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Nicolai Hartmann und die Quantentheorie

In seiner Ontologie leitet Hartmann eindrucksvoll den Unterschied zwischen realem Sein und idealem Sein ab. Wahrscheinlich war ihm nicht bewusst, wie sehr sich sein Dualismus von realem Sein und idealem Sein in den mathematischen Strukturen der Physik spiegelt. Dies betrifft den Welle-Teilchen-Dualismus allgemein und die Axiomatik der Quantenphysik im Besonderen.

Leider ist es zum Verständnis dieses bedeutenden Sachverhalts unumgänglich, den grundlegenden Ansatz der Quantenphysik zu verstehen. Beginnen wir mit dem Phänomen der Elektronenbeugung (siehe Bild).

Ein Bild, das grün, Licht, sitzend, dunkel enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Ein Beugungsexperiment kann man sich analog zu Newtons berühmten Prismen-Experiment vorstellen. Newton lenkte einen dünnen Lichtstrahl durch einen kleinen Spalt in einen abgedunkelten Raum, bevor dieser Lichtstrahl durch ein Prisma in seine Spektralfarben gebrochen wurde. Als Ergebnis erkannte er, dass weißes Licht aus allen Spektralfarben zusammengesetzt ist. Nun gibt es eine Reihe von Experimenten, die die Teilchennatur des Elektrons zeigen (Blasenkammer). Die Wellennatur hingegen zeigt sich im Beugungsexperiment. Das Bild oben zeigt nun hellere und dunklere Ringe, die die Aufenthaltswahrscheinlichkeit der Elektronen anzeigen.

Die Physik benötigt also eine Mathematik, die solche Wellenpakete beschreiben kann. Wir können hier nicht die Geschichte der Quantenphysik komplett reproduzieren. Daher konzentrieren wir uns auf die axiomatische Basis der Quantenphysik, da sich daraus auch Anknüpfungspunkte für Philosophen ergeben.

Wir starten mit dem Zustandsaxiom:

Physikalische Zustände Ψ werden durch die Vektoren eines Hilbertraumes H beschrieben. Ein Hilbertraum ist ein vollständiger komplexer Vektorraum mit einem hermiteschen, positiv-definiten Skalarprodukt, der eine abzählbare Basis besitzt[1].

Der mathematische Laie wird sich an seine Schulzeit erinnern, als er Sinus- bzw. Cosinus-Funktionen auf Millimeterpapier aufgetragen hat. Die Form der Wellen änderte sich, wenn man von sin(x) etwa zu sin(2*x) überging. Der oben erwähnte Hilbertraum enthält Funktionen Ψ, die man sich zusammengesetzt aus verschiedenen Sinus- und Cosinusfunktionen vorstellen kann, so dass Ψ auch noch so komplexe Wellenmuster (wie etwa bei der Elektronenbeugung oben) abbilden kann.

Den Gegenpol zum Zustandsaxiom bildet das Observablenaxiom:

Jede physikalische Observable A wird durch einen linearen hermetischen Operator A des Zustandsraumes H dargestellt. Sehr vereinfacht drückt sich das in der Formel

<A> = < Ψ |A| Ψ>

aus. Diese Schreibweise stammt von Dirac, der aus dem englischen Begriff für Klammer (bracket) die Bestandteile der Formel in einen Teil „bra“ < Ψ | und einen Teil „ket“ | Ψ> aufgeteilt hat.

Wie ist diese Formel zu interpretieren? Ich gebe ein extrem vereinfachtes Beispiel. Wir stellen uns vor, dass wir die Basisformeln für die Wellen durchnummerieren, Funktion Nummer drei wäre etwa sin(3*x). Der „ket“-Vektor steht für den physikalischen Zustand. Ist in dem Wellenpaket unseres physikalischen Zustands also diese dritte Funktion enthalten, dann wäre das die Komponente | Ψ3>. Der „bra“-Vektor steht für das, was wir mit unserer Messung abfragen wollen. Wenn wir ermitteln wollen, ob die Funktion sin(3*x) zum Zustand gehört, benötigen wir die Komponente <Ψ3|. Wir messen den relativen Anteil der abgefragten Funktion zum Wellenpaket (die Amplitude). Dabei kommt stets eine reelle Zahl (ein Skalar) als Ergebnis heraus.

Wir haben also für Zustände und Observablen zwei völlig verschiedene mathematische Beschreibungen. Einerseits Wellenpakete, bei denen sich Zustände überlagern können, auf der anderen Seite eine Zahl, die das Ergebnis einer Messung repräsentiert. Wir haben den Dualismus zweiter Welten. Dies hat in der Quantenphysik zu Diskussionen geführt, die bis zum heutigen Tage nicht abgeschlossen sind.

Aus philosophischer Perspektive sind dabei die Interpretationen von besonderem Interesse, die diesen Dualismus überwinden wollen und eine physikalische Beschreibung für eine Welt anstreben[2].

Und genau an diesem Punkt ergibt sich ein verblüffender Blick auf Hartmanns Ontologie. Wenn wir die Quantenphysik in seinem Schema verorten wollen, dann ist ganz klar, dass die Messung (die Observable) der Sphäre des realen Dasein zuzuordnen ist (siehe Schema).

Ein Bild, das Screenshot enthält.

Automatisch generierte Beschreibung

Die Superposition von Zuständen hingegen gehört zur Sphäre des idealen Seins. Die Quantentheorie benötigt also zu ihrer Darstellung zwei Sphären des Seins! Man kann es auch so ausdrücken: ein quantentheoretischer Dualismus ist ontologisch denknotwendig.

Dies dürfte eine der bemerkenswertesten Einsichten in den Aufbau unseres Universums sein. Leider scheint sich Hartmann nicht eingehender mit dem Formalismus der Quantentheorie beschäftigt zu haben. Und so kam es, dass er diese bemerkenswerte Frucht seiner Ontologie schlicht übersehen hat.

  1. Siehe: Horst Rollnik, Quantentheorie, Braunschweig/Wiesbaden 1995
  2. Ein prominenter Vertreter dieser Herangehensweise ist Sir Roger Penrose.

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Kritische Ontologie – Teil IV

Übersicht der Intermodalgesetze des Realen (Seite 107ff)

Hartmann gibt zunächst eine Übersicht der Intermodalgesetze. Die eigentliche Beweisführung folgt später. Grundsätzlich gibt es drei Arten der Beziehung zwischen Modi: Ausschließung, Implikation und Indifferenz. Unter Indifferenz versteht Hartmann die Situation, dass sich ein Modus mit einem anderen verträgt, ohne ihn zu fordern.

I. Grundsatz: Von den Modi des Realen ist keiner gegen einen anderen indifferent.

Man könnte dies auch so formulieren: Die Modi des Realen fordern stets einen anderen Modus oder sind zumindest mit einem anderen Modus unverträglich.

Die allgemeine Modalanalyse zeigte die Indifferenz von Möglichkeit gegen Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Wenn der I. Grundsatz zutrifft (die Beweisführung steht noch aus), dann trifft das in der Sphäre des Realen nicht zu. Möglichkeit des Nichtseins und Wirklichkeit schließen sich hier aus. Daraus folgt dann der nächste Grundsatz.

II. Grundsatz: Alle positiven Realmodi schließen alle negativen von sich aus; und – da Ausschließung nur gegenseitig sein kann – alle negativen Realmodi schließen alle positiven von sich aus.

Der Grundsatz klingt für sich recht plausibel. Doch betrachten wir einen der Sätze, die Hartmann daraus ableitet:

„Dasjenige, dessen Sein möglich ist, kann nicht unwirklich sein.“ (Seite 113)

Das ist für das traditionelle Denken mehr als merkwürdig. Oder – wie Hartmann es formuliert: „Es ist der Boden der Logik, der zu wanken scheint.“ (Seite 114)

Das gewohnte Denken macht uns glauben, dass ein A, das möglich ist, aber zur Zeit noch nicht wirklich ist, in der Zukunft noch wirklich werden kann. Dieses „wirklich werden können“ impliziert natürlich, dass es auch nicht wirklich werden kann, somit unwirklich bleibt. Gerade das negiert Hartmann. Wenn ich einen Lottoschein abgebe, dann sehe ich die Möglichkeit, einen hohen Gewinn zu erzielen („den Jackpot knacken“). Durch die gültige Abgabe des Lottoscheines steht für das tradierte Bewusstsein der Gewinn in der Kategorie der Möglichkeit. Und damit denken wir an Hartmann vorbei. Es geht nicht um eine Kategorie im Sinne Kants. Möglichkeit bei Hartmann ist ein Modus innerhalb einer Sphäre des Seins. Der Lottoladen, der Verkäufer im Laden und das Geld in meinem Portemonnaie, mit dem ich den Lottoschein bezahle, befinden sich in der Sphäre des realen Seins. Alles darin ist den Gesetzen in der Sphäre des realen Seins unterworfen.

III. Grundsatz: Alle positiven Realmodi implizieren einander, und alle negativen Realmodi implizieren einander.

„Es ist ein eigentümlicher Radikalismus des Seins und Nichtseins, der sich darin ausspricht. Dieser Radikalismus ist das erste ontologische Licht, das auf das Wesen der Realität fällt.“ (Seite 116)

Daraus leitet Hartmann folgende Gesetze ab:

Realgesetz der Möglichkeit: Was real möglich ist, das ist auch real wirklich.

Realgesetz der Notwendigkeit: Was real wirklich ist, das ist auch real notwendig.

Das ist nun wirklich verblüffend. Sind damit alle Unterschiede zwischen Notwendigkeit, Wirklichkeit und Möglichkeit in der Sphäre des realen Seins aufgehoben? Läuft das auf eine Tautologie hinaus? Das meint Hartmann natürlich nicht. Wir müssen „möglich“ von „Möglichkeit“ ebenso unterscheiden wie „wirklich“ von „Wirklichkeit“. Vor der Herleitung dieser Gesetze hat der Leser jedes Recht, die vorgetragenen Gesetze anzuzweifeln.

Deshalb lohnt es sich, ein fundamental einfaches Beispiel aus der Physik zu betrachten, das mit Hartmanns Gesetzen gut verträglich ist.

Wir denken uns eine Glasmurmel (13 Millimeter Durchmesser d und 3,75 Gramm Masse m), die sich mit 10 Stundenkilometern Geschwindigkeit v geradlinig-gleichförmig im leeren Raum bewegt. Aus den genannten Parametern können wir den Impuls p (p= m*v) und die kinetische Energie E (E = ½ * m * v²) berechnen. Beobachten wir die Kugel zum Zeitpunkt t=t1 an einem Ort x=x1, dann können wir den Ort zum Zeitpunkt t2 (eine Stunde später) vorhersagen: x2= x1 + 10 km. Was wir dann sehen, ist im Prinzip dasselbe physikalische System: Die Zahlenwerte von Impuls und Energie sind unverändert (wir nehmen an, dass es im leeren Raum keine Reibungsverluste gibt). Die Erhaltung der Energie ist mit einer Zeit-Symmetrie und die Erhaltung des Impulses mit einer Raum-Symmetrie verbunden (Noether-Theorem). Daraus resultiert das Bewegungsgesetz. Die Symmetrie ist mit den Freiheitsgraden des Systems verbunden (hier: Bewegung entlang eines bestimmten Vektors im kartesischen Raum).

