Monatsarchiv: Oktober 2013

Kleine Phänomenologie des Tweets und der Welt

Die Syntax, Semantik und der Humormechanismus eines Tweets wurden in früheren Beiträgen bereits untersucht. Doch was kann man über die inhaltliche Dimension sagen?
In absoluter Unmittelbarkeit lassen wir zunächst Tweets als solche auf uns einwirken. Da wir in erster Linie Tweets besprechen wollen, die aufgrund ihrer Wirkung Relevanz beanspruchen dürfen, konzentrieren wir uns auf die erfolgreichsten Tweets aller Zeiten (lt. favstar). Jedem Tweet ist ein kleiner Resonanzraum aus dem real life als Zitat angefügt.

1. Der partizipative Tweet

„Das Fernsehen war eigentlich dazu gedacht, Langeweile zu vertreiben – in der Realität hat es sie verstärkt. Genauso verhält es sich mit dem Internet. Es verstärkt die Einsamkeit.“
William Deresiewicz

2. Der ironisch-entrückte Tweet

„Ironie ist Teil von unserem Leben, von unserer Alltagsrhetorik. Unsere Ironie-Sensoren sind überreizt, deshalb plädiere ich für die Nacheichung dieser Sensoren.“
Christy Wampole

3. Der entlarvende Tweet

Die Aufteilung der Hausarbeit kann die sexuelle Aktivität verheirateter Paare verringern. Das ist das Ergebnis einer Studie im Fachjournal „American Sociological Review“.
Die Welt 30.01.13

4. Der Statustweet

„Eine Studie hat herausgefunden, dass ein iPhone heute mehr Status einbringt als ein Mittelklassewagen.“
stern.de 25. August 2010

5. Der soziale Abgrenzungstweet

„Ein größerer Hüftumfang geht mit einem kleineren Gehirn einher, darauf deuten inzwischen mehrere Studien hin. Unklar war bislang jedoch, ob die Gewichtszunahme das Hirn schädigt, oder ob sowieso schon verkleinerte Hirnregionen umgekehrt dafür verantwortlich sind, dass manche Menschen eher dick werden. Nun kommen zwei aktuelle Studien zu dem Ergebnis, dass wahrscheinlich beides stimmt und die Prozesse sich gegenseitig verstärken.“
Spiegel Online 16.02.2011

Die Benennung der Kategorien ist absolut vorläufig. Wir tasten uns experimentell an das Thema heran.

Was sagt Twitter über unsere Gesellschaft aus? Ist Twitter Monitor oder Motor der Veränderung? Nicht wenige sind der Meinung, dass wir uns im Zeitalter der globalen Vernetzung von Information in einer Zeit des Umbruchs befinden.
Können wir an Hegels Phänomenologie des Geistes anschließen? Hören wir, was er uns in seiner berühmten Vorrede ins Stammbuch geschrieben hat:

„Es ist übrigens nicht schwer zu sehen, dass unsere Zeit eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen. …. Der sich bildende Geist reift langsam und stille der neuen Gestalt entgegen.“

Sind die oben genannten Tweets nun im Vergleich zu Hegels Masterplan nicht völlig irrelevant und banal? Könnte es eine größere Kluft zur Beinahe-Revolution im Iran geben, deren Mobilisierungskraft manche Twitter zuordnen? Der Begriff „banal“ bezog sich im Mittelalter auf diejenigen Dinge, deren Benutzung der Territorialherr seinen Vasallen gegen Gebühr auferlegen durfte: Mühle, Backofen, Kelter usw.
Und beginnt nicht tatsächlich der eine oder andere Bann zu bröckeln, wenn wir etwa an das Urheberrecht, an die informationelle Selbstbestimmung oder auch an die Bannmauer des Doktortitels denken.
Die Veränderung könnte also aus winzig kleinen Treppenstufen des Banalen bestehen.

Ich habe für mich persönlich die Assoziationen, die sich aus dem Vergleich der o.g. Tweets mit den Real-Life-Ergänzungen ergaben, zu sammeln versucht. Es handelt sich dabei um einzelne Gedankenfetzen; bestenfalls tauglich zur Gesprächseröffnung:

1. Es erfolgt eine relevante Veränderung der Gesellschaft.

2. Twitter ist ein Monitor der Veränderung.

3. Ein Gegenstand der Veränderung ist Attitüde.

4. Inhalt der veränderten Attitüde sind Codes, die von einer Elite geteilt werden.

5. In Bezug auf die Veränderung gibt es keine twitterspezifischen relevanten Inhalte.

6. Als soziales Medium transformiert Twitter Codes in Überzeugung.

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Kleine Philosophie des erfolgreichen Tweets

