Monatsarchiv: August 2014

Gehirn am Ungrund. Eine kleine Heidegger-Exegese

Im Journal für Philosophie der blaue Reiter erläutert Alexander Aichele „das Geheimnis des »Seyns«“ (Nr. 35, Seite 58-61). Der hervorragende Aufsatz ist zugleich eine gute Einführung in das Denken Martin Heideggers.
Zur Zielsetzung Heideggers erfahren wir:

„Heideggers Bemühungen zielen auf das Denken vor der Philosophie.“
„Philosophie setzt stets einen vorphilosophischen Begriff von Welt voraus.“

Damit ist ein ursprünglicher Seinsmodus assoziiert, der sich von dem von uns wahrgenommenen und kommunizierten (dem Seienden) unterscheidet. In dem altgriechischen Wort für Wahrheit, aletheia, ist „verbergen“ enthalten.
Dabei ist die geschichtliche Existenz des Menschen zu berücksichtigen:

„Die Entbergung des Seienden geschieht … ursprünglich durch menschliche Praxis, die nicht auf Erkenntnisgewinn … abzielt.“

Damit ist das Erkenntnisvermögen begrenzt:

„Gerade weil die Tatsache, dass Seiendes ist, im Geheimnis des Ursprungs des Seienden verborgen liegt, ist Seiendes in seinem »Seyn« für den Menschen nicht verfügbar.“

Was ist dann die Aufgabe der Metyphysik? Aichele zitiert dazu Heidegger:

„Der Ausblick in das Geheimnis aus der Irre ist das Fragen im Sinne der einzigen Frage, was das Seiende als Solches im Ganzen sei.“

Damit sind natürlich nur einzelne Kernaussagen des Aufsatzes angerissen. Wir beginnen nun mit einer eigenen Exegese.

Wir können uns Heidegger auch aus der Perspektive einer neuronalen Erkenntnistheorie nähern [2]. Zunächst ist klar, dass es eine Welt-an-sich gab und gibt – unabhängig von der Existenz von Gehirnen. Bei der Informationsaufnahme durch Umweltreize ist nun zwischen objektiver und subjektiver Information zu unterscheiden. Die neuronale Erkenntnistheorie lehnt einen Zugang des Gehirns zu objektiver Information [3] strikt ab. Gehirne konstruieren aktiv eine interne Repräsentation der Welt, die aus subjektiver Information verwoben wird. Dieses subjektive Netz übt sich im freien Spiel der Assoziation.

Legen wir an dieses Bild ein Heidegger-Zitat:

„Kann die Wahrheit gründlicher untergraben werden als dadurch, daß man sie der Willkür dieses »schwankenden Rohrs« preisgibt? Was dem gesunden Urteil sich schon während der bisherigen Erörterung immer wieder aufdrängte, kommt jetzt nur deutlicher an den Tag: die Wahrheit wird hier auf die Subjektivität des menschlichen Subjekts hinabgedrückt. [1]“

Das Seiende sind nun die Elemente der internen Repräsentation – subjektive Entitäten – die zumindest durch eine Projektion bzw. Korrelation zur Außenwelt (Welt-an-sich) entstanden sind. Durch die oben zitierte „menschliche Praxis“ eben [4].

Nehmen wir ein Beispiel, das Heidegger selbst aufgreift: Ein Mensch steht vor einem blühenden Baum. Heidegger distanzierte sich schon damals von der Ansicht, es gäbe eine nachweisbare Repräsentation der Außenwelt im Kopf:

„Wo bleibt bei den wissenschaftlich registrierbaren Gehirnströmen der blühende Baum?“ [5]

Ist dieser Baum ein Kirschbaum, dann löst das Bild bei einem Tischler die Assoziationen „Kirschholz“ und „Kirschholzmöbel“ aus. Heidegger würde hier von einer „Betriebsamkeit des Kennens“ sprechen. Die Assoziationen des Tischlers schwingen im Sein-lassen des Seienden. Doch etwas Wesentliches geht dabei verloren. Die „ek-sistente Ausgesetztheit“ in das Seiende im Ganzen und durch diese vermittelt – Erlebnis und Gefühl.
Astronomen suchen sich für ihre Beobachtungen Orte aus, an denen es wenig Zivilisation und somit wenig Kunstlicht gibt. In Anbetracht der Schwingungen und Schwebungen durch technische Netzwerke ist Heideggers Rückzug in die Hütte in Todtnauberg sehr plausibel.

