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Kleine Küchenweisheiten – Giordano Bruno und die Pizza improvvisato

»Du hast die Tomatensauce ohne passierte Tomaten gemacht?«
»Aber dafür mit passierter Paprika.«
»Orrr!«
»Warum Orrr? Ich dachte, es geht um’s Prinzip.«

Eine nicht selten gebrauchte Formulierung: »Es geht doch um’s Prinzip.« Was meinen wir eigentlich damit? Was ist der philosophische Begriff eines Prinzips?

Der italienische Philosoph Giordano Bruno hat sich in seinem Werk „Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen“ (1584) damit beschäftigt. Bevor wir seine Ansicht erörtern, fertigen wie zunächst eine improvisierte Pizza an.

Es gibt viele Rezepte für Pizzateig, aber nur wenige, die einen nie im Stich lassen. Die genaue Dosierung ist dabei absolut wichtig – ich rate zum Einsatz einer Küchenwaage.

Folgende Zusammensetzung pro (großer) Portion:

  • 250 Gramm Mehl
  • 2 Gramm Hefe
  • 1 EL Olivenöl
  • 150 ml Wasser, lauwarm
  • 5 Gramm Salz

Ein Pizzateig erfordert darüber hinaus Liebe und Zeit. Ich siebe zum Beispiel das Mehl und füge – Prise für Prise – die Hefe hinzu. Nach dem Kneten bleiben die Rührstäbe stecken:
teig
Eine Konsistenz, die beinahe geeignet wäre, den Beton der Leverkusener Rheinbrücke zu flicken.

Nun fehlt noch die Pizzasauce. Was tun, wenn man keine passierten Tomaten im Haus hat?

Wenn wir uns an Polpa di pomodoro orientieren, also pürierte Tomaten, dann kann man zumindest improvisieren. Pürierte Paprika plus Tomatenmark.
Dazu eine Paprika in kleine Stücke schneiden – etwas Zwiebel dazu – und ordentlich durchkochen. Danach mit einem Mixer zerkleinern:
paprika
{Das Bild zeigt die Probanden vor der endgültigen Zerkleinerung.}
Im Zuge dieses Arbeitsschrittes fliegen kleine Paprikastücke in der Küche umher. Wenigstens kein langweiliges Leben.

Dann ein ganz klein wenig Wasser und ca. 80 Gramm Tomatenmark dazugeben und kurz aufkochen. Ein Teelöffel Currypaste hat darüber hinaus noch niemandem geschadet.
sauce
Fertig ist die Pizzasauce.

Als Belag gibt es in der spartanischen Ausstattung Pilze und Zwiebeln.
pizza-fertig
Optisch nicht zwingend preiswürdig – geschmacklich aber eine feine Sache. Ehrlich.

Nun wollen wir aber hören, was Bruno zum Begriff des Prinzips zu sagen hat.

DISCONO. Nun erklärt, welchen Unterschied ihr zwischen Ursache und Prinzip in der Natur macht.
TEOFILO. Wiewohl gelegentlich der eine Begriff statt des anderen gebraucht wird, ist dennoch – genau genommen – nicht jedes Ding, das Prinzip ist, auch Ursache: denn der Punkt ist das Prinzip der Linie, aber nicht ihre Ursache; der Augenblick ist das Prinzip der Tätigkeit, [jedoch nicht deren Ursache]; der Zeitpunkt am Anfang der Bewegung ist das Prinzip der Bewegung, aber nicht ihr Ursache; die Voraussetzungen sind das Prinzip der Beweisführung, aber nicht deren Ursache. Daher ist >Prinzip< gegenüber >Ursache< der allgemeinere Begriff.

Der Physiker wird bei dieser Textstelle vielleicht an Symmetriegruppen und das Noether-Theorem denken. Der Mathematiker assoziiert den Begriff des infinitesimal Erzeugenden. Und der Philosoph denkt an Cusanus und seine Beschreibung der Beziehung von Punkt und Linie.

Wir konzentrieren uns hier nur darauf, dass der Begriff der Ursache hinter den Begriff des Prinzips zurücktritt. Das ist philosophisch keine Kleinigkeit – man denke nur an das berühmte Vier-Ursachen-Schema des Aristoteles.

Tatsächlich wurde der Begriff einer Ursache schon zu Beginn der 16. Jahrhunderts einer kritischen Revision unterzogen – nicht zufällig parallel zum Aufkommen moderner Naturwissenschaften.