Wie kommt es eigentlich, dass einige Tweets Resonanzketten auslösen und andere im Schatten verweilen? Welche Eigenschaften sollte ein Tweet haben, um im Diskursmedium Twitter anschlussfähig zu sein?
Im Blog Neurosoziologie hatte ich das Thema schon einmal behandelt: “You had me at hello”: Marketing mit einprägsamen Slogans“.
Damals war die wichtigste Erkenntnis: Einprägsame Sprüche sind lexikalisch (semantisch) auffällig und syntaktisch unauffällig.
In der Praxis scheint sich das aber nur begrenzt zu bestätigen. Wie kann man das Delta, das einen erfolgreichen Tweet auszeichnet, besser eingrenzen?

Ich startete in den letzten Woche eine Versuchsreihe. Ich sammelte berühmte Zitate und wandelte den Inhalt leicht – mit Bezug zu Twitter – ab.

Beispiel:
Georg Christoph Lichtenberg
Vorher:

„Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“

Buch ->Tweet, also:

„Ein Tweet ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“

Von Moses bis Woody Allen wurde so gut wie alles verwurstet. Mit mäßigem Erfolg.
Kein einziges der verfremdeten Zitate konnte meine filter bubble verlassen. Dies mag daran liegen, dass zum Beispiel bei Filmzitaten der Moment der Einprägung im Sinne eines framing eine Rolle spielt. Das Loriot-Zitat „Früher war mehr Lametta“ trägt seinen Witz nicht nur in sich, sondern aktiviert über unseren Hippocampus im Gehirn die Assoziationsbilder der Familie Hoppenstedt.

Laut favstar schafften es nur Tweets, die ich nebenbei verfasste, in die Top 10:
#1

und #2

Im ersten Fall (Say No! to hashtags) kann ich mir noch nicht einmal sicher sein, dass die von mir als Sender intendierte Ironie auch bei allen Empfängern so gedeutet wurde. Pawlowsche Clickreflexe für einen Kampagnentweet sind hier denkbar (wobei das Hashtag #sayno weiter verbreitet wird).

Der zweite Tweet hingegen erfüllt die Basiskriterien: syntaktisch unauffällig und semantisch auffällig.
Es ist merkwürdig, dass es nur wenig wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema gibt. Eine Ausnahme ist die Studie Die Lust am komischen Text von Rüdiger Steinlein.
Steinlein beschreibt „literarische Lachszenen von Homer bis Karl Valentin“ und stellt Bezüge zur Philosophie her. Unter anderem kommt Immanuel Kant zu Wort:

„Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts“

Inhaltlich konstatiert Steinlein:
„Der Als-Ob-Charakter der Inszenierung bleibt in der Wahrnehmung durch den Rezipienten auch in Fällen schlimm erscheinender Schädigung als Ermöglichung eines Lach- und nicht etwa eines tiefgreifend-existenziellen Entsetzenseffektes stets gegenwärtig.“

Im Sinne von Kant baute mein Tweet eine gespannte Erwartung auf: „Vergangene Nacht hatte ich einen…“.
Für den Empfänger ist also klar, dass sich etwas bedeutendes (sonst würde ich nicht darüber twittern) und etwas wahrscheinlich intimes (Privatsphäre Nacht) ereignet hat. Ein erotisches Abenteuer würde also die Spannung adäquat auflösen.
Das tatsächlich eingetretene Ereignis (ein Algorithmus) steht im starken Kontrast zur Erwartungshaltung. Ein eher nicht wünschenswertes Ereignis ist eingetreten, denn dieses sehr große Delta markiert meinen Schaden. Die Sache wird mich nicht umbringen, so dass kein „tiefgreifend-existenzieller Entsetzenseffekt“ eintritt. Der Empfänger vergleicht seine eigene Situation und wird feststellen, dass sein Delta zum Wünschenswerten wohl kleiner ausfällt.

„Ob eine derartige Lach-Inszenierung gemäß der Intention des Autors und ihrer Struktur nach (der überraschenden Änderung der Zustandes und der Befindlichkeit der Figur bzw. des Akteurs) als belustigend erlebt werden kann, hängt ferner entscheidend von Rezipienten ab, das Ganze in seiner „Realitätsenthobenheit“ zu erkennen und aufgrund der darin liegenden Distanzierung auch als belachbar genießen zu können.“
Steinlein, p.10.

