaftlers den Strukturen einer ebenfalls spekulativen Naturwissenschaft nähern können.

Nun dürfen wir also auf die Frage nach dem Sinn von Tod eine tiefere Antwort verlangen, als sie die Hauptsätze der Thermodynamik geben könnten.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie

Eine Antwort zu “Der Sinn von Tod

  1. „der Tod als Befreiung des Endlichen von seiner Endlichkeit“

    Ich sehe in Hegel’s Auffassungen durchaus starke Parallelen zu Meister Eckhart:

    Als ich, Herr, in dir war, da war ich unbedürftig in meinem Nichts, und dein Angesicht, dass du mich ansahst, das machte mich bedürftig. Wenn das ein Tod ist, dass die Seele von Gott scheidet, so ist auch das ein Tod, dass sie ans Gott geflossen ist, denn jede Bewegung ist Sterben. Daher sterben wir von Zeit zu Zeit, und die Seele stirbt allsterbend in dem Wunder der Gottheit, da sie göttliche Natur nicht erfassen[…] kann. In dem Nichts stürzt sie hinüber und wird zunichte. In diesem Nichtsein wird sie begraben und mit Unerkenntnis wird sie vereint in den Unbekannten und mit Ungedanken wird sie vereint in den Ungedachten und mit Unliebe wird sie vereint in den Ungeliebten. Was der Tod erfasst, das kann ihm niemand mehr nehmen: er scheidet das Leben vom Körper und scheidet die Seele von Gott und wirft sie in die Gottheit und begräbt sie in ihr, so dass sie allen Kreaturen unbekannt ist. Da wird sie als Verwandelte im Grab vergessen, und sie wird unbegreiflich allen Begreifern. Wie Gott unbegreiflich ist, so unbegreiflich wird sie. So wenig man die Toten begreifen kann, die hier vom Körper sterben, so wenig kann man die Toten begreifen, die in der Gottheit tot sind. Diesen Tod sucht die Seele ewiglich. Wenn die Seele in den drei Personen getötet wird, dann verliert sie ihr Nichte und wird in die Gottheit geworfen. Da findet sie das Antlitz ihres Nichts.

    http://www.zeno.org/Philosophie/M/Meister+Eckhart/Predigten,+Traktate,+Spr%C3%BCche/Traktate/6.+Von+der+Ueberfahrt+zur+Gottheit

    ___________________________________________________

    http://en.wikipedia.org/wiki/Orchestrated_objective_reduction

    Vielleicht kann die „Orch-OR“-Theorie von Penrose und Hameroff uns letztlich wirklich helfen die Mysterien des Lebens und des Sterbens ein bisschen besser zu verstehen… oder zumindest etwas anders über die Phänomenologie des Geistes und des Bewusst-Seins nachzudenken…

    >> The objective factor in OR is an intrinsic feature of spacetime itself (quantum gravity). Penrose begins from general relativity with the notion that mass is equivalent to spacetime curvature. He concludes that quantum superposition[/ ]actual separation (displacement) of mass from itself is equivalent to simultaneous spacetime curvatures in opposite directions, causing „bubbles“, or separations in fundamental reality (Figure 1).
    […]
    Penrose views the bubbles as unstable, with a critical objective degree of separation resulting in instantaneous reduction to classical, unseparated states. Objective reductions are thus events which reconfigure the fine scale of spacetime geometry. As described in Section V, modern panpsychists attribute proto-conscious experience to a fundamental property of physical reality. If so, consciousness might involve self-organizing OR events rippling through an experiential medium.
    Could OR events be occurring in the brain? If so, they would be expected to coincide with known neurophysiological processes with recognized time scales. <<
    http://www.quantumconsciousness.org/penrose-hameroff/quantumcomputation.html

    Kann man daraus nun was für's Leben (oder für den Tod) lernen?
    Oder ist das nur wieder "hanebüchener Stuss", wie so manche "Skeptiker" meinen?
    http://www.heise.de/tp/artikel/4/4853/1.html

    „Rick Grush and Patricia Churchland described the Penrose-Hameroff theory of quantum coherence in microtubules as ’no better supported than any one of a gazillion caterpillar-with-hookah hypotheses‘, to which Penrose & Hameroff reply:
    It’s not that we’re in Wonderland
    But p’raps their heads are in the sand.“

    http://www.youtube.com/watch?v=iIyEjh6ef_8

    „Die Idee ist die Vereinigung von Subjektivem und Objektivem …“ meint Hegel… „Die Wissenschaft setzt voraus, dass die Trennung seiner selbst und der Wahrheit bereits aufgehoben ist.“
    (Zitat aus: Hegel, Werke Bd. III, 116, 142)

    Karl Popper weist darauf hin, dass wir uns einer tieferen Wahrheit sehr wohl annähern können, aber wir können nicht wirklich sicher sein, dass wir sie haben… „Sollte auch einer einst die vollendete Wahrheit finden, so wüßte er es doch nicht. Es ist alles durchsetzt von Vermutung.“

    😉
    So ist es letztendlich vielleicht nur die Kommunikation, die dem Leben oder dem Tod „Sinn“ gibt…/ oder die uns selbst das „Sein“ gibt…

    „Die menschliche Kommunikation ist ein Kunstgriff, dessen Absicht es ist, uns die brutale Sinnlosigkeit eines zum Tode verurteilten Lebens vergessen zu machen. “

    – meint Vilém Flusser.
    … so gesehen sind wir dort „lebendig“, wo Kommunikation stattfindet… selbst wenn wir über den Tod kommunizieren.

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