Radikale Historisierung der Sexualität

Was ist radikale Historisierung? Ein Begriff sollte hinreichend erklärt sein, wenn es ein suhrkamp taschenbuch wissenschaft gibt, das seinen Namen trägt (Olaf Breidbach: Radikale Historisierung. Kulturelle Selbstversicherung im Postdarwinismus. stw 1991, 2011. Kurz: RH).

Die radikale Historisierung greift verschiedene philosophische Traditionen auf, zentral ist allerdings das historisch-archäologische Denken des Michel Foucault. „Michel Foucaults Idee zufolge sind wir mit unseren Meinungen und Auffassungen immer nur als Momente im Strom eines Kulturgefüges eingebunden, das nicht wir strukturieren, sondern das uns bestimmt. Schließlich denken wir nur in der Weise, die die Begriffe, Zuordnungen und Logiken der uns tragenden Sprache zulassen.“ (RH Seite 48).

Die Anwendung dieses Denkens auf den Kosmos der Sexualität bei Foucault hat momentan Konjunktur. Die posthume Publikation des vierten Bandes von Sexualität und Wahrheit („Die Geständnisse des Fleisches“) und eine Sonderausgabe des philosophie Magazins sind Indizien für die Aktualität seines Denkens.

Folgen wir Foucault, denn gehören die Begriffe Sexualität und Geschlecht in ein Abklingbecken, um sich ihrer kontingenten Hülle zu entkleiden. Fakt ist das Fleisch.

Doch so einfach geht das nicht. „Sexualität“ und „Geschlecht“ sind in einen Nexus eingebunden, man möge sich diesen wahlweise als Rhizom, als neuronales Netzwerk oder als komplexe semantische Ontologie vorstellen. Wir können keine Begriffe als Solitär zum Verhör bitten.

Als Foucault am 25. Juni 1984 in Paris starb, war François Mitterrand Frankreichs Staatspräsident und Ronald Reagan Präsident der USA. Die Erde hat sich seitdem weitergedreht. Eine neue kontingente Häutung der Welt ist eingetreten, liberal-intellektuelle Werte verschwinden wie ein Gesicht im Sand am Meeresufer.

Kurz: Die radikale Historisierung der Sexualität erfordert neue Methoden. Wenn wir für Foucault denken wollen, dann dürfen wir nicht mit Foucault denken.

Hier können wir nun an Breidbach anschließen. Sein Ansatz besteht darin, für die radikale Historisierung Ansätze aus der Systemtheorie (selbstreferentielle Systeme) und den Neurowissenschaften (interne Repräsentation) zu nutzen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren war ich selbst in diese wissenschaftlichen Arbeiten eingebunden. Allerdings wurde dieser Ansatz noch nie auf den Kosmos der Sexualität angewandt. Die Zeit ist nun da.

Wir gehen noch kurz auf zwei zentrale Aussagen zur radikalen Historisierung ein.

„Die radikale Historisierung entzieht … nicht den Boden für eine Positionierung, sondern gibt die Bewegung an, aus der heraus eine Positionierung in einem dynamischen Gefüge überhaupt erst schlüssig erfolgen kann.“ (RH Seite 253).

Das ist zentral. Unsere Analyse darf nicht in einem fatalen „alles ist relativ“ enden. Übrigens war das zentrale Entstehungsmoment der speziellen Relativitätstheorie die Beobachtung, dass die Lichtgeschwindigkeit eine Konstante ist. Analog sollten wir unseren Blick wach halten für die Suche nach anthropologischen Konstanten.

„Eine Theorie, die derart, in der Bescheidung auf relative Bestimmtheit, das andere als anderes zulässt, setzt Maßstäbe und damit sich selbst in Geltung.“ (RH Seite 261).

Damit ist klar: die radikale Historisierung der Sexualität ist ein iterativer Prozess. Wir bewegen uns dabei nicht im luftleeren Raum. Wir können durchaus mit einer konkreten Positionierung starten, sollten diese aber stets als dynamisches Momentum betrachten.

Kritisch ist bereits die Auswahl der ersten Begriffe für den Startpunkt. Ich möchte die semantisch überfrachteten Begriffe „Diskurs“ und „Narrativ“ vermeiden. Ich bevorzuge den Begriff des Gefüges.

