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Quantenmechanische Deduktion des transzendentalen Idealismus

Was ist das Ich? Was ist Bewußtsein? Diese Fragen begleiten die Philosophie seit Jahrhunderten. Einen Kulminationspunkt bei der Auseinandersetzung mit diesen Fragen findet man in Jena um 1800 (Fichte, Schelling und Hegel). Ausgangspunkt war der Versuch einer „Wissenschaftslehre“ – einer Theorie darüber, was der Mensch wissen kann (und wie er es wissen kann). Die Ausgangslage hat Immanuel Kant klar formuliert:

„Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht werden könnte, welches ebensoviel heißt, als die Vorstellung würde entweder unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein.“
(Kritik der reinen Vernunft, § 16).

Was ist nun die innere Mechanik dieses „Ich denke“? Im Jahr 1800 veröffentliche Schelling sein „System des transzendentalen Idealismus“. Im zweiten Hauptabschnitt dieser Schrift wird eine „allgemeine Deduktion des transzendentalen Idealismus“ versucht.

Bei der Frage „Was ist Bewußtsein?“ haben die Neurobiologie und die Quantenphysik in den letzten Jahrzehnten neue Hypothesen aufgestellt. Diejenigen Ansätze, die sich auf Quantenphysik stützen haben durchaus systemischen Charakter – insbesondere wenn man die zugrunde liegende Mathematik unter metamathematischen Gesichtspunkten betrachtet.

Nun behandeln Schelling und die Quantenphysik eigentlich den gleichen Gegenstand: ein denken könnendes Ich-Bewußtsein. Bezüglich der Systemaspekte sollten sich also Isomorphien zeigen. Gerade in Bezug auf Schellings Deduktion werden durch diese Betrachtungsweise Inkonsistenzen sichtbar.

Bevor wir also eine quantenmechanische Deduktion starten, betrachten wir die Voraussetzungen.

Hypothese I
Wie nehmen Schellings Vorgehensweise ernst und konstatieren, dass eine Selbstbeobachtung des Ich (intellektuelle Anschauung) möglich ist. Dabei geht es weniger um eine bestimmte Technik der Introspektion als vielmehr um einen Vorgang, bei dem sich ein Subjekt selbst beobachtet und somit zum Objekt macht (die Tätigkeit des Subjekt-Objekt).

Hypothese II
Wie nehmen Ansätze aus der Neurobiologie (Stuart Hameroff) und der Quantenphysik (Roger Penrose) zur Erklärung des Bewußtseins ernst. Dazu gehört vor allem die Annahme, dass eine quantenphysikalische Beschreibung des Bewußtseins möglich sei. [Als Träger des Bewußtseins können wir uns zum Beispiel elektromagnetische Felder in der Großhirnrinde vorstellen. Gemäß E=mc² ist der elekromagnetischen Energie eine Masseäquivalent zuzuordnen, so dass über die klassische Quantenmechanik hinaus auch die Gravitationsphysik zu berücksichtigen ist.]
Wichtiger noch ist die von Roger Penrose aufgestellte Hypothese, dass das, was die klassische Quantenphysik als Messung („Kollaps der Wellenfunktion“) bezeichnet, ein ganz natürlicher Prozess ist.

Der transzendentale Idealismus behandelt eine ganze Reihe von Gegensatzpaaren:

  • Ich und Nicht-Ich
  • Objekt und Subjekt
  • Inhalt und Form
  • endlich vs. unendlich
  • analytisch vs. synthetisch.

Im Kern geht es um die Frage, wie ein unendliches Subjekt („Ich bin“) mit einem endlichen Objekt („Ich denke“) identisch sein kann.

Im Zentrum der Deduktion geht es nun um den folgenden Beweis:

„Daß die ursprüngliche unendliche Tätigkeit des Ichs sich selbst begrenze, d.h. In eine endliche verwandle (in Selbstbewußtsein), ist nur dann begreiflich, wenn sich beweisen läßt, daß das ich als Ich unbegrenzt sein kann, nur insofern es begrenzt ist, und umgekehrt, daß es als Ich begrenzt, nur insofern es unbegrenzt ist.“

Dies zu beweisen ist natürlich eine Herausforderung.

Wir starten nun Schritt für Schritt die quantenmechanische Deduktion und vergleichen unsere Erkenntnisse mit Schellings Argumentation.
Für uns ist das Ich ein elektromagnetisches Quantenfeld Ψ:
Ich := Ψ

Als solches ist es eine unbestimmte, unendlich ausgedehnte Wellenfunktion. Lesen wir dazu, wie sich Schelling das unendliche Ich vorstellt:

„Man versinnliche sich das Gesagte durch das Bild des unendlichen Raums, der ein unendliches ist, ohne Ich zu sein, und der gleichsam das aufgelöste Ich, das Ich ohne Reflexion, repräsentiert.“

Dem „Ich ohne Reflexion“ entspricht nun unser Ψ vor der Messung (das unbestimmte, unendliche Ψ).

Eine Messung ist nun stets eine Projektion, d.h. Eine endliche Bestimmung. Die Quantenphysik nutzt dazu die Mathematik des Hilbertraums (eine duale Struktur aus Raum und Dualraum).
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wir möchten die horizontale Position eines Elektrons im Gehirn bestimmen. Das Elektron wird repräsentiert durch eine unendlich ausgedehnte Wellenfunktion Ψ und für den konkreten Zustand des Elektrons zum Zeitpunkt t schreiben wir |Ψ>.
Eine Messung ist nun eine Projektion p mit einem Operator O: <Ψp|
Durch Multiplikation (genauer: Skalarprodukt der Vektoren) erhalten wir einen Zahlenwert x für unsere Messung: x= <Ψp|Ψ> .
Die Messung als Bestimmung ist Projektion bzw. Negation (omnis determinatio est negatio).

Dazu Schelling:

„Aber das Ich, indem es sich anschaut, wird endlich.“

Die Wellenfunktion Ψ „kollabiert“ zu einem Skalar x, verbleibt aber nicht in diesem Zustand. Folgt man Roger Penrose, so ist dieses Kollabieren ein ganz natürlicher Prozess, der sich im Mikrokosmos fortwährend ereignet. Aus der Quantenwelt tropft fortwährend Endlichkeit heraus. Diese ständige Abfolge Ψ -> |Ψ|² -> Ψ -> |Ψ|² -> Ψ -> |Ψ|² können wir ganz im Sinne von Schelling als Werden oder Produzieren interpretieren. (Siehe dazu auch: Ewige Zeugung und Quantenkollaps).

In der Zuordnung der Terminolgie wird klar, dass das, was die Quantenphysik als Projektion (bzw. Operator) bezeichnet, bei Schelling als Schranke oder Grenze bezeichnet wird.

Was bei Schelling als aufheben der Schranke bezeichnet wird, ist die Rückkehr vom endlichen Ich |Ψ|² ins unendliche Ich Ψ: |Ψ|² -> Ψ.
An dieser Stelle beginnt Schelling nun, seine Begriffe anthropomorph aufzuladen: Er schreibt plötzlich vom „Ankämpfen des Ichs gegen die Schranke.“ [1].
Aus Sicht der Quantenphysik ist der Ansatz einer Veränderung (Erweiterung durch Ankämpfen) der Schranke nicht denknotwendig. Stellen wir uns einen im Sinne der westlich-idealistischen Vorstellung vom Buddhismus meditierenden Mönch vor. Ein Ich=Ich, dem in der Physik der einfachste Ansatz einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung entspricht (konstanter Impuls, ohne Veränderung). Das Ich kann also ein monoton produzierendes Ich sein.