Der Philosoph Agostino Nifo führt in seinem Kommentar zur Physik des Aristoteles von 1506 den Begriff der vermutenden Beweises an („demonstratio coniecturalis“). Das ist nichts weniger als ein Grundstein für eine Naturwissenschaft, die mit Hypothesen arbeitet und diese verifiziert bzw. falsifiziert.

Was ist nun der Unterschied? Fragen wir nur nach Ursachen und Wirkungen, sind wir schnell in einer Kette aus Ursachen und Wirkungen verstrickt. Jede Ursache hat ihrerseits Ursachen etc.
Der Philosoph soll einen Schritt zurücktreten und sich die Struktur dieser Kette anschauen. Wenn er Glück hat, wird er sie als transzendentales Schmuckstück erkennen.

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Kleine Küchenweisheiten – Schopenhauer und Raktabija

Heute wollen wir einen Eintopf Raktabija zubereiten und uns ganz nebenbei über Arthur Schopenhauer unterhalten.
Das Jahr 2014 war von Verlusten geprägt. Martin Heideggers Stern ist endgültig untergegangen und der Komet Quentin Meillassoux verglüht bereits. Schopenhauer und Nietzsche sind angeschlagen, halten sich aber noch wacklig stehend in den Seilen.

Schopenhauer also.

Schopenhauer

Wir könnten es uns leicht machen und einfach eine seiner Lieblingsspeisen kochen – ein feines Chaudeau (süßer Weinschaum aus Zucker, Eigelb und Weißwein) zubereiten. Das wäre wohl lecker, brächte uns in Sachen Philosophie nicht weiter.

Schopenhauer war ein Anhänger asiatischer Religionen – da bietet sich die fernöstliche Küche an. Im 19. Jahrhundert kamen asiatische Religionen quasi in Mode – es wurde ein verklärtes, idealistisches Bild gezeichnet. Eine Unterscheidung zwischen Buddhismus und Hinduismus wurde zum Beispiel eher selten getroffen.
Uns interessieren hier besonders die Upanischaden, eine Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus.

Kulinarisch geht es um einen asiatischen Eintopf mit einer sehr scharfen Sauce, die aus Kokosmilch zubereitet wird. Jede neue Kreation gewährt die Freude, einen Namen für das Rezept auswählen zu dürfen. Schärfe ist bei mir assoziiert mit Pizza Diavolo oder Pizza Vulcano. Der Name sollte auch die dunkle Seite von Schopenhauers Welt als Wille abbilden.
Die Wahl fiel auf den Gott Raktabīja [rakta=Blut, bīja=Saat], von dem es heißt das aus jedem seiner Blutstrofen aus einer Wunde neue Raktabījas entstehen. Erst die Göttin Kali („Die Schwarze“) konnte ihn stoppen, indem sie seine Bluttropfen aufleckte.
Jedes Tröpfchen zählt, könnte man sagen. Mit dieser kulinarischen Metapher geht’s ans Werk.

Wir übernehmen Elemente der thailändischen Küche, wohl wissend, das nur 0,1 % der Bevölkerung dort (etwa 65.000) Hindus sind. Unsere Zutaten sind Kartoffeln, Karotten, Schalotten, geschnetzteltes Hühnerbrustfilet und für eine feine Fruchtnote eine Kiwi.

eintopf-start

Kartoffeln und Karotten werden vorgebraten wie in Kleine Küchenphilosophie. Oder: Tartufolo und Heidegger beschrieben.

Das wichtigste am Eintopf ist ohnehin die Sauce. Basis ist eine 165-ml-Dose Kokosnussmilch. Hier gibt es nicht selten eine Überraschung: nach dem Öffnen der Dose zeigt sich, dass die Milch eine recht feste Konsistenz hat. Kokosöl hat einen Schmelzpunkt zwischen 18 und 23 °C und die Dose sollte im Zweifelsfall vorher im Wasserbad leicht erhitzt werden. Nur was macht man nun mit der bereits geöffneten Dose? Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder verzweifeln oder einen lustigen Tweet darüber schreiben.