Literatur und Anmerkungen
[1] Heidegger, Martin: Vom Wesen der Wahrheit. In: Wegmarken
[2] Auch der radikale Konstruktivismus wäre ein guter Ausgangspunkt.
[3] Genauer: Objektive Wahrscheinlichkeit im Sinne der Informationstheorie von Shannon. Siehe dazu: Breidbach, Olaf: Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt. Ein Beitrag zur Neuronalen Ästhetik. Springer. Wien New York 2000.
[4] Hier sei ein spannender Wechselbezug zwischen Technik und Neurowissenschaft erwähnt. Wie erlernt der Mensch den Werkzeuggebrauch? Der Umgang mit der seienden Axt wird offenbar durch Unterstützung von Spiegelneuronen von einem Kopf auf den anderen übertragen. Gerade weil das Seiende „nur“ im Kopf ist, kann es sich in Windeseile verbreiten.
[5] Heidegger, Martin: Was heißt Denken?

3 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

Der Sinn des Lebens. Beziehungsweise: Nexus.

Was ist der Sinn des Lebens? Mit dieser Frage beschäftigt sich Patrick Spät in der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft (Ausgabe 5 / 2014).

Spät kommt recht früh zu der Einsicht, dass es einen Sinn des Lebens nicht gibt. Zunächst einmal definiert er die Sinnfrage:

„Die Sinnfrage richtet sich nach einem Ziel, dem unser Leben dienen soll, oder das wir vielleicht sogar erreichen sollen. Doch kann es ein solches Ziel rein logisch überhaupt geben?“

Verweise auf Camus, Nietzsche und Anders sowie logische Überlegungen und eine pragmatische Betrachtung des Lebens führen ihn zu der Aussage:

„Es gibt lediglich einen subjektiven Sinn, keinen objektiv gültigen.“

Diese Erkenntnis soll allerdings nicht als Grundlage für einen Nihilismus herangezogen werden. Vielmehr fordert er:

„Eines jedoch überlagert die Sinnlosigkeit nicht: das moralische Handeln gegenüber anderen Menschen.“

Nun ist die Frage nach dem Sinn des Lebens sicherlich nicht unbedeutend. Aber kann es befriedigen, die Diskussion mit einem affirmativen Wechsel in der Hand – moralisches Handeln betreffend – zu verlassen?

In den nachfolgenden Überlegungen soll eine gegenteilige Position erarbeitet werden. Ja, ein objektiver Sinn des Lebens lässt sich durchaus begründen.

Dazu ist die einfache Frage nach dem Sinn des Lebens nicht hinreichend. Der erste und notwendige Arbeitsschritt besteht darin, die Elemente aus dem Fragekanon der Philosophie zu verorten, die von unserem Anliegen betroffen sind. Zwei Fragen sind unmittelbar betroffen: Was soll ich tun? und Was darf ich hoffen?

Gerade die letzte Frage gibt uns erst die Grundlage für unsere Handlungsentscheidungen: Einsicht. Einsicht in das, was gespielt wird. Bekanntlich beschäftigt sich Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft mit dieser Frage. Und er behandelt einen Themenkomplex, der als Rüstzeug für eine Antwortfindung meines Erachtens unentbehrlich ist: die Ästhetik. Könnte es sein, dass der Sinn des Lebens sich nicht primär in einer moralischen, sondern in einer ästhetischen Fragestellung aufgehoben findet? Eine kleine Andeutung mag uns den Weg weisen. Wir können Spät einerseits darin folgen dass Gott „egal“ sei. Aber andererseits können wir nicht leugnen, dass der Kulturmensch überall auf der Welt und zu allen dokumentierten Zeiten Religionen erfunden und damit verbundene Kulte praktiziert hat. Ich werde (aber nur für diesen Aufsatz) davon ausgehen, dass Gott tot sei. Damit ist die Religion als Faktor für die Philosophie aber keineswegs entwertet. Denn auch ohne Gott bleiben wesentliche Qualitäten bestehen. So kann ich ohne weiteres die Innenräume katholischer Kirchen als Wirkräume für Ästhetik betrachten und diese als solche untersuchen. Die Nichtberücksichtigung von Ästhetik wäre für sich genommen schon hinreichend für eine Zurückweisung von Späts Argumentation – vorausgesetzt, dass wir Ästhetik als tatsächlich relevant erachten.