Betrachten wir nun Schellings Schlußfolgerung:

„Die Begrenztheit jenes Unendlichen ist also unmittelbar durch seine Ichheit, d.h. dadurch gesetzt, daß es nicht bloß ein Unendliches, sondern zugleich ein Ich, d.h. ein Unendliches für sich selbst ist.“

Oder in der Schreibweise der Quantenmechanik: |Ich> = |Ich|.

Allerdings haben wir damit keine Deduktion geleistet. Die Forderung nach einer einheitlichen Quantenphysik, in der sich Ψ und |Ψ| in einem Naturprozess vereinigt finden, ist zunächst nur ein Postulat. Sollte eines Tages die Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie gelingen, stellt sich die Frage neu.

Zumindest die an sich denknotwendigen Elemente in Schellings „Deduktion“ mögen durch diese unkonventionellen Betrachtungen etwas deutlicher werden.

Anmerkungen
[1] Ähnliche anthropomorphe Aufladungen finden sich bereits 1794 bei Fichte. Mögliche Inspirationsquellen für die Leiden & Kämpfen – Metaphern finden sich beim Theosophen Jakob Böhme, der den Begriff der Qualität mit dem Begriff der Qual vermengt. Für die Philosophen um 1800 war die Freiheit „das A und O der Philosophie“. In diesem Sinne ist auch Platons Höhlengleichnis – wenn man damit Gefängnis und Eingesperrtsein assoziiert – ein Beispiel für ein Ankämpfen gegen Schranken.

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Hegel reloaded

Naturwissenschaftler, die sich mit Philosophie beschäftigen, starten nicht selten mit der Lektüre von Autoren wie Russell, Popper oder Schopenhauer und verweilen in dem durch diese Autoren aufgespannten Diskurs. So geschult finden sie zu einer Perspektive, die die Auseinandersetzung mit Hegel als unnötiges, womöglich gar unsinniges Unterfangen erscheinen lässt.
Eine Brücke zwischen den Welten baute der Philosoph und Naturwissenschaftler Olaf Breidbach. Er zeigte Parallelen zwischen den Fragestellungen einer Neurobiologie, die das Phänomen der Erkenntnis untersucht und der Naturphilosophie nach 1800 auf. Seine pointierte Einordnung Hegels sei hier ausführlich zitiert (Seite 23 in [1]):

„In seiner Logik suchte [Hegel] zu zeigen, wie das Denken der Welt in sich begründet werden kann. Dieser Versuch wurde oft mißverstanden. Denn Hegel suchte in seiner Logik nicht die Welt zu begründen, sondern unser Denken von Welt zu sichern. Angelpunkt seines Ansatzes war die Feststellung, daß sich das Denken nicht im Rekurs auf eine Naturerfahrung zu sichern vermag. Das vermeintlich Unmittelbare ist, indem wir es denken, in den Formen des Denkens formuliert. Alles ist derart … Sprache; alles ist für uns in der Logik gefangen. Welt ist für uns immer bedachte Welt; wenn wir etwas erfahren, uns darüber versichern, haben wir die Erfahrung qualifiziert, das heißt in die Formen unseres Denkens gebunden. Ergo, so Hegel, sind wir auch im Denken der Natur letztlich bei uns selbst. Um das Denken aus diesem Regreß eines immer nur auf sich selbst stoßenden Denkens hinauszuführen, versuchte Hegel das Denken an sich festzuhalten: Das Denken sollte sich in seinem Sich Denken selbst versichern.“

Somit ist die ureigenste Aufgabe einer Neurosophie benannt.
Es geht bei diesem Unterfangen nicht so sehr um das Was des Denkens sondern um das Wie. Oder – wie Breidbach formulierte:

„Es ging also zunächst nicht darum, etwas zu wissen, sondern darum, das „Wissen Können“ zu wissen.“

Dies erfordert einen radikalen Perspektivenwechsel. Konnte sich Immanuael Kant auf die Mathematik als sicheren Leuchtturm beim Navigieren durch den Ozean des Denkens verlassen, so entfällt beim Projekt der internen Repräsentation der Bezugspunkt auf ein gesichertes Außen. Und während wir bei Kant eine durch Aristoteles inspirierte statische Kategorientafel vorfinden, erfordert die Neurosophie eine dynamische, relationale Verortung von Kategorien. (Beispiele für einen derartigen Schritt finden sich bei Hartmann und Wein).

Auch die Philosophie und die Geschichte der Philosophie sind von einem derartigen Perspektivenwechsel betroffen. Betrachten wir etwa die Beziehung zwischen Marx und Hegel und legen die üblichen ontischen und ontologischen Attribute beiseite. Unserer Perspektive gerecht wird die Frage: Wie kann ich Volkswirtschaftslehre denken?

Auch bei einer gesicherten Wissenschaft wie der Physik ist es interessant, die Etymologie des Vokabulars der Quantenphysik (etwa Erzeugungs- und Vernichtungsoperatoren) zu sichten und – im Sinne Hegels – mit Figuren unseres Denkens in Verbindung zu bringen. Es stellt sich die Frage: Wie kann ich Physik denken?

Eine konsequente Neurophilosophie kann auch nicht vor dem Leuchtturm Mathematik Halt machen. Valentin von Braitenberg (1926 – 2011) und Olaf Breidbach (1957 – 2014) leisteten Pionierarbeit auf dem Gebiet der Neurologik. Wie kann ich Mathematik denken?
Die ersten Beiträge dieses Blogs (insbesondere [2]) verfolgen das Ziel, einzelne Facetten einer neuronalen Philosophie zu benennen.

Literatur
[1] Breidbach, Olaf: Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt. Ein Beitrag zur Neuronalen Ästhetik. Springer. Wien New York 2000. 147 S.
[2] Metapher und Monstranz

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Abschied vom Weltweisen – Ein Nachruf auf Olaf Breidbach

Am 22. Juli 2014 starb der Philosoph, Neuroanatom und Wissenschaftshistoriker Olaf Breidbach nach schwerer Krankheit. Als Doktorvater und Institutsdirektor hat er mein Denken zwischen 1991 und 2000 nachhaltig geprägt.

Olaf Breidbach

Meine erste Begegnung mit Olaf Breidbach ereignete sich im April 1991. Ich war auf der Suche nach einem Thema für eine Dokorarbeit und ein Freund machte mich auf das neue Thema der neuronalen Netzwerke aufmerksam. Breidbach arbeitete damals am Institut für angewandte Zoologie in Bonn und durch einen Aushang im Poppelsdorfer Schloss wurde ich auf eine Software namens „BrainSim“ aufmerksam.
Wir mir Breidbach im persönlichen Gespräch erklärte ging es um eine Modellierung der neuronalen Vorgänge im Nervensystem von Insekten (Neuropile aus ca. 10.000 Zellen). Bereits im ersten Gespräch ging es auch um Philosophie – was mich nachhaltig beeindruckte. Eine Neurobiologie ohne Philosophie wäre unvollständig – dieser Grundgedanke führte dazu, dass ich mich unmittelbar für Breidbach als Betreuer meiner Doktorarbeit entschied.