Zum Zeitpunkt t2 beobachten wir die Glasmurmel am Ort x2. An diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt ist die Murmel wirklich, notwendig und möglich. Das Wirklichsein ist die Daseinstatsache der Murmel in der realen Welt. Das Möglichsein resultiert aus dem Freiheitsgrad. Das Notwendigsein aus dem Bewegungsgesetz. Und doch ist die Notwendigkeit (das Bewegungsgesetz) von der Wirklichkeit (die physikalisch nur einen Zustand im Zustandsraum bzw. Phasenraum darstellt) verschieden. Dies gilt auch für die Möglichkeit an sich (die dem System zugänglichen Punkte im Zustandsraum bzw. seine Freiheitsgrade).

Hartmann gibt ein sehr anschauliches Beispiel für die Realmöglichkeit. Von einem morschen Baum lässt sich sagen: Es ist möglich, dass er umstürzt. Für die reale Möglichkeit muss der komplette Nexus erfüllt sein, d.h. jede zur Ermöglichung fehlende Bedingung. Dies kann zum Beispiel ein Windstoß sein. Aus einer tatsächlichen Möglichkeit folgt bei Hartmann die Tatsache. Das Gravitationsgesetzt trägt dazu bei, dass der Baum auch notwendig umfällt. Dann gibt es einen Raumzeitpunkt, in dem der Baum wirklich, notwendig und möglich umfällt.

Das Spaltungsgesetz der Realmöglichkeit (Seite 118ff)

Reale Wirklichkeit setzt reale Möglichkeit voraus, und reale Unwirklichkeit setzt reale Möglichkeit des Nichtseins voraus. M+ bezeichnet bei Hartmann die Möglichkeit des Seins und M- die Möglichkeit des Nichtseins.

Reales Sein im Sinne Hartmanns meint eindeutiges Sein im Hier und Jetzt. Dieses bestimmte Möglichsein schließt die Möglichkeit des Nichtseins aus.

Wie ist das zu verstehen? Physikalisch ist das eindeutige Sein im Hier und Jetzt als Fixierung eines Punktes im Zustandsraum der Welt zu interpretieren. Der einzelne Weltpunkt ist Teil einer Trajektorie, die in Zukunft und Vergangenheit eine Bandbreite verschiedener Zustände durchläuft. Aber zum konkreten Zeitpunkt t=X ist der Zustand eindeutig fixiert.

Folglich sind M+ und M- in der Sphäre des Realen strikt getrennt.

„Indem die Möglichkeit des Seins im realen Wirklichsein enthalten ist, ist die Möglichkeit des Nichtseins von ihm ausgeschlossen.“ (Seite 121)

„Was heißt es denn eigentlich, daß in der Wirklichkeit keine Möglichkeit des Nichtseins besteht? Es heißt dieses, daß das einmal Wirklichgewordene auf keine Weise mehr unwirklich (rückgängig) gemacht werden kann.“ (Seite 122)

Diese Passagen gehört zu den zentralen Aussagen von Möglichkeit und Wirklichkeit. Hartmann kennzeichnet hier das Wesen der Zeit und verortet dieses ganz in der Sphäre des realen Seins. Es gibt einen eindeutigen Zeitpfeil, der einen Zustand vorher von einem Zustand nachher unterscheidet. Er beschreibt einen irreversiblen Prozess.

Es ist merkwürdig, dass Hartmann sich hier den Grundgedanken der Quantenphysik nähert, ohne diese explizit zu benennen. Wahrscheinlich war ihm die Isomorphie seines ontologischen Konstrukts zum mathematischen Apparat der Quantenphysik nicht bekannt.

In sehr vereinfachter Darstellung beschreibt die Schrödinger-Gleichung, wie sich die Zustände einer Wellenfunktion Ψ verändern. Hier kennt die Physik lineare Überlagerung von Zuständen[1]. In der realen Welt gibt es solche Überlagerungen nicht. Klassisch geht man davon aus, dass bei einer Messung eine nichtlineare Funktion greift, bei der die Amplituden der Wellenfunktion |Ψ|2 der entscheidende Parameter für eine Observable sind. Man spricht von der Reduktion R des Zustandsvektors bzw. vom Kollaps der Wellenfunktion. Und das ist genau die Art einer irreversiblen Funktion mit Zeitpfeilrichtung, die exakt die ontologischen Kriterien des realen Seins erfüllt.

„Absinken ins Vergangene kann nur, was im Vollgehalt seiner Realwirklichkeit an seiner Zeitstelle festgehalten wird.“ (Seite 123)

„Am Sinn des Möglichseins und Wirklichseins hängt das Verständnis des Zeitlichseins.“ (Seite 123)

Im realen Wirklichsein von A ist die Möglichkeit von A eingeschlossen, die Möglichkeit von non-A ausgeschlossen. Daraus folgt: Was real wirklich ist, dessen Nichtsein ist real nicht möglich.[2]

„Realität ist die absolute Entschiedenheit von Sein und Nichtsein.“ (Seite 141)

„Was sein ‚kann‘, in dem ist die Entscheidung zum Sein schon gefallen. Es kann nicht mehr nichtsein. So ‚muß‘ es also sein. Und darum ‚ist‘ es.“ (Seite 141)

Hartmann beschreibt hier die Realmöglichkeit. Der naive Begriff der Möglichkeit ist an Bedingungen geknüpft, zum Beispiel mit der Vorstellung, dass in Zukunft eine Bedingung X erfüllt ist, die ein Ereignis Y möglich macht. Der Mensch sieht immer nur eine Teilmöglichkeit, er hat keinen Zugriff auf die Totalität der Bedingungen.

„Die Zeit selbst bestimmt nichts, sie bringt nichts und sie verschlingt nichts. Sie ‚zeitigt‘ nicht. Wohl aber zeitigen die Ereignisse in ihr.“ (Seite 215)

Auch hier ist die Betrachtung der Quantenphysik interessant. Im Sinne Hartmanns „zeitigt“ der Kollaps der Wellenfunktion.

Ganz anders ist die Situation in der Sphäre des idealen Seins. Hartmann unterscheidet hier genus (zum Beispiel ein Dreieck) von species (etwa Dreiecke mit stumpfem oder spitzem Winkel)[3].

„Unter jedem genus bleiben die nicht kompossiblen species friedlich nebeneinander bestehen.“ (Seite 308)

In der Quantenphysik denke man an ein Elektron mit Drehimpuls. Der Drehimpuls kann – anschaulich – eine Drehung im Uhrzeigersinn oder entgegen des Uhrzeigersinns repräsentieren (Spin up oder Spin down). In der Quantenphysik gibt es die lineare Überlagerung beider Zustände. In der Realität (bei einer Messung) gibt es immer nur ein Resultat, nie die Gleichzeitigkeit beider Zustände. Spin up und Spin down sind nicht kompossibel.

„Das ideal Wirkliche hat Spielraum für die Parallelität des Inkompossiblen.“ (Seite 310)

„Das ideale Sein ist ein Reich der reinen und gleichsam allmächtigen Möglichkeit.“ (Seite 310)

Dieser Satz ist versöhnlich. Deutet doch die Nexusgebundheit des realen Seins auf ein deterministisches Universum hin, das keine disjunktive Möglichkeit kennt. Die Quantenphysik macht deutlich, wie ein Bindeglied zwischen realer und idealer Sphäre aussehen könnte.

Dies zeigt auch, wie aktuell die kritische Ontologie ist. Die Naturwissenschaft täte gut daran, ihre philosophischen Grundlagen eingehender zu reflektieren.

Fußnoten

  1. Populär ist Schrödingers Katze mit den Zuständen |tot> und |lebendig>.
  2. In der realen Welt gibt es eben kein Zugleichsein einer toten und lebendigen Katze.
  3. Zum genus „Katze“ denken wir uns die species „lebendige Katze“ und „tote Katze“.

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Kritische Ontologie. Teil II

Kapitel 13 – Seite 36 bis 52

Nun endlich geht es zur Sache. In der Einleitung ging es um eine erste Orientierung, der allgemeine Fahrplan wurde aufgerufen. Ab jetzt bedeutet jedes Kapitel eine Weichenstellung. Aussage für Aussage ist kritisch zu überdenken, ob wir Hartmann folgen wollen (und können).

Der erste Teil der Grundlegung hat den Titel „Vom Seienden als Seienden überhaupt“. Der erste Abschnitt behandelt den Begriff des Seienden und seine Aporie.

Hartmann beginnt mit der Analyse des Seinsproblems:

„Das Seinsproblem haftet an Phänomenen, nicht an Hypothesen.“ (Seite 36)

Hier findet sich eine gewisse Nähe zur Phänomenologie, die durchaus – neben Mathematik und Physik – ein nützliches Vorstudium in Bezug auf die Kritische Ontologie darstellen kann. Aber eigentlich sind wir an diesem Punkt noch gar nicht bei Phänomenen, Gegenständen und Wahrnehmung. Was ist das Wesentliche am Begriff des Seienden?

„Das ontisch verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“ (Seite 38)

Der Duden nennt für den Begriff „ontisch“ die Bedeutungen „als seiend“, „unabhängig vom Bewusstsein existierend verstanden“ und „dem Sein nach“. Da der Satz von erheblicher Bedeutung ist, obwohl er harmlos klingt, betrachten wir die drei Aspekte des Satzes:

S1: „Das als seiend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Seiendes hat also ein Sein. Daraus folgt dann, dass die Sphären von Sein und Seiendem nicht getrennt sein können. Wie das genau aussieht, wird Hartmann später ausführen.

S2: „Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Dieser Satz ist für den Mathematiker leicht zu unterschreiben. Wir nehmen einen Standpunkt unabhängig vom Beobachter ein. Für Quantenphysiker hingegen ist die Aussage nicht so trivial. Doch dazu später.

S3: „Das dem Sein nach verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Ist das eine Tautologie? Eigentlich nicht. Wir stehen ja ganz am Anfang von Denken und Sein. Es ist dann schon eher eine Definition – wie etwa 1=1 in der Mathematik. Dem Satz haftet aber eine Selbstreferenz an und diese führt dann zu einer Aporie.

