Kritische Ontologie. Teil I

Vorbemerkung

Warum eigentlich sollte man sich in unserer Zeit noch mit Ontologie beschäftigen? Die Naturwissenschaften haben einen Sieg nach dem anderen errungen. Innerhalb von 400 Jahren gab es einen Wandel von der Anfeindung der Naturwissenschaft hin zur Vergötterung der Naturwissenschaft. So begann am 12. April 1633 der Prozess gegen Galileo Galilei, der seine Schrift „Dialog über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme“ verteidigen musste. Am 4. Juli 2012 veröffentlichte das CERN eine Pressemitteilung, in der der Nachweis des Higgs Bosons verkündet wurde. Obwohl es sich dabei nur um ein zuvor auf Basis einer Eichfeldtheorie postuliertes Elementarteilchen handelte, wurde es der breiten Öffentlichkeit als „Gottesteilchen“ präsentiert. Dieser Wissenschaftseuphorie stand und steht kein kritischer Diskurs gegenüber.

Aus welchen Quellen könnte auch ein kritischer Diskurs schöpfen? Naturwissenschaftler befassen sich in der Regel nicht mit Ontologie. Der philosophische Kanon, den etwa ein Physiker während seines Studiums aufnimmt, beschränkt sich auf die Schriften eines Bertrand Russell oder eines Karl Popper – womit man sich im vermeintlich ruhigen Fahrwasser eines Süßwasserflusses aus Atheismus und Positivismus bewegt.

Bei der Betrachtung des Wikipedia-Eintrags zur Ontologie fällt auf, dass der größte Teil der Erörterung sich mit Niklas Luhmann beschäftigt. Sicherlich ein Mann mit großen Verdiensten auf dem Gebiet der Systemtheorie. Aber wie konnte ein Soziologe, der Jurisprudenz studiert hat, zum Kronzeugen der Ontologie werden? Eine einfache Antwort: Ein erheblicher Teil der Wissensbasis zur Ontologie ist nicht „online“. So gibt es bis zum heutigen Tag noch keinen Wikipedia-Artikel über den Philosophen Hermann Wein, der sich als Schüler Nicolai Hartmanns wesentlich mit Ontologie beschäftigt hat.

Auch der gesellschaftliche Wandel wird heute nicht mehr durch Philosophen wie einst Hegel, Marx und Engels beeinflusst, sondern vorwiegend durch Naturwissenschaft, Ökonomie[1] und Technologie. So beruft sich etwa Greta Thunberg, die Begründerin der globalen Bewegung „Fridays for Future“ einzig auf naturwissenschaftliche Fakten als Entscheidungsgrundlage: „Die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Natürlich ist der Kampf gegen den Klimawandel zu begrüßen. Aber warum spielt die Philosophie in der Gesellschaft und in den Naturwissenschaften kaum noch eine Rolle? Wird Philosophie heute noch gebraucht? Wir werden in den nachfolgenden Kapiteln eine Reihe von Gründen erörtern, warum die Ontologie zur Lösung fundamentaler Probleme unverzichtbar ist.

Wo befindet sich nun der richtige Einstieg in das Gebäude der Ontologie? Finden wir hinter der Türe ein Art Labyrinth aus Platonischen Dialogen, die uns im Kreis irren lassen? Wo soll sicherer Boden zu finden sein, nachdem der „Alleszermalmer“ Immanuel Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft jedwede Spekulation innerhalb der Philosophie entzaubert hat?

Es ist die Überzeugung des Autors, dass die Werke Nicolai Hartmanns (1882 – 1950) der ideale Ausgangspunkt sind. Eine neue Ontologie ist eben nur mit und nicht gegen Kant zu errichten. Nach zwei Jahrzehnten Arbeit legte Hartmann mit „Zur Grundlegung der Ontologie“ den ersten Teil seines Hauptwerks vor. Als er im September 1934 das Vorwort verfasste, war er 52 Jahre alt. Dies ist kein unwesentlicher Aspekt. Immanuel Kant war bei der Veröffentlichung seines Hauptwerks nur wenige Jahre älter. Wie Hartmann im Vorwort betont, ist die Auseinandersetzung mit zahlreichen Einzelwissenschaften und die so gewonnene philosophische Erfahrung eine notwendige Voraussetzung, bevor man sich der Ontologie stellt.

Unsere Arbeitsgrundlage ist die 1965 bei Walter de Gruyter & Co. erschienene vierte Auflage der Grundlegung der Ontologie. Sämtliche Seitenangaben beziehen sich auf diese Auflage.

Seit den Tagen des kauzigen Arthur Schopenhauer ist es angesagt, dem Leser Vorschriften zu erteilen, wie er mit der vorliegenden Schrift umzugehen habe. Und eines hat sich seitdem nicht verändert: Die Kenntnis der Kritik der reinen Vernunft müssen wir voraussetzen. Sie ist für die Philosophie so bedeutend wie die Mengenlehre für die Mathematik. Sie ist keine leichte Kost à la Wittgenstein, und Sekundärliteratur bringt nur vermeintliche Linderung beim Eindringen in den Wesenskern der Vernunftkritik. So bleiben nur Zeit und Geduld als Voraussetzung sowie die unmittelbare Begegnung mit der Redlichkeit und Klarheit eines Immanuel Kant.