Im Keller des Instituts wuchsen Mehlkäfer heran, deren Neuropile mit Hilfe von Färbemethoden in Bezug auf die Struktur des Nervensystems unter dem Mikroskop untersucht wurden. Parallel dazu modellierte ich zunächst auf Intel 286er- und dann auf 386er-Computern die Evolution neuronaler Erregungsmuster in Verbänden aus 10.000 Zellen. Wenige Sekunden neuronaler Aktivität erforderten mehrere Tage Rechenzeit, so dass ich sporadisch ins Institut kam, um mit Breidbach die generierten Muster zu deuten. Nicht selten kamen dabei Metaphern zum Einsatz – wobei Stanislaw Lem u.a. mit ‚Solaris‘ für uns wichtiger war als zeitgenössische wissenschaftliche Literatur.
Diese gedanklichen Ausritte waren herrlich – nicht selten flankiert vom Duft einer Pfeife, die Breidbach in seinem von Büchern überfüllten Arbeitszimmer zu geniessen wusste. Nun war es als Physiker meine Aufgabe, diese teils noch vagen Ideen in die Welt der Mathematik zu überführen. Die eigentliche Ausbeute in diesem Bereich erfolgte erst Jahre später (siehe u.a.: Holthausen, K. und O. Breidbach (1999): Analytical description of the evolution of neural networks: Learning rules and complexity. Biological Cybernetics 81:169-175. Springer).

Um das Jahr 1993 wurde es für mich zusehends schwieriger, meine Promotionsstudium zu finanzieren. Es war typisch für Breidbach, dass er schnell und unbürokratisch handelte und mir aus Mitteln des Rudolf von Bennigsen-Foerder-Preis zu eine Hilfskraftstelle am Bonner Institut verhalf.

Im Jahr 1994 wechselte Breidbach ans Institut für Mathematik der Universität Bochum. Gemeinsam gestalteten wir dort ein Seminar über neuronale Netzwerke und ich hatte in dieser Zeit meinen Schreibtisch in seinem Büro. Inzwischen bildete sich ein Rahmen für eine Beschreibung der „internen Repräsentation“ eines Nervensystems, zu der Jürgen Jost einiges beitrug. Auf der Basis einer Biokybernetik, die von Valentin Braitenberg, Günther Palm und Ad Aertsen geprägt wurde, ging es uns um die Entwicklung eines Beschreibungsrahmens, der sowohl Mathematik, Biologie, Philosophie als auch Ästhetik umfassen sollte. (Bereits 1993 war Breidbach treibende Kraft einer Veranstaltung zur neuronalen Ästhetik in Bonn.) In die Bochumer Zeit fiel auch die Arbeit an einer Geschichte der Hirnforschung (Die Materialisierung des Ichs: Zur Geschichte der Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) 1996). Ein wenig waren wir schon atypische Mitarbeiter des Instituts – etwa wenn wir gegen Feierabend über die Relevanz Heideggers diskutierten. Unsere persönliche Beziehung festigte sich in dieser Zeit. Als sich der Wechsel nach Jena – zum Ernst-Haeckel-Haus – abzeichnete, zögerte ich nicht lange, als Breidbach fragte, ob ich ihn als wissenschaftlicher Mitarbeiter begleiten würde.

In Jena erfolgte eine reichhaltige Ernte unserer Ideen. Hervorheben möchte ich das erste Patent für eine neuronale Internetsuchmaschine – etwa zeitgleich mit Googles Stanford-Patent angemeldet (Verfahren zum rechnergestützten Recherchieren nach Dokumenten in einer elektronischen Datenbank, Anmeldedatum 17.12.1998, DE000019859838A1). Unsere Simulationsprogramme waren in dieser Zeit bereits auf eine Vier­tel­mil­li­on Zellen angewachsen und generierten hoch komplexe neuronale Erregungsmuster.

Gerne denke ich an unseren Auftritt auf dem Kongress „Weisen der Welterzeugung. Die Wirklichkeit des Konstruktivismus II“ im Jahr 1998 in Heidelberg zurück. Im Rahmen einer Live-Performance fütterte ich ein künstliches neuronales Netzwerk mit Breidbachs EEG-Mustern. Input und Output wurden im Saal übertragen. Ich fragte Breidbach damals nach der wissenschaftlichen Relevanz des radikalen Konstruktivismus – mit der Bitte zu schweigen und sein Gehirnmuster antworten zu lassen. Solche Aktionen waren charakteristisch für das Enfant terrible Breidbach – Schubladen und Stereotype wurden seiner Inspirationskraft nie gerecht.

Im Jahr 1999 wurde uns die wirtschaftliche Relevanz unserer Ansätze bewusst. Mit der gemeinsamen Firma braveminds realisierten wir die erste neuronale Suchmaschine für ein Verlagshaus. Leider führte diese Entwicklung auch dazu, dass ich Ende 2000 die wissenschaftliche Laufbahn aufgab und dem Lockruf des Venture Capital folgte. Jahre später trafen wir uns bei einer Veranstaltung bei CSC Ploenzke wieder und er zeigt damals Verständnis für meine Entscheidung.

Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach bleibt für mich der vielseitigste und unkonventionellste Wissenschaftler, dem ich je begegnet bin. Dass ich nun nicht mehr die Gelegenheit haben werde, mit ihm über die eine oder andere Idee zur Metamathematik zu sprechen, ist sehr schmerzhaft. Sein unvollendetes Werk jedoch bleibt so attraktiv und inspirierend, dass er weit über den Tod hinaus wirken wird.

Literatur (mit Bezug zu den Arbeiten 1991-2000):

Breidbach, Olaf: Deutungen. Zur philosophischen Dimension der internen Repräsentation. Velbrück Wissenschaft. Weilerswist 2001. 194 S.

Breidbach, Olaf: Neue Wissensordnungen. Wie aus Informationen und Nachrichten kulturelles Wissen entsteht. Reihe: edition unseld. Suhrkamp. Frankfurt/M. 2008. 182 S.

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Zur Homogenität von Logos: Kepler und Penrose

„Die Geometrie ist einzig und ewig, ein Widerschein aus dem Geiste Gottes“ Johannes Kepler

Im Jahr 1618 vollendete Johannes Kepler sein Werk Harmonices Mundi libri V. Berühmt wurde dieses Werk, da es die Formulierung des dritten Keplerschen Gesetzes enthält (Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich wie die dritten Potenzen (Kuben) der großen Bahnhalbachsen).

Man könnte nun meinen, Kepler habe damals ein ganz normales Physikbuch verfasst, bei dem die auch heute anerkannten Planetengesetze im Mittelpunkt stünden. Damit geben die Lehrbücher des 20. Jahrhunderts die Leserichtung und den Interpretationskanon vor. Einer genaueren Analyse hält so eine Betrachtung nicht stand.