Aristoteles hat die philosophia prima als die Wissenschaft vom „Seienden als Seiendes“ definiert. Diese Formulierung findet Hartmann „in ihrer Art unübertrefflich“. Denn diese Formulierung wehrt voreilige Zuschreibungen des Seins ab – zum Beispiel werdendes, erscheinendes und generell subjektabhängiges Sein. Auch das Gegenstand-sein wird mit dieser Formel erfasst, doch geht sie über das Gegenständliche hinaus.

Aristoteles Formel ist natürlich abstrakt. Hier gibt es auch keinen Zugang über Definitionen oder Eingrenzungen, da sie die generelle „Seinsweise aller Seinsweisen“ thematisiert. (Seite 43)

Tatsächlich können wir beliebige Inhalte in die oben so intensiv betrachtete Formel packen:

„Das als zitronig verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S1)

„Das der Zitrone nach verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S3)

Hartmann stellt sich der Frage, ob wir hier nicht etwas schlechthin Irrationales thematisieren und es somit mit einer Aporie zu tun haben. Und doch gibt es einen rationalen Weg: Generelles wird von seinen Besonderungen aus zugänglich.

Die Ontologie „behandelt das Allgemeine und Grundlegende am Erkenntnisgegenstande“. (Seite 46)

Kehren wir noch einmal zu den Aussagesätzen über die Zitrone zurück. Es reichen kleine Ergänzungen, um einen tieferen Sinn zu enthüllen: Das Generelle der universellen Zitrone (Platons Perspektive) zeigt sich in den Prädikaten einer individuellen Zitrone (Aristoteles‘ Perspektive). Diese Verkürzung soll darauf aufmerksam machen, dass Hartmann in der Tat verschiedene Perspektiven kombiniert und ein Schema avisiert, das Widersprüche und Aporien der bisherigen Ontologie verständlich macht.

Insbesondere bei den Naturwissenschaften finden wir eine natürliche Auseinandersetzung mit den Gegenständen (intentio recta), daher seien diese „von Hause aus ontologisch“. (Seite 48)

„Der natürliche Realismus ist identisch mit der uns lebenslänglich gefangen haltenden Überzeugung, daß der Inbegriff der Dinge, Personen, Geschehnisse und Verhältnisse, kurz die Welt, in der wir leben und die wir erkennend zu unserem Gegenstande machen, nicht erst durch unser Erkennen geschaffen wird, sondern unabhängig von uns besteht.“ (Seite 49)

Und das gilt natürlich auch für eine Zitrone:

„Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S2)

Kapitel 14 – Seite 52 bis 80

Im II. Abschnitt beschreibt Hartmann die traditionellen Fassungen des Seienden und behandelt die Begriffe Ding, Gegebenheit und Weltgrund. Im Prinzip sind es Betrachtungen, die wir schon in der Einleitung besprochen hatten, so dass wir uns auf die Kernaussage konzentrieren können. Diese betrifft das Seiende als Wesenheit (essentia):

„Zur essentia gehört ein Korrelat, und dieses muß ein Seinsgewicht haben, das dem ihrigen die Waage hält.“ (Seite 59)

Mir gefällt die Waage-Metapher, da sie auf eine Verbindung der Sphären von Sein und Seiendem deutet. Konkret halten sich essentia und existentia die Waage. Bedeutend ist in diesem Kontext der Begriff des Moments, den Hartmann später einführt. Etymologisch ist Moment mit Beweggrund, Gesichtspunkt, Merkmal und Umstand assoziiert. Der Begriff momentum beschreibt „das Übergewicht, das bei gleichschwebenden Waagebalken den Ausschlag gibt“. Hier gibt es implizit eine Nähe zu Hegels Wissenschaft der Logik, wenn wir essentia und existentia als Momente des Seins verstehen.

Die Aussage selbst ist aus der Abgrenzung zu den traditionellen Fassungen des Seienden entstanden und wird in den nachfolgenden Kapiteln konkretisiert.

Aus heutiger Sicht wären noch die in der Zeit nach Hartmann entstandene Ansätze und Konzeptionen, wie etwa Luhmanns Systemtheorie, der radikale Konstruktivismus und vor allem die Neurowissenschaften zu berücksichtigen. Nach heutigem Verständnis teilt sich unsere Großhirnrinde in kortikale Säulen (ca. 20.000 Zellen), die verschiedene Schwingungsmuster (synfire chains) abbilden und neuronale Entitäten repräsentieren. In einer vom Gehirn konstruierten internen Weltrepräsentation gibt es mitunter nur zitronig, aber keine Zitronen. Entitäten werden als Knoten in einem neuronalen Netzwerk vorgestellt. Wir werden also später noch zu untersuchen haben, ob sich die Perspektive der Kritischen Ontologie mit der neuen Dinglichkeit der Neurowissenschaften vereinbaren lässt.

Im III. Abschnitt behandelt Hartmann die Bestimmungen des Seienden aus der Seinsweise. Auch in diesem Abschnitt geht es im Kern um Abgrenzungen, unter anderem vom Begriff des Ansichseins:

„Ansichsein“ ist und bleibt ein gnoseologischer Begriff.“ (Seite 79)

Damit wird ein erkenntnistheoretischer Ansatz nicht grundsätzlich abgelehnt – er käme lediglich zu früh: erst die Ontologie, später eine Erkenntnistheorie. So könnte das Programm lauten. Das Gleiche gilt für selbstbezogene Ansätze à la Heidegger. Das Programm hier: erst die Ontologie, später das Ich.

In der Tat sieht Hartmann auch gute Ansätze in Heideggers Existenzialphilosophie – insbesondere den Begriff der Zuhandenheit. Doch das alles kommt für die Grundlegung der Kritischen Ontologie zu früh.

Der Plan lautet also: Wir bleiben bei der Formel „Seiendes als Seiendes“ und schauen in aller Ruhe, wie sich Attribute bzw. Seinsverhältnisse wie „Ansichsein“ daraus entwickeln lassen. Und wir kommen mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es keine einfachere und bessere Formel als Startpunkt gibt.

Kapitel 15 – Chinesisches Dasein

Der Geschmack von Pistazien ist süßlich, mandelartig und gleichzeitig kräftig-würzig.

Das Parfum Mirto di Panarea hat ein Duftbouquet mit blumigen Akkorden aus Flieder und Freesien.

Unsere Welt ist bunt und vielfältig. Wie angenehm ist es, wenn Kommunikation unsere Sinne anregt. Und wie dunkel ist nun unsere Mission. Denn wir haben nichts anderes als die sterile Formel „das Seiende als Seiendes“ in der Hand.

Wir unternehmen einen kurzen Ausflug nach China, um anhand des Begriffs Dasein ein Gespür für die innere Dynamik eines Wortes zu bekommen. Die chinesische Schriftsprache eignet sich dafür, da sie aus semantischen Bausteinen besteht. Dies ist nicht die Arbeit eines Sinologen, sondern lediglich ein Experiment, das Hegels Dynamisierung der Seinsmomente in einem anderen Kulturkreis veranschaulichen soll.

Die Übersetzung für (soziales) Dasein lautet: 生存(shēngcún)[1]. Der Begriff setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen:

生 (shēng): gebären, wachsen, lebendig, Leben, Existenz

存 (cún): existieren, am Leben sein, leben, Vorräte anlegen

Daraus ergeben sich recht interessante Doppelnamen für das Dasein, etwa Leben-leben und Existenz-existieren. Es erscheint vor dem Auge aber auch eine kleine Geschichte. Der Mensch, der auf die Welt kommt und für sein Überleben Vorräte anlegt. Ein Hamsterrad der Existenz. Und Google Translate übersetzt 生存 in der Tat mit „Überleben“.

In den Doppelnamen steckt keine tautologische Selbstreferenz (wie etwa Existenz-Existenz). Im Kern ist es eine Subjekt-Prädikat-Selbstreferenz. Und das ist mehr als nur ein Fingerzeig, worum es beim „Seienden als Seiendem“ gehen könnte.

Kapitel 16 – Seite 81 bis 86

Der zweite Teil der Grundlegung hat den Titel „Das Verhältnis von Dasein und Sosein“. Wir treten damit in die Kerngedanken der Kritischen Ontologie ein – auf den nächsten 50 Seiten folgen die fundamentalen Gedanken. Von jetzt an müssen wir Seite für Seite jeden relevanten Gedanken aufgreifen und kritisch reflektieren.

Unser ontologischer Warenkorb W enthält bisher nur ein einziges Objekt:

W= {das Seiende als Seiendes}.

Damit wollen wir noch nicht zur Kasse gehen. Was sollten wir zuhause auch mit dem Objekt machen? Doch nur ein weiterer Gedanke wird den Warenkorb füllen. Hartmann beschreibt (auf den Seiten 80 und 81) die Indifferenzen des Seienden. Er benennt eine Reihe von Kategorien K, die wir hier im Einzelnen aufführen:

K = {Einheit und Mannigfaltigkeit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Beharrung und Werden, Materie und Form, Subjekt und Objekt, Mensch und Welt, …}.

Ein ganzes Füllhorn an Möglichkeiten. Und unser ‚Seiendes als Seiendes‘ – so wird behauptet – sei indifferent diesen Kategorien gegenüber. Wie ist das zu verstehen?

Es wäre eine Verlockung, einfach eine Kategorie in den Warenkorb zu legen – etwa die Materie. Wenn das Seiende als Seiendes eine Vorliebe für die Materie hätte und so ganz und gar nicht zum Begriff Form passen würde, dann wäre das doch fein. Wir bauen uns dann einen ontologischen Materialismus. Aber so einfach ist es nicht. Wir müssen zunächst Materie und Form auf die Waage der Justitia legen, die Augen schließen und uns ernsthaft fragen: Kommt dem fundamentalen Seinsmodus, den wir mit unserer Formel „Seiendes als Seiendes“ assoziieren, eine der beiden Waagschalen näher, gibt es eine Präferenz?

Und die gibt es nicht. Wasser als abstrakt vorgestellte Materie hat einen gefühlten Seinsmodus, der Wassertropfen oder ein Eiskristall aber nicht weniger. Wie Hartmann feststellt, ist unsere – von Sokrates übernommene Formel – universal.

Der Leser kann auch auf einem alternativen Weg zu diesem Punkt kommen. Wir sind auf der Suche nach dem universalen Seinsmodus. Anschaulich gesprochen suchen wir eine Art ontologisches Betriebssystem, das später die Spezialkategorien als Software abzuspielen vermag.

Nun kommt Hartmann zum Punkt. Bezüglich des Gegensatzes von essentia und existentia (Dasein und Sosein) besteht nicht die gleiche Indifferenz[2]. (Seite 81)

Man kann das zunächst als Ankündigung verstehen. In unserem Warenkorb liegt also nun eine Trinität:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}.

Die genaue Analyse erfolgt in den nachfolgenden Kapiteln. Aus Sicht der Quantenphysik ist es ein spannender Ansatz. Wir haben die möglichen Zustände Ψ eines Objektes als Wellenfunktion (Dasein) und die gemessenen Werte eines Operators X (kollabierte Wellenfunktion |Ψ| (Sosein).