Leider gilt auch das kritische Urteil in Bezug auf Sekundärliteratur nach wie vor. Der Leser wird nicht umhin kommen, sich selbst ein Exemplar der Grundlegung der Ontologie zu besorgen. Dieser Hinweis ist nicht ohne Risiko. Setzt sich doch Kants Klarheit und Redlichkeit fast nahtlos in den Werken Hartmanns fort. So könnte der Leser auch ohne diese Schrift die weitere Auseinandersetzung mit Hartmann suchen und sein eigenes Segelboot auf dem Ozean der Ontologie steuern. In diesem Falle bleibt die Hoffnung, dass sich einst die Wege kreuzen und sich Erfahrungen über die Bewohner einzelner Inseln der Erkenntnis austauschen lassen. Doch noch ist es ein sehr stiller Ozean.

Noch eine Bemerkung zum Aufbau dieses Werkes: Wir werden uns zunächst Kapitel für Kapitel mit Hartmanns Werk beschäftigen. Seine Positionen sollen so unverfälscht wie möglich dokumentiert werden. Im Anschluss folgen jeweils abgeschlossene Kapitel, in denen der Autor eigene Positionen abgrenzt und die Übertragung auf aktuelle Wissenschaften wie Quantenphysik und Metamathematik thematisiert.

Wir schließen die Vorbemerkung mit einem Zitat:

„Eine neue, kritische Ontologie ist möglich geworden.“ (Seite V).

Kapitel 1 – Vorwort (1934)

Hartmann bedauert in seinem Vorwort, dass er bisher nur fragmentarisch einzelne Aspekte der Ontologie bearbeitet habe, jedoch noch kein „ausgereiftes Werk“ vorlegen konnte.

„Vor jedes Begreifen und jede Errungenschaft haben die Götter den Schweiß der Arbeit gesetzt.“ (Seite VII)

Er beschäftigt sich mit den ontologischen Arbeiten seiner Zeitgenossen (unter anderem Heidegger) und erkennt dort nur „Ankündigungen“ einer Ontologie, jedoch nicht deren Ausführung.

Ein positiver Ausgangspunkt für Hartmanns Überlegungen war Hans Pichlers Schrift „Über die Erkennbarkeit der Gegenstände“ (1909), die sich mit Christian Wolff auseinandersetzt. Als weitere Quelle taucht Hegels Logik auf, da sie die Bahn gebrochen habe für „die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre“. In der Tat häuft sich die Bezugnahme auf Hegel im Laufe des Werkes, so dass die Lektüre der Wissenschaft der Logik ebenfalls zum tieferen Verständnis vorausgesetzt werden muss.

Hartmann betont, dass zentrale Fragen der mittelalterlichen Metaphysik (u.a. der Universalienstreit) nichts an Aktualität eingebüßt haben:

„Ob Kategorien Auffassungsweisen des Menschen oder unabhängig von aller Auffassung bestehende Grundzüge der Gegenstände sind, ist heute noch die ontologische Grundfrage der Kategorienlehre.“ (Seite X)

Zu den unentbehrlichen Grundlagen der Ontologie gehört die Philosophie des Aristoteles. Hartmann betont, dass der Begriff Metaphysik eben nicht von Aristoteles stammt, sondern dieser von der „Ersten Philosophie“ sprach und diese als „Wissenschaft vom Seienden als Seienden“ definierte. Aristoteles wirkte weit in die Kritik der reinen Vernunft hinein, da Kant nicht „in Rechnung zog, daß er selbst in weitem Maße mit den Kategorien der alten Ontologie arbeitete.“ (Seite XI). Dies ist in der Tat ein blinder Punkt, den bereits Schopenhauer – bei aller Wertschätzung für Kant – als kardinalen Schwachpunkt identifizierte.

Mit dieser Betrachtung endet das in Berlin im September 1934 verfasste Vorwort. Und nun?

Kapitel 2 – Heutige Positionierung der kritischen Ontologie

In diesem Kapitel geht es nicht um Nicolai Hartmann, sondern um uns. Wir müssen uns positionieren. Teilen wir die Ansichten Hartmanns?

Beginnen wir mit Hegel. Was halten wir von der Aussage, Hegel habe die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre vorangetrieben? Hegel hat nicht wenige Gegner. Legendär sind Schopenhauers Tiraden („Afterphilosophie“). Etwas differenzierter, jedoch nicht weniger aggressiv gegen Hegel, wirkt Karl Popper in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Schon diese beiden Autoren haben dazu beigetragen, dass Hegel von Naturwissenschaftlern oft erst gar nicht als seriöser Denker wahrgenommen wird.

Unsere Positionierung lautet: Ja, Hegel hat einen substantiellen Beitrag zur Weiterentwicklung der Philosophie geleistet. Und: ja, dieser Beitrag hat vor allem mit der Wechselwirkung von Ontologie und Kategorien zu tun.

