Quantenmechanische Deduktion des transzendentalen Idealismus

Was ist das Ich? Was ist Bewußtsein? Diese Fragen begleiten die Philosophie seit Jahrhunderten. Einen Kulminationspunkt bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen findet man in Jena um 1800 (Fichte, Schelling und Hegel). Ausgangspunkt war der Versuch einer „Wissenschaftslehre“ – einer Theorie darüber, was der Mensch wissen kann (und wie er es wissen kann). Die Ausgangslage hat Immanuel Kant klar formuliert:

„Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.“
(Kritik der reinen Vernunft, § 16).

Was ist nun die innere Mechanik dieses „Ich denke“? Im Jahr 1800 veröffentliche Schelling sein „System des transzendentalen Idealismus“. Im zweiten Hauptabschnitt dieser Schrift wird eine „allgemeine Deduktion des transzendentalen Idealismus“ versucht.

Bei der Frage „Was ist Bewußtsein?“ haben die Neurobiologie und die Quantenphysik in den letzten Jahrzehnten neue Hypothesen aufgestellt. Diejenigen Ansätze, die sich auf Quantenphysik stützen haben durchaus systemischen Charakter – insbesondere wenn man die zugrunde liegende Mathematik unter metamathematischen Gesichtspunkten betrachtet.

Nun behandeln Schelling und die Quantenphysik eigentlich den gleichen Gegenstand: ein denken könnendes Ich-Bewußtsein. Bezüglich der Systemaspekte sollten sich also Isomorphien zeigen. Gerade in Bezug auf Schellings Deduktion werden durch diese Betrachtungsweise Inkonsistenzen sichtbar.

Bevor wir also eine quantenmechanische Deduktion starten, betrachten wir die Voraussetzungen.

Hypothese I
Wie nehmen Schellings Vorgehensweise ernst und konstatieren, dass eine Selbstbeobachtung des Ich (intellektuelle Anschauung) möglich ist. Dabei geht es weniger um eine bestimmte Technik der Introspektion als vielmehr um einen Vorgang, bei dem sich ein Subjekt selbst beobachtet und somit zum Objekt macht (die Tätigkeit des Subjekt-Objekt).

Hypothese II
Wie nehmen Ansätze aus der Neurobiologie (Stuart Hameroff) und der Quantenphysik (Roger Penrose) zur Erklärung des Bewußtseins ernst. Dazu gehört vor allem die Annahme, dass eine quantenphysikalische Beschreibung des Bewußtseins möglich sei. [Als Träger des Bewußtseins können wir uns zum Beispiel elektromagnetische Felder in der Großhirnrinde vorstellen. Gemäß E=mc² ist der elekromagnetischen Energie eine Masseäquivalent zuzuordnen, so dass über die klassische Quantenmechanik hinaus auch die Gravitationsphysik zu berücksichtigen ist.]
Wichtiger noch ist die von Roger Penrose aufgestellte Hypothese, dass das, was die klassische Quantenphysik als Messung („Kollaps der Wellenfunktion“) bezeichnet, ein ganz natürlicher Prozess ist.

Der transzendentale Idealismus behandelt eine ganze Reihe von Gegensatzpaaren:

  • Ich und Nicht-Ich
  • Objekt und Subjekt
  • Inhalt und Form
  • endlich vs. unendlich
  • analytisch vs. synthetisch.

Im Kern geht es um die Frage, wie ein unendliches Subjekt („Ich bin“) mit einem endlichen Objekt („Ich denke“) identisch sein kann.

Im Zentrum der Deduktion geht es nun um den folgenden Beweis:

„Daß die ursprüngliche unendliche Tätigkeit des Ichs sich selbst begrenze, d.h. In eine endliche verwandle (in Selbstbewußtsein), ist nur dann begreiflich, wenn sich beweisen läßt, daß das ich als Ich unbegrenzt sein kann, nur insofern es begrenzt ist, und umgekehrt, daß es als Ich begrenzt, nur insofern es unbegrenzt ist.“

Dies zu beweisen ist natürlich eine Herausforderung.

Wir starten nun Schritt für Schritt die quantenmechanische Deduktion und vergleichen unsere Erkenntnisse mit Schellings Argumentation.
Für uns ist das Ich ein elektromagnetisches Quantenfeld Ψ:
Ich := Ψ

Als solches ist es eine unbestimmte, unendlich ausgedehnte Wellenfunktion. Lesen wir dazu, wie sich Schelling das unendliche Ich vorstellt:

„Man versinnliche sich das Gesagte durch das Bild des unendlichen Raums, der ein unendliches ist, ohne Ich zu sein, und der gleichsam das aufgelöste Ich, das Ich ohne Reflexion, repräsentiert.“

Dem „Ich ohne Reflexion“ entspricht nun unser Ψ vor der Messung (das unbestimmte, unendliche Ψ).

