Abschied vom Weltweisen – Ein Nachruf auf Olaf Breidbach

Am 22. Juli 2014 starb der Philosoph, Neuroanatom und Wissenschaftshistoriker Olaf Breidbach nach schwerer Krankheit. Als Doktorvater und Institutsdirektor hat er mein Denken zwischen 1991 und 2000 nachhaltig geprägt.

Olaf Breidbach

Meine erste Begegnung mit Olaf Breidbach ereignete sich im April 1991. Ich war auf der Suche nach einem Thema für eine Dokorarbeit und ein Freund machte mich auf das neue Thema der neuronalen Netzwerke aufmerksam. Breidbach arbeitete damals am Institut für angewandte Zoologie in Bonn und durch einen Aushang im Poppelsdorfer Schloss wurde ich auf eine Software namens „BrainSim“ aufmerksam.
Wir mir Breidbach im persönlichen Gespräch erklärte ging es um eine Modellierung der neuronalen Vorgänge im Nervensystem von Insekten (Neuropile aus ca. 10.000 Zellen). Bereits im ersten Gespräch ging es auch um Philosophie – was mich nachhaltig beeindruckte. Eine Neurobiologie ohne Philosophie wäre unvollständig – dieser Grundgedanke führte dazu, dass ich mich unmittelbar für Breidbach als Betreuer meiner Doktorarbeit entschied.

Im Keller des Instituts wuchsen Mehlkäfer heran, deren Neuropile mit Hilfe von Färbemethoden in Bezug auf die Struktur des Nervensystems unter dem Mikroskop untersucht wurden. Parallel dazu modellierte ich zunächst auf Intel 286er- und dann auf 386er-Computern die Evolution neuronaler Erregungsmuster in Verbänden aus 10.000 Zellen. Wenige Sekunden neuronaler Aktivität erforderten mehrere Tage Rechenzeit, so dass ich sporadisch ins Institut kam, um mit Breidbach die generierten Muster zu deuten. Nicht selten kamen dabei Metaphern zum Einsatz – wobei Stanislaw Lem u.a. mit ‚Solaris‘ für uns wichtiger war als zeitgenössische wissenschaftliche Literatur.
Diese gedanklichen Ausritte waren herrlich – nicht selten flankiert vom Duft einer Pfeife, die Breidbach in seinem von Büchern überfüllten Arbeitszimmer zu geniessen wusste. Nun war es als Physiker meine Aufgabe, diese teils noch vagen Ideen in die Welt der Mathematik zu überführen. Die eigentliche Ausbeute in diesem Bereich erfolgte erst Jahre später (siehe u.a.: Holthausen, K. und O. Breidbach (1999): Analytical description of the evolution of neural networks: Learning rules and complexity. Biological Cybernetics 81:169-175. Springer).

Um das Jahr 1993 wurde es für mich zusehends schwieriger, meine Promotionsstudium zu finanzieren. Es war typisch für Breidbach, dass er schnell und unbürokratisch handelte und mir aus Mitteln des Rudolf von Bennigsen-Foerder-Preis zu eine Hilfskraftstelle am Bonner Institut verhalf.

Im Jahr 1994 wechselte Breidbach ans Institut für Mathematik der Universität Bochum. Gemeinsam gestalteten wir dort ein Seminar über neuronale Netzwerke und ich hatte in dieser Zeit meinen Schreibtisch in seinem Büro. Inzwischen bildete sich ein Rahmen für eine Beschreibung der „internen Repräsentation“ eines Nervensystems, zu der Jürgen Jost einiges beitrug. Auf der Basis einer Biokybernetik, die von Valentin Braitenberg, Günther Palm und Ad Aertsen geprägt wurde, ging es uns um die Entwicklung eines Beschreibungsrahmens, der sowohl Mathematik, Biologie, Philosophie als auch Ästhetik umfassen sollte. (Bereits 1993 war Breidbach treibende Kraft einer Veranstaltung zur neuronalen Ästhetik in Bonn.) In die Bochumer Zeit fiel auch die Arbeit an einer Geschichte der Hirnforschung (Die Materialisierung des Ichs: Zur Geschichte der Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) 1996). Ein wenig waren wir schon atypische Mitarbeiter des Instituts – etwa wenn wir gegen Feierabend über die Relevanz Heideggers diskutierten. Unsere persönliche Beziehung festigte sich in dieser Zeit. Als sich der Wechsel nach Jena – zum Ernst-Haeckel-Haus – abzeichnete, zögerte ich nicht lange, als Breidbach fragte, ob ich ihn als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleiten würde.

