Schlagwort-Archive: Quantenphysik

Kritische Ontologie – Teil IV

Übersicht der Intermodalgesetze des Realen (Seite 107ff)

Hartmann gibt zunächst eine Übersicht der Intermodalgesetze. Die eigentliche Beweisführung folgt später. Grundsätzlich gibt es drei Arten der Beziehung zwischen Modi: Ausschließung, Implikation und Indifferenz. Unter Indifferenz versteht Hartmann die Situation, dass sich ein Modus mit einem anderen verträgt, ohne ihn zu fordern.

I. Grundsatz: Von den Modi des Realen ist keiner gegen einen anderen indifferent.

Man könnte dies auch so formulieren: Die Modi des Realen fordern stets einen anderen Modus oder sind zumindest mit einem anderen Modus unverträglich.

Die allgemeine Modalanalyse zeigte die Indifferenz von Möglichkeit gegen Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Wenn der I. Grundsatz zutrifft (die Beweisführung steht noch aus), dann trifft das in der Sphäre des Realen nicht zu. Möglichkeit des Nichtseins und Wirklichkeit schließen sich hier aus. Daraus folgt dann der nächste Grundsatz.

II. Grundsatz: Alle positiven Realmodi schließen alle negativen von sich aus; und – da Ausschließung nur gegenseitig sein kann – alle negativen Realmodi schließen alle positiven von sich aus.

Der Grundsatz klingt für sich recht plausibel. Doch betrachten wir einen der Sätze, die Hartmann daraus ableitet:

„Dasjenige, dessen Sein möglich ist, kann nicht unwirklich sein.“ (Seite 113)

Das ist für das traditionelle Denken mehr als merkwürdig. Oder – wie Hartmann es formuliert: „Es ist der Boden der Logik, der zu wanken scheint.“ (Seite 114)

Das gewohnte Denken macht uns glauben, dass ein A, das möglich ist, aber zur Zeit noch nicht wirklich ist, in der Zukunft noch wirklich werden kann. Dieses „wirklich werden können“ impliziert natürlich, dass es auch nicht wirklich werden kann, somit unwirklich bleibt. Gerade das negiert Hartmann. Wenn ich einen Lottoschein abgebe, dann sehe ich die Möglichkeit, einen hohen Gewinn zu erzielen („den Jackpot knacken“). Durch die gültige Abgabe des Lottoscheines steht für das tradierte Bewusstsein der Gewinn in der Kategorie der Möglichkeit. Und damit denken wir an Hartmann vorbei. Es geht nicht um eine Kategorie im Sinne Kants. Möglichkeit bei Hartmann ist ein Modus innerhalb einer Sphäre des Seins. Der Lottoladen, der Verkäufer im Laden und das Geld in meinem Portemonnaie, mit dem ich den Lottoschein bezahle, befinden sich in der Sphäre des realen Seins. Alles darin ist den Gesetzen in der Sphäre des realen Seins unterworfen.

III. Grundsatz: Alle positiven Realmodi implizieren einander, und alle negativen Realmodi implizieren einander.

„Es ist ein eigentümlicher Radikalismus des Seins und Nichtseins, der sich darin ausspricht. Dieser Radikalismus ist das erste ontologische Licht, das auf das Wesen der Realität fällt.“ (Seite 116)

Daraus leitet Hartmann folgende Gesetze ab:

Realgesetz der Möglichkeit: Was real möglich ist, das ist auch real wirklich.

Realgesetz der Notwendigkeit: Was real wirklich ist, das ist auch real notwendig.

Das ist nun wirklich verblüffend. Sind damit alle Unterschiede zwischen Notwendigkeit, Wirklichkeit und Möglichkeit in der Sphäre des realen Seins aufgehoben? Läuft das auf eine Tautologie hinaus? Das meint Hartmann natürlich nicht. Wir müssen „möglich“ von „Möglichkeit“ ebenso unterscheiden wie „wirklich“ von „Wirklichkeit“. Vor der Herleitung dieser Gesetze hat der Leser jedes Recht, die vorgetragenen Gesetze anzuzweifeln.

Deshalb lohnt es sich, ein fundamental einfaches Beispiel aus der Physik zu betrachten, das mit Hartmanns Gesetzen gut verträglich ist.

