Kritische Ontologie. Teil II

Kapitel 13 – Seite 36 bis 52

Nun endlich geht es zur Sache. In der Einleitung ging es um eine erste Orientierung, der allgemeine Fahrplan wurde aufgerufen. Ab jetzt bedeutet jedes Kapitel eine Weichenstellung. Aussage für Aussage ist kritisch zu überdenken, ob wir Hartmann folgen wollen (und können).

Der erste Teil der Grundlegung hat den Titel „Vom Seienden als Seienden überhaupt“. Der erste Abschnitt behandelt den Begriff des Seienden und seine Aporie.

Hartmann beginnt mit der Analyse des Seinsproblems:

„Das Seinsproblem haftet an Phänomenen, nicht an Hypothesen.“ (Seite 36)

Hier findet sich eine gewisse Nähe zur Phänomenologie, die durchaus – neben Mathematik und Physik – ein nützliches Vorstudium in Bezug auf die Kritische Ontologie darstellen kann. Aber eigentlich sind wir an diesem Punkt noch gar nicht bei Phänomenen, Gegenständen und Wahrnehmung. Was ist das Wesentliche am Begriff des Seienden?

„Das ontisch verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“ (Seite 38)

Der Duden nennt für den Begriff „ontisch“ die Bedeutungen „als seiend“, „unabhängig vom Bewusstsein existierend verstanden“ und „dem Sein nach“. Da der Satz von erheblicher Bedeutung ist, obwohl er harmlos klingt, betrachten wir die drei Aspekte des Satzes:

S1: „Das als seiend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Seiendes hat also ein Sein. Daraus folgt dann, dass die Sphären von Sein und Seiendem nicht getrennt sein können. Wie das genau aussieht, wird Hartmann später ausführen.

S2: „Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Dieser Satz ist für den Mathematiker leicht zu unterschreiben. Wir nehmen einen Standpunkt unabhängig vom Beobachter ein. Für Quantenphysiker hingegen ist die Aussage nicht so trivial. Doch dazu später.

S3: „Das dem Sein nach verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Ist das eine Tautologie? Eigentlich nicht. Wir stehen ja ganz am Anfang von Denken und Sein. Es ist dann schon eher eine Definition – wie etwa 1=1 in der Mathematik. Dem Satz haftet aber eine Selbstreferenz an und diese führt dann zu einer Aporie.

Aristoteles hat die philosophia prima als die Wissenschaft vom „Seienden als Seiendes“ definiert. Diese Formulierung findet Hartmann „in ihrer Art unübertrefflich“. Denn diese Formulierung wehrt voreilige Zuschreibungen des Seins ab – zum Beispiel werdendes, erscheinendes und generell subjektabhängiges Sein. Auch das Gegenstand-sein wird mit dieser Formel erfasst, doch geht sie über das Gegenständliche hinaus.

Aristoteles Formel ist natürlich abstrakt. Hier gibt es auch keinen Zugang über Definitionen oder Eingrenzungen, da sie die generelle „Seinsweise aller Seinsweisen“ thematisiert. (Seite 43)

Tatsächlich können wir beliebige Inhalte in die oben so intensiv betrachtete Formel packen:

„Das als zitronig verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S1)

„Das der Zitrone nach verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S3)

Hartmann stellt sich der Frage, ob wir hier nicht etwas schlechthin Irrationales thematisieren und es somit mit einer Aporie zu tun haben. Und doch gibt es einen rationalen Weg: Generelles wird von seinen Besonderungen aus zugänglich.

Die Ontologie „behandelt das Allgemeine und Grundlegende am Erkenntnisgegenstande“. (Seite 46)

Kehren wir noch einmal zu den Aussagesätzen über die Zitrone zurück. Es reichen kleine Ergänzungen, um einen tieferen Sinn zu enthüllen: Das Generelle der universellen Zitrone (Platons Perspektive) zeigt sich in den Prädikaten einer individuellen Zitrone (Aristoteles‘ Perspektive). Diese Verkürzung soll darauf aufmerksam machen, dass Hartmann in der Tat verschiedene Perspektiven kombiniert und ein Schema avisiert, das Widersprüche und Aporien der bisherigen Ontologie verständlich macht.