„Alles Seiende hat notwendig ein Moment der Wesenheit und ein Moment der Existenz an sich.“ (Seite 83)

Dies steht im Widerspruch zur traditionellen Fassung der Begriffe. Betrachten wir den Satz: „Im Garten steht ein rotes Zelt.“

Traditionell würde man sagen: Das Zelt existiert. Nicht nur, dass man in den Garten gehen kann und sich das Zelt von allen Seiten ansehen und es berühren kann, es passt als Objekt zur Etymologie von existo („auslegen, aufstellen, herausstehen“). Die Farbe rot hingegen ist eine Wesenheit. Kommt diese nur dem platonischen Ideal der Farbe rot zu? Die Seitenfläche des Zelts ist ein Rechteck. Allerdings kein platonisch ideales Rechteck. Kommt dem Zelt keine Wesenheit zu?

Hartmann bemängelt, dass der Gegensatz von essentia und existentia dem Gegensatz von Idealität und Realität gleichgesetzt wurde. Es sind also zwei völlig verschiedene philosophische Diskurse, wenn wir diskutieren, ob das Zelt ideal oder real ist oder ob dem Zelt Wesenheit und Existenz zugesprochen wird.

Zumindest denkbar wäre, dass essentia und Idealität eine eigene, abgeschlossene Sphäre bilden. Hartmann lehnt das ab. Es gibt bei ihm keinen Chorismus und somit auch keine „Zwei-Welten-Theorie“.

Dasein und Sosein sind das „daß“ und „was“ des Seienden. (Seite 85)

Beim Dasein geht es um die Washeit (quidditas) des Seins. Damit endet das 11. Kapitel der Grundlegung.

Kapitel 17 – so und da sein

Wo stehen wir nun? Betrachten wir unseren aktuellen Warenkorb:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}

und formulieren mit anderen Begriffen um:

W*= {Sein, Subjektobjekt, Prädikat}.

Betrachten wir drei Aussagesätze:

A1. Elkana erkannte sein Weib Hanna.

A2. Die rote Linie im Wasserstoffspektrum hat eine Wellenlänge von 656,2793 nm.

A3. 0100011001011011101101000100100101001101011011011011101100111010101.

Zunächst noch eine Bemerkung zu W*. Wir kennen zu diesem Zeitpunkt noch keine Differenz von Subjekt und Objekt. Daher habe ich einfach den Begriff Subjektobjekt eingesetzt[3].

Was sagen uns nun die Sätze?

A1. Der daseiende Elkana hat sich im Rahmen seines Soseins mit Frau Hanna fortgepflanzt.

Dabei lesen wir diese Geschichte jenseits von Realismus und Idealismus. Dieser Elkana mag eine Figur aus dem Alten Testament sein. Ob es einen realen Elkana gab, ist unbekannt. Ob er aus der Sphäre des geistigen Seins heraus Gläubige inspiriert, entzieht sich ebenfalls unserer Kenntnis. Und doch ist es ein Satz zwischen Sachentität und Fiktion.

A2. Das daseiende Elektron des Wasserstoffatoms ist in seinem Sosein messbar.

Wichtig dabei: Das daseiende Elektron und das soseiende Elektron sind ein und dasselbe Elektron. Es gibt Beziehungen zwischen den Momenten des Daseins und des Soseins. Das ist keineswegs trivial. Die Kopenhagener Deutung verneint die Existenz jeglicher Beziehung zwischen den Objekten des quantentheoretischen Formalismus einerseits und der „realen Welt“ andererseits.

A3. ???

Dies soll nur den Sonderfall andeuten, dass die Welt eine Computersimulation oder Output einer Turing-Maschine ist. In diesem Fall gibt es eine recht überschaubare quidditas aus {0,1}, und die Ontologie der Welt am Draht mag auf einen Bierdeckel passen. Doch auch sie passt in unser Schema aus Dasein und Sosein.

Im 12. Kapitel behandelt Hartmann die Trennung von Dasein und Sosein. Das Sosein scheint ein Sein 2. Klasse zu sein, quasi eine Art Prädikat. Das Wort Prädikat leitet sich von prae-dicare („öffentlich ausrufen; laut sagen, aussagen; rühmen“) ab. Wir sehen am Zeitschriftenkiosk einen Bericht über den Urlaub einer Schlagersängerin in Südafrika. Alle erdenklichen Attribute ihres Lebens werden öffentlich ausgerufen. Und doch hat die daseiende Schlagersängerin gefühlt eine andere Seinsqualität. An ihr interessierte Personen geben sich nicht mit den öffentlichen Ausrufungen zufrieden. Sie besuchen Konzerte der Sängerin und möchten sie sehen und noch besser: berühren. Dann haben sie sie a posteriori erkannt.

Im 14. Kapitel wird der Unterschied zwischen Dasein und Sosein anhand von Urteilstypen besprochen.

Wir unterscheiden Daseinsurteile „S ist“ von Soseinsurteilen „S ist P“. Hartmann zeigt, wie wir ein Daseinsurteil in ein Soseinsurteil wandeln können. Dazu müssen wir nur das Daseinsurteil richtig ausschreiben: „S ist seiend“ oder „S ist existent“. Die Analyse zeigt, dass das Wörtchen „ist“ in beiden Urteilen verschiedene Funktionen hat:

„Das ‚ist‘ als Zeichen des Zukommens ist wesensverschieden vom ‚ist‘ als Existenzialprädikat.“

Wie kann man sich überhaupt ein einfaches Daseinsurteil wie etwa „Schopenhauer ist“ vorstellen? Einfaches Beispiel: Das Wort Schopenhauer taucht im Namensregister eines Buches auf. Dann steht da zunächst nur das Wort ohne jedes Prädikat. Implizit ist das Wort aber in einen Kontext eingebunden. Wir können folgern: Schopenhauer ist ein Nachname. Handelt es sich bei dem Buch um ein Philosophie-Lexikon, könnten wir vermuten: Schopenhauer ist ein Philosoph.

Ein wichtiger Meilenstein folgt im 17. Kapitel, dort wird der Begriff des ontisch neutralen Soseins eingeführt. Hartmann führt ein Beispiel auf:

„Am Rundsein einer Kugel macht es keinen Unterschied aus, ob es sich um eine geometrische Kugel oder eine materielle handelt“.

Das Sosein ist hier indifferent gegen die Sphären von Idealität und Realität. Das Rundsein hat demnach ein neutrales Sosein. Für imaginäre Zahlen gilt dies nicht, da diese sich nur auf die Sphäre der Idealität beziehen[4].

Das Dasein hingegen ist bezüglich der Sphären Idealität und Realität nicht neutral:

„Das Sosein verbindet die beiden Sphären des Seienden. Das Dasein scheidet sie.“ (Seite 112)

Wir haben hier 2 Dimensionen: Dasein und Sosein bilden die eine Achse, Idealität und Realität die andere. In einer Dimension beobachten wir eine UND-Verknüpfung (konjunktiv), in der anderen eine ODER-Verknüpfung (disjunktiv):

„Das Sein alles Seienden – einerlei ob ideal oder real – ist sowohl Sosein als auch Dasein; aber das Sein alles Seienden – einerlei ob Sosein oder Dasein – ist entweder ideales oder reales Sein.“ (Seite 113)

Damit haben eine wichtige Zwischenetappe erreicht, Hartmann spricht sogar vom „ontischen Grundschema im Aufbau der Welt“.

Wie haben also als Grundschema eine 2×2-Matrix mit den Elementen ideelles Sosein, ideelles Dasein (1. Reihe) und reales Sosein und reales Dasein (2. Reihe).

Es ist sehr interessant, die Quantenphysik in diesem Quadranten zu verorten. Die Mehrheit der Physiker hat einen pragmatischen Standpunkt und konzentriert sich auf den Messprozess. Damit wäre diese Fraktion beim realen Sosein zu verorten (unten rechts). Die Vertreter der Minderheit – etwa Roger Penrose – die auch der Schrödinger-Wellenfunktion ein Dasein zuschreiben wollen, wären dann beim ideellen Dasein (oben links) positioniert. Dieses sich diagonal Gegenüberstehen kennzeichnet den Stand der Debatte in der Philosophie der Quantenmechanik ganz gut.

Im 20. Kapitel wenden wir uns der Erkenntnistheorie zu. Für reales Dasein und Sosein stellt Hartmann fest:

  1. Dasein ist nur a posteriori erkennbar;
  2. a priori ist nur das Sosein erkennbar.

Die Grenze von Dasein und Sosein ist allerdings nicht identisch mit der Grenze von Erkenntnissen a priori oder a posteriori. So stellen zum Beispiel wahrgenommene Qualitäten von etwas ein Sosein a posteriori dar (etwa der Geruch einer Blüte).

Innerhalb der 2×2-Matrix stehen drei Blöcke der Erkenntnis a priori offen (mit Ausnahme des realen Daseins). Und nur im realen Sosein überlappen sich apriorische und aposteriorische Erkenntnis.

Damit ist es vollbracht. Hartmann hat die ontische Dimension (Dasein/Sosein) mit den Sphären von Idealität und Realität und den Erkenntnismodi a priori und a posteriori abgeglichen. Dieser Rahmen umspannt sowohl den mathematischen Platonismus als auch die empirischen Wissenschaften.

Ein entscheidender Schritt über die Grenzen der Kritik der reinen Vernunft hinaus ist geglückt.

Kapitel 18 – Manöverkritik

Und wo stehen wir nun? Wir halten mit der 2×2-Matrix unseren ontologischen Bierdeckel in der Hand. Jede weitere Überlegung hängt also von dieser Basis ab.

Gerade deshalb können und sollen wir Hartmann nicht blind folgen. Und durchaus gibt es Ansatzpunkte für Kritik. Dies betrifft die Sphären von Realität und Idealität. Diese werden nicht weiter hinterfragt, sondern uns als gegebene Begriffe vorgesetzt. Nun spielt sich die Mathematik in der Sphäre der Idealität ab. Handelt es sich um eine homogene Sphäre, oder gibt es dort eine versteckte Struktur? Eine Vielzahl von Bestandteilen bevölkert die Mathematik, etwa Operatoren, Axiome, Gleichungen, Zahlen, Vektoren etc. Und innerhalb der Welt der Zahlen gibt es offenbar Schichten (unter anderem rationale, irrationale und imaginäre Zahlen). Können wir also sicher sein, dass die Sphäre des Idealen homogen ist? Sind wir in unserem Verständnis der Differenz von Realität und Idealität hinreichend sicher? Offenbar liegt es uns, diesen Fragen im weiteren Verlauf nachzugehen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Kategorien und Begriffe, die Hartmann bis zu diesem Punkt behandelt hat (Materie, Form, Möglichkeit, etc.). Wurden dort nicht eigentlich (nur) die Schlachten und Dispute der antiken Ontologie neu aufgeführt? Kam denn in den letzten Jahrhunderten kein neuer Begriff hinzu? Das ist in der Tat der Fall. Dabei geht es um Begriffe und Strukturen, die zum Teil latent auch in der Antike bekannt waren, aber erst in unserer Zeit analytisch verstanden wurden. Vor allem wäre der Begriff der Isomorphie zu nennen. Bekanntlich hat Paul Finsler seine Mengenlehre auf diesem Prinzip aufgebaut. Die wissenschaftliche Lebensleistung eines Goethe hängt ebenfalls an diesem Begriff. Last but not least wäre zu bemerken, dass sich die moderne Physik im Wesentlichen auf Symmetrieprinzipien gründet.