Wir denken uns eine Glasmurmel (13 Millimeter Durchmesser d und 3,75 Gramm Masse m), die sich mit 10 Stundenkilometern Geschwindigkeit v geradlinig-gleichförmig im leeren Raum bewegt. Aus den genannten Parametern können wir den Impuls p (p= m*v) und die kinetische Energie E (E = ½ * m * v²) berechnen. Beobachten wir die Kugel zum Zeitpunkt t=t1 an einem Ort x=x1, dann können wir den Ort zum Zeitpunkt t2 (eine Stunde später) vorhersagen: x2= x1 + 10 km. Was wir dann sehen, ist im Prinzip dasselbe physikalische System: Die Zahlenwerte von Impuls und Energie sind unverändert (wir nehmen an, dass es im leeren Raum keine Reibungsverluste gibt). Die Erhaltung der Energie ist mit einer Zeit-Symmetrie und die Erhaltung des Impulses mit einer Raum-Symmetrie verbunden (Noether-Theorem). Daraus resultiert das Bewegungsgesetz. Die Symmetrie ist mit den Freiheitsgraden des Systems verbunden (hier: Bewegung entlang eines bestimmten Vektors im kartesischen Raum).

Zum Zeitpunkt t2 beobachten wir die Glasmurmel am Ort x2. An diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt ist die Murmel wirklich, notwendig und möglich. Das Wirklichsein ist die Daseinstatsache der Murmel in der realen Welt. Das Möglichsein resultiert aus dem Freiheitsgrad. Das Notwendigsein aus dem Bewegungsgesetz. Und doch ist die Notwendigkeit (das Bewegungsgesetz) von der Wirklichkeit (die physikalisch nur einen Zustand im Zustandsraum bzw. Phasenraum darstellt) verschieden. Dies gilt auch für die Möglichkeit an sich (die dem System zugänglichen Punkte im Zustandsraum bzw. seine Freiheitsgrade).

Hartmann gibt ein sehr anschauliches Beispiel für die Realmöglichkeit. Von einem morschen Baum lässt sich sagen: Es ist möglich, dass er umstürzt. Für die reale Möglichkeit muss der komplette Nexus erfüllt sein, d.h. jede zur Ermöglichung fehlende Bedingung. Dies kann zum Beispiel ein Windstoß sein. Aus einer tatsächlichen Möglichkeit folgt bei Hartmann die Tatsache. Das Gravitationsgesetzt trägt dazu bei, dass der Baum auch notwendig umfällt. Dann gibt es einen Raumzeitpunkt, in dem der Baum wirklich, notwendig und möglich umfällt.

Das Spaltungsgesetz der Realmöglichkeit (Seite 118ff)

Reale Wirklichkeit setzt reale Möglichkeit voraus, und reale Unwirklichkeit setzt reale Möglichkeit des Nichtseins voraus. M+ bezeichnet bei Hartmann die Möglichkeit des Seins und M- die Möglichkeit des Nichtseins.

Reales Sein im Sinne Hartmanns meint eindeutiges Sein im Hier und Jetzt. Dieses bestimmte Möglichsein schließt die Möglichkeit des Nichtseins aus.

Wie ist das zu verstehen? Physikalisch ist das eindeutige Sein im Hier und Jetzt als Fixierung eines Punktes im Zustandsraum der Welt zu interpretieren. Der einzelne Weltpunkt ist Teil einer Trajektorie, die in Zukunft und Vergangenheit eine Bandbreite verschiedener Zustände durchläuft. Aber zum konkreten Zeitpunkt t=X ist der Zustand eindeutig fixiert.

Folglich sind M+ und M- in der Sphäre des Realen strikt getrennt.

„Indem die Möglichkeit des Seins im realen Wirklichsein enthalten ist, ist die Möglichkeit des Nichtseins von ihm ausgeschlossen.“ (Seite 121)

„Was heißt es denn eigentlich, daß in der Wirklichkeit keine Möglichkeit des Nichtseins besteht? Es heißt dieses, daß das einmal Wirklichgewordene auf keine Weise mehr unwirklich (rückgängig) gemacht werden kann.“ (Seite 122)

Diese Passagen gehört zu den zentralen Aussagen von Möglichkeit und Wirklichkeit. Hartmann kennzeichnet hier das Wesen der Zeit und verortet dieses ganz in der Sphäre des realen Seins. Es gibt einen eindeutigen Zeitpfeil, der einen Zustand vorher von einem Zustand nachher unterscheidet. Er beschreibt einen irreversiblen Prozess.

Es ist merkwürdig, dass Hartmann sich hier den Grundgedanken der Quantenphysik nähert, ohne diese explizit zu benennen. Wahrscheinlich war ihm die Isomorphie seines ontologischen Konstrukts zum mathematischen Apparat der Quantenphysik nicht bekannt.

In sehr vereinfachter Darstellung beschreibt die Schrödinger-Gleichung, wie sich die Zustände einer Wellenfunktion Ψ verändern. Hier kennt die Physik lineare Überlagerung von Zuständen[1]. In der realen Welt gibt es solche Überlagerungen nicht. Klassisch geht man davon aus, dass bei einer Messung eine nichtlineare Funktion greift, bei der die Amplituden der Wellenfunktion |Ψ|2 der entscheidende Parameter für eine Observable sind. Man spricht von der Reduktion R des Zustandsvektors bzw. vom Kollaps der Wellenfunktion. Und das ist genau die Art einer irreversiblen Funktion mit Zeitpfeilrichtung, die exakt die ontologischen Kriterien des realen Seins erfüllt.

