Monatsarchiv: Juli 2019

In eigener Sache. Oder: Über das Ende von Twitter

Seit wenigen Tagen habe ich meinen Account @neurosophie deaktiviert. Sehr viele User teilen den Eindruck, dass sich Twitter verändert hat. Leider ist es eine Veränderung in eine falsche Richtung.

Ich nehme dies zum Anlass für einen persönlichen Rückblick und eine allgemeine Betrachtung.

  1. Ursprung

Im März 2009 tauchte ich erstmals in den Twittercharts auf (gruenderszene.de). Twitter war damals noch ein Experimentallabor. Es gab fachlichen Austausch, aber auch Freundschaften. Geplaudert wurde bis in die Nacht, irgendwas zwischen Unfug und Wahnsinn. Nach einigen Monaten spürten wir allerdings auch so etwas wie eine emotionale Erschöpfung. Eine schöne Erschöpfung.

2. Evolution

Zwei Jahre später hatte ich beruflich mit dem Thema Neuromarketing zu tun. Da in diesem Bereich meiner Meinung nach viel Unfug veröffentlicht wurde, startete ich ein Blog mit wissenschaftlichem Anspruch. Spannend war die Verknüpfung zwischen Neurowissenschaften und Gesellschaftswissenschaften. Begleitet wurde das Blog vom neuen Twitter-Account @neurosociology.

3. Interaktion

Innerhalb des WordPress-Universums wurde ich auf #differentia aufmerksam. Die Originalität und Tiefe der Gedanken dort hat mich gefesselt.

4. Vollendung

Aus den Diskussionen auf #differentia entstand das Bedürfnis, für die Interaktion von Neurowissenschaften und Philosophie einen eigenen (eher privaten) Blog aufzusetzen. Dies war die Geburtsstunde von @neurosophie.

Die Jahre ab 2012 waren die besten. Es kam um fachlichen Austausch – die Funktion #followerpower machte ihrem Namen alle Ehre. Es entstanden Freundschaften und man begegnete sich auf Twitter-Treffen.

5. Beyond Ironie

Die Sprache und Interaktion wurden dabei immer diffiziler. Von der Ironie entwickelte es sich zur Postironie bis hin zu etwas, das sich nur schwer sprachlich fixieren lässt. Für Außenstehende sind die Codes, die sich im Laufe der Jahre bildeten, nicht immer nachvollziehbar.

6. Das persönliche Band

Im Jahr 2014 starben mein älterer Bruder und kurze Zeit später mein Doktorvater. Es wurde nun häufiger persönlich und auch emotional getwittert. Es gab so etwas wie echte Teilnahme zwischen Unbekannten. Aus dem langjährigen Austausch der Tweets entstand ein persönliches Band. Einer meiner Tweets damals: „Twitter ist Familie.“

7. Niedergang

Ich führe hier drei Begebenheiten auf.

a) Ich schreibe einen Tweet über meinen Doktorvater. Ein Reply lautet: „Nur ein toter Doktorvater…“

b) Jemand adressiert an mich ein Vexierzitat, das nach für Außenstehende wie eine Beleidigung aussieht. Es kommt zu einer Empörungswelle.

c) Jemand postet auf facebook, dass einzelne seiner Freunde mit der AfD sympathisieren, dass die Freundschaft aber höher zu bewerten ist als die politische Ansicht. Ein Screenshot dieses Postings taucht auf Twitter auf und wird zu einem Klarnamenpranger mit Ewigkeitsgedächtnis.

8. Beleidigungen

Arthur Schopenhauer hat das Wesen einer Beleidigung gut erfasst. Jemanden beleidigen heißt nämlich lediglich: Jemanden in der hohen Meinung, die er von sich hat, irre machen.

In diesem Sinne war der Fall a) für mich eine echte Beleidigung, die mich verletzt hat. Nur hat das niemand wahrgenommen. Der Fall b) war mit gleichgültig. Den Fall c) finde ich empörend.