Daraus folgt allerdings nicht, dass wir zu buchstabengetreuen Hegelianern werden. Vielmehr interessieren uns die Quellen, die Hegel quasi munitioniert haben. Drei hervorragende Quellen seien explizit aufgeführt:

  1. Platons Parmenides, sein Werk über Einheit und Vielheit, Sein und Nichtsein
  2. Spinozas omnis determinatio est negatio
  3. Die Theosophie des Jacob Böhme, insbesondere sein Begriff der Qualität (Hegel nannte Böhme den „ersten deutschen Philosophen“)

Dabei gibt es einige Punkte, bei denen Distanz zu Hegel angesagt ist. Wir können dies hier nur andeuten und somit unsere Positionierung vorwegnehmen. Eine detaillierte Analyse erfolgt erst in wesentlich späteren Kapiteln.

Beginnen wir mit Spinoza. Der Satz omnis determinatio est negatio ist laut Hegel von ungeheurer Bedeutung. Doch hat Hegel diesen nicht hinreichend reflektiert. Die Gefahr steckt im omnis. Hätte die wissenschaftliche Sorgfalt nicht geraten, zunächst das kleinere determinatio est negatio in Betracht zu ziehen und Kapitel für Kapitel dessen Wirkung zu erarbeiten? Aber nein, eine gewisse omnis-Trunkenheit führt nach wenigen Kapiteln Seinslogik zu Verkürzungen. Die bunten Gärten der Ontologie werden so nicht erreicht, der Leser landet in einer dürren Wüste mit Disteln namens „These – Antithese – Synthese“.

Wie ist das zu verstehen? Ohne Fichte und Schelling kein Hegel. Die Konzeption der intellektuellen Anschauung und somit die Fokussierung auf ideelles Sein bereitete die Basis für die Phänomenologie des Geistes. So wird Spinozas omnis in der Sphäre eines Geist-omnis und eben nicht eines Welt-omnis erörtert. Benötigt wird ein Idealismus, der sich auf die Welt zurückbesinnt. Nicolai Hartmann wird uns den Weg weisen.

Jacob Böhme wird in der Wissenschaft der Logik eigenartig distanziert zitiert. Warum bekannte sich Hegel nicht eindeutiger? Rund um den Begriff der Qualität ist Böhmes Handschrift durchaus spürbar. Doch bei Böhme gibt es eine farbenfrohe vernetzte Natur mit dynamisch verknüpften Kategorien. Sicher, das hat Böhme nicht als schulbuchmäßige Philosophie formuliert, sondern implizite Erkenntnisse in einem fulminanten Stück Weltliteratur verewigt. Bei ihm finden wir eine Grundfröhlichkeit des Daseins und Soseins, die zuvor so nur bei Echnaton und Giordano Bruno zu spüren waren. Diese Fröhlichkeit geht Hegel ab. Und auch der politische Pulsschlag eines Fichte oder eines Schiller gingen ihm ab. Wozu auch? Das omnis war Trittbrett zur Omnipotenz seines Geistes, und ohne Cholera bzw. Magenleiden hätte er noch weitere Jahrzehnte Vorlesungen zu allen erdenklichen Themen der Welt halten können.

Noch eine kurze Bemerkung zu Parmenides. Hegel hat dessen Bedeutung voll erfasst, jedoch die systemische Logik des Werkes nicht durchdrungen. Dies ist auch erst vor wenigen Jahren in einer Arbeit zur Metamathematik gelungen (siehe dazu: „Mathematischer Platonismus“ von Gregor Schneider, München 2012). Dies bedeutet, dass wir im Fortgang der Analyse ein wichtiges Werkzeug zur Verfügung haben. Denn wenn Hartmanns Kategorienlehre Früchte tragen soll, dann wäre zu erwarten, dass sie mit aktuellen Forschungen zur Metamathematik kompatibel ist.

Kapitel 3 – Vorwort 1948

Hartmann beklagt, dass der zweite („Möglichkeit und Wirklichkeit“) und dritte („Der Aufbau der realen Welt“) Teil seines Hauptwerkes vom Büchermarkt verschwunden sei und selbst in den „Bibliotheken der Fachgenossen“ kaum noch zu finden seien.

Er betont ausdrücklich, dass die Grundlegung der Ontologie einzeln betrachtet nur „in der Luft schweben“ würde und nur im Zusammenhang mit den Folgebänden verstanden werden kann.

Sein Vorwort endet mit dem Wunsch, man möge nicht gleich in den ersten Band eigene Weltbilder hineintragen:

„Weltanschauung ist etwas, was man nicht in die philosophische Forschung hineinträgt, sondern erst aus ihr zu gewinnen hoffen darf.“ (Seite XIII)

Diese Aussage gehört bereits zu Hartmanns Vermächtnis. Zwei Jahre später starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.

Kapitel 4 – Proviant auf dem Weg zur kritischen Ontologie

Wir sollen also keine Weltanschauung in die philosophische Forschung hineintragen. Diese Forderung klingt heute merkwürdig aktuell.

Worauf beruht denn unsere Weltanschauung? In der Mehrheit auf einem Bildungskanon, der unter anderem Rousseau, Kant und Schiller umfasst. Ein an Werten orientiertes idealistisches Weltbild, das insbesondere in den liberal-intellektuellen Milieus unserer Gesellschaft gelebt wird. Ein Weltbild, das mehrheitlich von Journalisten und Politikern sowie einer Bildungselite getragen wird.