Das ist keineswegs selbstverständlich und davon abhängig, wie wir die Frage Was ist der Mensch? beantworten. Betrachten wir den Menschen als Maschine, dann scheint sich auf den ersten Blick die Relevanz zu relativieren. (Der Kanon der neuronalen Ästhetik zeigt allerdings auf, wie selbst Maschinen ästhetische Erlebnisse haben können.) Ich betrachte im folgenden den Menschen als Kulturmenschen und ordne der Ästhetik einen hohen Stellenwert zu.

Bevor wir uns mit dem Sinn des Lebens beschäftigen, riskieren wir einen kurzen Blick auf die Konsequenzen einer Sinnlosigkeit des Lebens. Der neue – Freiheit schenkende – Gott ist dann das Sinnlos. Dieses Sinnlos soll also der Ausgangspunkt für moralisches Handeln sein. Dies erfordert allerdings eine kulturelle Verständigung über das Sinnlos. Wäre das möglich? Eine Blick auf die Kritik der unreinen Vernunft von Jochen Hörisch lässt da Zweifel aufkommen. Warum sollte etwa die Stimme eines Hans Jonas die unreine Vernunft überzeugen können?

Das Postulat des Sinnlos erzeugt allenfalls eine Vakuole und gibt keineswegs einen moralischen Kompass an die Hand. Mehr noch: Moral wird so zu einem Spielball außerhalb der Philosophie.

Was ist denn nun der Sinn des Lebens? Was wird da draußen eigentlich gespielt? Ich gebe eine Antwort als Astrophysiker [1].

Unsere Ausgangslage ist wie folgt: Wir bewohnen die Erdkruste eines Planeten in einem kalten (mins 273 Grad) und leeren (99 Prozent Nichts) Universum. Aus den Hauptsätzen der Thermodynamik folgt darüber hinaus, dass das Universum insgesamt auf einen Wärmetod zusteuert. Ein finaler Zustand maximaler Unordnung (Entropie) bedeutet dann das Ende [2]. Das tatsächliche Bild auf der Erde läuft dieser (prognostizierten) Entwicklung allerdings diametral entgegen: Die Enstehung von Leben – man denke nur an Farben und Formen in der Pflanzenwelt – ist ein Paradebeispiel für die Entstehung von Ordnung (bzw. Reduktion von Entropie). Möglich wird dies nur durch die Energie der Sonne – die sichtbare Aufhebung des Wärmetods (der eigenlich ein Kältetod wäre). Interessant ist bei dieser Betrachtung, dass die erste monotheistische Religion sich auf den Sonnengott Aton berief. (Die Büste Nofretetes ist eine ästhetische Meisterleistung, die genau in dieser Zeit entstand.)

Alle Wirkungsorte von Leben sind Entropiesenken. Betrachtet man das enge Wechselspiel von Entropie und Kunst, dann kann man auch sagen: Die Wirkungsorte von Leben sind jederzeit zugleich ästhetische Produktionsstätten. Das also ist es, was da draußen gespielt wird.

Dieses Gefüge aus dem alleszermalmenden Gesamtuniversum und den unzähligen Schöpfungsinseln nenne ich Nexus [3].

Was darf ich hoffen? Dass die Entropie weiter abnimmt und ich Teil des Nexus als ästhetisch wirkendes Wesen bin. Was soll ich tun? Ich sollte mich dem Nexus gemäß verhalten [4].

Bemerkenswert ist, dass wir konkrete moralische Konsequenzen formulieren können. Müßiggang und Faulheit sind aus dieser Perspektive zu verurteilen – halten sie uns doch von sinnvollem Tun ab. Wir sind dazu aufgerufen, die Welt ein klein wenig bunter zu machen. So hinterlassen wir einen Fußabdruck in der Weltmatrix.