Insbesondere bei den Naturwissenschaften finden wir eine natürliche Auseinandersetzung mit den Gegenständen (intentio recta), daher seien diese „von Hause aus ontologisch“. (Seite 48)

„Der natürliche Realismus ist identisch mit der uns lebenslänglich gefangen haltenden Überzeugung, daß der Inbegriff der Dinge, Personen, Geschehnisse und Verhältnisse, kurz die Welt, in der wir leben und die wir erkennend zu unserem Gegenstande machen, nicht erst durch unser Erkennen geschaffen wird, sondern unabhängig von uns besteht.“ (Seite 49)

Und das gilt natürlich auch für eine Zitrone:

„Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S2)

Kapitel 14 – Seite 52 bis 80

Im II. Abschnitt beschreibt Hartmann die traditionellen Fassungen des Seienden und behandelt die Begriffe Ding, Gegebenheit und Weltgrund. Im Prinzip sind es Betrachtungen, die wir schon in der Einleitung besprochen hatten, so dass wir uns auf die Kernaussage konzentrieren können. Diese betrifft das Seiende als Wesenheit (essentia):

„Zur essentia gehört ein Korrelat, und dieses muß ein Seinsgewicht haben, das dem ihrigen die Waage hält.“ (Seite 59)

Mir gefällt die Waage-Metapher, da sie auf eine Verbindung der Sphären von Sein und Seiendem deutet. Konkret halten sich essentia und existentia die Waage. Bedeutend ist in diesem Kontext der Begriff des Moments, den Hartmann später einführt. Etymologisch ist Moment mit Beweggrund, Gesichtspunkt, Merkmal und Umstand assoziiert. Der Begriff momentum beschreibt „das Übergewicht, das bei gleichschwebenden Waagebalken den Ausschlag gibt“. Hier gibt es implizit eine Nähe zu Hegels Wissenschaft der Logik, wenn wir essentia und existentia als Momente des Seins verstehen.

Die Aussage selbst ist aus der Abgrenzung zu den traditionellen Fassungen des Seienden entstanden und wird in den nachfolgenden Kapiteln konkretisiert.

Aus heutiger Sicht wären noch die in der Zeit nach Hartmann entstandene Ansätze und Konzeptionen, wie etwa Luhmanns Systemtheorie, der radikale Konstruktivismus und vor allem die Neurowissenschaften zu berücksichtigen. Nach heutigem Verständnis teilt sich unsere Großhirnrinde in kortikale Säulen (ca. 20.000 Zellen), die verschiedene Schwingungsmuster (synfire chains) abbilden und neuronale Entitäten repräsentieren. In einer vom Gehirn konstruierten internen Weltrepräsentation gibt es mitunter nur zitronig, aber keine Zitronen. Entitäten werden als Knoten in einem neuronalen Netzwerk vorgestellt. Wir werden also später noch zu untersuchen haben, ob sich die Perspektive der Kritischen Ontologie mit der neuen Dinglichkeit der Neurowissenschaften vereinbaren lässt.

Im III. Abschnitt behandelt Hartmann die Bestimmungen des Seienden aus der Seinsweise. Auch in diesem Abschnitt geht es im Kern um Abgrenzungen, unter anderem vom Begriff des Ansichseins:

„Ansichsein“ ist und bleibt ein gnoseologischer Begriff.“ (Seite 79)

Damit wird ein erkenntnistheoretischer Ansatz nicht grundsätzlich abgelehnt – er käme lediglich zu früh: erst die Ontologie, später eine Erkenntnistheorie. So könnte das Programm lauten. Das Gleiche gilt für selbstbezogene Ansätze à la Heidegger. Das Programm hier: erst die Ontologie, später das Ich.

