Monatsarchiv: Oktober 2014

Sinn und Zweck der Zeitverschwendung

Sind soziale Netzwerke „Zeitfresser“?

Das Wort „Zeitfresser“ taucht erstmals in den Geistlichen Reden von Frederick William Faber auf, die 1859 publiziert wurden. Faber war Doktor der Theologie und Superior des Oratoriums in London. Hier der ausführliche Kontext als Zitat:

»Ein äußerliches Leben, wenn es im vollem Schwunge ist, ist voll von Veränderungen und Contrasten, die es für uns so interessant machen, wie einen Roman. Wir haben keine Zeit, an etwas müde zu werden. Die Scenen in dem Drama sind eher zu kurz als zu lang. Alles dies vermehrt unsere Eile, und mit unserer Eile unser Gewicht, und mit unserm Gewichte die Leichtigkeit zu handeln. Unsere Arme verlängern sich, und wir umfassen die Welt. …
Die Quantität ist es, was die Welt bewundert, und so werden wir durch das Lob vorwärts gejagt. Niemand findet einen Fehler daran. Die Leute sind zu beschäftigt, zu staunen. Man kann nicht zugleich staunen und sprechen. Das Staunen nimmt das ganze Gesicht in Anspruch. Wir werfen Einzelheiten über Bord und sehen nur auf Allgemeinheiten. Jene Einzelheiten – sie waren das Schleppende, die Plage, die geheimen Nester der Verantwortlichkeit und die gierigsten Zeitfresser.
Wir sind eigentlich außer Athem durch die Eile unseres Lebens, und durch unsere handgreiflichen entsetzlichen Erfolge. Dennoch ist eine scheinbare Würde daran, zu viele Dinge zu thun zu haben, und dies hüllt uns für das Auge der Welt in eine scheinbare Ruhe ein. Wir scheinen unter Musik durchs Leben zu ziehen, während wir in Wirklichkeit durch dasselbe hindurchrasen, wie ein Planet, der los geworden ist, im Raume dahinfährt.«

Als Faber seine geistliche Rede formulierte, etablierte sich gerade der Heftroman als gesellschaftliches Phänomen:

„Ab Mitte des 19. Jahrhunderts lassen sich Heftromane in Form meist wöchentlich erscheinender Druckerzeugnisse auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt in den meisten Ländern Europas und in Nordamerika finden. In England und Nordamerika wurden sie analog zum deutschen Begriff als Penny Dreadfuls oder Dime Novel bezeichnet, in Deutschland wurden im 19. Jahrhundert auch die Begriffe Eisenbahnliteratur oder (seitens der Verlage) Conversations- und Reiseliteratur verwendet.“
(Quelle: wikipedia)

Liest man heute Fabers Worte, so kommen einem einzelne Passagen vor, als habe man sie gerade erst im Feuilleton gelesen. Der Heftroman wird heute durch Twitter, facebook, Youtube und Konsorten repräsentiert.

Alles nur „Zeitfresser“?

Das Wort „fressen“ hat seine stark negative Konnotation im Niederhochdeutschen erhalten und bedeutete ursprünglich Nahrung verzehren. Daher macht eine kleine etymologische Studie zum besseren Verständnis Sinn [1]. Die Wurzel von ‚verzehren‘ liegt im untergegangenen gotischen taíran und lebt heute noch im englischen tear weiter. Das führt zur Assoziationswolke Träne, Riss, Aufbruch und Zähre. Führt dies zu einem Verständnis von „Zeitfresser“? Macht eine Zeit-Träne, ein Zeit-Riss oder ein Zeit-Aufbruch Sinn?

Welches Motiv hat Faber? Offenbar treibt ihn die Sorge um, dass (u.a.) die neuen Heftromane von Kontemplation und Ruhe ablenken. Damit ist aber eine gefährliche Ruhe gemeint. Es geht um die Ruhe, die es erst ermöglicht, eine Gemeinde einzunorden. Oder – wie Søren Kierkegaard treffend sagt: „Christentum soll nicht beruhigen – sondern auffordern zum Nachdenken!“ Das Bild des Planeten, der sich von seinem Gravitationsfeld löst, ergibt in diesem Zusammenhang einen positiven Sinn. Man denke nur an die Demokratiebewegungen der letzten Jahre und die nicht zu leugnende Rolle, die soziale Netzwerke dabei spielten und spielen.
Sollte also das tear mit produktiver Unruhe verknüpft sein (bei manchen auch mit einer empathischen Träne), dann ist das willkommen.

Zeitverschwendung? Zeitfressen? Gerne und unbedingt. Es geht darum, der Zeit die falsche Ruhe zu stehlen. Dazu wird es höchste Zeit.

Anmerkungen
[1] Die Wurzel ‚essentia‘ hängt leider nicht mit ‚fressen‘ zusammen, sonst könnten wir direkt Heideggers Hauptwerk ansteuern.

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Der Fall Heidegger. Ein Urteilsspruch.

Auf der Titelseite der Philosophie-Zeitschrift HOHE LUFT (Ausgabe 6/2014) findet man die Forderung: Schluss mit Heidegger!
Hintergrund ist ein Artikel von Thomas Vašek, der die Konsequenzen aus der Veröffentlichung der »Schwarzen Hefte«, die Heideggers Notizen aus den Jahren 1931 bis 1941 enthalten, bespricht. Gegen Ende des lesenswerten Artikels wird die Forderung nach der Abkehr von Heidegger deutlich.