Aus beiden Kritikpunkten folgt, dass unser ontologisches Verständnis vom Aufbau der Welt unvollständig sein könnte. Das klärt sich erst im Verlauf der Untersuchung. Womöglich können wir das Konzept der Isomorphie nahtlos aus den bestehenden Begriffen ableiten.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft Hartmanns Verhältnis zu Heidegger. Wie schon erwähnt, hat Hartmann das Konzept der Zuhandenheit ausdrücklich gelobt. Was in der Grundlegung komplett fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Zeit. Die Naturwissenschaften kennen das Konzept der Eigenzeit, das auch in den Neurowissenschaften zunehmend Anwendung findet. Das Phänomen der Zeitwahrnehmung gehört in den Fokus der Existenzialontologie. Allerdings wurde Sein und Zeit nicht vollendet und in den zu antizipierenden ungeschriebenen Kapiteln fände sich sicher eine Antwort. Heidegger hat zumindest in diesem Punkt den richtigen Fokus gesetzt (Zeit und Alltäglichkeit §§67-71).

Fußnoten

    1. Quelle: Langenscheidt Taschenwörterbuch Chinesisch 2008
    1. Die Waagschale richtet sich ja nach Perspektive auf Dasein oder Sosein aus – abhängig vom momentum.
    1. Dies mag auch ein kleiner Verweis auf den wunderbaren Ernst Bloch und sein Werk „Subjekt – Objekt“ sein.
  1. Diesen Befund lassen wir mal so stehen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass womöglich im Rahmen der Quantentheorie Observable definiert werden, die den imaginären Zahlen dann auch in der Sphäre der Realität einen Platz zuweisen.

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Kritische Ontologie. Teil I

Vorbemerkung

Warum eigentlich sollte man sich in unserer Zeit noch mit Ontologie beschäftigen? Die Naturwissenschaften haben einen Sieg nach dem anderen errungen. Innerhalb von 400 Jahren gab es einen Wandel von der Anfeindung der Naturwissenschaft hin zur Vergötterung der Naturwissenschaft. So begann am 12. April 1633 der Prozess gegen Galileo Galilei, der seine Schrift „Dialog über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme“ verteidigen musste. Am 4. Juli 2012 veröffentlichte das CERN eine Pressemitteilung, in der der Nachweis des Higgs Bosons verkündet wurde. Obwohl es sich dabei nur um ein zuvor auf Basis einer Eichfeldtheorie postuliertes Elementarteilchen handelte, wurde es der breiten Öffentlichkeit als „Gottesteilchen“ präsentiert. Dieser Wissenschaftseuphorie stand und steht kein kritischer Diskurs gegenüber.

Aus welchen Quellen könnte auch ein kritischer Diskurs schöpfen? Naturwissenschaftler befassen sich in der Regel nicht mit Ontologie. Der philosophische Kanon, den etwa ein Physiker während seines Studiums aufnimmt, beschränkt sich auf die Schriften eines Bertrand Russell oder eines Karl Popper – womit man sich im vermeintlich ruhigen Fahrwasser eines Süßwasserflusses aus Atheismus und Positivismus bewegt.

Bei der Betrachtung des Wikipedia-Eintrags zur Ontologie fällt auf, dass der größte Teil der Erörterung sich mit Niklas Luhmann beschäftigt. Sicherlich ein Mann mit großen Verdiensten auf dem Gebiet der Systemtheorie. Aber wie konnte ein Soziologe, der Jurisprudenz studiert hat, zum Kronzeugen der Ontologie werden? Eine einfache Antwort: Ein erheblicher Teil der Wissensbasis zur Ontologie ist nicht „online“. So gibt es bis zum heutigen Tag noch keinen Wikipedia-Artikel über den Philosophen Hermann Wein, der sich als Schüler Nicolai Hartmanns wesentlich mit Ontologie beschäftigt hat.

Auch der gesellschaftliche Wandel wird heute nicht mehr durch Philosophen wie einst Hegel, Marx und Engels beeinflusst, sondern vorwiegend durch Naturwissenschaft, Ökonomie[1] und Technologie. So beruft sich etwa Greta Thunberg, die Begründerin der globalen Bewegung „Fridays for Future“ einzig auf naturwissenschaftliche Fakten als Entscheidungsgrundlage: „Die Klimakrise ist bereits gelöst. Wir haben bereits alle Fakten und Lösungen. Alles, was wir tun müssen, ist aufzuwachen und uns zu verändern.“

Natürlich ist der Kampf gegen den Klimawandel zu begrüßen. Aber warum spielt die Philosophie in der Gesellschaft und in den Naturwissenschaften kaum noch eine Rolle? Wird Philosophie heute noch gebraucht? Wir werden in den nachfolgenden Kapiteln eine Reihe von Gründen erörtern, warum die Ontologie zur Lösung fundamentaler Probleme unverzichtbar ist.

Wo befindet sich nun der richtige Einstieg in das Gebäude der Ontologie? Finden wir hinter der Türe ein Art Labyrinth aus Platonischen Dialogen, die uns im Kreis irren lassen? Wo soll sicherer Boden zu finden sein, nachdem der „Alleszermalmer“ Immanuel Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft jedwede Spekulation innerhalb der Philosophie entzaubert hat?

Es ist die Überzeugung des Autors, dass die Werke Nicolai Hartmanns (1882 – 1950) der ideale Ausgangspunkt sind. Eine neue Ontologie ist eben nur mit und nicht gegen Kant zu errichten. Nach zwei Jahrzehnten Arbeit legte Hartmann mit „Zur Grundlegung der Ontologie“ den ersten Teil seines Hauptwerks vor. Als er im September 1934 das Vorwort verfasste, war er 52 Jahre alt. Dies ist kein unwesentlicher Aspekt. Immanuel Kant war bei der Veröffentlichung seines Hauptwerks nur wenige Jahre älter. Wie Hartmann im Vorwort betont, ist die Auseinandersetzung mit zahlreichen Einzelwissenschaften und die so gewonnene philosophische Erfahrung eine notwendige Voraussetzung, bevor man sich der Ontologie stellt.

Unsere Arbeitsgrundlage ist die 1965 bei Walter de Gruyter & Co. erschienene vierte Auflage der Grundlegung der Ontologie. Sämtliche Seitenangaben beziehen sich auf diese Auflage.

Seit den Tagen des kauzigen Arthur Schopenhauer ist es angesagt, dem Leser Vorschriften zu erteilen, wie er mit der vorliegenden Schrift umzugehen habe. Und eines hat sich seitdem nicht verändert: Die Kenntnis der Kritik der reinen Vernunft müssen wir voraussetzen. Sie ist für die Philosophie so bedeutend wie die Mengenlehre für die Mathematik. Sie ist keine leichte Kost à la Wittgenstein, und Sekundärliteratur bringt nur vermeintliche Linderung beim Eindringen in den Wesenskern der Vernunftkritik. So bleiben nur Zeit und Geduld als Voraussetzung sowie die unmittelbare Begegnung mit der Redlichkeit und Klarheit eines Immanuel Kant.

Leider gilt auch das kritische Urteil in Bezug auf Sekundärliteratur nach wie vor. Der Leser wird nicht umhin kommen, sich selbst ein Exemplar der Grundlegung der Ontologie zu besorgen. Dieser Hinweis ist nicht ohne Risiko. Setzt sich doch Kants Klarheit und Redlichkeit fast nahtlos in den Werken Hartmanns fort. So könnte der Leser auch ohne diese Schrift die weitere Auseinandersetzung mit Hartmann suchen und sein eigenes Segelboot auf dem Ozean der Ontologie steuern. In diesem Falle bleibt die Hoffnung, dass sich einst die Wege kreuzen und sich Erfahrungen über die Bewohner einzelner Inseln der Erkenntnis austauschen lassen. Doch noch ist es ein sehr stiller Ozean.

Noch eine Bemerkung zum Aufbau dieses Werkes: Wir werden uns zunächst Kapitel für Kapitel mit Hartmanns Werk beschäftigen. Seine Positionen sollen so unverfälscht wie möglich dokumentiert werden. Im Anschluss folgen jeweils abgeschlossene Kapitel, in denen der Autor eigene Positionen abgrenzt und die Übertragung auf aktuelle Wissenschaften wie Quantenphysik und Metamathematik thematisiert.

Wir schließen die Vorbemerkung mit einem Zitat:

„Eine neue, kritische Ontologie ist möglich geworden.“ (Seite V).

Kapitel 1 – Vorwort (1934)

Hartmann bedauert in seinem Vorwort, dass er bisher nur fragmentarisch einzelne Aspekte der Ontologie bearbeitet habe, jedoch noch kein „ausgereiftes Werk“ vorlegen konnte.

„Vor jedes Begreifen und jede Errungenschaft haben die Götter den Schweiß der Arbeit gesetzt.“ (Seite VII)

Er beschäftigt sich mit den ontologischen Arbeiten seiner Zeitgenossen (unter anderem Heidegger) und erkennt dort nur „Ankündigungen“ einer Ontologie, jedoch nicht deren Ausführung.

Ein positiver Ausgangspunkt für Hartmanns Überlegungen war Hans Pichlers Schrift „Über die Erkennbarkeit der Gegenstände“ (1909), die sich mit Christian Wolff auseinandersetzt. Als weitere Quelle taucht Hegels Logik auf, da sie die Bahn gebrochen habe für „die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre“. In der Tat häuft sich die Bezugnahme auf Hegel im Laufe des Werkes, so dass die Lektüre der Wissenschaft der Logik ebenfalls zum tieferen Verständnis vorausgesetzt werden muss.