In der Tat sieht Hartmann auch gute Ansätze in Heideggers Existenzialphilosophie – insbesondere den Begriff der Zuhandenheit. Doch das alles kommt für die Grundlegung der Kritischen Ontologie zu früh.

Der Plan lautet also: Wir bleiben bei der Formel „Seiendes als Seiendes“ und schauen in aller Ruhe, wie sich Attribute bzw. Seinsverhältnisse wie „Ansichsein“ daraus entwickeln lassen. Und wir kommen mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es keine einfachere und bessere Formel als Startpunkt gibt.

Kapitel 15 – Chinesisches Dasein

Der Geschmack von Pistazien ist süßlich, mandelartig und gleichzeitig kräftig-würzig.

Das Parfum Mirto di Panarea hat ein Duftbouquet mit blumigen Akkorden aus Flieder und Freesien.

Unsere Welt ist bunt und vielfältig. Wie angenehm ist es, wenn Kommunikation unsere Sinne anregt. Und wie dunkel ist nun unsere Mission. Denn wir haben nichts anderes als die sterile Formel „das Seiende als Seiendes“ in der Hand.

Wir unternehmen einen kurzen Ausflug nach China, um anhand des Begriffs Dasein ein Gespür für die innere Dynamik eines Wortes zu bekommen. Die chinesische Schriftsprache eignet sich dafür, da sie aus semantischen Bausteinen besteht. Dies ist nicht die Arbeit eines Sinologen, sondern lediglich ein Experiment, das Hegels Dynamisierung der Seinsmomente in einem anderen Kulturkreis veranschaulichen soll.

Die Übersetzung für (soziales) Dasein lautet: 生存(shēngcún)[1]. Der Begriff setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen:

生 (shēng): gebären, wachsen, lebendig, Leben, Existenz

存 (cún): existieren, am Leben sein, leben, Vorräte anlegen

Daraus ergeben sich recht interessante Doppelnamen für das Dasein, etwa Leben-leben und Existenz-existieren. Es erscheint vor dem Auge aber auch eine kleine Geschichte. Der Mensch, der auf die Welt kommt und für sein Überleben Vorräte anlegt. Ein Hamsterrad der Existenz. Und Google Translate übersetzt 生存 in der Tat mit „Überleben“.

In den Doppelnamen steckt keine tautologische Selbstreferenz (wie etwa Existenz-Existenz). Im Kern ist es eine Subjekt-Prädikat-Selbstreferenz. Und das ist mehr als nur ein Fingerzeig, worum es beim „Seienden als Seiendem“ gehen könnte.

Kapitel 16 – Seite 81 bis 86

Der zweite Teil der Grundlegung hat den Titel „Das Verhältnis von Dasein und Sosein“. Wir treten damit in die Kerngedanken der Kritischen Ontologie ein – auf den nächsten 50 Seiten folgen die fundamentalen Gedanken. Von jetzt an müssen wir Seite für Seite jeden relevanten Gedanken aufgreifen und kritisch reflektieren.

Unser ontologischer Warenkorb W enthält bisher nur ein einziges Objekt:

W= {das Seiende als Seiendes}.

Damit wollen wir noch nicht zur Kasse gehen. Was sollten wir zuhause auch mit dem Objekt machen? Doch nur ein weiterer Gedanke wird den Warenkorb füllen. Hartmann beschreibt (auf den Seiten 80 und 81) die Indifferenzen des Seienden. Er benennt eine Reihe von Kategorien K, die wir hier im Einzelnen aufführen:

K = {Einheit und Mannigfaltigkeit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Beharrung und Werden, Materie und Form, Subjekt und Objekt, Mensch und Welt, …}.