Und dieses Weltbild zeigt nun Risse. In Europa und den USA beobachten wir den Aufstieg von Populisten – nicht selten verbunden mit einer Abscheu gegenüber den Eliten. In der globalen Entwicklung sind nunmehr Länder wie China führend, die durch ein gänzlich anderes Wertesystem geprägt sind. Der Befund geht weit über die Kombination des Staatsmonopolkapitalismus mit den Lehren des Konfuzius hinaus. Die chinesische Schrift stellt das einzige heute noch gebräuchliche Schriftsystem dar, das nicht primär auf die Lautung einer Sprache zurückgreift, sondern in der Mehrheit seiner Zeichen auch semantische Elemente trägt. Hat dies Auswirkungen auf das chinesische Denken? Ist es von jeher ein ontisches Denken, das dem westlichen ontologischen Denken mit seinen christlichen und platonischen Wurzeln entgegensteht?

Dies zu beantworten ist nicht leicht. Vielleicht können wir es nicht. Wir tun allerdings gut daran, unsere Weltanschauungen aus dem Blickwinkel der kritischen Ontologie auf den Prüfstand zu stellen. Wir sollten nicht befürchten, dabei etwas zu verlieren. Vielleicht werden wir nur einen alten Bund erneuern und gestärkt aus dem Diskurs hervorgehen.

Sicherlich wäre es im Sinne Hartmanns, dass wir reichlich Anschauungsmaterial aus den Einzelwissenschaften für die Reise durch die kritische Ontologie vorbereiten.

Die Metamathematik wurde bereits explizit genannt. Konkret werden wir die Arbeiten des Mathematikers Paul Finsler berücksichtigen. Dabei ist nicht nur seine durch philosophische Reflexionen entstandene Mengenlehre relevant, sondern auch seine kongeniale Kurzfassung des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes.

Aus den Problemfeldern der Naturwissenschaften hebt sich die Physik ab mit ihrem ungelösten Problem der Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie. Eine metamathematische Befragung führt zu der Frage, woher eigentlich der Ansatz einer Eichfeldtheorie kommt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine vergleichbare Situation innerhalb der Theorie der Wärmestrahlung. Die bis dahin gefundene Gleichungen, das wiensche Strahlungsgesetz und das Rayleigh-Jeans-Gesetz, konnten jeweils nur einen Teil des Strahlungsspektrums ohne Abweichungen wiedergeben. Max Planck war überzeugt, dass es eine einheitliche Formel geben müsse. Er erstellte eine provisorische empirische Formel, deren Sinn erst später im Rahmen der Quantentheorie verstanden werden konnte.

Ist der Eichfeld-Ansatz also auch nur ein Bypass oder ein Pflaster? Falls ja, dann würde das „Gottesteilchen“ Higgs Boson zu einem Pflasterteilchen degradiert. Es geht um die innere Ordnung und Logik der Physik. Hartmann betont, dass die Philosophie das „Gewissen der Naturwissenschaft“ sein solle. Die hier genannten Fragestellungen stellen also den idealen Probierstein für die Mächtigkeit der kritischen Ontologie dar.

Schließlich wurden oben schon gesellschaftliche und globale Änderungen erfasst, die die Geisteswissenschaften herausfordern. Unser Verständnis von Kommunikation gehört auch zu diesem Problemfeld. Wie kommen z.B. filter bubbles im Internet zustande?

Diese konkreten Punkte sollen andeuten, dass unsere Untersuchung nicht ohne Ergebnis bleiben wird. Es wird keine Sophisterei geben. Es wird auch keine Beliebigkeit geben. Auch ein negatives Ergebnis ist möglich. Sollte Hartmanns Kategorienlehre komplett inkompatibel mit aktuellen Forschungen der Metamathematik sein, dann war es das. Dann können wir nur noch hoffen, alt genug zu werden, das Wirken eines neuen Hartmann miterleben zu dürfen.

Einstweilen machen wir uns auf die erste von vier Etappen und vertiefen uns in die Grundlegung der Ontologie. Wenn wir nach einiger Zeit auf Seite 296 der Grundlegung ankommen, hat die konkrete Fassung der Kritischen Ontologie noch nicht einmal begonnen. Doch eines ist sicher: Der Leser wird dann zumindest wissen, worum es eigentlich geht.

Kapitel 5 – Seite 1 bis 6

Hartmann stellt gleich zu Beginn seiner Einleitung eine entscheidende Frage: „Warum – so ist allen Ernstes zu fragen – sollen wir denn durchaus zur Ontologie zurückkehren?“ (Seite 2)

Ist die Zeit einfach über die Ontologie hinweggegangen?

Er sieht eine Verwechslung von Problembestand und Problemstellung. Letztere könne man nach Bedarf umprägen. Und selbst Philosophen wie Kant, die sich durchaus am Problembestand orientierten, wählten spekulative Fragen rund um Kosmos, Seele und Gottheit aus. Hartmann zählt auch das Allernächste und scheinbar Selbstverständliche zum Problembestand.

