Hegel reloaded

Naturwissenschaftler, die sich mit Philosophie beschäftigen, starten nicht selten mit der Lektüre von Autoren wie Russell, Popper oder Schopenhauer und verweilen in dem durch diese Autoren aufgespannten Diskurs. So geschult finden sie zu einer Perspektive, die die Auseinandersetzung mit Hegel als unnötiges, womöglich gar unsinniges Unterfangen erscheinen lässt.
Eine Brücke zwischen den Welten baute der Philosoph und Naturwissenschaftler Olaf Breidbach. Er zeigte Parallelen zwischen den Fragestellungen einer Neurobiologie, die das Phänomen der Erkenntnis untersucht und der Naturphilosophie nach 1800 auf. Seine pointierte Einordnung Hegels sei hier ausführlich zitiert (Seite 23 in [1]):

„In seiner Logik suchte [Hegel] zu zeigen, wie das Denken der Welt in sich begründet werden kann. Dieser Versuch wurde oft mißverstanden. Denn Hegel suchte in seiner Logik nicht die Welt zu begründen, sondern unser Denken von Welt zu sichern. Angelpunkt seines Ansatzes war die Feststellung, daß sich das Denken nicht im Rekurs auf eine Naturerfahrung zu sichern vermag. Das vermeintlich Unmittelbare ist, indem wir es denken, in den Formen des Denkens formuliert. Alles ist derart … Sprache; alles ist für uns in der Logik gefangen. Welt ist für uns immer bedachte Welt; wenn wir etwas erfahren, uns darüber versichern, haben wir die Erfahrung qualifiziert, das heißt in die Formen unseres Denkens gebunden. Ergo, so Hegel, sind wir auch im Denken der Natur letztlich bei uns selbst. Um das Denken aus diesem Regreß eines immer nur auf sich selbst stoßenden Denkens hinauszuführen, versuchte Hegel das Denken an sich festzuhalten: Das Denken sollte sich in seinem Sich Denken selbst versichern.“

Somit ist die ureigenste Aufgabe einer Neurosophie benannt.
Es geht bei diesem Unterfangen nicht so sehr um das Was des Denkens sondern um das Wie. Oder – wie Breidbach formulierte:

„Es ging also zunächst nicht darum, etwas zu wissen, sondern darum, das „Wissen Können“ zu wissen.“

Dies erfordert einen radikalen Perspektivenwechsel. Konnte sich Immanuael Kant auf die Mathematik als sicheren Leuchtturm beim Navigieren durch den Ozean des Denkens verlassen, so entfällt beim Projekt der internen Repräsentation der Bezugspunkt auf ein gesichertes Außen. Und während wir bei Kant eine durch Aristoteles inspirierte statische Kategorientafel vorfinden, erfordert die Neurosophie eine dynamische, relationale Verortung von Kategorien. (Beispiele für einen derartigen Schritt finden sich bei Hartmann und Wein).

Auch die Philosophie und die Geschichte der Philosophie sind von einem derartigen Perspektivenwechsel betroffen. Betrachten wir etwa die Beziehung zwischen Marx und Hegel und legen die üblichen ontischen und ontologischen Attribute beiseite. Unserer Perspektive gerecht wird die Frage: Wie kann ich Volkswirtschaftslehre denken?

Auch bei einer gesicherten Wissenschaft wie der Physik ist es interessant, die Etymologie des Vokabulars der Quantenphysik (etwa Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren) zu sichten und – im Sinne Hegels – mit Figuren unseres Denkens in Verbindung zu bringen. Es stellt sich die Frage: Wie kann ich Physik denken?

Eine konsequente Neurophilosophie kann auch nicht vor dem Leuchtturm Mathematik Halt machen. Valentin von Braitenberg (1926 – 2011) und Olaf Breidbach (1957 – 2014) leisteten Pionierarbeit auf dem Gebiet der Neurologik. Wie kann ich Mathematik denken?
Die ersten Beiträge dieses Blogs (insbesondere [2]) verfolgen das Ziel, einzelne Facetten einer neuronalen Philosophie zu benennen.

Literatur
[1] Breidbach, Olaf: Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt. Ein Beitrag zur Neuronalen Ästhetik. Springer. Wien New York 2000. 147 S.
[2] Metapher und Monstranz

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Hegel reloaded

  1. cubefox

    „Konnte sich Immanuael Kant auf die Mathematik als sicheren Leuchtturm beim Navigieren durch den Ozean des Denkens verlassen“

    War es nicht so dass Kant die mathematischen Urteile (am Beispiel der Arithmetik) als bloß synthetisch betrachtete? Nun weiß man seit einiger Zeit, dass sich die Mathematik größtenteils axiomatisieren lässt, so dass man die mathematischen Sätze auch analytisch aus bestimmten logischen Axiomen ableiten kann. Bei der Logik selbst kann man so aber nicht vorgehen. Man muss zumindest eine einfache Logik schon als transzendentale Denknotwendigkeiten voraussetzen, um überhaupt ihre Axiome formulieren zu können (Satz vom Widerspruch, von der Identität etc.). Man könnte aber versuchen die psychischen (oder sogar rein neuronalen) Bedingungen anzugeben, die das logische Denken überhaupt ermöglichen. Das betrifft nicht nur die klassische, formal-analytische Logik, also das deduktive Schließen, sondern auch verschiedene Arten des induktiven (und „abduktiven“) Schließens. Wenn man genauer wüsste wie das Schließen überhaupt funktioniert, könnte man ja vielleicht sogar Fortschritte dabei machen, die nichtdeduktiven Schlüsse rational zu begründen. Das ist natürlich spekulativ und evtl. allzu optimistisch. Aber mit dem Induktionsproblem müht sich die Erkenntnistheorie schon seit über 250 Jahren ab, also sollte man es zumindest versuchen.

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