Vašek zitiert zunächst Jürgen Habermas aus den 50er Jahren

»Es scheint an der Zeit zu sein, mit Heidegger gegen Heidegger zu denken.«

und treibt dann dessen Aussage auf die Spitze:

»Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken.«

Was ist nun davon zu halten? Das angesehene Journal für Philosophie der blaue Reiter hat doch soeben erst eine feine Einführung in das Werk Heideggers veröffentlicht (Nr. 35, Seite 58-61, siehe dazu auch Gehirn am Ungrund. Eine kleine Heidegger-Exegese).

Ich teile meinen Kommentar in einen philosophischen und einen politisch-historischen Teil.
Dabei beschränke ich mich auf Heideggers Hauptwerk »Sein und Zeit«. Vašek vertritt die Position, dass Heideggers Werk selbst »kontaminiert« sei, Person und Werk stehen also in der Kritik.

Nicht selten wird Heideggers verschwurbelte Sprache kritisiert, die offenbar gut zu einem elitären Habitus passt. Ein systemtheoretischer Blick auf die Geschichte der Philosophie kann zumindest dieses wertende Bild entkräften.
Heidegeger stellt die Frage: Was ist der Sinn von Sein?

Betrachten wir zwei diesen historisch vorausgehende Fragen:

a) Was ist Sein?
Damit beschäftigt sich Platons Dialog Parmenides, dessen zweiter Teil (Parm 137c – 166c) als einer der dunkelsten des platonischen Gesamtwerks gilt. Dort finden sich Formulierungen wie z.B. das Eins-Nichtseiende etc.
Technisch gesehen geht es um eine Meta-Theorie des Seins und die Entwicklung einer Meta-Sprache ist dabei ein fast zwingend erforderliches Werkzeug. Allerdings werden solche ontologischen Überlegungen im Sichtkontakt mit Gegenständen der Anschauung entwickelt – etwa in den Sand gemalte geometrische Figuren (siehe dazu: »Mathematischer Platonismus« von Gregor Schneider.)

b) Wie lässt sich Sein Denken?
Mit dieser Frage hat sich der Deutsche Idealismus um 1800 beschäftigt (Fichte, Schelling und Hegel). Dabei kann man Hegels »Wissenschaft der Logik« fast als eine Fortsetzung des Parmenides betrachten. Philosophische Laien und Gegner Hegels sehen in erster Linie einen dunklen Text mit einer gekünstelten Sprache. Aber gerade diese Generation der Philosophen hat sich sehr intensiv mit der zeitgenössischen (aufkommenden) Naturwissenschaft beschäftigt. Dazu gehörten Selbstversuche wie etwa die Wahrnehmung von Elektrizität mit der Zunge (eine Ausstellung im Romantikerhaus in Jena illustriert das sehr anschaulich). Kurzum: Wenn diese Philosophen über Begriffe wie Attraktion und Repulsion sprachen, dann war stets ein Anschauungsraum gegeben, der eine Übereinkunft zu unterstützen vermochte.

Wie steht es da mit Heideggers Philosophie?
Da liegt meines Erachtens die Wurzel des Übels. Es handelt sich um eine Phänomenologie, um von Edmund Husserl übernomme Methoden und Gedanken. Da sich die ganze Aufmerksamkeit auf Heidegger fokussiert, fehlt es an einer kritischen Revision der Werke Husserls.

Im Kern arbeitet die Phänomenologie ohne ontisches Fundament.
Heidegger stellt im Schlusskapitel (§ 83) von »Sein und Zeit« selbst die entscheidende Frage:

„Läßt sich die Ontologie ontologisch begründen oder bedarf sie auch hierzu eines ontischen Fundamentes und welches Seiende muß die Funktion der Fundierung übernehmen?“

Eine Antwort könnte lauten: die Mathematik muss die Funktion der Fundierung übernehmen. Doch die Mathematik war Heidegger offenbar fremd.

Wichtiger ist nun die politische und geschichtliche Bewertung.

Vašek stellt den Kontrast zwischen der (unreflektieren?) Heidegger-Begeisterung einiger Menschen und den offenbar menschenfeindlichen Aussagen in den »Schwarzen Heften« heraus.
Weshalb überhaupt sind zahllose Menschen nach Todtnauberg gepilgert?

[Ein Heidegger-Pilger ruht sich vor der Hütte aus.]

Mich persönlich hat Heideggers Beschäftigung mit der Ontologie des Todes fasziniert (§ 49 bis 51 in »Sein und Zeit«).
Wenn ich heute diese Kapitel lese, stolpere ich über ein Nietzsche-Zitat: Das Dasein behütet sich davor »für seine Siege zu alt zu werden«. Selbst in den lesenswertesten Kapiteln holt uns also Nietzsche ein. Implizit orientiert sich Heidegger meines Erachtens an Nietzsches Sprung-Metapher (Der Übermensch grenzt sich vom Man ab).
Nietzsches Philosophie war in erster Linie eine Satire. Und der Adressat dieser Satire – die Sozialordnung im 19. Jahrhundert – hatte diese beißende Kritik auch verdient. »Sein und Zeit« hingegen erschien während der 3. Legislaturperiode der Weimarer Republik. Die Sozialdemokraten stellten mit 131 Abgeordneten die stärkste Fraktion und mit Paul Löbe
den Reichstagspräsidenten (dem späteren Gründungspräsidenten des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung). Offenbar waren auch diese demokratischen Abgeordneten für Heidegger mit der banalen Durchschnittlichkeit des »Man« assoziiert. (Die NSDAP stellte nur 7 Mitglieder ohne Fraktionsstatus).

Heidegger machte aus Nietzsches Satire zum völlig falschen Zeitpunkt eine Eschatologie und wurde so zum Feind einer offenen Gesellschaft.

Dieses Urteil ist wahrscheinlich noch milde angesichts der Herausforderungen der Heidegger-Forschung durch die »Schwarzen Hefte«.

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