Die Arbeit an der Weltharmonik war Februar/März 1618 schon fast abgeschlossen, als Kepler am 15. Mai – acht Tage vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges – sein 3. Planetengesetz fand.
Kepler arbeitete seit 1612 als Landschaftsmathematiker in Linz. In dieser Zeit belasteten ihn religiöse Streitfragen, die u.a. dazu führten, dass er in Linz vom Abendmahl ausgeschlossen wurde. Seine Mutter Katharina wurde in Leonberg als Hexe verklagt. Es sind diese Hintergründe, die Keplers Biographin Mechthild Lemcke dazu veranlassen, zu konstatieren dass Kepler seine Harmonielehre „als Remedium gegen Niedergeschlagenheit und Melancholie“ einsetzte.

Ein anschauliches Beispiel für diese Harmonielehre ist die Verknüpfung von Musiktheorie und Astronomie. Kepler erkannte in den Exzentritäten der Planetenbahnen Tonskalen, die im Zusammenklang wechselnde Melodien und Harmonien ergeben.

1617 reiste Kepler nach Württemberg, u.a. um seine Mutter zu überreden, mit ihm nach Linz zu reisen. Diese Mission scheiterte, doch für Mathematik wurde diese Reise zum Glücksfall. In Nürtingen traf Kepler den Tübinger Professor Wilhelm Schickard („einen feinen Kopf und großen Freund der Mathematik„), den er mit der Erstellung der Holzschnitte für seine Weltharmonik beauftragte.
Hier ein anschauliches Beispiel für die geometrische Vielfalt der Weltharmonik:

Kepler wandelt hier auf den Spuren des Pythagoras von Samos: Die Geometrie ist gleichsam der Garant für die Homogenität des Logos.

In unserer Zeit hat so eine affirmative Sicht auf Wissenschaft Seltenheitscharakter. Ein passabler Nachfolger Keplers ist in meinen Augen der Mathematiker Roger Penrose (siehe u.a. Computerdenken 1991). Penrose entdeckte 1973 aperiodische Kachelmuster (die sog. Penrose-Parkettierung).

Parzellierung Penrose

Penrose sucht nach den theoretischen Grundlagen für eine Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie. Dabei spielt eine Rolle, dass es physikalische Objekte (Quasikristalle) gibt, die den von Penrose postulierten Mustern entsprechen. Effekte, die populär unter der Überschrift „Schrödingers Katze“ bekannt sind, müssten dann in diesen Quasikristallen eine Rolle spielen:

„Viele alternative Atomanordnungen müssen in komplexer linearer Superposition koexistieren.“

Die Suche nach einer einheitlichen Theorie von Quantenmechanik und Gravitationsphysik führt Penrose dazu, die Kopenhagener Deutung als einen Verzicht auf eine objektive Physik zu betrachten. Zur Homogenität des Logos gehört es, dass es eine einheitliche Theorie der Natur geben muss.

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Vernetzte Anonymität. Twitter biokybernetisch betrachtet.

Ich habe keine Ahnung von Soziologie. Dies spricht für meine Eignung, Fragen zur Soziologie zu beantworten.
Die zumeist anonyme Kommunikation in sozialen Netzwerke wird – so scheint es mir – gerade erst von Soziologen als Beobachtungs- und Untersuchungsgegenstand entdeckt. Eine bedeutende Frage ist nun, ob die vernetzte Anonymität eine neue Qualität darstellt und worin genau diese neue Qualität der Kommunikation in sozialen Netzwerken besteht. Ich widme mich hier speziell dem Untersuchungsgegenstand Twitter und verwende Kategorien aus der biologischen Kybernetik zur Beschreibung. Ziel ist es – über das Bindeglied Systemtheorie – zu einem für Soziologen anschlussfähigem Resultat zu kommen.

Die biologische Kybernetik interessiert sich für die Gesetze, die die selbstorganisierte Evolution komplexer Systeme ermöglichen. Ein Meilenstein war vor 60 Jahren das Miller-Urey-Experiment. Die Entstehung von Makromolekülen aus einer Ursuppe ist sozusagen ein Leuchtturmexperiment für Emergenz. Können wir Twitter als eine Ursuppe betrachten? Welche Strukturen würden dabei den Makromolekülen entsprechen?

Zur Beantwortung verlassen wir die Biochemie und wenden uns der Gehirnforschung zu. Hier interessiert uns das Prinzip der undifferenzierten Codierung, das Heinz von Foerster wie folgt beschreibt:

„Das Erstaunliche ist nun, daß jede Sinneszelle, ein Stäbchen oder Zapfen auf der Retina des Auges, eine Haarzelle auf der basilaren Membran des Ohres, eine Druck- oder Schmerzzelle, eine Warm- oder Kaltzelle, alle nur die Sprache >Klick< sprechen: Die physikalische Ursache der Erregung einer Nervenzelle ist nicht in ihrer Aktivität enthalten, sondern ausschließlich die Intensität der Störung, die ihre Aktivität verursachte. Die Signale, die dem Gehirn zugeführt werden, sagen also nicht blau, heiß, cis, au, usw. usw., sondern >Klick, Klick, Klick<, d.h. sie sprechen nur von der Intensität einer Störung und nicht von >was<, nur von >wieviel< und >woher<.“ [1]
Sächsischer Apfelstrudel

Wenn man nun unter Anonymität die Ungreifbarkeit der Zuordnung versteht, ist die undifferenzierte Codierung das Mittel der Anonymität. Betrachten wir in diesem Sinne mal die Wahrnehmung von Apfelstrudel als emergentes Phänomen. Nase, Augen und Mund finden nur durch Maskierung zu anschlussfähiger Kommunikation. Die Synchronität eines beobachteten Etwas – eine synfire chain – ist das Abbild des Apfelstrudels in der internen Repräsentation des Gehirns. Bemerkenswert dabei ist, dass das maskierte Individuelle – etwa eines Rezeptormoleküls der Nase im Vergleich zu den Zellen der Netzhaut – für das Abbild keine Rolle spielt. Es handelt sich um eine gleichgeschaltete Projektion. Die Anonymität ist zwecks Komplexitätsreduktion gewollt. Die Neuronen sind Teil einer klassenlosen Gesellschaft, die sich ereignisabhängig zu synchron aktiven Clustern formt. Erst die Historizität dieser geteilten Synchronität verleiht dem Neuron Individualität. Eine Individualität allerdings, die sich in der vernetzten Anonymität verliert.

Übrigens ist anhand dieses Beispiels gut zu verdeutlichen, in welchem Sinne sich der Begriff der Autopoiesis auf das Gehirn anwenden lässt. Kritiker weisen darauf hin, dass im Gehirn keine neuen Nervenzellen generiert werden und kein System im Sinne von Maturana vorliegt. Ich betrachte nun nicht die Nervenzellen als Systemkomponenten, sondern die synfire chains. Für Gehirnzellen ist schon im letzten Jahren der Nachweis gelungen, dass wiederholtes synchrones Feuern die Synapsen stärkt. Im Wechselspiel der synfire chains erkenne ich ein autopoietisches System.

