Monatsarchiv: September 2018

Zauberhafter Zeitvertreib

Eine Rezension zu: „Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger

Wer sich ernsthaft mit Philosophie beschäftigt, verfolgt in der Regel ein Ziel. Dieses Ziel weist nicht unbedingt von Anfang an klare Konturen auf, sondern zeigt sich mitunter zunächst als dumpfes Gefühl. Dies kann etwa eine pazifistische Grundhaltung sein, eine unglückliche Liebe oder eine Naturerfahrung. Entscheidend sind die Schlussfolgerungen, die wir aus diesen Erfahrungen ziehen. Das bisher Vertraute – unsere innere Repräsentation von Welt, Liebe, Politik und Leben – wird fortan als uneigentlich empfunden. Auch die Wahrnehmung und die Sprache als Speicher und Vermittler der Wahrnehmung erscheinen nun uneigentlich.

So wird das Eigentliche zum Ziel. Das Eigentliche ist der Teil des Wesentlichen, den wir uns zu eigen machen. Es kann keine kurze Reise dorthin sein. Die Reise erfordert Fokussierung und lässt wenig Raum für Zeitvertreib. Manche dieser Reisenden verzichten konsequent auf den Konsum von Sekundärliteratur. Sie treffen auch bewusste Entscheidungen bei der Rezeption der Originalwerke – so lässt Arthur Schopenhauer nur die Erstausgabe von Kants Kritik der reinen Vernunft (1781) gelten. Warum aber keine Sekundärliteratur? Die Originalwerke sind Koordinaten und Kompass zugleich, sie erlauben die unmittelbare Begegnung mit einem potentiell Seelenverwandten auf der Suche nach dem Eigentlichen.

Nun hat Wolfram Eilenberger mit „Zeit der Zauberer“ ein Stück Tertiärliteratur vorgelegt. Es ist eine Darstellung des „großen Jahrzehnts der Philosophie (1919-1929)“ mit den Akteuren Wittgenstein, Heidegger, Benjamin und Cassirer. Natürlich lässt sich so ein Werk nicht ohne Zugriff auf die Sekundärliteratur kompilieren. Nach Meinung von Beobachtern lässt sich das Aroma von Safranskis Heidegger-Biographie zwischen den Zeilen deutlich schmecken. Nun formen die 402 Seiten Text ohne Frage ein erfolgreiches Buch. Doch dies wäre kaum der Fall gewesen, hätte der Autor vier kleinere Werke à 100 Seiten über die vier Protagonisten einzeln verfasst. Der Zauber des Werkes besteht in der realen und virtuellen Vernetzung seiner Figuren – angereichert mit zahllosen biographischen Anekdoten, die auch das Liebesleben umfassen.

Was ist nun von „Zeit der Zauberer“ zu halten? Kann ich eine Empfehlung aussprechen? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Hängt es doch ab von dem Eigentlichen, das der potentielle Leser sucht sowie von seiner Erwartungshaltung.

Mein Doktorvater hat mir einst eine einfache Methode erklärt, einen wissenschaftlichen Aufsatz oder ein Buch in wenigen Sekunden zu erfassen. Man beginne die Lektüre schlicht und ergreifend mit der Durchsicht des Literaturverzeichnisses. Auf welchem Grund steht der Autor? Heute reicht schon ein Blick auf Wikipedia. Wolfram Eilenberger ist gelernter Kulturphilosoph. Wo Kulturphilosophie draufsteht, ist auch Kulturphilosophie drin. Deshalb ist auch die Enttäuschung, die bei einigen Rezensenten zum Ausdruck kommt und sich auf die mangelnde philosophische Tiefe des Werkes bezieht, unbegründet. Gerade in Bezug auf Wittgenstein und Heidegger ist und war von „Zeit der Zauberer“ kein Erkenntnisfortschritt zu erwarten.

Doch umso mehr gelang Eilenberger die Darstellung von Leben und Werk bei Benjamin und Cassirer. Bei der Darstellung Benjamins beeindrucken das Einfühlungsvermögen und die kulturelle Einordnung. Bei Cassirer begeistern die Geschichten rund um Aby Warburgs kulturwissenschaftliche Bibliothek. Allein diese beiden Aspekte reichen bereits für eine Empfehlung. In unserer Zeit bewegen die Schilderungen der subtilen Diskriminierung des jüdischen Ehepaars Cassirer in den 20er Jahren besonders. Immanuel Kants geistiger Enkel wurde 1933 aus Deutschland vertrieben und kehrte nie wieder zurück. Mit dem Ausblick auf den weiteren Werdegang der vier Männer auf der Suche nach dem Eigentlichen verlassen wir die „Zeit der Zauberer“ und sind Wolfram Eilenberger für neue Einsichten dankbar.

Betrachten wir das Werk als Kunstwerk und setzen Benjamins Kunsttheorie um, dann bedeutet die Rezeption eines Werkes stets, dieses auch nachzubilden. Lasst uns also in Gedanken selbst ein Buch über das große Jahrzehnt der Philosophie schreiben. Wo fehlt etwas? Wo würde unsere eigene Handschrift ansetzen?

Ich würde einige biographische Episoden zugunsten einer Tiefenanalyse kürzen. Wie kann man Heidegger verstehen, ohne einen Blick auf Nietzsche und Hölderlin zu werfen? Was ist Cassirer ohne Kant? Konkret wäre Nietzsche in der Zeit zwischen 1880 und 1882 zu erfassen – der Autor der Fröhlichen Wissenschaft. Noch weit von geistiger Umnachtung entfernt und gleichzeitig von Schopenhauer emanzipiert, entwickelt hier Nietzsche ein philosophisches Hauptwerk (das vielfach irrtümlich als aphoristische Sammelsurium missverstanden wird). Hier findet sich auch ein Schlüssel zum Verständnis Wittgensteins. Bei Cassirer reicht die philosophische Nabelschnur ins 18. Jahrhundert zurück und gibt ihm – stabil wie ein Stahlseil – Rückhalt für eine souveräne und widerspruchsfreie Philosophie. Dass er auch als einziger der vier Probanden eine glückliche Ehe führte, zeigt, dass der ehemalige Rektor der Universität Hamburg offenbar das Eigentliche gefunden hatte.

 

 

 

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