Monatsarchiv: Januar 2014

Notizen zur Viralität von Twitter

Twitter ist ein soziales Netzwerk, das ein überschaubares Set an Interaktionsmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Beiträge anderer Mitglieder können favorisiert werden und/oder als Kopie den eigenen Lesern (Followern) zur Verfügung gestellt werden (Retweet).

Der Verbreitungsmechanismus von Nachrichten (hier: Tweets) in sozialen Netzwerken ist bisher nur wenig erforscht. Häufig werden Metaphern aus der Biologie („virales Marketing“ etc.) benutzt, um den Prozess zu beschreiben. Betrachtet man die Viralität als ein Maß für die Verbreitungsgeschwindigkeit einer Nachricht im Netz, dann ist – ganz im Sinne der biologischen Metapher – die Anzahl der erstellten Kopien (Retweets) der entscheidende Faktor. Die Anzahl der FAVs hingegen ist u.a. für das Auftauchen einer Nachricht in Rankinglisten (wie sie zum Beispiel der Dienst favstar zur Verfügung stellt) entscheidend. Immer mehr Tweets werden über derartige Rankinglisten verbreitet.

Heuristik
Welche Eigenschaften unterscheiden nun mehr oder weniger virale Tweets? Kann man diesen Effekt quantifizieren?
Ad hoc bildet sich ein Index an, der Retweets deutlich stärker wichtet als Favoriten. Als heuristischer Startpunkt sind hier zwei Varianten entwickelt:

#FAV: Anzahl der favorisierten Tweets
#RT: Anzahl der Retweets
#F: Anzahl der Follower
Viralitätsfaktor 1:

VF_1 := sqrt((#FAV)²+(#RT)³)/(#F)

(Hier wird auf die Zahl der Follower normiert.)

Viralitätsfaktor 2:

VF_2 := sqrt((#FAV)²+(#RT)³)/(#FAV)

(Hier wird auf die Zahl der FAVs normiert.)

Diese Formeln wurden nun auf die zehn erfolgreichsten Tweets aller Zeiten angewandt (Bezug: favstar).

Viralität
Es zeigt sich, dass bei vergleichbarer Anzahl der FAVs die Viralitätsfaktoren signifikant unterscheiden.
Kann man hier eine Art Phänomenologie der Viralität betreiben? Nachstehend sind je zwei Tweets mit (relativ) hoher und geringer Viralität aufgeführt.

Starke Viralität

Geringe Viralität

Dieser Befund lädt dazu ein, erste Thesen aufzustellen.

1. Je mehr Leser ein dargestelltes Szenario (hier Pfandflaschen und Smartphones) nochvollziehen können, desto häufiger wird ein Tweet geteilt.

2. Unvorteilhafte Szenarien (hier: Einsamkeit und Verstopfung) werden zwar favorisiert, aber weniger geteilt.

3. Kraftausdrücke in Tweets reduzieren die RT-Wahrscheinlichkeit.

4. Allgemein gehaltene Kritik (Deutschland, Politik, Medien etc.) wird häufiger geteilt als spezielle Kritik an konkreten Gruppen oder Personen.

5. Tweets, die positiv mit sozialem Status konnotiert sind, werden häufiger geteilt.

Aus diesen Überlegungen heraus stelle ich die folgende Arbeitshypothese auf:

Die Viralität eines Tweets hängt stark von der subjektiven Konsensfähigkeit des Tweetinhalts ab.

Wer entscheidet nun über Konsensfähigkeit? Hier dominieren meines Erachtens nach wie vor die klassischen Medien. So sorgt zum Beispiel eine in der tagesschau verlesene Meldung über einen Skandal beim ADAC für eine ad hoc Normierung in der Bewertung. Tweets, die an dieses Thema originell anschliessen, werden hohe Viralität aufweisen. Bei einem komplexen Sachverhalt – etwa der Einrichtung von „Gefahrenzonen“ in Hamburg – ist die subjektive Konsensfähigkeit keineswegs so klar zu fassen.

Es zeigt sich eine Henne-Ei-Problematik sozialer Netzwerke: Wenn vorwiegend Konsens viral ist, wie kann das Netzwerk dann als Diskursmedium dienen, um ebendiesen Konsens über ein strittiges Thema herzustellen?

Diese Arbeitsnotiz soll aufzeigen, dass eine Quantifizierung phänomenologisch relevanter Eigenschaften sozialer Netzwerke möglich erscheint.

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Das Internet als Metapher

Evgeny Morozov antwortete heute in der F.A.Z. (Nr. 12, Seite 25) auf Sascha Lobos These, das Internet sei kaputt.

Lobo und Morozov thematisieren beide die Enttäuschung über den Zustand und die Entwicklung unseres digitalen Lebens (i.e. Internet). Morozov bereichert die Debatte um eine philosophische Sicht, die ich hier aufgreifen und erweitern möchte.