Gibt es überhaupt eine Theorie ohne Ontologie? Wenn die Idealisten die Realität für Schein erklären, so formulieren sie doch damit gerade auch eine Aussage über das Seiende als Seiendes. Hartmann ruft Parmenides als Kronzeugen auf mit der Aussage, dass es das Wesen des Denkens ist, nur „etwas“, nicht aber „nichts“ denken zu können. Daraus folgt dann, dass Theorien ohne ontologisches Fundament ein „Ding der Unmöglichkeit“ sind.

Kapitel 6 – Problembestand 2019

Ständig müssen wir uns positionieren. Schreiten wir noch Seite an Seite mit Hartmann? Sind wir in der Lage, das Allernächste und scheinbare Selbstverständliche zu einem Problem zu machen? Eine Aussage wie „1 + 1 = 2“ würden 9999 von 10000 Menschen nicht ernsthaft reflektieren. Die eine Person, die es dennoch tut, hat damit nicht nur ein Ticket für Verzweiflung und Wahnsinn gebucht, sondern eventuell sogar einen Logenplatz im Theater der kritischen Ontologie.

Aber ernsthaft: Ein Ontologe, der sich mit Mathematik beschäftigt, kann einen Allquantor oder Existenzquantor als vom Himmel herabgeregnete Gegebenheiten betrachten. Auch Peano-Axiome sind für ihn zunächst unter Quarantäne zu stellen. Gilt es doch, die innere Seinsschichtung der Mathematik aufzudecken, eine dynamische Kategorienrelation, die quasi Prototyp des Denkens überhaupt ist.

Sind unsere Studierenden für den existenzial-ontologischen Kampf um die Wurzeln des Seins gerüstet? Im Rahmen des Bologna-Prozesses wurden Studiengänge harmonisiert. Wesentliches Element des Konvergenzprozesses war eine auf Beschäftigungsfähigkeit am Arbeitsmarkt zielende Ausrichtung der Studiengänge. Beschäftigungsfähigkeit am Arbeitsmarkt. Sehr interessant. Wer beschäftigungsfähig am Arbeitsmarkt sein möchte, der sollte auf die Frage „1 +1 = ?“ die Antwort „2“ parat halten. Idealerweise ohne Reflexion.

Man kann dem Bologna-Prozess also kaum nachsagen, dass er Querdenker fördere.

Wir sehen also: Ganz unabhängig vom fundamentalen ontologischen Problembestand – unser Handeln führt bis dato auch so nicht zu einem Mangel an Problembeständen.

Kapitel 7 – Seite 6 bis 7

Hartmann beleuchtet hier den metaphysischen Hintergrund der Naturwissenschaft.

„Hinter den mathematischen Formeln steht eine Reihe kategorialer Grundmomente, die selbst offenkundig substrathaften Charakter haben und sich aller quantitativen Fassung entziehen, weil sie Voraussetzungen der realen Quantitätsverhältnisse sind.“ (Seite 6)

Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie. Diese stelle lediglich die Frage: „Welche Begrenzung des Wesens von Raum und Zeit genügt den mathematischen Formeln?“. Stattdessen hätte die Frage lauten müssen: „Welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit?“ (Seite 7)

Dies ist keineswegs die Frage eines Laien. Als Sohn des Ingenieurs Carl August Hartmann wurde Nicolai schon als Kind mit den Naturwissenschaften vertraut, unter anderem entstand eine lebenslange Begeisterung für Astronomie. Hartmanns Witwe berichtete später: „Der Sternhimmel gehörte zu seinem Lebensraum. Bei anhaltend bewölktem Himmel konnte er sagen: ‚Ich fühle mich so eingesperrt auf der Erde.‘“[2]

Seinen Wohnsitz in Babelsberg wählte er bewusst, um die Universitätssternwarte und das Potsdamer Astrophysikalische Institut in der Nähe zu haben.

Betrachten wir die Kritik an der Relativitätstheorie also etwas genauer. Der Ausgangspunkt seien also mathematische Formeln gewesen. Aus diesen heraus sei dann die Begrenzung von Raum und Zeit abgeleitet worden.

In der Tat beruhen die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie auf einem mächtigen mathematischen Kalkül: der wesentlich von Carl Friedrich Gauß entwickelten Differentialgeometrie. Im Zentrum des von Riemann und Lorentz weiterentwickelten Kalküls steht eine sogenannte Metrik, also ein Verfahren zur quantitativen Erfassung von Abständen. Aus dieser Metrik folgt dann auch, dass in einem gekrümmten Raum die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eben keine Gerade ist. Der empirische Befund der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Krümmung des Lichts durch Gravitation sind aus Sicht des Kalküls Gegebenheiten, die sich aus der Mathematik ergeben.

Und was gefällt Hartmann daran nicht? Ist doch die Mathematik der Relativitätstheorie durch Klarheit, Symmetrie und Schönheit gekennzeichnet, wie man es zuvor nur bei den Maxwell-Gleichungen (James Clerk Maxwell (1831–1879)) bewundern konnte, die die Phänomene des Elektromagnetismus beschreiben.