Hierbei spielen nun Normierungseffekte auf Twitter eine Rolle. Die „Realitätsenthobenheit“ ist ja fast schon der Grundzustand der Kommunikation. Sprachliche Konstrukte, die da noch überraschen können, werden seltener.
Ein dauerhafter komisch-ironischer Grundduktus erschwert darüber hinaus die Rückkehr zur ernsten Kommunikation. In dem selbstreferentiellen Netzwerk Twitter wäre zu erwarten, dass sich neue Codes herausbilden, da Unterscheidungsmerkmale (ernst/ironisch/komisch) zunehmend verschwimmen.

Dies sind natürlich nur erste ver- und zerstreute Andeutungen. Eine umfassendere wissenschaftliche Aufarbeitung wäre wünschenswert.

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Galilei und Zermelo – die Bändigung des Unendlichen

Im Jahr 1638 erschien von Galileo Galilei in Leiden die Abhandlung „Discorsi i dimonstanzioni matematiche“. Galilei erörtert dort die Anzahl der Quadratzahlen. Jeder Quadratzahl wurde ihre Wurzel zugeordnet und als Reihe dargestellt:
1, 4, 9, 16, 25, …
1, 2, 3, 4, 5, …

Diese Darstellung legt nahe, dass es genau so viele Quadratzahlen wie Wurzeln gibt. Nun gibt es aber unendlich viele Zahlen und unendlich viele Quadratzahlen, nur eben nicht gleich viele!

Ein Physiker würde hier eine Messung definieren. In einem wohldefinierten Intervall [a,b] werden die Objekte mit der Eigenschaft f(x) addiert. Für das Intervall [1,36] ergeben sich 36 natürliche Zahlen und nur sechs Quadratzahlen. Die „Dichte“ der Quadratzahlen beträgt also nur ein Sechstel. Erweitert man zu [1,1000000], so sinkt die Dichte in den Promillebereich ab.

Am 20.Juni 1877 erweitert Georg Cantor dieses Gedankenexperiment, als er die Abbildung eines Quadrats auf eine Strecke beweist. Eine Strecke mit Länge A hat unendlich viele Punkte. Und ein Quadrat mit Fläche A² hat genau so (unendlich) viele Punkte? Unglaublich. [1]

Er drängt in einem Brief vom 29. Juni 1877 seinen Freund Richard Dedekind, seinen Beweis zu überprüfen:

„Entschuldigen Sie es gütigst meinem Eifer für die Sache, wenn ich Ihre Güte und Mühe so oft in Anspruch nehme; die Ihnen jüngst von mir zugegangenen Mittheilungen sind für mich selbst so unerwartet, so neu, dass ich gewissermassen nicht eher zu einer gewissen Gemüthsruhe kommen kann, als bis ich von Ihnen, sehr verehrter Freund, eine Entscheidung über die Richtigkeit derselben erhalten haben werde. Ich kann so lange Sie mir nicht zugestimmt haben, nur sagen: je le vois, mais je ne le crois pas.“

Diese sehr verwirrenden Resultate deuten auf einen unklaren Gebrauch des Begriffs „unendlich“ hin. Erst durch die Meta-Mathematik, also die axiomatische Fundierung der Mathematik, konnten solche paradoxen Ergebnisse besser verstanden werden.

Am 30. Juli 1907 vollendete Ernst Zermelo seine Schrift: „Untersuchungen über die Grundlagen der Mengenlehre.“
Zermelo führt das Unendliche als Axiom ein.

Als Präambel startet Zermelo zunächst mit einer Begriffsdefinition:

Die Mengenlehre hat zu tun mit einem Bereich B von Objekten, die wir einfach als „Dinge“ bezeichnen wollen, unter denen die „Mengen“ einen Teil bilden.

Wir beschränken uns hier auf die Passagen der Axiome, die für unsere Überlegungen relevant sind.

Axiom II. Es gibt eine (uneigentliche) Menge, die „Nullmenge“ 0, welche gar keine Elemente enthält. Ist a irgendein Ding des Bereiches, so existiert eine Menge {a}, welche a und nur a als Element enthält. …

Betrachten wir eine Menge M= {Hund, Katze, Maus}. Axiom II sagt uns, dass zum Beispiel zum Element Hund auch eine Menge H={Hund} existieren muss.

Axiom VII. Der Bereich enthält mindestens eine Menge Z, welche die Nullmenge als Element enthält und so beschaffen ist, dass jedem ihrer Elemente a ein weiteres Element der Form {a} entspricht, oder welche mit jedem Elemente a auch die entsprechende Menge {a} als Element enthält.

Betrachten wir die Menge der Quadratzahlen Q:
Q={1, 4, 9, 16, …}

Um die Berechnungen des Unendlichkeitsaxiom anwenden zu können, wandeln wir Q in eine Menge mit den Eigenschaften von Z.