Ersetzen wir nun den Begriff „Apfelstrudel“ durch „Krieg in Mali“ oder „Sexismusdebatte“ und wenden uns Twitter zu.
Ich nehme folgende Systemzuordnungen vor:

Twitter-Account -> Neuron
a folgt b -> Synapse zwischen a und b
a sendet Tweet x -> Neuron a feuert
b retweetet Tweet x von a innerhalb Zeitraum T -> a und b feuern synchron
c faved Tweet x von a -> Synapse zwischen a und c verstärkt sich (Gedächtnisfunktion)

Diese Tabelle kann natürlich in Bezug auf alle Interaktionsformen ergänzt werden (z.B. auf einen Tweet antworten, einen Account auf eine Liste setzen etc). Betrachten wir nun die Twitter-Diskussion über den Krieg in Mali. Nehmen wir an, ein Politologe A, ein Mediziner B, ein Physiker C und ein Soziologe D beschäftigen sich mit dem Thema und lesen und schreiben Tweets dazu.
Zunächst ist die Rollenzuschreibung natürlich nicht erkennbar. Ein Physiker könnte sich in seiner Kurzbiografie als Soziologie ausgeben – und umgekehrt. Es besteht also eine Analogie zur Situation der oben beschriebenen Nervenzellen. Die Twitterer sind füreinander unbekannt und bilden durch synchrone Interaktion ein autopoietisches Musterbildungssystem. Nun befinden wir uns in einer Meta-Ebene, da manche Twitterer über ein Gehirn verfügen. Gehirne konstruieren interne Repräsentationen, die als Teil eines Dispositivs betrachtet werden können. Hier zeichnet sich auch das qualitativ Neue ab: die Möglichkeit der Teilhabe an einem emergenten Musterbildungsprozess.
Das führt zu folgender These:

Twitter ermöglicht es durch Rollentausch und Anonymität, die interne Repräsentation eines Dispositivs zur Disposition zu stellen.

Letzte Woche konnte im Rahmen der #aufschrei-Debatte der Mechanismus dieser Musterbildungs-Prozesse studiert werden.
Wäre das ohne Twitter möglich gewesen?
Ich vermute, dass die empirische Sozialforschung uns lehren würde, dass über die Beziehung zwischen Mann und Frau vorwiegend nur Männer untereinander und Frauen untereinander diskutieren (und dabei im Dispositiv verweilen). In der ersten Welle des #aufschrei-Diskurses ging es – ganz im Sinne von Heinz von Foerster – nicht um ein „was“ sondern nur um Katgeorien wie „wer“, „woher“, „wieviel“ etc. Konkret wäre die Anzahl der Retweets mit „wieviel“ zu assoziieren. Relevanzzuordnung durch Unbekannte, unter anderem auch durch sich solidarisierende Männer. Durchschnittlich hat ein Twitterer 200 Follower (bzw. er folgt 200 anderen). Oft bilden sich selbstreferentielle Grüppchen, die postironsiche Witze wiederkäuen. Die Wellen der Retweets im Rahmen von #aufschrei haben diese Mikrocluster mühelos übersprungen und temporäre, neue Muster geschaffen. Natürlich haben sich im Rahmen dieser Debatte auch Unbekannte neu vernetzt. Dies ist gleichsam die Gedächtnisspur von #aufschrei. Das soziale System Twitter wurde so für diese Art der Debatte trainiert.

Wo führt das hin? Was ist das emergente Makromolekül von Twitter? Vielleicht das Aufschmelzen des einen oder anderen Dispositivs.

Literatur
[1] von Foerster, H. (1996) „Erkenntnistheorie und Selbstorganisation“, in: Siegfried J. Schmidt (ed.), Der Diskurs der radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main.

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Cusanus und Cauchy

Der 21. August 1789 war ein bedeutsamer Tag. In den USA schreibt Präsident Washington eine Einladung an den Senat, um Verhandlungen mit den Cherokee Indianern vorzubereiten. (Diese Verhandlungen führten zwar zu Umsiedlungen, sicherten den Cherokee aber das Überleben. Mit einer viertel Million Nachfahren – u.a. Quentin Tarantino – sind die Cherokee heute das größte noch existierende Indianervolk Nordamerikas.)

Eine ganz andere, stille Revolution nahm ebenfalls an diesem Tag ihren Anfang. In Paris wurde der französische Mathematiker Augustin Louis Cauchy geboren. Cauchy lieferte wichtige mathematische Instrumente, die später von der Quantenphysik genutzt wurden. So wird der Begriff des vollständigen Raums durch Cauchy-Folgen definiert. Vollständige Räume sind eine wichtige Basis für die Mathematik der Quantenphysik (sog. Hilberträume). Was das genau ist und bedeutet, wollen wir nun über einen Umweg ins Mittelalter erfahren.

Nicolaus Cusanus hat in De docta ignorantia (1440) den Versuch unternommen, das Zusammenfallen von Gegensätzen zu demonstrieren.

Ein Kreis und eine gerade Linie sind zwei völlig verschiedene Dinge. Wie sollte man sich auch vorstellen können, dass Kreis und Linie identisch sein könnten?
Im 13. Kapitel der belehrten Unwissenheit führt Cusanus dazu ein Gedankenexperiment durch. Dazu betrachten wir in der unteren Abbildung die gerade Linie AB und den Kreisbogen HG (Ergänzungen JKM und Rechenbeispiele von mir).

Cusanus Kreis

Stellen wir uns für die Verbindungslinie HG bzw. JK ein 30-cm-Lineal vor. Wir sehen einen Halbkreis HMG mit Radius 15 cm und einer Fläche von 353,42 cm². Was nun den Kreis hier sichtbar von der geraden Linie unterscheidet sind die beiden Flächenstückchen JHM und KGM von zusammen ε = 96,58 cm² Fläche.
Bei einem größeren Kreisbogen (FE) schmiegt sich die Tangente noch stärker an den Kreis an und ein ε kleiner als 50 cm² Fläche wird erreicht. Wir können nun die immer größer werdenden Kreise mit dem Index N nummerieren:
N=1 Bogen GMH
N=2 Bogen FME
N=3 Bogen DMC
etc.
Wir stellen uns eine Abfolge immer größerer Kreise vor. Damit sollte es also möglich sein, sich ein bestimmtes ε auszudenken, etwa ε= 1 mm² und dazu einen hinreichend großen Kreis N zu finden, der das Kriterium erfüllt. Die Tangente des Kreises fällt immer mehr mit dem Kreisbogen zusammen. (Sehr anschaulich ist unser Erdball mit einem Radius von 6378,1 Kilometern. Ein 30-cm-Lineal liegt flach auf dem Boden auf.)

Das, was Cusanus hier einführt, entspricht einer Cauchy-Folge.

Betrachten wir noch ein Beispiel aus der Mathematik. Hier betrachtet man Zahlenfolgen, die die Quadratwurzel aus 2 (1,414213562373095048801688724209 69807856967187537694 … ) durch einen Bruch ganzer Zahlen annähern. Die irrationale Zahl „Quadratwurzel aus 2“ gehört selbst nicht zur Menge der rationalen Zahlen. Analog könnten wir interpretieren, dass eine gerade Linie nicht zur Menge der Kreisbögen gehört, wohl aber beliebig angenähert werden kann.