Und doch scheint das Kalkül eigenartig gleichgültig gegenüber den Naturphänomenen zu sein. So kann das Kalkül auch eine Welt beschreiben, in der sich Materie bei Bewegung verformt (Fitzgerald-Lorentz Kontraktion). Einsteins geniale Leistung besteht somit vor allem in der richtigen Interpretation des Kalküls.

Das von Hartmann kritisierte Versäumnis ist, dass ein Kalkül als taken for granted angenommen wird. Stellen wir also die Frage: Welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit? Es wäre dann zu fragen: Ist die Riemannsche Geometrie in etwas Größeres eingebettet? Was genau sind die kategorialen Grundlagen des Kalküls? Ist ein erweitertes Kalkül denkbar, dass auch Eigenschaften der Quantenphysik abzubilden vermag? Tatsächlich hat die Physik durchaus in diese Richtung gearbeitet – man denke nur an die Stringtheorie und insbesondere an die 11-dimensionale Supergravitation. Doch verweilt dieser Ansatz zu sehr innerhalb der bekannten Mathematik und fragt nicht nach der Begrenzung des mathematisch Formulierbaren.

Kapitel 8 – Kritische Mathematik

Betrachten wir erneut die Gleichung 1 + 1 = 2. Eine ganze Reihe von Fragen drängt sich auf: Welche Bedeutung hat die erste Eins? Welche Bedeutung hat das + Zeichen? Welche Bedeutung hat die zweite Eins? Welche Bedeutung das das Gleichheitszeichen? Welche Bedeutung hat die Zwei? In welche Richtung ist die Gleichung zu lesen?

Wir können die Gleichung auch als Definition aufschreiben:

a) 1 + 1 := 2

b) 2 := 1 + 1

Hier leuchtet es ein, dass a) und b) zwei verschiedene mathematische Sachverhalte bezeichnen können.

Der eine oder andere Leser mag sich an dieser Stelle unwohl fühlen. Wie kann man nur so etwas Selbstverständliches wie 1 + 1 = 2 überhaupt hinterfragen?

Als Kronzeugen würde ich Bertrand Russell und Alfred North Whitehead aufrufen, die mit den Principia Mathematica den Versuch unternommen haben, die Mathematik aus der Logik herzuleiten. Dabei stand die Abfolge von Axiomen und Symbolen im Zentrum. Allerdings zeigte Gödels Unvollständigkeitssatz, dass der Ansatz nicht das zu leisten vermag, was sich die Autoren erhofft hatten. Dabei hat ihr Anliegen nichts an Dringlichkeit eingebüßt. Stecken wir also in einer Sackgasse?

Die Antwort hängt davon ab, was wir als mathematische Welt definieren. Bei Russell und Whitehead galt offenbar:

Mathematische Welt := {formale Mathematik, Logik}

Im Sinne von Hartmann würden wir definieren:

Mathematische Welt := {(formale) Mathematik, Logik, Ontologie}

In so einer Welt wäre man berechtigt zu fragen: Welche Kategorien werden in welcher Reihenfolge aktiviert, wenn wie 1 +1 = 2 denken? Im Kern kommen wir zu einer auf den ersten Blick merkwürdigen Frage: Wie sind analytische Urteile a priori möglich? Diese Frage taucht üblicherweise nicht als Problembestand auf. Kant fokussierte auf die Frage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Deshalb finden wir bei Kant auch keine kritische Mathematik vor, zu sehr ist bei ihm die Mathematik als Kronzeugin für analytisches Denken eingebunden. Sie fand ohne Ausweis und Zeugnis ihr Aufenthaltsrecht in der Kritik der reinen Vernunft.

Kapitel 9 – Seite 7 bis 15

Auf den folgenden Seiten befasst sich Hartmann mit der Biologie, der Psychologie und den Geisteswissenschaften. Hier seien zwei Zitate für die Kernaussagen hervorgehoben:

„Das Eigentümliche des Lebensvorganges bleibt ein metaphysisches Rätsel.“ (Seite 9)

„Das Metaphysische im Seelenproblem ist das einfache, von der inneren Erfahrung selbst aufgegebene Problem der Seinsweise des Seelischen.“ (Seite 10)

Alles in allem klingt seine Argumentation überzeugend. Allerdings es steht (noch) nicht im unserem Fokus, in die Sphären von Biologie und Seele einzutreten. Der Problembestand in der Sphäre von Mathematik und Physik ist schon hinreichend groß, um uns an die Kritische Ontologie zu binden.

Spannend wird es allerdings, wenn sich Hartmann mit dem Metaphysischen in der logischen Sphäre beschäftigt:

„Die logische Konsequenz gewinnt Erkenntniswert, wenn ihr im Realen eine Konsequenz der Seinsverhältnisse entspricht – wenn auch in der realen Welt Widersprechendes nicht koexistiert, von kontradiktorischen Gegengliedern notwendig eines besteht, das Allgemeine notwendig im Spezialfall zutrifft.“ (Seite 13)

Was sagt uns das? Wir können ein noch so überzeugendes logisches Gesetz nicht einfach so von einer ontologischen Befragung freistellen. Das gilt auch für den Satz vom ausgeschlossenen Dritten (tertium non datur).