Ein ganzes Füllhorn an Möglichkeiten. Und unser ‚Seiendes als Seiendes‘ – so wird behauptet – sei indifferent diesen Kategorien gegenüber. Wie ist das zu verstehen?

Es wäre eine Verlockung, einfach eine Kategorie in den Warenkorb zu legen – etwa die Materie. Wenn das Seiende als Seiendes eine Vorliebe für die Materie hätte und so ganz und gar nicht zum Begriff Form passen würde, dann wäre das doch fein. Wir bauen uns dann einen ontologischen Materialismus. Aber so einfach ist es nicht. Wir müssen zunächst Materie und Form auf die Waage der Justitia legen, die Augen schließen und uns ernsthaft fragen: Kommt dem fundamentalen Seinsmodus, den wir mit unserer Formel „Seiendes als Seiendes“ assoziieren, eine der beiden Waagschalen näher, gibt es eine Präferenz?

Und die gibt es nicht. Wasser als abstrakt vorgestellte Materie hat einen gefühlten Seinsmodus, der Wassertropfen oder ein Eiskristall aber nicht weniger. Wie Hartmann feststellt, ist unsere – von Sokrates übernommene Formel – universal.

Der Leser kann auch auf einem alternativen Weg zu diesem Punkt kommen. Wir sind auf der Suche nach dem universalen Seinsmodus. Anschaulich gesprochen suchen wir eine Art ontologisches Betriebssystem, das später die Spezialkategorien als Software abzuspielen vermag.

Nun kommt Hartmann zum Punkt. Bezüglich des Gegensatzes von essentia und existentia (Dasein und Sosein) besteht nicht die gleiche Indifferenz[2]. (Seite 81)

Man kann das zunächst als Ankündigung verstehen. In unserem Warenkorb liegt also nun eine Trinität:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}.

Die genaue Analyse erfolgt in den nachfolgenden Kapiteln. Aus Sicht der Quantenphysik ist es ein spannender Ansatz. Wir haben die möglichen Zustände Ψ eines Objektes als Wellenfunktion (Dasein) und die gemessenen Werte eines Operators X (kollabierte Wellenfunktion |Ψ| (Sosein).

„Alles Seiende hat notwendig ein Moment der Wesenheit und ein Moment der Existenz an sich.“ (Seite 83)

Dies steht im Widerspruch zur traditionellen Fassung der Begriffe. Betrachten wir den Satz: „Im Garten steht ein rotes Zelt.“

Traditionell würde man sagen: Das Zelt existiert. Nicht nur, dass man in den Garten gehen kann und sich das Zelt von allen Seiten ansehen und es berühren kann, es passt als Objekt zur Etymologie von existo („auslegen, aufstellen, herausstehen“). Die Farbe rot hingegen ist eine Wesenheit. Kommt diese nur dem platonischen Ideal der Farbe rot zu? Die Seitenfläche des Zelts ist ein Rechteck. Allerdings kein platonisch ideales Rechteck. Kommt dem Zelt keine Wesenheit zu?

Hartmann bemängelt, dass der Gegensatz von essentia und existentia dem Gegensatz von Idealität und Realität gleichgesetzt wurde. Es sind also zwei völlig verschiedene philosophische Diskurse, wenn wir diskutieren, ob das Zelt ideal oder real ist oder ob dem Zelt Wesenheit und Existenz zugesprochen wird.

Zumindest denkbar wäre, dass essentia und Idealität eine eigene, abgeschlossene Sphäre bilden. Hartmann lehnt das ab. Es gibt bei ihm keinen Chorismus und somit auch keine „Zwei-Welten-Theorie“.

Dasein und Sosein sind das „daß“ und „was“ des Seienden. (Seite 85)

Beim Dasein geht es um die Washeit (quidditas) des Seins. Damit endet das 11. Kapitel der Grundlegung.