Hartmann betont, dass zentrale Fragen der mittelalterlichen Metaphysik (u.a. der Universalienstreit) nichts an Aktualität eingebüßt haben:

„Ob Kategorien Auffassungsweisen des Menschen oder unabhängig von aller Auffassung bestehende Grundzüge der Gegenstände sind, ist heute noch die ontologische Grundfrage der Kategorienlehre.“ (Seite X)

Zu den unentbehrlichen Grundlagen der Ontologie gehört die Philosophie des Aristoteles. Hartmann betont, dass der Begriff Metaphysik eben nicht von Aristoteles stammt, sondern dieser von der „Ersten Philosophie“ sprach und diese als „Wissenschaft vom Seienden als Seienden“ definierte. Aristoteles wirkte weit in die Kritik der reinen Vernunft hinein, da Kant nicht „in Rechnung zog, daß er selbst in weitem Maße mit den Kategorien der alten Ontologie arbeitete.“ (Seite XI). Dies ist in der Tat ein blinder Punkt, den bereits Schopenhauer – bei aller Wertschätzung für Kant – als kardinalen Schwachpunkt identifizierte.

Mit dieser Betrachtung endet das in Berlin im September 1934 verfasste Vorwort. Und nun?

Kapitel 2 – Heutige Positionierung der kritischen Ontologie

In diesem Kapitel geht es nicht um Nicolai Hartmann, sondern um uns. Wir müssen uns positionieren. Teilen wir die Ansichten Hartmanns?

Beginnen wir mit Hegel. Was halten wir von der Aussage, Hegel habe die innere Einheit von Ontologie und Kategorienlehre vorangetrieben? Hegel hat nicht wenige Gegner. Legendär sind Schopenhauers Tiraden („Afterphilosophie“). Etwas differenzierter, jedoch nicht weniger aggressiv gegen Hegel, wirkt Karl Popper in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Schon diese beiden Autoren haben dazu beigetragen, dass Hegel von Naturwissenschaftlern oft erst gar nicht als seriöser Denker wahrgenommen wird.

Unsere Positionierung lautet: Ja, Hegel hat einen substantiellen Beitrag zur Weiterentwicklung der Philosophie geleistet. Und: ja, dieser Beitrag hat vor allem mit der Wechselwirkung von Ontologie und Kategorien zu tun.

Daraus folgt allerdings nicht, dass wir zu buchstabengetreuen Hegelianern werden. Vielmehr interessieren uns die Quellen, die Hegel quasi munitioniert haben. Drei hervorragende Quellen seien explizit aufgeführt:

  1. Platons Parmenides, sein Werk über Einheit und Vielheit, Sein und Nichtsein
  2. Spinozas omnis determinatio est negatio
  3. Die Theosophie des Jacob Böhme, insbesondere sein Begriff der Qualität (Hegel nannte Böhme den „ersten deutschen Philosophen“)

Dabei gibt es einige Punkte, bei denen Distanz zu Hegel angesagt ist. Wir können dies hier nur andeuten und somit unsere Positionierung vorwegnehmen. Eine detaillierte Analyse erfolgt erst in wesentlich späteren Kapiteln.

Beginnen wir mit Spinoza. Der Satz omnis determinatio est negatio ist laut Hegel von ungeheurer Bedeutung. Doch hat Hegel diesen nicht hinreichend reflektiert. Die Gefahr steckt im omnis. Hätte die wissenschaftliche Sorgfalt nicht geraten, zunächst das kleinere determinatio est negatio in Betracht zu ziehen und Kapitel für Kapitel dessen Wirkung zu erarbeiten? Aber nein, eine gewisse omnis-Trunkenheit führt nach wenigen Kapiteln Seinslogik zu Verkürzungen. Die bunten Gärten der Ontologie werden so nicht erreicht, der Leser landet in einer dürren Wüste mit Disteln namens „These – Antithese – Synthese“.

Wie ist das zu verstehen? Ohne Fichte und Schelling kein Hegel. Die Konzeption der intellektuellen Anschauung und somit die Fokussierung auf ideelles Sein bereitete die Basis für die Phänomenologie des Geistes. So wird Spinozas omnis in der Sphäre eines Geist-omnis und eben nicht eines Welt-omnis erörtert. Benötigt wird ein Idealismus, der sich auf die Welt zurückbesinnt. Nicolai Hartmann wird uns den Weg weisen.

Jacob Böhme wird in der Wissenschaft der Logik eigenartig distanziert zitiert. Warum bekannte sich Hegel nicht eindeutiger? Rund um den Begriff der Qualität ist Böhmes Handschrift durchaus spürbar. Doch bei Böhme gibt es eine farbenfrohe vernetzte Natur mit dynamisch verknüpften Kategorien. Sicher, das hat Böhme nicht als schulbuchmäßige Philosophie formuliert, sondern implizite Erkenntnisse in einem fulminanten Stück Weltliteratur verewigt. Bei ihm finden wir eine Grundfröhlichkeit des Daseins und Soseins, die zuvor so nur bei Echnaton und Giordano Bruno zu spüren waren. Diese Fröhlichkeit geht Hegel ab. Und auch der politische Pulsschlag eines Fichte oder eines Schiller gingen ihm ab. Wozu auch? Das omnis war Trittbrett zur Omnipotenz seines Geistes, und ohne Cholera bzw. Magenleiden hätte er noch weitere Jahrzehnte Vorlesungen zu allen erdenklichen Themen der Welt halten können.

Noch eine kurze Bemerkung zu Parmenides. Hegel hat dessen Bedeutung voll erfasst, jedoch die systemische Logik des Werkes nicht durchdrungen. Dies ist auch erst vor wenigen Jahren in einer Arbeit zur Metamathematik gelungen (siehe dazu: „Mathematischer Platonismus“ von Gregor Schneider, München 2012). Dies bedeutet, dass wir im Fortgang der Analyse ein wichtiges Werkzeug zur Verfügung haben. Denn wenn Hartmanns Kategorienlehre Früchte tragen soll, dann wäre zu erwarten, dass sie mit aktuellen Forschungen zur Metamathematik kompatibel ist.

Kapitel 3 – Vorwort 1948

Hartmann beklagt, dass der zweite („Möglichkeit und Wirklichkeit“) und dritte („Der Aufbau der realen Welt“) Teil seines Hauptwerkes vom Büchermarkt verschwunden sei und selbst in den „Bibliotheken der Fachgenossen“ kaum noch zu finden seien.

Er betont ausdrücklich, dass die Grundlegung der Ontologie einzeln betrachtet nur „in der Luft schweben“ würde und nur im Zusammenhang mit den Folgebänden verstanden werden kann.

Sein Vorwort endet mit dem Wunsch, man möge nicht gleich in den ersten Band eigene Weltbilder hineintragen:

„Weltanschauung ist etwas, was man nicht in die philosophische Forschung hineinträgt, sondern erst aus ihr zu gewinnen hoffen darf.“ (Seite XIII)

Diese Aussage gehört bereits zu Hartmanns Vermächtnis. Zwei Jahre später starb er an den Folgen eines Schlaganfalls.

Kapitel 4 – Proviant auf dem Weg zur kritischen Ontologie

Wir sollen also keine Weltanschauung in die philosophische Forschung hineintragen. Diese Forderung klingt heute merkwürdig aktuell.

Worauf beruht denn unsere Weltanschauung? In der Mehrheit auf einem Bildungskanon, der unter anderem Rousseau, Kant und Schiller umfasst. Ein an Werten orientiertes idealistisches Weltbild, das insbesondere in den liberal-intellektuellen Milieus unserer Gesellschaft gelebt wird. Ein Weltbild, das mehrheitlich von Journalisten und Politikern sowie einer Bildungselite getragen wird.

Und dieses Weltbild zeigt nun Risse. In Europa und den USA beobachten wir den Aufstieg von Populisten – nicht selten verbunden mit einer Abscheu gegenüber den Eliten. In der globalen Entwicklung sind nunmehr Länder wie China führend, die durch ein gänzlich anderes Wertesystem geprägt sind. Der Befund geht weit über die Kombination des Staatsmonopolkapitalismus mit den Lehren des Konfuzius hinaus. Die chinesische Schrift stellt das einzige heute noch gebräuchliche Schriftsystem dar, das nicht primär auf die Lautung einer Sprache zurückgreift, sondern in der Mehrheit seiner Zeichen auch semantische Elemente trägt. Hat dies Auswirkungen auf das chinesische Denken? Ist es von jeher ein ontisches Denken, das dem westlichen ontologischen Denken mit seinen christlichen und platonischen Wurzeln entgegensteht?

Dies zu beantworten ist nicht leicht. Vielleicht können wir es nicht. Wir tun allerdings gut daran, unsere Weltanschauungen aus dem Blickwinkel der kritischen Ontologie auf den Prüfstand zu stellen. Wir sollten nicht befürchten, dabei etwas zu verlieren. Vielleicht werden wir nur einen alten Bund erneuern und gestärkt aus dem Diskurs hervorgehen.

Sicherlich wäre es im Sinne Hartmanns, dass wir reichlich Anschauungsmaterial aus den Einzelwissenschaften für die Reise durch die kritische Ontologie vorbereiten.

Die Metamathematik wurde bereits explizit genannt. Konkret werden wir die Arbeiten des Mathematikers Paul Finsler berücksichtigen. Dabei ist nicht nur seine durch philosophische Reflexionen entstandene Mengenlehre relevant, sondern auch seine kongeniale Kurzfassung des Gödelschen Unvollständigkeitssatzes.

Aus den Problemfeldern der Naturwissenschaften hebt sich die Physik ab mit ihrem ungelösten Problem der Vereinigung von Quantenphysik und Gravitationstheorie. Eine metamathematische Befragung führt zu der Frage, woher eigentlich der Ansatz einer Eichfeldtheorie kommt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine vergleichbare Situation innerhalb der Theorie der Wärmestrahlung. Die bis dahin gefundene Gleichungen, das wiensche Strahlungsgesetz und das Rayleigh-Jeans-Gesetz, konnten jeweils nur einen Teil des Strahlungsspektrums ohne Abweichungen wiedergeben. Max Planck war überzeugt, dass es eine einheitliche Formel geben müsse. Er erstellte eine provisorische empirische Formel, deren Sinn erst später im Rahmen der Quantentheorie verstanden werden konnte.

Ist der Eichfeld-Ansatz also auch nur ein Bypass oder ein Pflaster? Falls ja, dann würde das „Gottesteilchen“ Higgs Boson zu einem Pflasterteilchen degradiert. Es geht um die innere Ordnung und Logik der Physik. Hartmann betont, dass die Philosophie das „Gewissen der Naturwissenschaft“ sein solle. Die hier genannten Fragestellungen stellen also den idealen Probierstein für die Mächtigkeit der kritischen Ontologie dar.

Schließlich wurden oben schon gesellschaftliche und globale Änderungen erfasst, die die Geisteswissenschaften herausfordern. Unser Verständnis von Kommunikation gehört auch zu diesem Problemfeld. Wie kommen z.B. filter bubbles im Internet zustande?