Man denke an Schrödingers berühmte Katze. Das Nachdenken über eine Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, bereitet durchaus Kopfschmerzen. Die Physik rettet sich mit der Theorie des Paralleluniversums. Sobald der quantenmechanische Würfel fällt[3], spaltet sich das Universum in ein Universum a mit der lebendigen Katze und einem Universum b mit einer toten Katze.

Der Ontologe kann und darf sich damit nicht zufriedengeben.

Sein Blick richtet sich auf

Das Weltganze := {Universum a, Universum b, weitere Universen}.

Könnte es also ein Weltganzes geben, in dessen Gefüge tertium non datur nicht gilt? Vielleicht. Würde man eine Wette abschließen, dann wäre die Wette auf eine Mathematik ohne tertium non datur vielversprechend. Wie auch immer: Es ist zumindest denkbar, dass es logische Gesetze gibt, denen nicht überall im Realen eine Konsequenz der Seinsverhältnisse entspricht.

Das Metaphysische in der logischen Sphäre gehört also zum ontologischen Problembestand.

Auf den Seiten 13 bis 15 behandelt Hartmann den Verfall des Erkenntnisproblems. Seiner Meinung nach wird die Kritik der reinen Vernunft von dem zentralen Argument beherrscht, dass es kein Erkenntnisobjekt ohne Erkenntnissubjekt gibt. Erkenntnis könne dann nicht mehr als „Erfassen“ von etwas gelten. Die Kritik fokussiere auf „die innere Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Begriffen, Urteilen und Vorstellungen“. Das wirkliche Erfassen einer Sache kommt dabei nicht vor – damit wird das eigentliche Erkenntnisproblem durch die Kritik der reinen Vernunft nicht gelöst.

Kapitel 10 – Das Ding an sich: Kopf oder Welt

Ich kenne keinen Philosophen, der Kant näher steht als Hartmann. Aus seiner eigenen, gerechten Perspektive erfolgt die Werkschau der Kritik der reinen Vernunft, die sich nicht an Formulierungen festhält, sondern Motive, Grundlagen und Perspektiven einer Vernunftkritik kennt. Daher ist es ein massiver und erstaunlicher Vorwurf, Kant habe das Erkenntnisproblem nicht gelöst.

Wir können den Kern der Sache am Begriff des „Ding an sich“ festmachen. Die auf Kant folgenden Philosophen (Fichte, Schelling und Hegel) haben das Ding an sich im Kopf gesucht. In der eher dunkleren Ecke des Kopfes hatte sich zuvor ein selbstloser Untermieter namens Gott einquartiert, der als Laienschauspieler für das Ding an sich gerne zur Aufführung kam.

Warum sollte man das Ding an sich nicht in der Welt suchen? Wir scheitern bei Kant an einer frühen Hürde: der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit. Nun wird das Stück „Welt“ aber in einem Theater aus Raum und Zeit aufgeführt. Und die Lehre von der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit gehört zu den besten Passagen der Kritik der reinen Vernunft, ja sogar zum Besten der philosophischen Literatur insgesamt.

Wie wäre es mit einem kleinen Gedankenexperiment? Wie hätte Kant reagiert, wenn er von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erfahren hätte? Wir können nur raten.

Von der philosophischen Forschung zu wenig beachtet ist die Tatsache, dass Kant in seiner Frühschrift Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte bereits die Existenz einer Grenzgeschwindigkeit postulierte und somit ein zentrales Moment der speziellen Relativitätstheorie vorwegnahm. Daher hätte die spezielle Relativitätstheorie sein Weltbild durchaus erschüttert.

Dies gilt vor allem, wenn man den aktuellen Stand der Astrophysik betrachtet. Von Schwarzen Löchern bis hin zu Gravitationswellen gibt es ganze Bücherregale voller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die zu einem erheblichen Teil auf synthetischen Urteilen a priori über Raum und Zeit beruhen.

Wir dürfen also annehmen, dass Kant einer kritischen Revision der bisherigen Fassung der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit zugestimmt hätte.

Kapitel 11 – Seite 15 bis 35

Eine einfache Begriffsanalyse zeigt schon, dass sich „Objekt“ und „Gegenstand“ stets auf einen Beobachter beziehen. Hartmann interessiert sich für eine Perspektive unabhängig vom Beobachter: „An der Erkenntnis ist das Wesentliche, dass ihr Gegenstand in seinem Gegenstandsein für das Bewusstsein nicht aufgeht.“ (Seite 15)

Mehr noch: Es gibt ein vom Bewusstsein unabhängiges, übergegenständliches „Sein“. Wir betrachten nicht abstrakt „das“ Ding an sich, sondern allgemein an sich Seiendes:

„Das an sich Seiende ist das Erscheinende in der Erscheinung.“ (Seite 17)

Damit ist an sich Seiendes eben doch erkennbar. Hartmann kommt hier zu einer zentralen Fragestellung: Wie ist es möglich, dass das Seiende Gegenstand bzw. Objekt werden kann? Dies sei die zentrale Frage der Metaphysik der Erkenntnis[4].