Schritt 1:
Die Nullmenge fehlt.
Q*={0, 1, 4, 9, 16, …}

Schritt 2: Jedem Element ist noch eine Menge zuzuordnen.
Q**={0, 1, 4, 9, 16, …{0},{1},{4},{9},{16}…}.
Nun sind Hund und {Hund} zwei Paar Schuhe. Nach Axiom VII ist auch die Vereinigung eine Menge Z:
H*={Hund,{Hund}}.

Schritt 3:
Q***={0, 1, 4, 9, 16, …{0},{1},{4},{9},{16}…{0,{0}},{1,{1}},{4,{4}}…}.

So ergeben sich allerhand Untermengen Z. Nun ist von zentraler Bedeutung, dass Zermelo zur Ableitung einer abzählbaren Menge die Schnittmenge aller Teilmengen Z bildet. [2]

Aus der Menge der natürlichen Zahlen N leiten wir analog eine Menge N*** ab, die unter anderem Elemente wie {2} und {2,{2}} enthält. Diese Elemente sind in Q*** nicht enthalten, so dass wir in diesem Moment noch denken können, dass N*** mehr Elemente als Q*** enthält.

Die Schnittmenge der natürlichen Zahlen N mit der Menge der Quadratzahlen ist aber Q! Also ist ein gleichzeitiges Abzählen von Q und N gar nicht möglich und mit den Zermelo-Axiomen unvereinbar. Es gibt unendlich viele Quadratzahlen. Punkt.
Und es gibt unendlich viele natürliche Zahlen. Nochmal Punkt. Und niemand hat ein Lineal, mit dem man beide Mengen gleichzeitig messen kann. Ausrufezeichen.

Für Zermelo ergeben sich die natürlichen Zahlen als Schachtelung der Nullmenge, zum Beispiel:
0 := 0
1 := {0}
2 := {0,{0}}
3 := {0,{0},{0,{0}}}
usw.
Axiom VII verkörpert schlicht und ergreifend den Kerngedanken der Sequenz. Und offenbar gilt:
Es kann nur eine (Sequenz) geben!

Zermelo führt an einer entscheidenen Stelle seiner Arbeit aus:

„Mengen dürfen niemals independent definiert, sondern immer nur aus bereits gegebenen ausgesondert werden.“

Wie sind die Zermelo-Axiome philosophsich zu bewerten? Nimmt man sich etwas Zeit, wird man Kants Kategorientafel vorzüglich abgebildet findet. Das magische Wort „Unendlich“ ist weiterhin nichts anderes als Sequenz. Die Sequenz ist aber – bei Kant kein Ding an sich – und bei Zermelo kein Teil des „Bereichs“. Antinomien und Paradoxien nähren sich aus gleichen Quellen.

Nun hat bekanntlich Kurt Gödel den Versuch unternommen, die Konsistenz des (später durch Abraham Adolf Fraenkel erweiterten) Zermelo-Axiomensystems zu überprüfen. Vergeblich.

Wie könnte nun ein Schritt über Zermelo hinaus aussehen? Kant war ein großer Verehrer der Mathematik. Er würde die Sequenz als Eigenschaft unseres Gemüts verorten und nicht unbedingt als Stützpfeiler einer ‚Mathematik an sich‘ betrachten. Betrachten wir unser Gehirn – das Organ der Mathematik – als neuronales Netzwerk, begegnen uns die Eigenschaften eines Parallelcomputers. (Oder, wenn man Roger Penrose folgen möchte, eines Quantencomputers). Welche Gesetze gelten für solche Rechenmaschinen? Meines Erachtens wird der Aspekt der Symmetrie eine Rolle spielen. Elemente aus Topologie und Feldtheorie könnten konstitutiv für die Axiomatik eines Quantencomputers sein. Dabei ist zwischen der Verkörperung von Mathematik und der Kommunikation von Mathematik zu unterscheiden.

Ich beende meine Überlegungen mit einer Anlehnung an Nietzsche:

„Es gibt noch eine andere Mathematik zu entdecken — und mehr als eine! Auf die Schiffe, ihr Mathematiker!“

[1] Die Fallbeispiele und das Zitat entstammen der vorzüglichen „Gedenkschrift für Richard Dedekind“, IHK Braunschweig, ISBN 978-3-937664-75-0
[2] Das Axiom VII wirkt ein wenig wie vom Himmel gefallen. Das Konstrukt entstammt einer früheren Arbeit von Zermelo zum „Wohlordnungstheorem“. Dort geht es anschaulich um eine Methode, wie man es hinkriegen kann, dass die Elemente einer Menge der Reihenfolge nach zum Zählappell antreten.

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