Diese konkreten Punkte sollen andeuten, dass unsere Untersuchung nicht ohne Ergebnis bleiben wird. Es wird keine Sophisterei geben. Es wird auch keine Beliebigkeit geben. Auch ein negatives Ergebnis ist möglich. Sollte Hartmanns Kategorienlehre komplett inkompatibel mit aktuellen Forschungen der Metamathematik sein, dann war es das. Dann können wir nur noch hoffen, alt genug zu werden, das Wirken eines neuen Hartmann miterleben zu dürfen.

Einstweilen machen wir uns auf die erste von vier Etappen und vertiefen uns in die Grundlegung der Ontologie. Wenn wir nach einiger Zeit auf Seite 296 der Grundlegung ankommen, hat die konkrete Fassung der Kritischen Ontologie noch nicht einmal begonnen. Doch eines ist sicher: Der Leser wird dann zumindest wissen, worum es eigentlich geht.

Kapitel 5 – Seite 1 bis 6

Hartmann stellt gleich zu Beginn seiner Einleitung eine entscheidende Frage: „Warum – so ist allen Ernstes zu fragen – sollen wir denn durchaus zur Ontologie zurückkehren?“ (Seite 2)

Ist die Zeit einfach über die Ontologie hinweggegangen?

Er sieht eine Verwechslung von Problembestand und Problemstellung. Letztere könne man nach Bedarf umprägen. Und selbst Philosophen wie Kant, die sich durchaus am Problembestand orientierten, wählten spekulative Fragen rund um Kosmos, Seele und Gottheit aus. Hartmann zählt auch das Allernächste und scheinbar Selbstverständliche zum Problembestand.

Gibt es überhaupt eine Theorie ohne Ontologie? Wenn die Idealisten die Realität für Schein erklären, so formulieren sie doch damit gerade auch eine Aussage über das Seiende als Seiendes. Hartmann ruft Parmenides als Kronzeugen auf mit der Aussage, dass es das Wesen des Denkens ist, nur „etwas“, nicht aber „nichts“ denken zu können. Daraus folgt dann, dass Theorien ohne ontologisches Fundament ein „Ding der Unmöglichkeit“ sind.

Kapitel 6 – Problembestand 2019

Ständig müssen wir uns positionieren. Schreiten wir noch Seite an Seite mit Hartmann? Sind wir in der Lage, das Allernächste und scheinbare Selbstverständliche zu einem Problem zu machen? Eine Aussage wie „1 + 1 = 2“ würden 9999 von 10000 Menschen nicht ernsthaft reflektieren. Die eine Person, die es dennoch tut, hat damit nicht nur ein Ticket für Verzweiflung und Wahnsinn gebucht, sondern eventuell sogar einen Logenplatz im Theater der kritischen Ontologie.

Aber ernsthaft: Ein Ontologe, der sich mit Mathematik beschäftigt, kann einen Allquantor oder Existenzquantor als vom Himmel herabgeregnete Gegebenheiten betrachten. Auch Peano-Axiome sind für ihn zunächst unter Quarantäne zu stellen. Gilt es doch, die innere Seinsschichtung der Mathematik aufzudecken, eine dynamische Kategorienrelation, die quasi Prototyp des Denkens überhaupt ist.

Sind unsere Studierenden für den existenzial-ontologischen Kampf um die Wurzeln des Seins gerüstet? Im Rahmen des Bologna-Prozesses wurden Studiengänge harmonisiert. Wesentliches Element des Konvergenzprozesses war eine auf Beschäftigungsfähigkeit am Arbeitsmarkt zielende Ausrichtung der Studiengänge. Beschäftigungsfähigkeit am Arbeitsmarkt. Sehr interessant. Wer beschäftigungsfähig am Arbeitsmarkt sein möchte, der sollte auf die Frage „1 +1 = ?“ die Antwort „2“ parat halten. Idealerweise ohne Reflexion.

Man kann dem Bologna-Prozess also kaum nachsagen, dass er Querdenker fördere.

Wir sehen also: Ganz unabhängig vom fundamentalen ontologischen Problembestand – unser Handeln führt bis dato auch so nicht zu einem Mangel an Problembeständen.

Kapitel 7 – Seite 6 bis 7

Hartmann beleuchtet hier den metaphysischen Hintergrund der Naturwissenschaft.

„Hinter den mathematischen Formeln steht eine Reihe kategorialer Grundmomente, die selbst offenkundig substrathaften Charakter haben und sich aller quantitativen Fassung entziehen, weil sie Voraussetzungen der realen Quantitätsverhältnisse sind.“ (Seite 6)

Es folgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Relativitätstheorie. Diese stelle lediglich die Frage: „Welche Begrenzung des Wesens von Raum und Zeit genügt den mathematischen Formeln?“. Stattdessen hätte die Frage lauten müssen: „Welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit?“ (Seite 7)

Dies ist keineswegs die Frage eines Laien. Als Sohn des Ingenieurs Carl August Hartmann wurde Nicolai schon als Kind mit den Naturwissenschaften vertraut, unter anderem entstand eine lebenslange Begeisterung für Astronomie. Hartmanns Witwe berichtete später: „Der Sternhimmel gehörte zu seinem Lebensraum. Bei anhaltend bewölktem Himmel konnte er sagen: ‚Ich fühle mich so eingesperrt auf der Erde.‘“[2]

Seinen Wohnsitz in Babelsberg wählte er bewusst, um die Universitätssternwarte und das Potsdamer Astrophysikalische Institut in der Nähe zu haben.

Betrachten wir die Kritik an der Relativitätstheorie also etwas genauer. Der Ausgangspunkt seien also mathematische Formeln gewesen. Aus diesen heraus sei dann die Begrenzung von Raum und Zeit abgeleitet worden.

In der Tat beruhen die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie auf einem mächtigen mathematischen Kalkül: der wesentlich von Carl Friedrich Gauß entwickelten Differentialgeometrie. Im Zentrum des von Riemann und Lorentz weiterentwickelten Kalküls steht eine sogenannte Metrik, also ein Verfahren zur quantitativen Erfassung von Abständen. Aus dieser Metrik folgt dann auch, dass in einem gekrümmten Raum die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eben keine Gerade ist. Der empirische Befund der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Krümmung des Lichts durch Gravitation sind aus Sicht des Kalküls Gegebenheiten, die sich aus der Mathematik ergeben.

Und was gefällt Hartmann daran nicht? Ist doch die Mathematik der Relativitätstheorie durch Klarheit, Symmetrie und Schönheit gekennzeichnet, wie man es zuvor nur bei den Maxwell-Gleichungen (James Clerk Maxwell (1831–1879)) bewundern konnte, die die Phänomene des Elektromagnetismus beschreiben.

Und doch scheint das Kalkül eigenartig gleichgültig gegenüber den Naturphänomenen zu sein. So kann das Kalkül auch eine Welt beschreiben, in der sich Materie bei Bewegung verformt (Fitzgerald-Lorentz Kontraktion). Einsteins geniale Leistung besteht somit vor allem in der richtigen Interpretation des Kalküls.

Das von Hartmann kritisierte Versäumnis ist, dass ein Kalkül als taken for granted angenommen wird. Stellen wir also die Frage: Welche Begrenzung des mathematisch Formulierbaren genügt dem Wesen von Raum und Zeit? Es wäre dann zu fragen: Ist die Riemannsche Geometrie in etwas Größeres eingebettet? Was genau sind die kategorialen Grundlagen des Kalküls? Ist ein erweitertes Kalkül denkbar, dass auch Eigenschaften der Quantenphysik abzubilden vermag? Tatsächlich hat die Physik durchaus in diese Richtung gearbeitet – man denke nur an die Stringtheorie und insbesondere an die 11-dimensionale Supergravitation. Doch verweilt dieser Ansatz zu sehr innerhalb der bekannten Mathematik und fragt nicht nach der Begrenzung des mathematisch Formulierbaren.

Kapitel 8 – Kritische Mathematik

Betrachten wir erneut die Gleichung 1 + 1 = 2. Eine ganze Reihe von Fragen drängt sich auf: Welche Bedeutung hat die erste Eins? Welche Bedeutung hat das + Zeichen? Welche Bedeutung hat die zweite Eins? Welche Bedeutung das das Gleichheitszeichen? Welche Bedeutung hat die Zwei? In welche Richtung ist die Gleichung zu lesen?

Wir können die Gleichung auch als Definition aufschreiben:

a) 1 + 1 := 2

b) 2 := 1 + 1

Hier leuchtet es ein, dass a) und b) zwei verschiedene mathematische Sachverhalte bezeichnen können.

Der eine oder andere Leser mag sich an dieser Stelle unwohl fühlen. Wie kann man nur so etwas Selbstverständliches wie 1 + 1 = 2 überhaupt hinterfragen?

Als Kronzeugen würde ich Bertrand Russell und Alfred North Whitehead aufrufen, die mit den Principia Mathematica den Versuch unternommen haben, die Mathematik aus der Logik herzuleiten. Dabei stand die Abfolge von Axiomen und Symbolen im Zentrum. Allerdings zeigte Gödels Unvollständigkeitssatz, dass der Ansatz nicht das zu leisten vermag, was sich die Autoren erhofft hatten. Dabei hat ihr Anliegen nichts an Dringlichkeit eingebüßt. Stecken wir also in einer Sackgasse?

Die Antwort hängt davon ab, was wir als mathematische Welt definieren. Bei Russell und Whitehead galt offenbar:

Mathematische Welt := {formale Mathematik, Logik}

Im Sinne von Hartmann würden wir definieren:

Mathematische Welt := {(formale) Mathematik, Logik, Ontologie}

In so einer Welt wäre man berechtigt zu fragen: Welche Kategorien werden in welcher Reihenfolge aktiviert, wenn wie 1 +1 = 2 denken? Im Kern kommen wir zu einer auf den ersten Blick merkwürdigen Frage: Wie sind analytische Urteile a priori möglich? Diese Frage taucht üblicherweise nicht als Problembestand auf. Kant fokussierte auf die Frage: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Deshalb finden wir bei Kant auch keine kritische Mathematik vor, zu sehr ist bei ihm die Mathematik als Kronzeugin für analytisches Denken eingebunden. Sie fand ohne Ausweis und Zeugnis ihr Aufenthaltsrecht in der Kritik der reinen Vernunft.

Kapitel 9 – Seite 7 bis 15

Auf den folgenden Seiten befasst sich Hartmann mit der Biologie, der Psychologie und den Geisteswissenschaften. Hier seien zwei Zitate für die Kernaussagen hervorgehoben:

„Das Eigentümliche des Lebensvorganges bleibt ein metaphysisches Rätsel.“ (Seite 9)

„Das Metaphysische im Seelenproblem ist das einfache, von der inneren Erfahrung selbst aufgegebene Problem der Seinsweise des Seelischen.“ (Seite 10)

Alles in allem klingt seine Argumentation überzeugend. Allerdings es steht (noch) nicht im unserem Fokus, in die Sphären von Biologie und Seele einzutreten. Der Problembestand in der Sphäre von Mathematik und Physik ist schon hinreichend groß, um uns an die Kritische Ontologie zu binden.

