Nicolai Hartmann und die Relativitätstheorie. Ein Einwurf.

War Nicolai Hartmann ein Gegner der Einstein’schen Relativitätstheorie? Ausgerechnet Hartmann, der die Astronomie so sehr liebte? Und was sagt das über Hartmanns Urteilskraft aus?

Ich bin durch Sekundärliteratur auf das Problem aufmerksam geworden. Das Buch „Nicolai Hartmann – erneut durchdacht“ von Frank-Peter Hansen erschien 2008 bei Königshausen & Neumann. Man spürt bei Hansen die authentische Begeisterung für Hartmann und auch ein wenig von der Verzweiflung, dass die Naturwissenschaft Hartmann kaum zur Kenntnis nimmt. Hansen ist Hegel-Experte und legt den Fokus auf erkenntnistheoretische Aspekte (siehe auch: Vom wissenschaftlichen Erkennen. Aristoteles – Hegel – N. Hartmann. Königshausen & Neumann 2005). Lesenswert ist auch die Darstellung der Beziehung von Ernst Cassirer und Albert Einstein (Seite 137ff.). Darüber hinaus wird ein Teil der bis 2007 erschienenen Sekundärliteratur besprochen.

Beginnen wir mit dem Stein des Anstoßes. Der deutsche Mathematiker Hermann Minkowski gilt als einer der Begründer der vierdimensionalen Raumzeit. Am 21. September 1908 hielt er seinen Vortrag „Raum und Zeit“ vor der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Bereits die Begrüßung beginnt mit einem Paukenschlag:

„Meine Herren! Die Anschauungen über Raum und Zeit, die ich Ihnen entwickeln möchte, sind auf experimentell-physikalischem Boden erwachsen. Darin liegt ihre Stärke. Ihre Tendenz ist eine radikale. Von Stund an sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Art Union der beiden soll Selbständigkeit bewahren.“[1]

Das ist in der Tat für einen Ontologen schwere Kost. Diesem Faustschlag folgt mit dem Schlusswort noch ein zweiter:

„Bei der Fortbildung der mathematischen Konsequenzen werden genug Hinweise auf experimentelle Verifikationen des Postulates sich einfinden, um auch denjenigen, denen ein Aufgeben altgewohnter Anschauungen unsympathisch oder schmerzlich ist, durch den Gedanken an eine prästabilisierte Harmonie zwischen der reinen Mathematik und der Physik auszusöhnen.“

Bekanntlich besteht Hartmanns ontologisches Hauptwerk aus vier Bänden. Die Grundlegung der Ontologie wurde bereits in Kritische Ontologie Teil I und II dargestellt. In Möglichkeit und Wirklichkeit beschäftigt sich Hartmann mit dem Wesen der Zeit und stellt deren Sonderstellung eindrücklich dar. Die Kritik an der Relativitätstheorie findet sich dezidiert im vierten Band Philosophie der Natur. Abriss der speziellen Kategorienlehre.[2] (PdN).

Dies sind Hartmanns Kernaussagen:

  1. Die Zeit ist das maßgebende Merkmal der Realität. (PdN Seite 142)
  2. Das Wesensstück der Realprozesse ist ihre Zeitlichkeit. (PdN Seite 164)
  3. Bei Minkowski verschwindet die Besonderheit der Zeitdimension. (PdN Seite 219)

Wer hat nun Recht? Hartmann oder Minkowski? Leider helfen uns Hansens Erörterungen hier nur bedingt weiter. Hansen zitiert Sekundärliteratur zur Physik und landet bei einer Besprechung des Zwillingsparadoxons.

Als Astrophysiker bin ich natürlich befangen. Von meiner Seite gibt es keine Kritik an der Speziellen oder Allgemeinen Relativitätstheorie. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Nicolai Hartmanns Ontologie für die Naturwissenschaft von grundlegender Bedeutung ist. Also: Hartmann hat Recht. Und: Minkowski hat Recht. Wie geht das zusammen?

Der geniale Mathematiker Hermann Minkowski war der Unfehlbarkeit nahe. In einer leicht humorvoll geprägten Stelle seiner Rede findet sich der Schlüssel zur Lösung unserer Aporie:

„Um nirgends eine gähnende Leere zu lassen, wollen wir uns vorstellen, daß aller Orten und zu jeder Zeit etwas Wahrnehmbares vorhanden ist. Um nicht Materie oder Elektrizität zu sagen, will ich für dieses Etwas das Wort Substanz brauchen.“

Und diese Substanz spielt im Fortgang der Theorie keine Rolle. Für Hartmann hingegen ist die Substanz bei der Betrachtung der realen Welt entscheidend. Minkowski geht es nicht um die reale Raumzeit. Er präsentiert uns ein mathematisches Konstrukt. Und dieses Konstrukt kann – bis in unsere Zeit – hervorragende Vorhersagen beobachtbarer Phänomene in der realen Raumzeit machen (man denke an Gravitationswellen oder an die 2019 entstandene Fotografie eines Schwarzen Lochs). Diesen Sachverhalt muss Minkowski mit der „prästabilisierten Harmonie“ (s.o.) gemeint haben.