Und so hat der Nexus letzten Endes mehr Charme als das Sinnlos.

Anmerkungen

[1] Auch eine Antwort als Neurowissenschaftler wäre sicherlich möglich und interessant, jedoch ungleich komplexer als die Antwort des Astrophysikers. Im Sinne der Mathematik gilt eine Aussage bereits als widerlegt, wenn man ein Gegenbeispiel aufführen kann (Widerspruchsbeweis).

[2] Das für sich genommen wäre ein klarer Punktgewinn für den Nihilismus.

[3] Im Sinne eines nexus effectivus und weniger im Sinne eines nexus finalis. (So lange die Party läuft, sollten wir nicht nach dem Ende fragen.)

[4] …und dabei – natürlich – den kategorischen Imperativ beachten. Allerdings können wir auch ohne den kategorischen Imperativ weit kommen. Betrachten wir die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban im März 2001. Eine klare Verletzung des Nexus durch Entropieerhöhung und klar zu verurteilen.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

Hegel reloaded

Naturwissenschaftler, die sich mit Philosophie beschäftigen, starten nicht selten mit der Lektüre von Autoren wie Russell, Popper oder Schopenhauer und verweilen in dem durch diese Autoren aufgespannten Diskurs. So geschult finden sie zu einer Perspektive, die die Auseinandersetzung mit Hegel als unnötiges, womöglich gar unsinniges Unterfangen erscheinen lässt.
Eine Brücke zwischen den Welten baute der Philosoph und Naturwissenschaftler Olaf Breidbach. Er zeigte Parallelen zwischen den Fragestellungen einer Neurobiologie, die das Phänomen der Erkenntnis untersucht und der Naturphilosophie nach 1800 auf. Seine pointierte Einordnung Hegels sei hier ausführlich zitiert (Seite 23 in [1]):

„In seiner Logik suchte [Hegel] zu zeigen, wie das Denken der Welt in sich begründet werden kann. Dieser Versuch wurde oft mißverstanden. Denn Hegel suchte in seiner Logik nicht die Welt zu begründen, sondern unser Denken von Welt zu sichern. Angelpunkt seines Ansatzes war die Feststellung, daß sich das Denken nicht im Rekurs auf eine Naturerfahrung zu sichern vermag. Das vermeintlich Unmittelbare ist, indem wir es denken, in den Formen des Denkens formuliert. Alles ist derart … Sprache; alles ist für uns in der Logik gefangen. Welt ist für uns immer bedachte Welt; wenn wir etwas erfahren, uns darüber versichern, haben wir die Erfahrung qualifiziert, das heißt in die Formen unseres Denkens gebunden. Ergo, so Hegel, sind wir auch im Denken der Natur letztlich bei uns selbst. Um das Denken aus diesem Regreß eines immer nur auf sich selbst stoßenden Denkens hinauszuführen, versuchte Hegel das Denken an sich festzuhalten: Das Denken sollte sich in seinem Sich Denken selbst versichern.“

Somit ist die ureigenste Aufgabe einer Neurosophie benannt.
Es geht bei diesem Unterfangen nicht so sehr um das Was des Denkens sondern um das Wie. Oder – wie Breidbach formulierte:

„Es ging also zunächst nicht darum, etwas zu wissen, sondern darum, das „Wissen Können“ zu wissen.“

Dies erfordert einen radikalen Perspektivenwechsel. Konnte sich Immanuael Kant auf die Mathematik als sicheren Leuchtturm beim Navigieren durch den Ozean des Denkens verlassen, so entfällt beim Projekt der internen Repräsentation der Bezugspunkt auf ein gesichertes Außen. Und während wir bei Kant eine durch Aristoteles inspirierte statische Kategorientafel vorfinden, erfordert die Neurosophie eine dynamische, relationale Verortung von Kategorien. (Beispiele für einen derartigen Schritt finden sich bei Hartmann und Wein).

Auch die Philosophie und die Geschichte der Philosophie sind von einem derartigen Perspektivenwechsel betroffen. Betrachten wir etwa die Beziehung zwischen Marx und Hegel und legen die üblichen ontischen und ontologischen Attribute beiseite. Unserer Perspektive gerecht wird die Frage: Wie kann ich Volkswirtschaftslehre denken?

