In eigener Sache. Oder: Über das Ende von Twitter

Seit wenigen Tagen habe ich meinen Account @neurosophie deaktiviert. Sehr viele User teilen den Eindruck, dass sich Twitter verändert hat. Leider ist es eine Veränderung in eine falsche Richtung.

Ich nehme dies zum Anlass für einen persönlichen Rückblick und eine allgemeine Betrachtung.

  1. Ursprung

Im März 2009 tauchte ich erstmals in den Twittercharts auf (gruenderszene.de). Twitter war damals noch ein Experimentallabor. Es gab fachlichen Austausch, aber auch Freundschaften. Geplaudert wurde bis in die Nacht, irgendwas zwischen Unfug und Wahnsinn. Nach einigen Monaten spürten wir allerdings auch so etwas wie eine emotionale Erschöpfung. Eine schöne Erschöpfung.

2. Evolution

Zwei Jahre später hatte ich beruflich mit dem Thema Neuromarketing zu tun. Da in diesem Bereich meiner Meinung nach viel Unfug veröffentlicht wurde, startete ich ein Blog mit wissenschaftlichem Anspruch. Spannend war die Verknüpfung zwischen Neurowissenschaften und Gesellschaftswissenschaften. Begleitet wurde das Blog vom neuen Twitter-Account @neurosociology.

3. Interaktion

Innerhalb des WordPress-Universums wurde ich auf #differentia aufmerksam. Die Originalität und Tiefe der Gedanken dort hat mich gefesselt.

4. Vollendung

Aus den Diskussionen auf #differentia entstand das Bedürfnis, für die Interaktion von Neurowissenschaften und Philosophie einen eigenen (eher privaten) Blog aufzusetzen. Dies war die Geburtsstunde von @neurosophie.

Die Jahre ab 2012 waren die besten. Es kam um fachlichen Austausch – die Funktion #followerpower machte ihrem Namen alle Ehre. Es entstanden Freundschaften und man begegnete sich auf Twitter-Treffen.

5. Beyond Ironie

Die Sprache und Interaktion wurden dabei immer diffiziler. Von der Ironie entwickelte es sich zur Postironie bis hin zu etwas, das sich nur schwer sprachlich fixieren lässt. Für Außenstehende sind die Codes, die sich im Laufe der Jahre bildeten, nicht immer nachvollziehbar.

6. Das persönliche Band

Im Jahr 2014 starben mein älterer Bruder und kurze Zeit später mein Doktorvater. Es wurde nun häufiger persönlich und auch emotional getwittert. Es gab so etwas wie echte Teilnahme zwischen Unbekannten. Aus dem langjährigen Austausch der Tweets entstand ein persönliches Band. Einer meiner Tweets damals: „Twitter ist Familie.“

7. Niedergang

Ich führe hier drei Begebenheiten auf.

a) Ich schreibe einen Tweet über meinen Doktorvater. Ein Reply lautet: „Nur ein toter Doktorvater…“

b) Jemand adressiert an mich ein Vexierzitat, das nach für Außenstehende wie eine Beleidigung aussieht. Es kommt zu einer Empörungswelle.

c) Jemand postet auf facebook, dass einzelne seiner Freunde mit der AfD sympathisieren, dass die Freundschaft aber höher zu bewerten ist als die politische Ansicht. Ein Screenshot dieses Postings taucht auf Twitter auf und wird zu einem Klarnamenpranger mit Ewigkeitsgedächtnis.

8. Beleidigungen

Arthur Schopenhauer hat das Wesen einer Beleidigung gut erfasst. Jemanden beleidigen heißt nämlich lediglich: Jemanden in der hohen Meinung, die er von sich hat, irre machen.

In diesem Sinne war der Fall a) für mich eine echte Beleidigung, die mich verletzt hat. Nur hat das niemand wahrgenommen. Der Fall b) war mit gleichgültig. Den Fall c) finde ich empörend.