Nun liegen „Sexualität“ und „Geschlecht“ im Abklingbecken. Hier bevorzuge ich den Begriff der Intimität. Nutzen wir nun eine Deutung im Sinne Foucaults, dann kommen wir zum ersten Startpunkt.

These 1: Das Gefüge verdeckt den Blick auf die Intimität.

Was soll das nun heißen? Müssen wir ausgerechnet einen Startpunkt wählen, der nach sonntäglicher Kontemplation klingt?

Nun ist dieser Tage ein tatsächlich neues Verständnis von Leib und Zärtlichkeit publiziert worden (Gernot Böhme: Leib – Die Natur, die wir selbst sind, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2270). Die offenbar aus dem Erfahrungskontext der Intimität älterer Menschen gewonnene Sicht gibt auch dem Miteinander von Frau und Frau bzw. Mann und Mann eine natürliche Basis.

Der Leib bei Böhme ist in der Tat ein Novum, da wir – ganz im Sinne Foucaults – nur kalte Nutzungs- und Optimierungsnarrative von Sexualität verinnerlicht haben.

Damit ist eine weitere Etappe unseres Weges vorgezeichnet: Nun gilt es herauszufinden, welche Schnittmengen das, was Foucault Fleisch nennt und das, was Böhme Leib nennt, haben.

Implikationen für den feministischen Diskurs

Eine systemtheoretische Betrachtung der Sexualität nutzt Begriffe und Herangehensweisen aus der Mathematik. Diese haben den Vorteil, zunächst „neutral“ zu sein, andererseits aber wichtige Momente einer Struktur zu benennen.

Der feministische Diskurs ist stark durch Abgrenzung gekennzeichnet. Ganz im Sinne Spinozas (omnis determinatio est negatio) stehen die Negation des Patriarchats und die Negation einer Phallus-zentrierten Sexualität im Fokus. Dies hat durchaus seine Berechtigung. Wenn wir eine homoerotische Beziehung als selbstreferentielle Abbildung betrachten, dann geht es aber in der Abbildung auf sich selbst um die eigenen Konstanten und nicht um die Abgrenzung gegen ein X. Die Mathematik kennt hier den Begriff des Eigenwerts.

These 2: Das Gefüge verdeckt den Blick auf den Eigenwert homoerotischer Beziehungen.

Und schon sieht es so aus, als seien wir mitten im Geschäft.

Dabei haben wir die mächtigsten Werkzeuge noch nicht in die Hand genommen. Dazu gehört für mich die Ontologie eines Nicolai Hartmann. Während Foucault in der Sphäre des realen Seins verweilt, sollten wir die Sphäre des idealen Seins nicht aus den Augen verlieren.

Ich verdeutliche dies mit einer Kritik an Foucault. „Die Geständnisse des Fleisches“ haben als zentralen Inhalt den Begriff der Libido bei Augustinus. Foucault nimmt hier eine archäologische Ausgrabung vor und macht sichtbar, welche Diskursfäden sich von hier aus spannen. Das ist relevant und verblüffend aktuell – wenn etwa einer der Fäden zur aktuellen Vorsitzenden der CDU führt.

Nun die Kritik. Foucault verhält sich wie eine Evolutionsforscher, der komplett nur auf die Linie fokussiert, die zum homo sapiens führte. Das männliche Narrativ eines Augustinus war eine Realisationsform. Ständig waren alternative Erzählungen gegenwärtig, die allerdings entweder unterdrückt wurden oder keine Genesebedingungen vorfanden. Was ist mit den kabbalistischen Traditionen? Der Theosoph Jakob Böhme hat mit seiner Christosophia die Geschichte von Mann und Frau neu geschrieben. So könnte es also sein, dass die „ausgestorbenen Arten“ mehr über unsere Zukunft verraten als die bisherige Hauptlinie.

Wir sollten also vermeiden, der historischen Realität einen Status zuzuweisen, der ihr ontologisch nicht zukommt.

Dies sind nun also die ersten Bausteine für eine radikale Historisierung der Sexualität. Das Attribut „radikal“ ist übrigens ähnlich zu deuten wie das „radikal“ im radikalen Konstruktivismus. Positive Geisteshaltung ist der Glaube, dass ein Novum der Sexualität möglich ist.

Im nächsten Kapitel beschäftigen wir uns mit den Neurowissenschaften und Judith Butler.

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