Vernetzte Anonymität. Twitter biokybernetisch betrachtet.

Ich habe keine Ahnung von Soziologie. Dies spricht für meine Eignung, Fragen zur Soziologie zu beantworten.
Die zumeist anonyme Kommunikation in sozialen Netzwerke wird – so scheint es mir – gerade erst von Soziologen als Beobachtungs- und Untersuchungsgegenstand entdeckt. Eine bedeutende Frage ist nun, ob die vernetzte Anonymität eine neue Qualität darstellt und worin genau diese neue Qualität der Kommunikation in sozialen Netzwerken besteht. Ich widme mich hier speziell dem Untersuchungsgegenstand Twitter und verwende Kategorien aus der biologischen Kybernetik zur Beschreibung. Ziel ist es – über das Bindeglied Systemtheorie – zu einem für Soziologen anschlussfähigem Resultat zu kommen.

Die biologische Kybernetik interessiert sich für die Gesetze, die die selbstorganisierte Evolution komplexer Systeme ermöglichen. Ein Meilenstein war vor 60 Jahren das Miller-Urey-Experiment. Die Entstehung von Makromolekülen aus einer Ursuppe ist sozusagen ein Leuchtturmexperiment für Emergenz. Können wir Twitter als eine Ursuppe betrachten? Welche Strukturen würden dabei den Makromolekülen entsprechen?

Zur Beantwortung verlassen wir die Biochemie und wenden uns der Gehirnforschung zu. Hier interessiert uns das Prinzip der undifferenzierten Codierung, das Heinz von Foerster wie folgt beschreibt:

„Das Erstaunliche ist nun, daß jede Sinneszelle, ein Stäbchen oder Zapfen auf der Retina des Auges, eine Haarzelle auf der basilaren Membran des Ohres, eine Druck- oder Schmerzzelle, eine Warm- oder Kaltzelle, alle nur die Sprache >Klick< sprechen: Die physikalische Ursache der Erregung einer Nervenzelle ist nicht in ihrer Aktivität enthalten, sondern ausschließlich die Intensität der Störung, die ihre Aktivität verursachte. Die Signale, die dem Gehirn zugeführt werden, sagen also nicht blau, heiß, cis, au, usw. usw., sondern >Klick, Klick, Klick<, d.h. sie sprechen nur von der Intensität einer Störung und nicht von >was<, nur von >wieviel< und >woher<.“ [1]
Sächsischer Apfelstrudel

Wenn man nun unter Anonymität die Ungreifbarkeit der Zuordnung versteht, ist die undifferenzierte Codierung das Mittel der Anonymität. Betrachten wir in diesem Sinne mal die Wahrnehmung von Apfelstrudel als emergentes Phänomen. Nase, Augen und Mund finden nur durch Maskierung zu anschlussfähiger Kommunikation. Die Synchronität eines beobachteten Etwas – eine synfire chain – ist das Abbild des Apfelstrudels in der internen Repräsentation des Gehirns. Bemerkenswert dabei ist, dass das maskierte Individuelle – etwa eines Rezeptormoleküls der Nase im Vergleich zu den Zellen der Netzhaut – für das Abbild keine Rolle spielt. Es handelt sich um eine gleichgeschaltete Projektion. Die Anonymität ist zwecks Komplexitätsreduktion gewollt. Die Neuronen sind Teil einer klassenlosen Gesellschaft, die sich ereignisabhängig zu synchron aktiven Clustern formt. Erst die Historizität dieser geteilten Synchronität verleiht dem Neuron Individualität. Eine Individualität allerdings, die sich in der vernetzten Anonymität verliert.

Übrigens ist anhand dieses Beispiels gut zu verdeutlichen, in welchem Sinne sich der Begriff der Autopoiesis auf das Gehirn anwenden lässt. Kritiker weisen darauf hin, dass im Gehirn keine neuen Nervenzellen generiert werden und kein System im Sinne von Maturana vorliegt. Ich betrachte nun nicht die Nervenzellen als Systemkomponenten, sondern die synfire chains. Für Gehirnzellen ist schon im letzten Jahren der Nachweis gelungen, dass wiederholtes synchrones Feuern die Synapsen stärkt. Im Wechselspiel der synfire chains erkenne ich ein autopoietisches System.

Ersetzen wir nun den Begriff „Apfelstrudel“ durch „Krieg in Mali“ oder „Sexismusdebatte“ und wenden uns Twitter zu.
Ich nehme folgende Systemzuordnungen vor:

Twitter-Account -> Neuron
a folgt b -> Synapse zwischen a und b
a sendet Tweet x -> Neuron a feuert
b retweetet Tweet x von a innerhalb Zeitraum T -> a und b feuern synchron
c faved Tweet x von a -> Synapse zwischen a und c verstärkt sich (Gedächtnisfunktion)

Diese Tabelle kann natürlich in Bezug auf alle Interaktionsformen ergänzt werden (z.B. auf einen Tweet antworten, einen Account auf eine Liste setzen etc). Betrachten wir nun die Twitter-Diskussion über den Krieg in Mali. Nehmen wir an, ein Politologe A, ein Mediziner B, ein Physiker C und ein Soziologe D beschäftigen sich mit dem Thema und lesen und schreiben Tweets dazu.
Zunächst ist die Rollenzuschreibung natürlich nicht erkennbar. Ein Physiker könnte sich in seiner Kurzbiografie als Soziologie ausgeben – und umgekehrt. Es besteht also eine Analogie zur Situation der oben beschriebenen Nervenzellen. Die Twitterer sind füreinander unbekannt und bilden durch synchrone Interaktion ein autopoietisches Musterbildungssystem. Nun befinden wir uns in einer Meta-Ebene, da manche Twitterer über ein Gehirn verfügen. Gehirne konstruieren interne Repräsentationen, die als Teil eines Dispositivs betrachtet werden können. Hier zeichnet sich auch das qualitativ Neue ab: die Möglichkeit der Teilhabe an einem emergenten Musterbildungsprozess.
Das führt zu folgender These:

Twitter ermöglicht es durch Rollentausch und Anonymität, die interne Repräsentation eines Dispositivs zur Disposition zu stellen.