9. Erklärungsversuche

Wie unterscheidet sich nun Twitter in der Zeitphase zwischen 2012 und 2017 und er Zeitphase seit 2017? Diese besondere Kommunikationsform zwischen fachlichem Austausch, Humor und persönlichen Band setzt voraus, dass die Gruppe Codes teilen und stabil halten kann. Man betrachte in der Physik ein Gasgemisch im Übergang von flüssig zu gasförmig: ein schmaler Phasenübergang, der von äußeren Parametern (Druck, Temperatur und Volumen) abhängt. Die Parameter passen offenbar nicht mehr.

Die Sozialwissenschaften kennen Modelle, wie aus Überbevölkerung Kriege entstehen (siehe etwa: „Der Krieg als autopoietisches System“ von Krzysztof C. Matuszek).

10. Aufwand

Wenn man 2265 Follower hat, kann man nicht jeden Tweet persönlich per Direktnachricht erklären. Woher kommt nur diese Erwartungshaltung? Wir machen das ehrenamtlich und privat. Warum macht sich der Interessent dann nicht die Mühe, ein paar Tweets zurückzublättern. Viele Fragen klären sich im Kontext – oder noch besser: In einem meiner Blogartikel. Dort hat die Kommentarfunktion ihren originären Platz.

11. Sex

Vielleicht hätte man niemals Fotos per Direktnachricht zulassen sollen. Jemand aus meiner Bubble riskiert seine Ehe. Und ich bin natürlich auch kein neutraler buddhistischer Stein.

12. Fehler

Tatsächlich habe ich wohl in den letzten Monaten – wenn auch vereinzelt – jemanden beleidigt (im Sinne von Schopenhauer). Eine zunächst fachliche Diskussion hat sich erhitzt und dann wurde es emotional. Das war vor Jahren nicht so passiert.

Und bei 40 Grad Bier trinken und Twittern ist wahrlich keine intellektuelle Glanzleistung.

Sollte ich jemanden beleidigt haben oder zu Nahe getreten sein, dann entschuldige ich mich dafür.

13. Die ewige Wiederkehr

Nach über 10 Jahren Twitter gibt es nicht mehr viel Neues. Seit zwei Jahren retweete ich alte Tweets aus dem Archiv. Das ist im Endeffekt weder für mich noch für die Follower interessant.

14. Zukunft

Leider sind die Veränderungen auf Twitter nur ein Symptom für gesellschaftliche Veränderungen. Ich bin und bleibe Optimist. Es werden neue soziale Netzwerke mit anderen Funktionen entstehen. Ich bin selbst in ein Projekt eingebunden, bei dem es um ein soziales Netzwerk auf Basis der Blockchain-Technologie geht. Was die Zukunft von Twitter anbelangt, bin ich weniger optimistisch.

Was folgt nun aus diesen Gedanken? Nun, noch habe ich 27 Tage Zeit, @neurosophie zu reaktivieren. Ich habe aber eher das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen ist, nun ein neues Kapitel aufzuschlagen. Meine Blogs werden weiter genutzt, es stehen ja noch Postings u.a. zu Parmenides und Foucault aus.

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Radikale Historisierung der Sexualität

Was ist radikale Historisierung? Ein Begriff sollte hinreichend erklärt sein, wenn es ein suhrkamp taschenbuch wissenschaft gibt, das seinen Namen trägt (Olaf Breidbach: Radikale Historisierung. Kulturelle Selbstversicherung im Postdarwinismus. stw 1991, 2011. Kurz: RH).

Die radikale Historisierung greift verschiedene philosophische Traditionen auf, zentral ist allerdings das historisch-archäologische Denken des Michel Foucault. „Michel Foucaults Idee zufolge sind wir mit unseren Meinungen und Auffassungen immer nur als Momente im Strom eines Kulturgefüges eingebunden, das nicht wir strukturieren, sondern das uns bestimmt. Schließlich denken wir nur in der Weise, die die Begriffe, Zuordnungen und Logiken der uns tragenden Sprache zulassen.“ (RH Seite 48).