In einer idealen Welt ist die Kokosnussmilch schön flüssig und wir schöpfen zwei Esslöffel von der oberen Schicht ab und erhitzen in einem kleinen Töpfchen (maximale Power). Nach einer Minute rühren wir einen Esslöffel Tikka Masala Paste unter. (Dies ist der neuralgische Punkt der ganzen Aktion). Dann die Hitze reduzieren und nach und nach die restliche Kokosmilch und ein halbes Pilsglas Wasser unterrühren. Nach fünf Minuten Rawit Chilis zufügen und wenige Minütchen ziehen lassen. Dann das oben gebratene Zeugs zufügen – fertig.

eintopf-ende

Guten Appetit!

In einer idealen Welt durchdringt unser Schärfegott Raktabija die gesamte Speise und nach und nach auch unseren Körper.
Betrachten wir dazu einen Auszug aus den Upanischaden:

DIE LEHRE DES SHANDILYA
»Ja, mein Lieber«, sprach er. »Bringe mir von da eine Nyagrodhafrucht.«
»Hier ist sie, Ehrwürdiger.«
»Spalte sie.«
»Sie ist gespalten, Ehrwürdiger.«
»Was siehst du da?«
»Ganz feine Körner, Ehrwürdiger.«
»Spalte eines von diesen.«
»Es ist gespalten, Ehrwürdiger.«
»Was siehst du da?«
»Nichts, Ehrwürdiger.«
Der sprach zu ihm: »Der feinste Stoff, den du nicht wahrnimmst, aus dem besteht so der große Nyagrodhabaum. Glaube, mein Lieber, dieser feinste Stoff durchzieht dies All, das ist das Wahre, das ist das Selbst, das bist du (tat twam asi) , Shvetaketu.«

Der Text bezieht sich auf die Banyan-Feige. Der Banyanbaum wird von Hindus als heiliger Baum verehrt.

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{Photo taken by User:Ahoerstemeier on April 11, 1998 with a Olympus Mju 2.}

Der Text ist eine Absage an das (klassische) materielle Weltbild. Das tat twam asi war für Schopenhauer eine Brücke zum Panpsychismus. Was ist nun davon zu halten?
Für die moderne Physik ist die Sichtweise der Unpanischeden keineswegs fremd. Die Körner der Banyan-Feige wären als Schrödinger-Wellenfunktion Ψ darzustellen und das Schmecken des Körnchens wäre eine Messung der Amplitude |Ψ|². So auch die Körnchen aus unseren Rawit Chilis. Ein Konzert sich überlagernder Wellenpakete mit der Melodie tat twam asi.

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Kleine Küchenphilosophie. Oder: Tartufolo und Heidegger

Liebe geht durch den Magen – wie könnte es bei der Liebe zur Weisheit anders sein?

Heute möchten wir aus Doldenblütlern und Nachtschattengewächsen ein schmackhaftes Mahl bereiten und uns ganz nebenbei über Philosophie und die Welt unterhalten.
Was haben die berühmten Philosophen eigentlich gegessen? Oft bleibt von einem Menschen nur die Liste seiner Werke zurück. »Sein und Zeit«, »Kritik der reinen Vernunft« oder »De la causa, principio e uno« sind klangvolle Titel – doch welche Sorte Fleisch wurde wie zubereitet zu welchem Wein genossen? Und das Kochen endet ja nicht mit dem Kochen. Welche Anekdoten gibt es über das eine oder andere Abendessen zu berichten?

Heute beginnen wir mit Martin Heidegger, über den ich bereits in Der Fall Heidegger. Ein Urteilsspruch. und Gehirn am Ungrund. Eine kleine Heidegger-Exegese berichtete. Doch dazu später.

Die Nachtschattengewächse werden repräsentiert durch Bratkartoffeln.

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{Nachtschattengewächse, zubereitet. Vorschau}

Für eine Portion wählen wir zwei mittelgroße Kartoffeln der Sorte Belana. Die Sorte kann man sich gut merken, indem man die Chefingenieurin an Bord der Voyager assoziiert.
Wir teilen die Kartoffeln in Viertel und schneiden diese in recht dünne Scheiben.
Der Clou besteht nun darin, dass man die Kartoffeln vor dem Braten in eine Schale mit kaltem Wasser legt, denn wir wünschen Knusprige Bratkartoffeln.