Spannend wird es allerdings, wenn sich Hartmann mit dem Metaphysischen in der logischen Sphäre beschäftigt:

„Die logische Konsequenz gewinnt Erkenntniswert, wenn ihr im Realen eine Konsequenz der Seinsverhältnisse entspricht – wenn auch in der realen Welt Widersprechendes nicht koexistiert, von kontradiktorischen Gegengliedern notwendig eines besteht, das Allgemeine notwendig im Spezialfall zutrifft.“ (Seite 13)

Was sagt uns das? Wir können ein noch so überzeugendes logisches Gesetz nicht einfach so von einer ontologischen Befragung freistellen. Das gilt auch für den Satz vom ausgeschlossenen Dritten (tertium non datur).

Man denke an Schrödingers berühmte Katze. Das Nachdenken über eine Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, bereitet durchaus Kopfschmerzen. Die Physik rettet sich mit der Theorie des Paralleluniversums. Sobald der quantenmechanische Würfel fällt[3], spaltet sich das Universum in ein Universum a mit der lebendigen Katze und einem Universum b mit einer toten Katze.

Der Ontologe kann und darf sich damit nicht zufriedengeben.

Sein Blick richtet sich auf

Das Weltganze := {Universum a, Universum b, weitere Universen}.

Könnte es also ein Weltganzes geben, in dessen Gefüge tertium non datur nicht gilt? Vielleicht. Würde man eine Wette abschließen, dann wäre die Wette auf eine Mathematik ohne tertium non datur vielversprechend. Wie auch immer: Es ist zumindest denkbar, dass es logische Gesetze gibt, denen nicht überall im Realen eine Konsequenz der Seinsverhältnisse entspricht.

Das Metaphysische in der logischen Sphäre gehört also zum ontologischen Problembestand.

Auf den Seiten 13 bis 15 behandelt Hartmann den Verfall des Erkenntnisproblems. Seiner Meinung nach wird die Kritik der reinen Vernunft von dem zentralen Argument beherrscht, dass es kein Erkenntnisobjekt ohne Erkenntnissubjekt gibt. Erkenntnis könne dann nicht mehr als „Erfassen“ von etwas gelten. Die Kritik fokussiere auf „die innere Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung von Begriffen, Urteilen und Vorstellungen“. Das wirkliche Erfassen einer Sache kommt dabei nicht vor – damit wird das eigentliche Erkenntnisproblem durch die Kritik der reinen Vernunft nicht gelöst.

Kapitel 10 – Das Ding an sich: Kopf oder Welt

Ich kenne keinen Philosophen, der Kant näher steht als Hartmann. Aus seiner eigenen, gerechten Perspektive erfolgt die Werkschau der Kritik der reinen Vernunft, die sich nicht an Formulierungen festhält, sondern Motive, Grundlagen und Perspektiven einer Vernunftkritik kennt. Daher ist es ein massiver und erstaunlicher Vorwurf, Kant habe das Erkenntnisproblem nicht gelöst.

Wir können den Kern der Sache am Begriff des „Ding an sich“ festmachen. Die auf Kant folgenden Philosophen (Fichte, Schelling und Hegel) haben das Ding an sich im Kopf gesucht. In der eher dunkleren Ecke des Kopfes hatte sich zuvor ein selbstloser Untermieter namens Gott einquartiert, der als Laienschauspieler für das Ding an sich gerne zur Aufführung kam.

Warum sollte man das Ding an sich nicht in der Welt suchen? Wir scheitern bei Kant an einer frühen Hürde: der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit. Nun wird das Stück „Welt“ aber in einem Theater aus Raum und Zeit aufgeführt. Und die Lehre von der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit gehört zu den besten Passagen der Kritik der reinen Vernunft, ja sogar zum Besten der philosophischen Literatur insgesamt.

Wie wäre es mit einem kleinen Gedankenexperiment? Wie hätte Kant reagiert, wenn er von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erfahren hätte? Wir können nur raten.

Von der philosophischen Forschung zu wenig beachtet ist die Tatsache, dass Kant in seiner Frühschrift Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte bereits die Existenz einer Grenzgeschwindigkeit postulierte und somit ein zentrales Moment der speziellen Relativitätstheorie vorwegnahm. Daher hätte die spezielle Relativitätstheorie sein Weltbild durchaus erschüttert.

Dies gilt vor allem, wenn man den aktuellen Stand der Astrophysik betrachtet. Von Schwarzen Löchern bis hin zu Gravitationswellen gibt es ganze Bücherregale voller naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, die zu einem erheblichen Teil auf synthetischen Urteilen a priori über Raum und Zeit beruhen.

Wir dürfen also annehmen, dass Kant einer kritischen Revision der bisherigen Fassung der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit zugestimmt hätte.

Kapitel 11 – Seite 15 bis 35

Eine einfache Begriffsanalyse zeigt schon, dass sich „Objekt“ und „Gegenstand“ stets auf einen Beobachter beziehen. Hartmann interessiert sich für eine Perspektive unabhängig vom Beobachter: „An der Erkenntnis ist das Wesentliche, dass ihr Gegenstand in seinem Gegenstandsein für das Bewusstsein nicht aufgeht.“ (Seite 15)

Mehr noch: Es gibt ein vom Bewusstsein unabhängiges, übergegenständliches „Sein“. Wir betrachten nicht abstrakt „das“ Ding an sich, sondern allgemein an sich Seiendes:

„Das an sich Seiende ist das Erscheinende in der Erscheinung.“ (Seite 17)

Damit ist an sich Seiendes eben doch erkennbar. Hartmann kommt hier zu einer zentralen Fragestellung: Wie ist es möglich, dass das Seiende Gegenstand bzw. Objekt werden kann? Dies sei die zentrale Frage der Metaphysik der Erkenntnis[4].

Auf den folgenden Seiten kümmert sich Hartmann um die Themen Freiheit, Werte, Kunst und Geschichte. Im Theater der Ontologie reicht uns der Parkettplatz, von dem aus wir die Themen Mathematik und Physik beobachten können. Wenn uns die Vorstellung nicht gefällt, können wir das Theater jederzeit verlassen. Andererseits: Sollte Hartmanns Ansatz in den Bereichen Mathematik und Physik Früchte tragen, kehren wir gerne zum vollständigen Programm zurück.

Interessant sind allerdings die Passagen, in denen sich Hartmann mit der Geschichte der Metaphysik beschäftigt. Der Ruf der Metaphysik hat gelitten, solange sie mit Spekulationen über Gott und die Seele assoziiert wird. Dem setzt Hartmann entgegen:

„Die ewig unvermeidlichen Probleme der Metaphysik liegen mitten im Leben.“ (Seite 26)

Und Kants Vernunftkritik gibt uns ein Urvertrauen, dass die Mission der Ontologie gelingen kann:

„Die Frage der Seinsweise und Seinsstruktur, des modalen und kategorialen Baues ist das noch am meisten Unmetaphysische in den metaphysischen Problemen.“ (Seite 28)

Dabei will Hartmann kein System konstruieren. Vielmehr geht es um die Suche nach einer natürlichen Einheit der Welt. Und diese kann man sozusagen nur vom Ende her verstehen:

„Die Ontologie muss der Sache nach philosophia prima sein, ihrer Durchführung nach kann sie nur philosophia ultima sein.“

Das Thema der Grundlegung der Ontologie ist zunächst nur die Klärung der Vorfragen zur Ontologie.

Kapitel 12 – Philosophia ultima als neue Weltweisheit?

Und nun? Wir sind am Ende der Einleitung angelangt. Noch haben wir nichts unterschrieben. Wir müssen uns nicht von nun an jede Woche mit Hartmanns Ontologie beschäftigen. Die Freiheit erlaubt es uns, jederzeit im Buchhandel nach einer Neuerscheinung von Richard David Precht zu fragen und diese käuflich zu erwerben. Doch möchten wir das eigentlich noch?

Welcher zeitgenössische Philosoph hat ein Programm vom Umfang der Hartmannschen Untersuchung zu bieten? Allerdings wird auch sehr viel von uns verlangt. Die philosophia ultima ist nur über die Erfahrung mit den Einzelwissenschaften zugänglich. Es wäre von Vorteil, wenn der Leser in allen relevanten Wissensgebieten von der Astrophysik bis hin zur Hirnforschung bewandert ist. Das Weltganze des Wissens ist unser Basislager, von dem aus wir den Berg der Ontologie besteigen möchten. Der wichtigste Ausrüstungsgegenstand bei dieser Expedition wird unsere Geduld sein. Hartmann wird uns nicht mit ultimativen Einsichten und Wahrheiten gleich zu Beginn beglücken. Eindimensionale Konzepte wie Schopenhauers Welt als Wille sind hier ausgeschlossen. Es geht um echtes Erkenntnisinteresse und um eine echte Suche, ein Ringen und Kämpfen mit den Phänomenen. Wir können kein kurzfristiges Glück erwarten wie etwa ein streng katholisches irisches Paar in der Hochzeitsnacht. Nein, es geht um die Perspektive eines gereiften Paares, das seine Kinder aufwachsen sieht.

Worin liegt nun der eigentliche Reiz der Hartmannschen Ontologie? Zunächst einmal ist es eine vom Ergebnis her offene Analyse. Wir sind auf der Suche nach einer natürlichen Einheit der Welt. Ob es diese Einheit überhaupt gibt, ist fraglich. Doch gerade in unserer Zeit dürfen wir optimistisch sein. Allein die Tatsache, dass wir Gravitationswellen nachweisen können, deutet doch stark darauf hin, dass wir in einem strukturierten Weltall leben und Chaos zumindest nicht die treibende Kraft darstellt. Mathematik könnte eine stabile Brücke zwischen Kopf und Welt sein. Doch wie können wir uns dessen sicher sein? Genau darin liegt das Geschenk der Hartmannschen Ontologie: Wir erhalten ein Framework, um uns mit diesen relevanten Fragen zu beschäftigen.

Noch wichtiger: Wir werden auf keinen Glaubenssatz vereidigt. Selbst die Logik inklusive eines tertium non datur werden zunächst nur mit Kneifzange angefasst. Wenn wir Hartmann also weiter folgen, sind wir in unserem Denken frei und offen.

Und genau das sollten wir sein.

Fußnoten

  1. Man denke etwa an die Demonstrationen gegen die Handelsabkommen TTIP und Ceta.
  2. Quelle: Wolfgang Harich (2018) „Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer“, Tectum Verlag
  3. Die Fachleute sprechen auch von einem „Kollaps der Wellenfunktion“.
  4. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass Hartmann im gerade neu erschienenen „Handbuch Metaphysik“ (Herausgeber Markus Schrenk) nicht erwähnt wird. Eine für sich stehende Tatsache.

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