Die Anwendung dieses Denkens auf den Kosmos der Sexualität bei Foucault hat momentan Konjunktur. Die posthume Publikation des vierten Bandes von Sexualität und Wahrheit („Die Geständnisse des Fleisches“) und eine Sonderausgabe des philosophie Magazins sind Indizien für die Aktualität seines Denkens.

Folgen wir Foucault, denn gehören die Begriffe Sexualität und Geschlecht in ein Abklingbecken, um sich ihrer kontingenten Hülle zu entkleiden. Fakt ist das Fleisch.

Doch so einfach geht das nicht. „Sexualität“ und „Geschlecht“ sind in einen Nexus eingebunden, man möge sich diesen wahlweise als Rhizom, als neuronales Netzwerk oder als komplexe semantische Ontologie vorstellen. Wir können keine Begriffe als Solitär zum Verhör bitten.

Als Foucault am 25. Juni 1984 in Paris starb, war François Mitterrand Frankreichs Staatspräsident und Ronald Reagan Präsident der USA. Die Erde hat sich seitdem weitergedreht. Eine neue kontingente Häutung der Welt ist eingetreten, liberal-intellektuelle Werte verschwinden wie ein Gesicht im Sand am Meeresufer.

Kurz: Die radikale Historisierung der Sexualität erfordert neue Methoden. Wenn wir für Foucault denken wollen, dann dürfen wir nicht mit Foucault denken.

Hier können wir nun an Breidbach anschließen. Sein Ansatz besteht darin, für die radikale Historisierung Ansätze aus der Systemtheorie (selbstreferentielle Systeme) und den Neurowissenschaften (interne Repräsentation) zu nutzen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren war ich selbst in diese wissenschaftlichen Arbeiten eingebunden. Allerdings wurde dieser Ansatz noch nie auf den Kosmos der Sexualität angewandt. Die Zeit ist nun da.

Wir gehen noch kurz auf zwei zentrale Aussagen zur radikalen Historisierung ein.

„Die radikale Historisierung entzieht … nicht den Boden für eine Positionierung, sondern gibt die Bewegung an, aus der heraus eine Positionierung in einem dynamischen Gefüge überhaupt erst schlüssig erfolgen kann.“ (RH Seite 253).

Das ist zentral. Unsere Analyse darf nicht in einem fatalen „alles ist relativ“ enden. Übrigens war das zentrale Entstehungsmoment der speziellen Relativitätstheorie die Beobachtung, dass die Lichtgeschwindigkeit eine Konstante ist. Analog sollten wir unseren Blick wach halten für die Suche nach anthropologischen Konstanten.

„Eine Theorie, die derart, in der Bescheidung auf relative Bestimmtheit, das andere als anderes zulässt, setzt Maßstäbe und damit sich selbst in Geltung.“ (RH Seite 261).

Damit ist klar: die radikale Historisierung der Sexualität ist ein iterativer Prozess. Wir bewegen uns dabei nicht im luftleeren Raum. Wir können durchaus mit einer konkreten Positionierung starten, sollten diese aber stets als dynamisches Momentum betrachten.

Kritisch ist bereits die Auswahl der ersten Begriffe für den Startpunkt. Ich möchte die semantisch überfrachteten Begriffe „Diskurs“ und „Narrativ“ vermeiden. Ich bevorzuge den Begriff des Gefüges.

Nun liegen „Sexualität“ und „Geschlecht“ im Abklingbecken. Hier bevorzuge ich den Begriff der Intimität. Nutzen wir nun eine Deutung im Sinne Foucaults, dann kommen wir zum ersten Startpunkt.

These 1: Das Gefüge verdeckt den Blick auf die Intimität.

Was soll das nun heißen? Müssen wir ausgerechnet einen Startpunkt wählen, der nach sonntäglicher Kontemplation klingt?