„Absinken ins Vergangene kann nur, was im Vollgehalt seiner Realwirklichkeit an seiner Zeitstelle festgehalten wird.“ (Seite 123)

„Am Sinn des Möglichseins und Wirklichseins hängt das Verständnis des Zeitlichseins.“ (Seite 123)

Im realen Wirklichsein von A ist die Möglichkeit von A eingeschlossen, die Möglichkeit von non-A ausgeschlossen. Daraus folgt: Was real wirklich ist, dessen Nichtsein ist real nicht möglich.[2]

„Realität ist die absolute Entschiedenheit von Sein und Nichtsein.“ (Seite 141)

„Was sein ‚kann‘, in dem ist die Entscheidung zum Sein schon gefallen. Es kann nicht mehr nichtsein. So ‚muß‘ es also sein. Und darum ‚ist‘ es.“ (Seite 141)

Hartmann beschreibt hier die Realmöglichkeit. Der naive Begriff der Möglichkeit ist an Bedingungen geknüpft, zum Beispiel mit der Vorstellung, dass in Zukunft eine Bedingung X erfüllt ist, die ein Ereignis Y möglich macht. Der Mensch sieht immer nur eine Teilmöglichkeit, er hat keinen Zugriff auf die Totalität der Bedingungen.

„Die Zeit selbst bestimmt nichts, sie bringt nichts und sie verschlingt nichts. Sie ‚zeitigt‘ nicht. Wohl aber zeitigen die Ereignisse in ihr.“ (Seite 215)

Auch hier ist die Betrachtung der Quantenphysik interessant. Im Sinne Hartmanns „zeitigt“ der Kollaps der Wellenfunktion.

Ganz anders ist die Situation in der Sphäre des idealen Seins. Hartmann unterscheidet hier genus (zum Beispiel ein Dreieck) von species (etwa Dreiecke mit stumpfem oder spitzem Winkel)[3].

„Unter jedem genus bleiben die nicht kompossiblen species friedlich nebeneinander bestehen.“ (Seite 308)

In der Quantenphysik denke man an ein Elektron mit Drehimpuls. Der Drehimpuls kann – anschaulich – eine Drehung im Uhrzeigersinn oder entgegen des Uhrzeigersinns repräsentieren (Spin up oder Spin down). In der Quantenphysik gibt es die lineare Überlagerung beider Zustände. In der Realität (bei einer Messung) gibt es immer nur ein Resultat, nie die Gleichzeitigkeit beider Zustände. Spin up und Spin down sind nicht kompossibel.

„Das ideal Wirkliche hat Spielraum für die Parallelität des Inkompossiblen.“ (Seite 310)

„Das ideale Sein ist ein Reich der reinen und gleichsam allmächtigen Möglichkeit.“ (Seite 310)

Dieser Satz ist versöhnlich. Deutet doch die Nexusgebundheit des realen Seins auf ein deterministisches Universum hin, das keine disjunktive Möglichkeit kennt. Die Quantenphysik macht deutlich, wie ein Bindeglied zwischen realer und idealer Sphäre aussehen könnte.

Dies zeigt auch, wie aktuell die kritische Ontologie ist. Die Naturwissenschaft täte gut daran, ihre philosophischen Grundlagen eingehender zu reflektieren.

Fußnoten

  1. Populär ist Schrödingers Katze mit den Zuständen |tot> und |lebendig>.
  2. In der realen Welt gibt es eben kein Zugleichsein einer toten und lebendigen Katze.
  3. Zum genus „Katze“ denken wir uns die species „lebendige Katze“ und „tote Katze“.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Kritische Ontologie. Teil II

Kapitel 13 – Seite 36 bis 52

Nun endlich geht es zur Sache. In der Einleitung ging es um eine erste Orientierung, der allgemeine Fahrplan wurde aufgerufen. Ab jetzt bedeutet jedes Kapitel eine Weichenstellung. Aussage für Aussage ist kritisch zu überdenken, ob wir Hartmann folgen wollen (und können).

Der erste Teil der Grundlegung hat den Titel „Vom Seienden als Seienden überhaupt“. Der erste Abschnitt behandelt den Begriff des Seienden und seine Aporie.