Die Quantenphysik ist die Physik der Substanz (Elementarteilchen und Felder). In der Quantenphysik hat die Zeit die von Hartmann erwünschte Sonderrolle: Es gibt eine Unterscheidung von Vergangenheit und Zukunft. Der Experimentalphysiker unterscheidet den Zustand vor der Messung und den Zustand danach. Der Theoretiker unterscheidet die Zeit vor dem Kollaps der Quantenfunktion und die Zeit danach. Die Quantenphysik verbindet die Sphäre des Idealen mit der Sphäre des Realen.

Und was ist mit Raum und Zeit? Wir alle waren einst Kants Schüler[3] und haben die transzendentale Ästhetik verinnerlicht: Raum und Zeit als reine Formen der Anschauung. Wir werden diese Haltung verlassen, jedoch bietet sie den richtigen Startpunkt. Wir ordnen Raum und Zeit (genauer: die Raumzeit) der Sphäre des idealen Seins zu.

Das ist einfach zu realisieren. Die Mathematik ist der Hauptmieter dieser Sphäre. Und das mathematische Objekt, das Minkowski nutzt, ist ein Vektorraum. Dieses mathematische Objekt baut sich sukzessive aus einfacheren (und bekannteren) mathematischen Objekten auf:

{ { {Menge} Gruppe } Vektorraum}[4]

Also: Ein Vektorraum baut auf eine Gruppe auf (in unserem Fall auf einer abelschen Gruppe), die ihrerseits auf einer Menge aufbaut. Dies alles ist der Ontologie zugänglich, doch lediglich in der Mengenlehre finden sich mehrere ontologisch relevante Ansätze (u.a. Finslers Mengenlehre).

Nun wird es interessant. Natürlich sollte sich auch die Mathematik der Quantenphysik in der Sphäre der idealen Welt finden. Das mathematische Konstrukt hier ist der Dualraum. Dabei handelt es sich um eine Abbildung zwischen zwei Vektorräumen. Und damit haben wir den Kern: Die Quantenphysik beschreibt Prozesse (man denke an den nuklearen Zerfallsprozess). Sie macht reichlich Gebrauch von Hartmanns Modi Möglichkeit und Wirklichkeit.

In einem Satz: Innerhalb der idealen Raumzeit beschreibt die Quantenphysik reale Prozesse.

Dies ist allerdings nur eine Momentaufnahme, solange Relativitätstheorie und Quantenphysik nicht vereinigt sind. Wir sollten uns an Hartmanns Programm halten und im im ersten Schritt die Ontologie der Sphäre des idealen Seins vollenden.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen der Relativitätstheorie und Hartmanns Ontologie.

Nachbemerkung

Ich würde Hartmanns Werk gerne in die eigentliche Ontologie und in Anwendungen der Ontologie einteilen.

Ontologie: Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und Wirklichkeit

Anwendung: Der Aufbau der realen Welt, Philosophie der Natur.

In der Sekundärliteratur (auch bei Hansen) wird vorwiegend aus dem Anwendungsbereich zitiert. Besonders wenig Zitate finden sich zu Möglichkeit und Wirklichkeit, also ausgerechnet dem Werk, das für die Ontologie der Quantenphysik eine Schlüsselstellung hat.

Das ist befremdlich. Was würden wir davon halten, wenn ein Philosoph, der sich nur auf Kants Kritik der Urteilskraft fixiert hat – das Buch ist angenehm zu lesen – uns über Kants Erkenntnistheorie belehren wollte? Der junge Arthur Schopenhauer würde sich mit Sicherheit auf die Ontologie konzentrieren – und sich darüber freuen, dass Hartmann Schopenhauers Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde wohlwollend bespricht.

Das Schicksal des späten Hartmann war es wohl, dass nie ein ernsthafter Diskurs mit Naturwissenschaftlern zustande kam. Unerledigte Hausaufgaben auf beiden Seiten.

Fußnoten

    1. Quelle: Das Relativitätsprinzip. Achte Auflage 1982, B.G. Teubner Stuttgart. Seite 54
    1. Hansen zitiert aus der 2. Auflage, New York 1980. Wir übernehmen seine Seitenangaben.
    1. Minkowski besuchte übrigens ab 1872 das Altstädtische Gymnasium Königsberg.
  1. Der Einfachheit halber habe ich hier Ringe und Körper ausgelassen.

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