Bemerkenswert ist nun, wie Cusanus diese Beobachtung interpretiert:

„Da jedoch das, was der Möglichkeit nach in der endlichen Linie liegt, die unendliche Linie in Wirklichkeit ist, so wird uns auf diese Weise der Gegenstand unserer Untersuchung klarer werden.“

Da jedes Wort eine Rolle spielt, hier noch einmal die Passage im Original:

„Et quia quidquid est in potentia finitae, hoc est infinita actu, erit nobis clarius id quod inquirimus.“

Das Attribut der Wirklichkeit kommt hier dem als Ideal gedachten Kreisbogen des unendlich grossen Kreises zu (infinita actu). Die realen Kreisbögen werden mit der Kategorie der Möglichkeit (potentia finitae) assoziiert.
Die Quantenphysik hat später diese Interpretation auf den Kopf gestellt. Die ideale Quantenwelle Ψ ist eben nicht real, sondern nur die Messung von Amplituden |Ψ|² im Labor. Die Deutungshoheit wechselte also von Gott ins Labor!

Wie also würde Cusanus das Experiment mit Schrödingers Katze interpretieren? Die Quantenwelle – die Überlagerung aus toter und lebendiger Katze – ist die göttliche Wirklichkeit. (Eine Wirklichkeit, die wir nur in nicht ergreifender Weise – vermittels der belehrten Unwissenheit – verstehen). Die Messung im Labor ist nur menschliches Stückwerk.
Offenbar erlaubt eine im Kern identische Mathematik zwei völlig verschiedene Interpretationen.

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Ewige Zeugung und Quantenkollaps

Gibt es eine irreduzible Grundstruktur unseres Denkens? Eine derartige Struktur würde Möglichkeit und Grenzen der Beschreibung unserer Untersuchungsgegenstände bestimmen. Diese Struktur wäre die Grundlage von Theologie, Mathematik, Soziologie, Quantenphysik etc.
Vermittels einer derartigen Struktur sollten sich Isomorphien etwa zwischen Theologie und Quantenphysik identifizieren lassen.

Betrachten wir dazu „Die belehrte Unwissenheit“ des Nicolaus Cusanus. Im 8. Kapitel („Die ewige Zeugung“) zeigt Cusanus, wie „von der Einheit die Gleichheit der Einheit gezeugt wird, die Verbindung aber von der Einheit und von der Gleichheit der Einheit hervorgeht“. Das klingt etwas abstrakt. Es geht um eine trinitarische Struktur T:= { Einheit (Vater), Gleichheit (Sohn), Verbindung (heiliger Geist)}.

Trinity by Jeronimo Cosida

Wie kommt man auf so eine Struktur?
Cusanus konnte auf Überlegungen des platonischen Philosophen Thierry von Chartres aufbauen. Starten wir mit dem Verhältnis von Vater und Sohn bzw. Einheit und Gleichheit. Thierry bezieht sich auf Jesus Abschiedsreden im 14. Kapitel des Johannesevangeliums:

„Wer mich sieht, der sieht den Vater; wie sprichst du denn: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst. Der Vater aber, der in mir wohnt, der tut die Werke.“

Der Sohn ist durch Repräsentation und Teilhabe charakterisiert. Die Totalität aller Repräsentationen von X ist mit X identisch. Die einfache Gleichung 1 * 1 = 1 kann als Rückkehr der Repräsentation zu sich selbst betrachtet werden.

Bei Cusanus kommt nun noch der Begriff der Form hinzu. Aristoteles konstatierte: „Benennbar ist nur die Form und ein Ding nach seiner Form; das Stoffliche an sich ist niemals benennbar.“
Der Sohn ist also die Form des Vaters.
Vater als Unendlichkeit, Ding an sich oder Totalität ist nicht erkennbar. (Siehe dazu auch „Die menschliche Vernunft und der dreieine Gott bei Nikolaus von Kues“ von Rudi Ott.

Ohne Repräsentation und Teilhabe keine Offenbarung. Der offenbarte Vater darf sich dabei aber nicht verzehren. Auch die Zeugung des Sohnes muss fehlerfrei und vollständig geschehen, weil laut Cusanus sonst ein „Monstrum“ entstünde. Teilhabe und Verschränkung werden durch die Verbindung (heiliger Geist) gewährleistet.

Die Multiplikation 1*1=1 kann man ins Unendliche fortsetzen. Es entsteht eine unendliche Kette Vater -> Sohn -> Vater -> Sohn -> Vater etc.

Diese trinitarische Denkfigur zeigt eine bemerkenswerte Isomorphie zum Welle-Teilchen-Dualismus der Physik. Eine Quantenwelle Ψ ist keine Observable – sie ist die Totalität möglicher Zustände (Einheit, Vater). Man kann nur bestimmte Spektrallinien und Amplituden |Ψ|² der Welle messen. Im Labor offenbart sich die Quantenwelle durch ein Fichte’eskes |Ψ|² = |Ψ|² . Aus der Summe aller Projektionen kann man die Quantenwelle rekonstruieren (Den Vater aus dem Sohn reproduzieren, ohne dass ein Monstrum generiert wird). Die Reduktion R der Quantenwelle spielt in diesem Bild die Rolle der Verbindung (heiliger Geist).

Vom formlosen Vater kann man nicht dieses oder jenes sagen. Deshalb entrüstet sich Jesus: „Wie sprichts du denn: Zeige uns den Vater?“ Eine Projektion auf ein Stückchen Vater mit Ausrichtung per Zeigefinger: „Dies ist Vater“ ist ausgeschlossen. Die Jünger werden aber später sagen können: jener |Ψ|², der gekreuzigt wurde ist identisch mit diesem |φ|², der Maria Magdalena erschienen ist (|Ψ|²=|φ|²).

Die ewige Zeugung ist ein merkwürdiger Tanz von Endlichkeit und Unendlichkeit. Hegels Negation der Negation als Rückkehr ist aus gleichem Holz geschnitzt. Ein Grenzraum des Denkens, der seit Thierry von Chartres noch keine Türe auf einen etwaigen benachbarten Raum offenbart hat.

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Der Sinn von Tod

Wir müssen alle sterben. Das ist die einzige Gewissheit, die wir haben. Könnte es einen besseren Ausgangspunkt für eine fundierte Philosophie geben?

Es ist erstaunlich, wie sehr die Philosophie die Thematisierung von Tod vermieden hat. So konstatierte Spinoza: „Ein freier Mensch denkt über nichts weniger nach als über den Tod; seine Weisheit besteht nicht im Denken über den Tod, sondern über das Leben.” Ebenso klar positionierte sich Goethe: „Den Tod aber statuiere ich nicht.“

Ganz im Gegensatz zu diesem Postulat identifizierte der kongeniale Jochen Hörisch in seiner Schrift Der Rest ist beredtes Schweigen. Goethes Gedicht Im ernsten Beinhaus eine Reihe grundlegender Überlegungen zum Tod. In seiner Interpretation geht Hörisch auf Goethes Setzung Gott=Natur ein und verknüpft diese mit dem naturwissenschaftlichen Entropie-Begriff.
Hörisch kommt zu folgender Schlussfolgerung:

„Was bleibt, ist aber eine Goethe-nahe Intuition: dass ontologische Entropie semiologische Potenzen freisetzt. Für physische Systeme gilt der Entropiesatz, für „metaphysische“ nicht. Spekulativ formuliert: zerfallendes Sein vernichtet nicht etwa Sinn, sondern setzt Sinn frei.“

Das klingt nach einer Beantwortung der Frage nach dem Sinn von Tod. Wie aber sind diese Aussagen zu deuten?