In Jena erfolgte eine reichhaltige Ernte unserer Ideen. Hervorheben möchte ich das erste Patent für eine neuronale Internetsuchmaschine – etwa zeitgleich mit Googles Stanford-Patent angemeldet (Verfahren zum rechnergestützten Recherchieren nach Dokumenten in einer elektronischen Datenbank, Anmeldedatum 17.12.1998, DE000019859838A1). Unsere Simulationsprogramme waren in dieser Zeit bereits auf eine Vier­tel­mil­li­on Zellen angewachsen und generierten hoch komplexe neuronale Erregungsmuster.

Gerne denke ich an unseren Auftritt auf dem Kongress „Weisen der Welterzeugung. Die Wirklichkeit des Konstruktivismus II“ im Jahr 1998 in Heidelberg zurück. Im Rahmen einer Live-Performance fütterte ich ein künstliches neuronales Netzwerk mit Breidbachs EEG-Mustern. Input und Output wurden im Saal übertragen. Ich fragte Breidbach damals nach der wissenschaftlichen Relevanz des radikalen Konstruktivismus – mit der Bitte zu schweigen und sein Gehirnmuster antworten zu lassen. Solche Aktionen waren charakteristisch für das Enfant terrible Breidbach – Schubladen und Stereotype wurden seiner Inspirationskraft nie gerecht.

Im Jahr 1999 wurde uns die wirtschaftliche Relevanz unserer Ansätze bewusst. Mit der gemeinsamen Firma braveminds realisierten wir die erste neuronale Suchmaschine für ein Verlagshaus. Leider führte diese Entwicklung auch dazu, dass ich Ende 2000 die wissenschaftliche Laufbahn aufgab und dem Lockruf des Venture Capital folgte. Jahre später trafen wir uns bei einer Veranstaltung bei CSC Ploenzke wieder und er zeigt damals Verständnis für meine Entscheidung.

Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach bleibt für mich der vielseitigste und unkonventionellste Wissenschaftler, dem ich je begegnet bin. Dass ich nun nicht mehr die Gelegenheit haben werde, mit ihm über die eine oder andere Idee zur Metamathematik zu sprechen, ist sehr schmerzhaft. Sein unvollendetes Werk jedoch bleibt so attraktiv und inspirierend, dass er weit über den Tod hinaus wirken wird.

Literatur (mit Bezug zu den Arbeiten 1991-2000):

Breidbach, Olaf: Deutungen. Zur philosophischen Dimension der internen Repräsentation. Velbrück Wissenschaft. Weilerswist 2001. 194 S.

Breidbach, Olaf: Neue Wissensordnungen. Wie aus Informationen und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht. Reihe: edition unseld. Suhrkamp. Frankfurt/M. 2008. 182 S.

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Abschied vom Weltweisen – Ein Nachruf auf Olaf Breidbach

  1. Erich Posselt

    Lieber Herr Holthausen, der Verlust eines Menschen ist immer schmerzlich. Besonders schmerzlich ist es, wenn man mit diesem Menschen einen wertvollen gedanklichen Austausch über die Grenzen des eigenen Fachbereichs hinaus, geteilt hat. Die darüber entstandene Verbundenheit wird immer eine Lücke hinterlassen, auch wenn das Leben weitergeht. Mein Mitgefühl. Viele Grüße, Erich Posselt

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