Kapitel 17 – so und da sein

Wo stehen wir nun? Betrachten wir unseren aktuellen Warenkorb:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}

und formulieren mit anderen Begriffen um:

W*= {Sein, Subjektobjekt, Prädikat}.

Betrachten wir drei Aussagesätze:

A1. Elkana erkannte sein Weib Hanna.

A2. Die rote Linie im Wasserstoffspektrum hat eine Wellenlänge von 656,2793 nm.

A3. 0100011001011011101101000100100101001101011011011011101100111010101.

Zunächst noch eine Bemerkung zu W*. Wir kennen zu diesem Zeitpunkt noch keine Differenz von Subjekt und Objekt. Daher habe ich einfach den Begriff Subjektobjekt eingesetzt[3].

Was sagen uns nun die Sätze?

A1. Der daseiende Elkana hat sich im Rahmen seines Soseins mit Frau Hanna fortgepflanzt.

Dabei lesen wir diese Geschichte jenseits von Realismus und Idealismus. Dieser Elkana mag eine Figur aus dem Alten Testament sein. Ob es einen realen Elkana gab, ist unbekannt. Ob er aus der Sphäre des geistigen Seins heraus Gläubige inspiriert, entzieht sich ebenfalls unserer Kenntnis. Und doch ist es ein Satz zwischen Sachentität und Fiktion.

A2. Das daseiende Elektron des Wasserstoffatoms ist in seinem Sosein messbar.

Wichtig dabei: Das daseiende Elektron und das soseiende Elektron sind ein und dasselbe Elektron. Es gibt Beziehungen zwischen den Momenten des Daseins und des Soseins. Das ist keineswegs trivial. Die Kopenhagener Deutung verneint die Existenz jeglicher Beziehung zwischen den Objekten des quantentheoretischen Formalismus einerseits und der „realen Welt“ andererseits.

A3. ???

Dies soll nur den Sonderfall andeuten, dass die Welt eine Computersimulation oder Output einer Turing-Maschine ist. In diesem Fall gibt es eine recht überschaubare quidditas aus {0,1}, und die Ontologie der Welt am Draht mag auf einen Bierdeckel passen. Doch auch sie passt in unser Schema aus Dasein und Sosein.

Im 12. Kapitel behandelt Hartmann die Trennung von Dasein und Sosein. Das Sosein scheint ein Sein 2. Klasse zu sein, quasi eine Art Prädikat. Das Wort Prädikat leitet sich von prae-dicare („öffentlich ausrufen; laut sagen, aussagen; rühmen“) ab. Wir sehen am Zeitschriftenkiosk einen Bericht über den Urlaub einer Schlagersängerin in Südafrika. Alle erdenklichen Attribute ihres Lebens werden öffentlich ausgerufen. Und doch hat die daseiende Schlagersängerin gefühlt eine andere Seinsqualität. An ihr interessierte Personen geben sich nicht mit den öffentlichen Ausrufungen zufrieden. Sie besuchen Konzerte der Sängerin und möchten sie sehen und noch besser: berühren. Dann haben sie sie a posteriori erkannt.

Im 14. Kapitel wird der Unterschied zwischen Dasein und Sosein anhand von Urteilstypen besprochen.

Wir unterscheiden Daseinsurteile „S ist“ von Soseinsurteilen „S ist P“. Hartmann zeigt, wie wir ein Daseinsurteil in ein Soseinsurteil wandeln können. Dazu müssen wir nur das Daseinsurteil richtig ausschreiben: „S ist seiend“ oder „S ist existent“. Die Analyse zeigt, dass das Wörtchen „ist“ in beiden Urteilen verschiedene Funktionen hat:

„Das ‚ist‘ als Zeichen des Zukommens ist wesensverschieden vom ‚ist‘ als Existenzialprädikat.“

Wie kann man sich überhaupt ein einfaches Daseinsurteil wie etwa „Schopenhauer ist“ vorstellen? Einfaches Beispiel: Das Wort Schopenhauer taucht im Namensregister eines Buches auf. Dann steht da zunächst nur das Wort ohne jedes Prädikat. Implizit ist das Wort aber in einen Kontext eingebunden. Wir können folgern: Schopenhauer ist ein Nachname. Handelt es sich bei dem Buch um ein Philosophie-Lexikon, könnten wir vermuten: Schopenhauer ist ein Philosoph.