Nähern wir uns zunächst aus naturwissenschaftlicher Sicht den Themen Gott=Natur und Entropie. Der Autor dieses Blogs ist ein sterblicher Mensch, der aus etwa 700 Quadrillionen Kohlenstoffatomen, vier Quadrilliarden Wasserstoffatomen und diversen weiteren Atomen besteht. Diese Atome formen unter anderem eine Hand, die eine Computer-Tastatur bedienen kann. Rein thermodynamisch ist das schon recht unwahrscheinlich, dass so ein Gefüge aus Atomen existieren kann. Es ist eben ein Naturgesetz, dass sich auf Dauer die Unordnung (Entropie) durchsetzt. Unter normalen physikalischen Umständen wären unsere Wasserstoffatome im Wasser der Ozeane verteilt und unsere Kohlenstoffatome an des Kohlendioxid in der Atmosphäre gebunden.
Nur durch Zufuhr von Energie kann Ordnung generiert werden. In diesem Sinne haben wir unsere Existenz der Sonne zu verdanken, deren Strahlen in Verbindung mit Chlorophyll die Photosynthese ermöglichen. In diesem Sinne hat der Pharao Echnaton mit seiner Verehrung der Sonne auf einen passablen Gott=Natur-Kandidaten verwiesen.

Diese Entropie-Betrachtung führt dazu, dass wir das Leben als Mysterium begreifen sollten und den Tod als pure Selbstverständlichkeit. Wie kann man aber nun begreifen, dass der Entropiesatz für metaphysische Systeme nicht gilt?

Philosophen und Literaturwissenschaftler nutzen den Entropie-Begriff wie eine Metapher. Nun stammen die Hauptsätze der Thermodynamik aus dem 19. Jahrhundert und es stellt sich die Frage, ob sich durch Quantenphysik und Relativitätstheorie neue Metaphern anbieten, die uns den Sinn von Tod in einem erweiterten Sinne interpretieren lassen.

Einen Hinweis auf eine mögliche Richtung gibt uns Hegels Diktum, dass der Tod als Befreiung des Endlichen von seiner Endlichkeit betrachtet werden sollte. Für unendliche (metaphysische?) Systeme könnte der Entropiesatz nicht gelten.

Aus Sicht der Quantenphysik sind die Atome meines Körpers unendlich ausgedehnte Wellen. Während der materielle Schwerpunkt meines Körpers hier in Westfalen am Schreibtisch sitzt, haben einzelne Teilchen für einen potentiellen Beobachter in Paris oder London eine von Null verschiedene Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Entsprechend der Kopenhagener Deutung gilt dies allerdings nur so lange ich nicht beobachtet werde (d.h. eine Messung durchgeführt wird). Bekomme ich Besuch und der Besucher sieht mich am Schreibtisch sitzen, so sieht er nur das „kollabierte“ Wellenpaket |Ψ|² und nicht die ursprüngliche Wellenfunktion Ψ.

Von besonderer Bedeutung ist nun, was sich in unserem Kopf abspielt. Die Aktivität unseres Gehirns geht mit der Erzeugung elektromagnetischer Felder einher, denen man nach E=mc² eine Masse zuordnen kann. Damit könnten Effekte der Quantengravitation in unserem Gehirn eine bedeutende Rolle spielen. Nach der Theorie der Orchestrated objective reduction von Penrose und Hameroff ist unser Bewusstsein als quantenmechanischer Prozess zu verstehen.

Penrose und Hameroff wollen die Ambivalenz zwischen unendlich ausgedehnter Wellenfunktion Ψ und endlichen (punktförmigen) Messwerten |Ψ|² überwinden. Sie interpretieren den „Kollaps“ der Wellenfunktion als natürlichen Prozess, der sich immer und überall ereignet. Demnach führen Endlichkeit und Unendlichkeit einen ständigen Tanz auf. Mehr noch: das Wechselspiel aus Endlichkeit und Unendlichkeit konstituiert den Zeitpfeil, das instantane Jetzt. Dies führt zu einen neuen, mächtigen Metapher in der Gleichung Gott=Natur=Zeit. Hölderlins „reißender Fluß der Zeit“ kann somit als friedlicher, natürlicher Teil des Ganzen gesehen werden. Oder – wie Hörisch konstatiert: nur ein zeitlich verfasstes Sein ermöglicht Bedeutsamkeit.

Wenden wir uns damit erneut Hörisch‘ Spekulation zu: „zerfallendes Sein (|Ψ|²) vernichtet nicht etwa Sinn, sondern setzt Sinn (Sein Ψ) frei“. Meine Einfügungen deuten dabei an, wie sich die Spekulationen eines Literaturwissenschaftlers den Strukturen einer ebenfalls spekulativen Naturwissenschaft nähern können.

Nun dürfen wir also auf die Frage nach dem Sinn von Tod eine tiefere Antwort verlangen, als sie die Hauptsätze der Thermodynamik geben könnten.

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Welt aus Brühwürfeln – Fassbinders Prolegomenon zur Matrix

Ist unsere Welt nur eine Simulation? Ein Gedankenexperiment des schwedischen Philosophen Nick Bostrom führt zu etwas abenteuerlichen Gedanken – bis hin zur techno-magischen Verhinderung des Weltuntergangs.

Beim gegenwärtigen Hype dieses Themas – medial gerne flankiert mit Bildern aus The Matrix – ist es angebracht auf Fassbinders geniales Werk Welt am Draht zu verweisen. Tom Tykwer bezeichnete Welt am Draht als ein „ein Prequel zu The Matrix“.

Fassbinder hat 1973 den neun Jahre zuvor erschienenen Science-Fiction-Roman Simulacron-3 des US-amerikanischen Autors Daniel F. Galouye verfilmt. Die Akteure sind nicht physisch, sondern Projektionen in der Simulationswelt eines Computers. Alle wesentlichen Matrix-Elemente – etwa die berühmten ‚Fehler in der Matrix‘ – sind in dem zweiteiligen Fassbinder-Werk bereits präsent.

Hier steht nun nicht der Roman von Daniel F. Galouye im Fokus, sondern die spezielle Handschrift von Fassbinder. Zwei Punkte sind mir dabei aufgefallen.

I. Simulation – warum?
Im Film will ein Stahlkonzern seine Absatzprognosen verbessern. Ziel ist offenbar eine deterministische Welt ohne prognostische Unschärfen. Im Rechner werden 9.700 „Identitätseinheiten“ einer Simulation unterzogen. Das Programm Simulakron erreicht dabei eine prognostiosche Unschärfe von 5,8 %.
Durch Spiele wie Civilization ist dieses Szenario für uns schon Wirklichkeit geworden. Und es wäre schon vorstellbar, dass man künftig Probleme wie die Euro-Finanzkrise per Computersimulation lösen möchte. Diverse Hedgefonds arbeiten schon heute mit extrem ausgereiften Programmen.
In den 70er Jahren wurde in der Bundesrepublik noch über Staatsmonopolkapitalismus als Alternative diskutiert. Fassbinder knüpft hier an Machtfragen an, indem er das Machtstreben der Unternehmer als Bedrohung darstellt.

