Monatsarchiv: Januar 2017

Kafka allein in der Matrix: Über die Relevanz von Mr. Robot

Mysteriöse Männer entführen dich. Du befindest dich in einer Tiefgarage. In einer Schubkarre wird Zement angerührt. Einer der Männer greift eine Art Trichter und steckt ihn dir in den Mund. Jemand beginnt, den Zement in den Trichter zu schaufeln.

Nicht sehr schön? Diese Szene aus der zweiten Staffel der Fernsehserie Mr. Robot des kongenialen Sam Esmail lässt Serienjunkies wie mich an den eigenen Medienkonsum denken. Neben Netflix und Amazon Prime bereitet nun auch Apple einen Streamingdienst für Serien vor. Und während ARD und ZDF weiter auf etwas fokussieren, das sie Fernsehspiel nennen, findet der Serienfreund auf Metacritic viele faszinierende Serien, die von Europa aus unerreichbar scheinen. Wie also selektieren, was man gesehen haben muss?

In dieser Situation empfehle ich eine Serie, die schwer wie gehärteter Zement im Magen liegt.

Barbus etwa schreibt in seiner Kundenrezension: „Die Folgen zu sehen ist für mich eine Qual.“ Die zweite Staffel hat auf amazon zur Zeit nur 3,7 von 5 Sternen.

Und doch: Lehrt uns nicht der Theosoph Jakob Böhme durch seinen beflissenen Schüler Hegel, dass sich Qualität von Qual ableitet?

Ein kluger Rezensent schrieb, dass Sam Esmail offenbar kein zielgruppenkonformes Produkt erschaffen wollte. Die Realerfahrung des sogenannten Arabischen Frühlings und Meisterwerke wie Matrix, Fight Club, Taxi Driver und Breaking Bad standen Pate. Gesteigert wird dieser Reigen noch durch die Assoziationen der Kritiker der  Serie, die sich auf metacritic mit der 2. Staffel von 79 auf 81 Punkte gesteigert hat.

„[Showrunner and creator Sam Esmail is] a Kafka in the director’s chair.“

Verne Gay, 12.07.2016

Dem zentralen Punkt näherte sich Tom Long in seiner Rezension vom 8.7.2016:

„Mr. Robot remains one of the most dizzying, intoxicating, challenging shows on television, a gripping look at mental illness and brilliance run amok, tied to an essentially sweet, if damaged, character.“

Das ist es: Mr. Robot ist ein hoch sensibler, verletzlicher, gleichermassen empathischer wie autistischer Charakter. Einen derartigen Charakter sauber zu zeichnen, ist nicht einfach. Rainer Werner Fassbinder – inspiriert durch Douglas Sirk – konnte das. Wir hatten es mit gebrochenen Charakteren zu tun, die an einer antiqiuierten Außenwelt litten. Rechts/links und Freund/Feind waren in der alten Bundesrepublik greifbare Parameter. In einer postfaktischen globalisierten Welt, in der Verschwörungstheorie zum Konsumgut wird, ist es nicht mehr so einfach, Protagonisten auf ein moralisches Google Map zu pinnen.

Hier nimmt Sam Esmail keine Rücksicht auf uns. Kann der sensible Held abgrundtief böse sein? Who knows? Mir fällt in den bisher 22 Folgen die Abwesenheit von Glück auf. Selbst das Streben nach Glück wird diskreditiert. In einer Sequenz nimmt der Hacker Elliot Alderson – wunderbar verkörpert durch Rami Malek  – an einem Familienausflug teil. Die Szene wird als Soap Opera inszeniert, die anstatt angenehmer Erinnerungen vorrangig Gelächter hervoruft. Ja, die Zeitläufte rufen einen Malstrom ins Leben, der jeden naiven Idealismus zermalmt. Dieser Elliot Alderson ist Lichtjahre entfernt von einer Figur, für die David Guetta eine Hymne schreiben könnte. Plutonium statt Titanium.

Kontrafaktischer Zement im Bauch härtet. Und doch wartest Du auf Staffel 3. Kannst Du mich hören? Wird es 2017 titanisch, wollen wir unsere abgewetzte cogito-Spielkarte im Trump’schen Casino gegen einen sum ergo sum Freifahrtschein austauschen?

Hach. Vielleicht sollten wir wenige Tage vor Trump einfach nur den Rechner neu booten.

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