Ein wichtiger Meilenstein folgt im 17. Kapitel, dort wird der Begriff des ontisch neutralen Soseins eingeführt. Hartmann führt ein Beispiel auf:

„Am Rundsein einer Kugel macht es keinen Unterschied aus, ob es sich um eine geometrische Kugel oder eine materielle handelt“.

Das Sosein ist hier indifferent gegen die Sphären von Idealität und Realität. Das Rundsein hat demnach ein neutrales Sosein. Für imaginäre Zahlen gilt dies nicht, da diese sich nur auf die Sphäre der Idealität beziehen[4].

Das Dasein hingegen ist bezüglich der Sphären Idealität und Realität nicht neutral:

„Das Sosein verbindet die beiden Sphären des Seienden. Das Dasein scheidet sie.“ (Seite 112)

Wir haben hier 2 Dimensionen: Dasein und Sosein bilden die eine Achse, Idealität und Realität die andere. In einer Dimension beobachten wir eine UND-Verknüpfung (konjunktiv), in der anderen eine ODER-Verknüpfung (disjunktiv):

„Das Sein alles Seienden – einerlei ob ideal oder real – ist sowohl Sosein als auch Dasein; aber das Sein alles Seienden – einerlei ob Sosein oder Dasein – ist entweder ideales oder reales Sein.“ (Seite 113)

Damit haben eine wichtige Zwischenetappe erreicht, Hartmann spricht sogar vom „ontischen Grundschema im Aufbau der Welt“.

Wie haben also als Grundschema eine 2×2-Matrix mit den Elementen ideelles Sosein, ideelles Dasein (1. Reihe) und reales Sosein und reales Dasein (2. Reihe).

Es ist sehr interessant, die Quantenphysik in diesem Quadranten zu verorten. Die Mehrheit der Physiker hat einen pragmatischen Standpunkt und konzentriert sich auf den Messprozess. Damit wäre diese Fraktion beim realen Sosein zu verorten (unten rechts). Die Vertreter der Minderheit – etwa Roger Penrose – die auch der Schrödinger-Wellenfunktion ein Dasein zuschreiben wollen, wären dann beim ideellen Dasein (oben links) positioniert. Dieses sich diagonal Gegenüberstehen kennzeichnet den Stand der Debatte in der Philosophie der Quantenmechanik ganz gut.

Im 20. Kapitel wenden wir uns der Erkenntnistheorie zu. Für reales Dasein und Sosein stellt Hartmann fest:

  1. Dasein ist nur a posteriori erkennbar;
  2. a priori ist nur das Sosein erkennbar.

Die Grenze von Dasein und Sosein ist allerdings nicht identisch mit der Grenze von Erkenntnissen a priori oder a posteriori. So stellen zum Beispiel wahrgenommene Qualitäten von etwas ein Sosein a posteriori dar (etwa der Geruch einer Blüte).

Innerhalb der 2×2-Matrix stehen drei Blöcke der Erkenntnis a priori offen (mit Ausnahme des realen Daseins). Und nur im realen Sosein überlappen sich apriorische und aposteriorische Erkenntnis.

Damit ist es vollbracht. Hartmann hat die ontische Dimension (Dasein/Sosein) mit den Sphären von Idealität und Realität und den Erkenntnismodi a priori und a posteriori abgeglichen. Dieser Rahmen umspannt sowohl den mathematischen Platonismus als auch die empirischen Wissenschaften.

Ein entscheidender Schritt über die Grenzen der Kritik der reinen Vernunft hinaus ist geglückt.