Letzte Woche konnte im Rahmen der #aufschrei-Debatte der Mechanismus dieser Musterbildungs-Prozesse studiert werden.
Wäre das ohne Twitter möglich gewesen?
Ich vermute, dass die empirische Sozialforschung uns lehren würde, dass über die Beziehung zwischen Mann und Frau vorwiegend nur Männer untereinander und Frauen untereinander diskutieren (und dabei im Dispositiv verweilen). In der ersten Welle des #aufschrei-Diskurses ging es – ganz im Sinne von Heinz von Foerster – nicht um ein „was“ sondern nur um Katgeorien wie „wer“, „woher“, „wieviel“ etc. Konkret wäre die Anzahl der Retweets mit „wieviel“ zu assoziieren. Relevanzzuordnung durch Unbekannte, unter anderem auch durch sich solidarisierende Männer. Durchschnittlich hat ein Twitterer 200 Follower (bzw. er folgt 200 anderen). Oft bilden sich selbstreferentielle Grüppchen, die postironsiche Witze wiederkäuen. Die Wellen der Retweets im Rahmen von #aufschrei haben diese Mikrocluster mühelos übersprungen und temporäre, neue Muster geschaffen. Natürlich haben sich im Rahmen dieser Debatte auch Unbekannte neu vernetzt. Dies ist gleichsam die Gedächtnisspur von #aufschrei. Das soziale System Twitter wurde so für diese Art der Debatte trainiert.

Wo führt das hin? Was ist das emergente Makromolekül von Twitter? Vielleicht das Aufschmelzen des einen oder anderen Dispositivs.

Literatur
[1] von Foerster, H. (1996) „Erkenntnistheorie und Selbstorganisation“, in: Siegfried J. Schmidt (ed.), Der Diskurs der radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main.

3 Kommentare

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie

3 Antworten zu “Vernetzte Anonymität. Twitter biokybernetisch betrachtet.

  1. „Nase, Augen und Mund finden nur durch Maskierung zu anschlussfähiger Kommunikation.“
    Magst du das noch mal erläutern? Ich würde „Maskierung“ durch Pseudonymität ersetzen und über den Zusammenhang zwischen Anonymität und Pseudonymität nachdenken
    Was wird pseudonymisiert? Wie ist Pseudonymität unter der Bedingung von Anonymität erkennbar, identifizierbar?

    Zum Verhältnis von Anonymität und Pseudonymität in der Internetkommunikation habe ich mal das geschrieben, ein Artikel, den ich mal überarbeiten müsste

    https://differentia.wordpress.com/2011/07/16/zum-verhaltnis-von-anonymitat-und-pseudonymitat-in-der-internetkommunikation/

    • Auf den ersten Blick könnte Pseudonymität treffender sein. Ich werde Montag dazu ausführlich kommentieren. Danke schon mal für den Hinweis!

    • So, nun konnte ich über Deine Frage nachdenken.
      Ich denke, dass der Aspekt der Pseudonymität nur mittelbar eine Rolle spielt. Beginnen wir erneut mit der Neurobiologie.
      In welchem Sinne wird die Kommunikation durch synchron feuernde Cluster (synfire chains) erleichtert? Im Kern geht es um eine lokale Reduktion der Entropie. Deshaln wird von den Attributen des Absenders abstrahiert: sensorische Zellen bringen sich nur per Projektion ein.
      Wie gesagt verstehe ich hier unter Anonymität die Ungreifbarkeit der Zuordnung. Die Entropie-Reduktion bedeutet schlicht, dass die Attribute des Absenders keine Rolle spielen. Es zählt nur die gemeinsame Interaktion, die sensorische Nervenzelle vermittelt nur ihre persönliche Situiertheit (das wann und wo des Reizes kann die Zelle nicht beeinflussen; liegt nicht im Charakter des Absenders.)
      Nun wieder zu Twitter. Betrachten wir eine Gruppe von Leuten, die sich über den Krieg in Mali unterhalten. Reduktion der Entropie beutet, dass themenfremde Tweets mit Comics, Musik, Zitaten etc. störend wirken (Rauschen). Hashtags tragen zum Beispiel zur Entropiereduktion bei, theoretisch auch Twitter-Listen (wobei ich bezweifle, dass die ihren Sinn erfüllen). Der Username und das Avater-Bild (Attribute des Absenders) sind hier zweitrangig: Die Interaktion per Retweet, faven, antworten etc. macht den Cluster (als Entropiesenke der Kommunikation aus). Wegen der – aus Entropiegründen ‚gewollten‘ – Ungreifbarkeit der Zuordnung können auf Twitter Soziologen und Physiker als gleiche unter gleichen kommunizieren.
      Maskierung ist dann nicht als bewusster Akt – wie im Karneval – zu sehen, sondern als Verschleierung oder Uniformierung (zwei gesellschaftlich heterogene Konzepte mit gleicher Wurzel).
      In diesen Kontext würde ich das einordnen.

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