9. Erklärungsversuche

Wie unterscheidet sich nun Twitter in der Zeitphase zwischen 2012 und 2017 und er Zeitphase seit 2017? Diese besondere Kommunikationsform zwischen fachlichem Austausch, Humor und persönlichen Band setzt voraus, dass die Gruppe Codes teilen und stabil halten kann. Man betrachte in der Physik ein Gasgemisch im Übergang von flüssig zu gasförmig: ein schmaler Phasenübergang, der von äußeren Parametern (Druck, Temperatur und Volumen) abhängt. Die Parameter passen offenbar nicht mehr.

Die Sozialwissenschaften kennen Modelle, wie aus Überbevölkerung Kriege entstehen (siehe etwa: „Der Krieg als autopoietisches System“ von Krzysztof C. Matuszek).

10. Aufwand

Wenn man 2265 Follower hat, kann man nicht jeden Tweet persönlich per Direktnachricht erklären. Woher kommt nur diese Erwartungshaltung? Wir machen das ehrenamtlich und privat. Warum macht sich der Interessent dann nicht die Mühe, ein paar Tweets zurückzublättern. Viele Fragen klären sich im Kontext – oder noch besser: In einem meiner Blogartikel. Dort hat die Kommentarfunktion ihren originären Platz.

11. Sex

Vielleicht hätte man niemals Fotos per Direktnachricht zulassen sollen. Jemand aus meiner Bubble riskiert seine Ehe. Und ich bin natürlich auch kein neutraler buddhistischer Stein.

12. Fehler

Tatsächlich habe ich wohl in den letzten Monaten – wenn auch vereinzelt – jemanden beleidigt (im Sinne von Schopenhauer). Eine zunächst fachliche Diskussion hat sich erhitzt und dann wurde es emotional. Das war vor Jahren nicht so passiert.

Und bei 40 Grad Bier trinken und Twittern ist wahrlich keine intellektuelle Glanzleistung.

Sollte ich jemanden beleidigt haben oder zu Nahe getreten sein, dann entschuldige ich mich dafür.

13. Die ewige Wiederkehr

Nach über 10 Jahren Twitter gibt es nicht mehr viel Neues. Seit zwei Jahren retweete ich alte Tweets aus dem Archiv. Das ist im Endeffekt weder für mich noch für die Follower interessant.

14. Zukunft

Leider sind die Veränderungen auf Twitter nur ein Symptom für gesellschaftliche Veränderungen. Ich bin und bleibe Optimist. Es werden neue soziale Netzwerke mit anderen Funktionen entstehen. Ich bin selbst in ein Projekt eingebunden, bei dem es um ein soziales Netzwerk auf Basis der Blockchain-Technologie geht. Was die Zukunft von Twitter anbelangt, bin ich weniger optimistisch.

Was folgt nun aus diesen Gedanken? Nun, noch habe ich 27 Tage Zeit, @neurosophie zu reaktivieren. Ich habe aber eher das Gefühl, dass der Zeitpunkt gekommen ist, nun ein neues Kapitel aufzuschlagen. Meine Blogs werden weiter genutzt, es stehen ja noch Postings u.a. zu Parmenides und Foucault aus.

5 Kommentare

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5 Antworten zu “In eigener Sache. Oder: Über das Ende von Twitter

  1. Es tut mir leid zu hören, dass dich der Kommentar zu deinem verstorbenen Doktorvater getroffen hat. Der Rest auch. Gute Reise dir. Peter M.

  2. Nur ganz kurz: Wie du das Phänomen der durch Twitter entstehende Nähe zu Fremden beschreibst, das finde ich klarsichtig und berührend. Das mag die gefährliche Macht von Twitter sein. Alles Gute.

  3. Schade, ich fand deine Tweets geistreich (ok, nicht alle… 😉 ).
    Schließe mich i.ü. @staudner an.
    Alles Gute!
    Volker H.

  4. Update: @neurosociology ist nun auch suspendiert.
    „Ein bisschen schwanger“ geht halt nicht. Nun bin ich tatsächlich nicht mehr auf Twitter vertreten.

    • Klaus P.

      Lieber Klaus,
      ich bedaure es sehr, aber es gibt für Dich wichtige Gründe. Muss nicht alles nachvollziehen können, es ist und bleibt jedoch eben Deine Entscheidung im Ganzen.
      Dann lese ich hier, wenn es Neues gibt. Bleib gesund. Klaus

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