Eine Messung ist nun stets eine Projektion, d.h. Eine endliche Bestimmung. Die Quantenphysik nutzt dazu die Mathematik des Hilbertraums (eine duale Struktur aus Raum und Dualraum).
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wir möchten die horizontale Position eines Elektrons im Gehirn bestimmen. Das Elektron wird repräsentiert durch eine unendlich ausgedehnte Wellenfunktion Ψ und für den konkreten Zustand des Elektrons zum Zeitpunkt t schreiben wir |Ψ>.
Eine Messung ist nun eine Projektion p mit einem Operator O: <Ψp|
Durch Multiplikation (genauer: Skalarprodukt der Vektoren) erhalten wir einen Zahlenwert x für unsere Messung: x= <Ψp|Ψ> .
Die Messung als Bestimmung ist Projektion bzw. Negation (omnis determinatio est negatio).

Dazu Schelling:

„Aber das Ich, indem es sich anschaut, wird endlich.“

Die Wellenfunktion Ψ „kollabiert“ zu einem Skalar x, verbleibt aber nicht in diesem Zustand. Folgt man Roger Penrose, so ist dieses Kollabieren ein ganz natürlicher Prozess, der sich im Mikrokosmos fortwährend ereignet. Aus der Quantenwelt tropft fortwährend Endlichkeit heraus. Diese ständige Abfolge Ψ -> |Ψ|² -> Ψ -> |Ψ|² -> Ψ -> |Ψ|² können wir ganz im Sinne von Schelling als Werden oder Produzieren interpretieren. (Siehe dazu auch: Ewige Zeugung und Quantenkollaps).

In der Zuordnung der Terminolgie wird klar, dass das, was die Quantenphysik als Projektion (bzw. Operator) bezeichnet, bei Schelling als Schranke oder Grenze bezeichnet wird.

Was bei Schelling als aufheben der Schranke bezeichnet wird, ist die Rückkehr vom endlichen Ich |Ψ|² ins unendliche Ich Ψ: |Ψ|² -> Ψ.
An dieser Stelle beginnt Schelling nun, seine Begriffe anthropomorph aufzuladen: Er schreibt plötzlich vom „Ankämpfen des Ichs gegen die Schranke.“ [1].
Aus Sicht der Quantenphysik ist der Ansatz einer Veränderung (Erweiterung durch Ankämpfen) der Schranke nicht denknotwendig. Stellen wir uns einen im Sinne der westlich-idealistischen Vorstellung vom Buddhismus meditierenden Mönch vor. Ein Ich=Ich, dem in der Physik der einfachste Ansatz einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung entspricht (konstanter Impuls, ohne Veränderung). Das Ich kann also ein monoton produzierendes Ich sein.

Betrachten wir nun Schellings Schlußfolgerung:

„Die Begrenztheit jenes Unendlichen ist also unmittelbar durch seine Ichheit, d.h. dadurch gesetzt, daß es nicht bloß ein Unendliches, sondern zugleich ein Ich, d.h. ein Unendliches für sich selbst ist.“

Oder in der Schreibweise der Quantenmechanik: |Ich> = |Ich|.

Allerdings haben wir damit keine Deduktion geleistet. Die Forderung nach einer einheitlichen Quantenphysik, in der sich Ψ und |Ψ| in einem Naturprozess vereinigt finden, ist zunächst nur ein Postulat. Sollte eines Tages die Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie gelingen, stellt sich die Frage neu.

Zumindest die an sich denknotwendigen Elemente in Schellings „Deduktion“ mögen durch diese unkonventionellen Betrachtungen etwas deutlicher werden.

Anmerkungen
[1] Ähnliche anthropomorphe Aufladungen finden sich bereits 1794 bei Fichte. Mögliche Inspirationsquellen für die Leiden & Kämpfen – Metaphern finden sich beim Theosophen Jakob Böhme, der den Begriff der Qualität mit dem Begriff der Qual vermengt. Für die Philosophen um 1800 war die Freiheit „das A und O der Philosophie“. In diesem Sinne ist auch Platons Höhlengleichnis – wenn man damit Gefängnis und Eingesperrtsein assoziiert – ein Beispiel für ein Ankämpfen gegen Schranken.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie

Eine Antwort zu “Quantenmechanische Deduktion des transzendentalen Idealismus

  1. Gestern versprach der „meditierende Mönch“ auf Twitter eine Antwort. Hier ist sie nun:

    Der Buddhismus hält sich mit solchen Fragen gar nicht erst auf, er lebt im Hier und Jetzt. Im Hier und Jetzt kumuliert das Leben und das Ich: es ist präsent in seiner Vergangenheit, Gegenwart und der (verhüllten) Zukunft, damit ist das Ich unendlich. Gleichzeitig ist es im Moment präsent als endliches Ich, mit der Möglichkeit, die Zukunft zu bestimmen. Denn nur im Moment hat das Ich die Chance, Einfluss zu nehmen auf den Verlauf des „Weges“. Oder wie ein Zen Meister sagen würde, wenn ein Schüler nach dem „Wesen des Buddhismus“ fragt: Hast Du fertig gegessen? Ja? Dann mach den Abwasch!

    Um einen allgemeinen Einblick in die Auffassung des Buddhismus zu geben: die Kunst besteht darin, jedes Anhaften an Vorstellungen wie etwas sein sollte, aufzugeben: http://web.archive.org/web/20121123023557/http://buettchenbunt.de/node/157 Denn das Anhaften an Vorstellungen ist es was Leiden schafft.

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