II. Die Medien und die Simulation von Wirklichkeit
Ein Reporter nimmt in Welt am Draht mit einem Informanten Kontakt auf, um kritisch über das Projekt Simulakron zu berichten. Dazu spielen einige Szenen des Films in einem Verlagsgebäude. Völlig losgelöst von diesem Plot wird eine Besuchergruppe mit folgenden Worten durch die Redaktion geführt:

„Sehen sie meine Damen und Herren, hier sind unsere Reporter. Sie sind es die die Geschichten machen.
Sie bearbeiten kurze Meldungen; den Brühwürfel einer Nachricht sozusagen und sie lösen ihn auf in Stories; bringen die Hintergründe, sofern vorhanden.
Und von da wandert dann das Manuskript, wenn es redigiert ist in die Setzerei, die sie jetzt gleich sehen werden.“


(Die Szene beginnt hier ab 01:50)

Das hat nichts mit dem Roman zu tun und muss als Fassbinders Statement interpretiert werden. 1973 waren die SPIEGEL-Affäre und die Auseinandersetzung mit der Springer-Presse noch sehr präsent. Man beachte nur das Wortspiel „Hintergründe“ sollen „vorhanden“ sein. Dieser Widerspruch ist natürlich eine Absage an investigativen Journalismus. Die Gäste sehen die Journalisten und die Maschinen – den Mechanismus des Journalismus sehen sie nicht.
Die Vorstellung, dass das, was in der Zeitung steht, nicht die wirkliche Wirklichkeit abbildet, war implizit vorhanden. Fassbinder schenkt mit diesem Statement dem ursprünglichen Science-Fiction-Thema eine soziale Dimension.

Dies sind nur zwei Facetten, die bei mir Assoziationen ausgelöst haben. Die eigentliche philosophische Dimension von Welt am Draht ist damit keineswegs erschlossen.

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Hermann Wein. Eine Würdigung.

Wie kann man einen Philosophen entwürdigen? Die Geschichte der Philosophie ist ein lebendiger Fluss. So manches Philosophen-Zitat wirkt im Diskurs so, als wäre es soeben erst ausgesprochen worden und so für uns neu entdeckt. Für einen Philosophen kann es also ein transzendentes Weiterleben nach dem Tod geben.

Die Entwürdigung eines Philosophen ist das Vergessen. Das völlige In-Vergessenheit-geraten des Philosophen ist sein eigentlicher Tod. Eine ganze Strömung der Philosophie schien zeitweise davon betroffen zu sein: die Fundamentalontologie Nicolai Hartmanns.
Analytische Philosophie und Existenzphilosophie stellten die Fundamentalonotologe lange in den Schatten. So wurde zum Beispiel erst im März 2009 eine Nicolai-Hartmann-Society gegründet, 59 Jahre nach dem Tod Nicolai Hartmanns!
Bemerkenswert ist, dass durch den Hartmann-Schüler Takiyettin Mengüşoğlu die Fundamentalontologie in der Türkei einen Wirkungsort gefunden hat.
Der Göttinger Philosoph Hermann Wein war ebenfalls Hartmann-Schüler. Bis heute gibt es keinen Wikipedia-Eintrag zu Hermann Wein.
Ein Impuls zur Auseinandersetzung kam aus der Türkei: Nebil Reyhani hat an der Hacettepe-Universität Ankara sein Philosophie-Studium absolviert. Durch ein Auslandsstipendium kam er nach Mainz und verfasste eine Dissertation über Hermann Weins Kosmologie.
Diese Dissertation sowie die Schrift Kentaurische Philosopie sind für mich der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Hermann Wein.

Hermann Wein ist der Philosoph der Struktur. Für Naturwissenschaft und Systemtheorie sind seine Überlegungen sehr bedeutsam. Starten wir mit seinem „Zugang zu Philosophischer Kosmologie“ (kurz: ZpK).

„Was nicht in den Zusammenhang der Erfahrung, des Bewußtseins eingeht, kann nicht Erfahrung, kann nicht Bewußtes sein“ (ZpK 46)
„Es handelt sich um das Eintreten in eine Ordnung“ (ZpK 47)

Wie Nebil Reyhani überzeugend darstellt, gibt es hier einen engen Zusammenang zu Kants Begriff der Affinität. Wein übernimmt von Hartmann die Kernpunkte seiner Kategorienlehre: Kategorien können keine isolierten Entitäten sein, sondern stehen selbst im Zusammenhang und sind als Teil einer Struktur zu betrachten.

„Das Metakategoriale, das ‚hinter’ den Kategorien – Seins und Erkenntniskategorien – Stehende, an dem sie insgesamt teilhaben, ist: Geordnetheit-überhaupt, Systematik-überhaupt“ (ZpK 111).

Kategorien werden hier als Teil eines Gefüges aus (System,Struktur,Ordnung) gesehen.
Worum geht es hier?
Wein bemängelte, wie Philosophie und Naturwissenschaften auseinander drifteten.
Die Diskussion um die „richtige“ Deutung der Quantenphysik war aus Weins Sicht ein Indiz dafür, dass den Naturwissenschaften eine philosophische Grundlage fehlt. Damit im Zusammenhang steht die Kluft zwischen Realismus und Idealismus und zwischen der Welt des Seins und der Welt des Seienden.
Wie aktuell die Überlegungen von Hermann Wein sind, zeigt die Diskussion in der Quantenphysik. Elementarteilchen werden durche eine Wellenfunktion Ψ beschrieben (unendlich ausgedehnt). Eine MESSUNG hingegen wird durch den Skalar |Ψ|² (punktförmig) beschrieben:
Denkbare Welt (Idealismus, homogen): Ψ
Messbare (erfahrbare) Welt (Realismus, heterogen):|Ψ|²

Eine Mehrheit der Physiker findet sich unreflektiert damit ab, dass es offenbar zwei Physiken gibt. Weins Philosophie bietet einen Lösungsansatz für eine Theorie, die beide Welten umfasst:

„Die Möglichkeit einer Struktur, die weder homogen noch heterogen sein soll, sondern aus mit einander affinen Strukturen besteht, braucht nicht gesondert gezeigt zu werden. Da diese Struktur ein Erfahrungsbefund ist, ist ihre Möglichkeit durch ihre Realität schon bewiesen.“

Dies ist eine Beweislastumkehr: Warum soll sich eine Philosophie, die die Vereinigung von Idealismus und Realismus propagiert, vor einer Physik rechtfertigen, die diese Vereinigung schon lange lebt?
Wein stellt die alles entscheidende Frage nach einer Isomorphie der Welt des Seins und der Welt des Seienden. Diese Isomorphie soll sich auf eine neutrale Ur-Ordnung gründen.

Natürlich sind diese Überlegungen nur eine erste Einordnung. Seine Auseinandersetzung mit Heidegger und Hegel ist sehr bemerkenswert, würde hier aber den Rahmen sprengen. Um meinen ersten Eindruck auf den Punkt zu bringen: Hermann Wein war der letzte echte Kosmologe.

Mir ist es nicht gelungen eine Abbildung von Hermann Wein im Internet zu finden. Durch seine Positionierung zwischen Idealismus und Realismus kann ich mir Hermann Wein gut als einen Kentaur vorstellen:

Chiron instructs young Achilles - Ancient Roman fresco

Wie man sieht ist der von der Gesellschaft geächtete Kentaur zumindest als Lehrer von Achill zu gebrauchen. Der abgebildete Chiron hatte eine ganze Reihe prominenter Schüler. Dies steht bei Hermann Wein offenbar noch aus.

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