Auch bei einer gesicherten Wissenschaft wie der Physik ist es interessant, die Etymologie des Vokabulars der Quantenphysik (etwa Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren) zu sichten und – im Sinne Hegels – mit Figuren unseres Denkens in Verbindung zu bringen. Es stellt sich die Frage: Wie kann ich Physik denken?

Eine konsequente Neurophilosophie kann auch nicht vor dem Leuchtturm Mathematik Halt machen. Valentin von Braitenberg (1926 – 2011) und Olaf Breidbach (1957 – 2014) leisteten Pionierarbeit auf dem Gebiet der Neurologik. Wie kann ich Mathematik denken?
Die ersten Beiträge dieses Blogs (insbesondere [2]) verfolgen das Ziel, einzelne Facetten einer neuronalen Philosophie zu benennen.

Literatur
[1] Breidbach, Olaf: Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt. Ein Beitrag zur Neuronalen Ästhetik. Springer. Wien New York 2000. 147 S.
[2] Metapher und Monstranz

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie, Uncategorized

Abschied vom Weltweisen – Ein Nachruf auf Olaf Breidbach

Am 22. Juli 2014 starb der Philosoph, Neuroanatom und Wissenschaftshistoriker Olaf Breidbach nach schwerer Krankheit. Als Doktorvater und Institutsdirektor hat er mein Denken zwischen 1991 und 2000 nachhaltig geprägt.

Olaf Breidbach

Meine erste Begegnung mit Olaf Breidbach ereignete sich im April 1991. Ich war auf der Suche nach einem Thema für eine Dokorarbeit und ein Freund machte mich auf das neue Thema der neuronalen Netzwerke aufmerksam. Breidbach arbeitete damals am Institut für angewandte Zoologie in Bonn und durch einen Aushang im Poppelsdorfer Schloss wurde ich auf eine Software namens „BrainSim“ aufmerksam.
Wir mir Breidbach im persönlichen Gespräch erklärte ging es um eine Modellierung der neuronalen Vorgänge im Nervensystem von Insekten (Neuropile aus ca. 10.000 Zellen). Bereits im ersten Gespräch ging es auch um Philosophie – was mich nachhaltig beeindruckte. Eine Neurobiologie ohne Philosophie wäre unvollständig – dieser Grundgedanke führte dazu, dass ich mich unmittelbar für Breidbach als Betreuer meiner Doktorarbeit entschied.

Im Keller des Instituts wuchsen Mehlkäfer heran, deren Neuropile mit Hilfe von Färbemethoden in Bezug auf die Struktur des Nervensystems unter dem Mikroskop untersucht wurden. Parallel dazu modellierte ich zunächst auf Intel 286er- und dann auf 386er-Computern die Evolution neuronaler Erregungsmuster in Verbänden aus 10.000 Zellen. Wenige Sekunden neuronaler Aktivität erforderten mehrere Tage Rechenzeit, so dass ich sporadisch ins Institut kam, um mit Breidbach die generierten Muster zu deuten. Nicht selten kamen dabei Metaphern zum Einsatz – wobei Stanislaw Lem u.a. mit ‚Solaris‘ für uns wichtiger war als zeitgenössische wissenschaftliche Literatur.
Diese gedanklichen Ausritte waren herrlich – nicht selten flankiert vom Duft einer Pfeife, die Breidbach in seinem von Büchern überfüllten Arbeitszimmer zu geniessen wusste. Nun war es als Physiker meine Aufgabe, diese teils noch vagen Ideen in die Welt der Mathematik zu überführen. Die eigentliche Ausbeute in diesem Bereich erfolgte erst Jahre später (siehe u.a.: Holthausen, K. und O. Breidbach (1999): Analytical description of the evolution of neural networks: Learning rules and complexity. Biological Cybernetics 81:169-175. Springer).

Um das Jahr 1993 wurde es für mich zusehends schwieriger, meine Promotionsstudium zu finanzieren. Es war typisch für Breidbach, dass er schnell und unbürokratisch handelte und mir aus Mitteln des Rudolf von Bennigsen-Foerder-Preis zu eine Hilfskraftstelle am Bonner Institut verhalf.