Nun ist dieser Tage ein tatsächlich neues Verständnis von Leib und Zärtlichkeit publiziert worden (Gernot Böhme: Leib – Die Natur, die wir selbst sind, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2270). Die offenbar aus dem Erfahrungskontext der Intimität älterer Menschen gewonnene Sicht gibt auch dem Miteinander von Frau und Frau bzw. Mann und Mann eine natürliche Basis.

Der Leib bei Böhme ist in der Tat ein Novum, da wir – ganz im Sinne Foucaults – nur kalte Nutzungs- und Optimierungsnarrative von Sexualität verinnerlicht haben.

Damit ist eine weitere Etappe unseres Weges vorgezeichnet: Nun gilt es herauszufinden, welche Schnittmengen das, was Foucault Fleisch nennt und das, was Böhme Leib nennt, haben.

Implikationen für den feministischen Diskurs

Eine systemtheoretische Betrachtung der Sexualität nutzt Begriffe und Herangehensweisen aus der Mathematik. Diese haben den Vorteil, zunächst „neutral“ zu sein, andererseits aber wichtige Momente einer Struktur zu benennen.

Der feministische Diskurs ist stark durch Abgrenzung gekennzeichnet. Ganz im Sinne Spinozas (omnis determinatio est negatio) stehen die Negation des Patriarchats und die Negation einer Phallus-zentrierten Sexualität im Fokus. Dies hat durchaus seine Berechtigung. Wenn wir eine homoerotische Beziehung als selbstreferentielle Abbildung betrachten, dann geht es aber in der Abbildung auf sich selbst um die eigenen Konstanten und nicht um die Abgrenzung gegen ein X. Die Mathematik kennt hier den Begriff des Eigenwerts.

These 2: Das Gefüge verdeckt den Blick auf den Eigenwert homoerotischer Beziehungen.

Und schon sieht es so aus, als seien wir mitten im Geschäft.

Dabei haben wir die mächtigsten Werkzeuge noch nicht in die Hand genommen. Dazu gehört für mich die Ontologie eines Nicolai Hartmann. Während Foucault in der Sphäre des realen Seins verweilt, sollten wir die Sphäre des idealen Seins nicht aus den Augen verlieren.

Ich verdeutliche dies mit einer Kritik an Foucault. „Die Geständnisse des Fleisches“ haben als zentralen Inhalt den Begriff der Libido bei Augustinus. Foucault nimmt hier eine archäologische Ausgrabung vor und macht sichtbar, welche Diskursfäden sich von hier aus spannen. Das ist relevant und verblüffend aktuell – wenn etwa einer der Fäden zur aktuellen Vorsitzenden der CDU führt.

Nun die Kritik. Foucault verhält sich wie eine Evolutionsforscher, der komplett nur auf die Linie fokussiert, die zum homo sapiens führte. Das männliche Narrativ eines Augustinus war eine Realisationsform. Ständig waren alternative Erzählungen gegenwärtig, die allerdings entweder unterdrückt wurden oder keine Genesebedingungen vorfanden. Was ist mit den kabbalistischen Traditionen? Der Theosoph Jakob Böhme hat mit seiner Christosophia die Geschichte von Mann und Frau neu geschrieben. So könnte es also sein, dass die „ausgestorbenen Arten“ mehr über unsere Zukunft verraten als die bisherige Hauptlinie.

Wir sollten also vermeiden, der historischen Realität einen Status zuzuweisen, der ihr ontologisch nicht zukommt.

Dies sind nun also die ersten Bausteine für eine radikale Historisierung der Sexualität. Das Attribut „radikal“ ist übrigens ähnlich zu deuten wie das „radikal“ im radikalen Konstruktivismus. Positive Geisteshaltung ist der Glaube, dass ein Novum der Sexualität möglich ist.

Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns mit den Neurowissenschaften und Judith Butler.

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