Was ist das Internet? Morozov ist der Meinung, dass uns eine geeignete begriffliche Grundlage zur Beschreibung fehlt. Vor allem sei das Internet keine homogene bzw. kohärente Entität:

„Das ‚Internet‘ ist kein Medium, sondern sollte als Ideologie begriffen werden.“

Evgeny Morozov

An diesen Punkt möchte ich anknüpfen. Diese Perspektive ist hilfreich, damit wir im ersten Schritt den taken-for-granted-Charakter des Internet auflösen können. Das Internet ist keine Glocke, die uns von kalifornischen Firmen übergestülpt wird. Aber kann man das Internet als Ideologie begreifen? Eine Ideologie ist eine Lehre (Logos) von den Erscheinungen (idea). Ich denke, dass wir noch nicht so weit sind. Die digitale Welt ist Erscheinung und das oben zitierte Begreifen setzt einen Logos voraus, über den wir noch nicht verfügen. Das Internet als Erscheinung ist aber sehr wohl Projektionsfläche – auch für Hoffnungen und Ängste. Es werden Begriffe (Freiheit, Autonomie, Aufklärung) auf den Begriff Internet übertragen. Und in diesem Sinne spreche ich vom Internet als Metapher (meta-phoréō).

Enttäuschung. Worüber?

Ich verstehe überhaupt nicht, weshalb der Begriff der „Enttäuschung“ im Zentrum der Debatte steht. Für mich war das Internet immer nur das, was es ist: Eine Verknüpfung von Computern mit Hilfe einer Metasprache (HTML). Ich gehörte im Jahr 1998 einer Arbeitsgruppe an der Universität Jena an, die eine neuronale Internetsuchmaschine patentiert hat. Selbstverständlich haben wir von Anfang an stets auch die kommerzielle Nutzung von Innovationen im Blick gehabt und unsere Erfindungen stolz auf der CeBIT präsentiert. Enttäuschung? Wenn ich über etwas enttäuscht bin, dann über die Tatsache, wie wenig intelligent das heutige Internet ist.

Internet – systemtheoretisch betrachtet

Betrachtet man als Naturwissenschaftler oder Philosoph die vernetzte Welt, dann fallen einige Ähnlichkeiten mit dem System Gehirn auf. Vernetzte, selbstorganisierte Informationsverarbeitung. Betrachtet man die Heilsversprechen aus New Economy Zeiten, dann kommt noch der Assoziationsraum Theologie hinzu. Spielen wir diesen Gedanken mal durch.

Gehirn <=> Internet <=> Gott

Die Analogie Gehirn/Internet ist noch recht einfach zu antizipieren – diverse SciFi-Szenarien haben das hinreichend thematisiert. Netze, Knoten und Informationsübertragung als Elemente eines (selbstreferentiellen) Systems. Aber Gott als System?

Betrachten wir das ausgehende Mittelalter kurz vor Beginn der Reformation. Wo ist das die Analogie zum System Internet? Meine These ist, dass soziale Systeme, die einem qualitativen und quantitativen Wachsum unterliegen, irgendwann übersteuern. Konkret: Die Komplexität nimmt über einen kritischen Punkt zu, ab dem konventionelle Regelungsmechanismen des Systems versagen. Es kommt unweigerlich zu einer neuen Konfiguration (hier: Reformation) des Systems.

Mit der Gottesmetapher ist nun ein System mit zahlreichen Komponenten assoziiert:

Gott := {Kirche, Klöster, Kirchensteuer, nichtmaterielle Bedürfnisbefriedigung, sozialkonforme Verhaltensdoktrin, Vatikan, vereinsartige Zusammenkünfte, etc.}

Die Klöster bildeten – was den Wissens- und Informationsaspekt anbelangt – eine vernetze Vorgängerversion der Wikipedia. Kirchen waren Netzknoten in einem hierarchischen Gefüge. Nun kamen neue Systemkomponten hinzu, die mit dem Wachstum assoziiert waren (Landflucht, Merkantilismus, technischer Fortschritt und last but not least: Buchdruck). Eine neue Art von Selbstorganisation wurde möglich und der zentrale Netzknoten Vatikan wurde zu einem Fremdkörper. Es gab Nutznießer der Gottesmetapher, die sich gegen Veränderung sperrten aber auch ein Martin Luther war nicht frei von eigenen Interessen (bzw. er war einzelnen Subsystemen – Fürstentümern – nützlich).

Was lehrt uns diese Betrachtung? Ist also das Silicon Valley der neue Vatikan? Ich denke, dass selbst, wenn es so wäre, würde sich das Problem mit der Zeit lösen. Dies führt uns zum Thema des Internetzentrismus.