Kapitel 18 – Manöverkritik

Und wo stehen wir nun? Wir halten mit der 2×2-Matrix unseren ontologischen Bierdeckel in der Hand. Jede weitere Überlegung hängt also von dieser Basis ab.

Gerade deshalb können und sollen wir Hartmann nicht blind folgen. Und durchaus gibt es Ansatzpunkte für Kritik. Dies betrifft die Sphären von Realität und Idealität. Diese werden nicht weiter hinterfragt, sondern uns als gegebene Begriffe vorgesetzt. Nun spielt sich die Mathematik in der Sphäre der Idealität ab. Handelt es sich um eine homogene Sphäre, oder gibt es dort eine versteckte Struktur? Eine Vielzahl von Bestandteilen bevölkert die Mathematik, etwa Operatoren, Axiome, Gleichungen, Zahlen, Vektoren etc. Und innerhalb der Welt der Zahlen gibt es offenbar Schichten (unter anderem rationale, irrationale und imaginäre Zahlen). Können wir also sicher sein, dass die Sphäre des Idealen homogen ist? Sind wir in unserem Verständnis der Differenz von Realität und Idealität hinreichend sicher? Offenbar liegt es uns, diesen Fragen im weiteren Verlauf nachzugehen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Kategorien und Begriffe, die Hartmann bis zu diesem Punkt behandelt hat (Materie, Form, Möglichkeit, etc.). Wurden dort nicht eigentlich (nur) die Schlachten und Dispute der antiken Ontologie neu aufgeführt? Kam denn in den letzten Jahrhunderten kein neuer Begriff hinzu? Das ist in der Tat der Fall. Dabei geht es um Begriffe und Strukturen, die zum Teil latent auch in der Antike bekannt waren, aber erst in unserer Zeit analytisch verstanden wurden. Vor allem wäre der Begriff der Isomorphie zu nennen. Bekanntlich hat Paul Finsler seine Mengenlehre auf diesem Prinzip aufgebaut. Die wissenschaftliche Lebensleistung eines Goethe hängt ebenfalls an diesem Begriff. Last but not least wäre zu bemerken, dass sich die moderne Physik im Wesentlichen auf Symmetrieprinzipien gründet.

Aus beiden Kritikpunkten folgt, dass unser ontologisches Verständnis vom Aufbau der Welt unvollständig sein könnte. Das klärt sich erst im Verlauf der Untersuchung. Womöglich können wir das Konzept der Isomorphie nahtlos aus den bestehenden Begriffen ableiten.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft Hartmanns Verhältnis zu Heidegger. Wie schon erwähnt, hat Hartmann das Konzept der Zuhandenheit ausdrücklich gelobt. Was in der Grundlegung komplett fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Zeit. Die Naturwissenschaften kennen das Konzept der Eigenzeit, das auch in den Neurowissenschaften zunehmend Anwendung findet. Das Phänomen der Zeitwahrnehmung gehört in den Fokus der Existenzialontologie. Allerdings wurde Sein und Zeit nicht vollendet und in den zu antizipierenden ungeschriebenen Kapiteln fände sich sicher eine Antwort. Heidegger hat zumindest in diesem Punkt den richtigen Fokus gesetzt (Zeit und Alltäglichkeit §§67-71).

Fußnoten

    1. Quelle: Langenscheidt Taschenwörterbuch Chinesisch 2008
    1. Die Waagschale richtet sich ja nach Perspektive auf Dasein oder Sosein aus – abhängig vom momentum.
    1. Dies mag auch ein kleiner Verweis auf den wunderbaren Ernst Bloch und sein Werk „Subjekt – Objekt“ sein.
  1. Diesen Befund lassen wir mal so stehen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass womöglich im Rahmen der Quantentheorie Observable definiert werden, die den imaginären Zahlen dann auch in der Sphäre der Realität einen Platz zuweisen.

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