Im Jahr 1994 wechselte Breidbach ans Institut für Mathematik der Universität Bochum. Gemeinsam gestalteten wir dort ein Seminar über neuronale Netzwerke und ich hatte in dieser Zeit meinen Schreibtisch in seinem Büro. Inzwischen bildete sich ein Rahmen für eine Beschreibung der „internen Repräsentation“ eines Nervensystems, zu der Jürgen Jost einiges beitrug. Auf der Basis einer Biokybernetik, die von Valentin Braitenberg, Günther Palm und Ad Aertsen geprägt wurde, ging es uns um die Entwicklung eines Beschreibungsrahmens, der sowohl Mathematik, Biologie, Philosophie als auch Ästhetik umfassen sollte. (Bereits 1993 war Breidbach treibende Kraft einer Veranstaltung zur neuronalen Ästhetik in Bonn.) In die Bochumer Zeit fiel auch die Arbeit an einer Geschichte der Hirnforschung (Die Materialisierung des Ichs: Zur Geschichte der Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) 1996). Ein wenig waren wir schon atypische Mitarbeiter des Instituts – etwa wenn wir gegen Feierabend über die Relevanz Heideggers diskutierten. Unsere persönliche Beziehung festigte sich in dieser Zeit. Als sich der Wechsel nach Jena – zum Ernst-Haeckel-Haus – abzeichnete, zögerte ich nicht lange, als Breidbach fragte, ob ich ihn als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleiten würde.

In Jena erfolgte eine reichhaltige Ernte unserer Ideen. Hervorheben möchte ich das erste Patent für eine neuronale Internetsuchmaschine – etwa zeitgleich mit Googles Stanford-Patent angemeldet (Verfahren zum rechnergestützten Recherchieren nach Dokumenten in einer elektronischen Datenbank, Anmeldedatum 17.12.1998, DE000019859838A1). Unsere Simulationsprogramme waren in dieser Zeit bereits auf eine Vier­tel­mil­li­on Zellen angewachsen und generierten hoch komplexe neuronale Erregungsmuster.

Gerne denke ich an unseren Auftritt auf dem Kongress „Weisen der Welterzeugung. Die Wirklichkeit des Konstruktivismus II“ im Jahr 1998 in Heidelberg zurück. Im Rahmen einer Live-Performance fütterte ich ein künstliches neuronales Netzwerk mit Breidbachs EEG-Mustern. Input und Output wurden im Saal übertragen. Ich fragte Breidbach damals nach der wissenschaftlichen Relevanz des radikalen Konstruktivismus – mit der Bitte zu schweigen und sein Gehirnmuster antworten zu lassen. Solche Aktionen waren charakteristisch für das Enfant terrible Breidbach – Schubladen und Stereotype wurden seiner Inspirationskraft nie gerecht.

Im Jahr 1999 wurde uns die wirtschaftliche Relevanz unserer Ansätze bewusst. Mit der gemeinsamen Firma braveminds realisierten wir die erste neuronale Suchmaschine für ein Verlagshaus. Leider führte diese Entwicklung auch dazu, dass ich Ende 2000 die wissenschaftliche Laufbahn aufgab und dem Lockruf des Venture Capital folgte. Jahre später trafen wir uns bei einer Veranstaltung bei CSC Ploenzke wieder und er zeigt damals Verständnis für meine Entscheidung.

Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach bleibt für mich der vielseitigste und unkonventionellste Wissenschaftler, dem ich je begegnet bin. Dass ich nun nicht mehr die Gelegenheit haben werde, mit ihm über die eine oder andere Idee zur Metamathematik zu sprechen, ist sehr schmerzhaft. Sein unvollendetes Werk jedoch bleibt so attraktiv und inspirierend, dass er weit über den Tod hinaus wirken wird.

Literatur (mit Bezug zu den Arbeiten 1991-2000):

Breidbach, Olaf: Deutungen. Zur philosophischen Dimension der internen Repräsentation. Velbrück Wissenschaft. Weilerswist 2001. 194 S.

Breidbach, Olaf: Neue Wissensordnungen. Wie aus Informationen und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht. Reihe: edition unseld. Suhrkamp. Frankfurt/M. 2008. 182 S.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie, Uncategorized