Nun haben wir drei Minuten, um über das Deutschland dieser Tage nachzudenken. Es wird viel über deutsche Kultur und Überfremdung gesprochen. Wie steht es da eigentlich mit der Kartoffel? Als Abonnent der Zeitschrift Economic Botany haben wir noch gut den
Aufsatz Potato remains from a late pleistocene settlement in southcentral Chile in Erinnerung, der die heutige Republik Chile als Ursprungsland der Kartoffel benennt. Vielleicht hat das friedliche Volk der Pehuenchen, die sich unter anderem von piñones (Pinienkerne) ernährt haben, die Kartoffeln als Nahrung entdeckt.
Die Männer dieses Volkes trugen Röcke statt Hosen und Ohrringe. Diese Menschen wurden Opfer von Überfremdung. Ihr Land wurde von
Einwanderern besiedelt, die zu großen Teilen aus Deutschland stammten.

Nun können wir die Kartoffeln abtropfen lassen und ggf. noch den „Scharfmacher“ aus Grönemeyers Bochumer Lieblingscurrywurstbude zufügen:
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Wenn die Kartoffelscheiben wirklich dünn sind, reichen fünf bis sechs Minuten bei maximaler Hitze, um in der Pfanne den ganz oben abgebildeten Zustand zu erreichen.

Als Vertreter der Doldenblütler nehmen wir zwei große Mohrrüben, schälen diese und schneiden sie in Scheiben. Die angebratenen Kartoffeln werden in einem Schälchen zwischengelagert. Platz für die Karottenscheiben:
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Neben Zwiebeln runden Rawit Chilis aus dem Senegal unsere Speise ab. Während die Karotten schmoren, halten wir kurz inne. Senegal? Lebensmittel quer über Kontinente transportieren? Warum nicht aus Holland?
Bekanntlich liegt die Republik Senegal im Human Development Index nur auf Platz 163 von 187. Da darf doch die Illusion erlaubt sein, dass vom Einkauf bei real,- wenigstens ein paar Cent bei der richtigen Person landen. Senegal darf auch nicht mit einem benachbarten Schurkenstaat assoziiert werden. Präsident Chérif Macky Sall studierte Geologie, ist verheiratet und hat drei Kinder.

Bevor die Möhrenscheiben anbrennen, schneiden wir (hier: vier) maximal zwei Rawit Chilis in Stückchen.
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Länger als zehn Minuten sollten die Doldenblütler nicht brauchen. Öfters wenden und überhaupt die Szenerie im Auge behalten.
Dann Zwiebeln, angebratene Kartoffeln und die Rawits hinzugeben.

Wenn’s gut läuft sollte unsere Mahlzeit in etwa so aussehen:

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Guten Appetit!

Nun, beim Essen folgt die oben angekündigte Anekdote.
Es ist meines Erachtens recht schwer, die »richtige« Haltung zu Heidegger zu finden. Daher ist es recht hilfreich, die Berichte seiner Zeitgenossen zu studieren. Besonders vertrauenswürdig ist hier der österreichische Philosoph Günther Anders. Hier sein Bericht über ein Abendessen mit Martin Heidegger:

Er habe zwar, so berichtet Günther Anders, bei Heidegger studiert, persönlich habe er ihn aber kaum gekannt. Einmal habe er in Marburg bei Heideggers übernachtet. Nach einem einfachen Nudel-Nachtessen ließ sich die Unterhaltung zu Beginn gut an. Anders zitierte, ohne den Autor zu nennen, Voltaire: „Es genügt nicht zu schreien, man muss auch Unrecht haben“, ein Zitat, das sogar Heidegger, den Humorlosen, amüsierte. Als Anders nun erklärte, das Zitat stamme von Voltaire, machte er allerdings ein schiefes Gesicht. Der Abend war aber dann vollends verdorben, als Anders fortfuhr, natürlich gelte ganz symmetrisch auch das Wort: „Es genügt nicht zu murmeln, man muss auch recht haben“. Während Frau Heidegger nichts verstand, blickte Martin Heidegger Anders einen Moment lang hasserfüllt an. War es doch seine Taktik, durch nahezu unhörbares Murmeln eine totale Stille im Saal zu erzwingen und dadurch den Hörern einzureden, dass alles, was sie mindestens akustisch mitkriegten, auch „unverborgen“, d. h. die Wahrheit sein müsste.
Quelle

Während unsere gustatorische Wahrnehmung durch unzählige Geschmacksknospen angereichert wird, können wir nun auch unserer Wahrnehmung von Martin Heidegger eine Facette zufügen.

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