Internetzentrismus

Betrachten wir zunächst Morozovs Definition des Begriffs:

„Internetzentrismus ist die Logik, nach der das Internet zu komplex sei, als dass wir es verstehen könnten.“

Eigentlich steckt in diesem Satz doch nur die Aussage, dass wir nicht monokausal über das Internet sprechen und urteilen können. Oder positiv: Wir müssen das Internet systemtheoretisch betrachten. Mich wundert nur, dass er diesen Gedanken nicht weiter ausführt. Stattdessen kulminieren seine Gedanken in der Erkenntnis, dass sich „die“ Politik mehr um die Infrastruktur der digitalen Welt kümmern soll. Aha. Neue Glasfaserkabel braucht das Land? Ist es das schon?

Gerade wenn man die systemtheoretische Perspektive einnimmt, ergibt sich ein anderes Bild. Gerade einmal 20 Jahre Internet liegen hinter uns – ein Wimpernschlag der Weltgeschichte. Ich bin davon überzeugt, dass das Konzept einer zentralen Datenspeicherung in Rechenzentren keine Zukunft hat. Das System Gehirn kennt keine derartigen Zentren. In einigen Jahren könnte es Server von der Größe eines USB-Sticks geben – erschwinglich für jedermann. Der Computer konnte nur durch die Realisierung von Schnittstellen (Desktop-Metapher!) zum Massenphänomen werden. Auch die Schnittstellen für bisherige Expertentechnologie – insbesondere Datenbanken – werden im Laufe der Zeit vereinfacht. Projekten wie Linux oder mySQL fehlt nur die breite Nutzerschnittstelle.

So könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass es zum Beispiel eines Tages auch ein deutsches (besser: dezentrales) Twitter gibt. Jeder Twitterer hostet seine eigene Datenbanken und entscheidet autonom über die Vernetzung mit anderen Datenbanken. Der technische Internetzentrismus kann einen Wimpernschlag der Geschichte weiter (2030 – 2040) bereits Vergangenheit sein.

Was kann und soll Politik 2.0.?

Woher kommt den nun die Verwirrung und Aufregung über den Internetbegriff? Könnte es sein, dass die Komplexität unseres sozialen Systems erneut auf eine Übersteuerung zuläuft? Die Art und Weise, wie wir bisher Politik betreiben, ist unkybernetisch.

Hier setzen die Heilsversprechen der Piratenpartei ein. Wie kann Meinungsbildung in Netzwerken und Kopplung an Netzwerke stattfinden? Ich kenne die Antwort nicht. Und hier stimme ich mit Morozov wieder überein: Wir sollten uns ernsthafte Gedanken über die Zukunft von Politik in einer vernetzten Welt machen. Das bisherige Scheitern der Piratenpartei – da ist der Begriff der Enttäuschung angebracht. Eine für mich sehr beunruhigende Enttäuschung, da wir nicht beliebig Zeit für die Konstitution von Politik 2.0. haben.

Das soziale System konfiguriert sich neu: so oder so.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Twitter und die Landschaft des Denkens

Im Rahmen eines kleinen Experiments wurden die Twitter-Archive von @kusanowsky, @frachtschaden und @neurosophie zu einer Datenbank fusioniert und mit Hilfe eines assoziativen Netzwerks abgebildet.
An dieser Stelle könnte ich eine längere Ausführung zur Neuroinformatik, zur Assoziationspsychologie bis hin zu James Joyce einfügen. Das würde uns aber nur unnötig belasten und ablenken.

Betrachten wie die angefügte Grafik einfach nur als Kunstwerk – generiert aus 16742 Tweets.

Fusionsnetz
[2 Minuten kontemplative Bildschau. Zum Vergrößern Bild anclicken.]

Das Bild als Kunstwerk betrachtet wird nun selbst zum Gegenstand des Denkens.
Welche Assoziationen löst das Kunstwerk aus?
Ich nenne hier nur einzelne Elemente des Bildes und verzichte auf jedwede Interpretation.

a) Das Hegel-Dreieck
Die Begriffe {Kontingenz,Gott,Ordnung} bilden ein Dreick, in dessen Mitte sich Hegel befindet.

b) Luhmann und die Kommunikation
Es sieht fast so aus, als ob beide Begriffe zu einem fusionieren wollen.

c) Gott und Bedeutung
Zu diesem Begriffspaar (das sich als eigener Cluster abhebt) bilden Heidegger und Sartre eine orthogonale Achse.

d) Kant ohne Vernunft
Es gibt keine direkte Verbindunng zwischen {Kant} und {Vernunft} (wohl aber zur {Mathematik}), nur eine über Nietzsche vermittelte Verbindung.

Welche weiteren Assoziationen löst das Bild beim Betrachter aus? Welche spontanen Aussagen (im Sinne eines Rorschach-Tests) manifestieren sich? Kommentare sind willkommen. Und keine Angst: Eine Studie hat nachgewiesen, dass aufgrund eines Rorschach-Versuchs keine gültigen Aussagen über die Intelligenzhöhe des Betrachters möglich sind.

PS Vielen Dank an @kusanowsky und @frachtschaden, dass ich eure Archive nutzen durfte.

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