Auf den folgenden Seiten kümmert sich Hartmann um die Themen Freiheit, Werte, Kunst und Geschichte. Im Theater der Ontologie reicht uns der Parkettplatz, von dem aus wir die Themen Mathematik und Physik beobachten können. Wenn uns die Vorstellung nicht gefällt, können wir das Theater jederzeit verlassen. Andererseits: Sollte Hartmanns Ansatz in den Bereichen Mathematik und Physik Früchte tragen, kehren wir gerne zum vollständigen Programm zurück.

Interessant sind allerdings die Passagen, in denen sich Hartmann mit der Geschichte der Metaphysik beschäftigt. Der Ruf der Metaphysik hat gelitten, solange sie mit Spekulationen über Gott und die Seele assoziiert wird. Dem setzt Hartmann entgegen:

„Die ewig unvermeidlichen Probleme der Metaphysik liegen mitten im Leben.“ (Seite 26)

Und Kants Vernunftkritik gibt uns ein Urvertrauen, dass die Mission der Ontologie gelingen kann:

„Die Frage der Seinsweise und Seinsstruktur, des modalen und kategorialen Baues ist das noch am meisten Unmetaphysische in den metaphysischen Problemen.“ (Seite 28)

Dabei will Hartmann kein System konstruieren. Vielmehr geht es um die Suche nach einer natürlichen Einheit der Welt. Und diese kann man sozusagen nur vom Ende her verstehen:

„Die Ontologie muss der Sache nach philosophia prima sein, ihrer Durchführung nach kann sie nur philosophia ultima sein.“

Das Thema der Grundlegung der Ontologie ist zunächst nur die Klärung der Vorfragen zur Ontologie.

Kapitel 12 – Philosophia ultima als neue Weltweisheit?

Und nun? Wir sind am Ende der Einleitung angelangt. Noch haben wir nichts unterschrieben. Wir müssen uns nicht von nun an jede Woche mit Hartmanns Ontologie beschäftigen. Die Freiheit erlaubt es uns, jederzeit im Buchhandel nach einer Neuerscheinung von Richard David Precht zu fragen und diese käuflich zu erwerben. Doch möchten wir das eigentlich noch?

Welcher zeitgenössische Philosoph hat ein Programm vom Umfang der Hartmannschen Untersuchung zu bieten? Allerdings wird auch sehr viel von uns verlangt. Die philosophia ultima ist nur über die Erfahrung mit den Einzelwissenschaften zugänglich. Es wäre von Vorteil, wenn der Leser in allen relevanten Wissensgebieten von der Astrophysik bis hin zur Hirnforschung bewandert ist. Das Weltganze des Wissens ist unser Basislager, von dem aus wir den Berg der Ontologie besteigen möchten. Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand bei dieser Expedition wird unsere Geduld sein. Hartmann wird uns nicht mit ultimativen Einsichten und Wahrheiten gleich zu Beginn beglücken. Eindimensionale Konzepte wie Schopenhauers Welt als Wille sind hier ausgeschlossen. Es geht um echtes Erkenntnisinteresse und um eine echte Suche, ein Ringen und Kämpfen mit den Phänomenen. Wir können kein kurzfristiges Glück erwarten wie etwa ein streng katholisches irisches Paar in der Hochzeitsnacht. Nein, es geht um die Perspektive eines gereiften Paares, das seine Kinder aufwachsen sieht.

Worin liegt nun der eigentliche Reiz der Hartmannschen Ontologie? Zunächst einmal ist es eine vom Ergebnis her offene Analyse. Wir sind auf der Suche nach einer natürlichen Einheit der Welt. Ob es diese Einheit überhaupt gibt, ist fraglich. Doch gerade in unserer Zeit dürfen wir optimistisch sein. Allein die Tatsache, dass wir Gravitationswellen nachweisen können, deutet doch stark darauf hin, dass wir in einem strukturierten Weltall leben und Chaos zumindest nicht die treibende Kraft darstellt. Mathematik könnte eine stabile Brücke zwischen Kopf und Welt sein. Doch wie können wir uns dessen sicher sein? Genau darin liegt das Geschenk der Hartmannschen Ontologie: Wir erhalten ein Framework, um uns mit diesen relevanten Fragen zu beschäftigen.

Noch wichtiger: Wir werden auf keinen Glaubenssatz vereidigt. Selbst die Logik inklusive eines tertium non datur werden zunächst nur mit Kneifzange angefasst. Wenn wir Hartmann also weiter folgen, sind wir in unserem Denken frei und offen.

Und genau das sollten wir sein.

Fußnoten

  1. Man denke etwa an die Demonstrationen gegen die Handelsabkommen TTIP und Ceta.
  2. Quelle: Wolfgang Harich (2018) „Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer“, Tectum Verlag
  3. Die Fachleute sprechen auch von einem „Kollaps der Wellenfunktion“.
  4. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass Hartmann im gerade neu erschienenen „Handbuch Metaphysik“ (Herausgeber Markus Schrenk) nicht erwähnt wird. Eine für sich stehende Tatsache.

Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Kritische Ontologie. Teil I

  1. Stimme völlig überein – auch ich betrachte Nicolai Hartmann als sinnvollsten Ausgangspunkt für eine in der Philosophie notwendige Ontologie

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