Hartmann beginnt mit der Analyse des Seinsproblems:

„Das Seinsproblem haftet an Phänomenen, nicht an Hypothesen.“ (Seite 36)

Hier findet sich eine gewisse Nähe zur Phänomenologie, die durchaus – neben Mathematik und Physik – ein nützliches Vorstudium in Bezug auf die Kritische Ontologie darstellen kann. Aber eigentlich sind wir an diesem Punkt noch gar nicht bei Phänomenen, Gegenständen und Wahrnehmung. Was ist das Wesentliche am Begriff des Seienden?

„Das ontisch verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“ (Seite 38)

Der Duden nennt für den Begriff „ontisch“ die Bedeutungen „als seiend“, „unabhängig vom Bewusstsein existierend verstanden“ und „dem Sein nach“. Da der Satz von erheblicher Bedeutung ist, obwohl er harmlos klingt, betrachten wir die drei Aspekte des Satzes:

S1: „Das als seiend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Seiendes hat also ein Sein. Daraus folgt dann, dass die Sphären von Sein und Seiendem nicht getrennt sein können. Wie das genau aussieht, wird Hartmann später ausführen.

S2: „Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Dieser Satz ist für den Mathematiker leicht zu unterschreiben. Wir nehmen einen Standpunkt unabhängig vom Beobachter ein. Für Quantenphysiker hingegen ist die Aussage nicht so trivial. Doch dazu später.

S3: „Das dem Sein nach verstandene Generelle des ‚Seienden‘ ist das Sein.“

Ist das eine Tautologie? Eigentlich nicht. Wir stehen ja ganz am Anfang von Denken und Sein. Es ist dann schon eher eine Definition – wie etwa 1=1 in der Mathematik. Dem Satz haftet aber eine Selbstreferenz an und diese führt dann zu einer Aporie.

Aristoteles hat die philosophia prima als die Wissenschaft vom „Seienden als Seiendes“ definiert. Diese Formulierung findet Hartmann „in ihrer Art unübertrefflich“. Denn diese Formulierung wehrt voreilige Zuschreibungen des Seins ab – zum Beispiel werdendes, erscheinendes und generell subjektabhängiges Sein. Auch das Gegenstand-sein wird mit dieser Formel erfasst, doch geht sie über das Gegenständliche hinaus.

Aristoteles Formel ist natürlich abstrakt. Hier gibt es auch keinen Zugang über Definitionen oder Eingrenzungen, da sie die generelle „Seinsweise aller Seinsweisen“ thematisiert. (Seite 43)

Tatsächlich können wir beliebige Inhalte in die oben so intensiv betrachtete Formel packen:

„Das als zitronig verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S1)

„Das der Zitrone nach verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S3)

Hartmann stellt sich der Frage, ob wir hier nicht etwas schlechthin Irrationales thematisieren und es somit mit einer Aporie zu tun haben. Und doch gibt es einen rationalen Weg: Generelles wird von seinen Besonderungen aus zugänglich.

Die Ontologie „behandelt das Allgemeine und Grundlegende am Erkenntnisgegenstande“. (Seite 46)

Kehren wir noch einmal zu den Aussagesätzen über die Zitrone zurück. Es reichen kleine Ergänzungen, um einen tieferen Sinn zu enthüllen: Das Generelle der universellen Zitrone (Platons Perspektive) zeigt sich in den Prädikaten einer individuellen Zitrone (Aristoteles‘ Perspektive). Diese Verkürzung soll darauf aufmerksam machen, dass Hartmann in der Tat verschiedene Perspektiven kombiniert und ein Schema avisiert, das Widersprüche und Aporien der bisherigen Ontologie verständlich macht.

Insbesondere bei den Naturwissenschaften finden wir eine natürliche Auseinandersetzung mit den Gegenständen (intentio recta), daher seien diese „von Hause aus ontologisch“. (Seite 48)

„Der natürliche Realismus ist identisch mit der uns lebenslänglich gefangen haltenden Überzeugung, daß der Inbegriff der Dinge, Personen, Geschehnisse und Verhältnisse, kurz die Welt, in der wir leben und die wir erkennend zu unserem Gegenstande machen, nicht erst durch unser Erkennen geschaffen wird, sondern unabhängig von uns besteht.“ (Seite 49)

Und das gilt natürlich auch für eine Zitrone:

„Das als unabhängig vom Bewusstsein existierend verstandene Generelle des ‚Zitronigen‘ ist die Zitrone.“ (S2)

Kapitel 14 – Seite 52 bis 80

Im II. Abschnitt beschreibt Hartmann die traditionellen Fassungen des Seienden und behandelt die Begriffe Ding, Gegebenheit und Weltgrund. Im Prinzip sind es Betrachtungen, die wir schon in der Einleitung besprochen hatten, so dass wir uns auf die Kernaussage konzentrieren können. Diese betrifft das Seiende als Wesenheit (essentia):

„Zur essentia gehört ein Korrelat, und dieses muß ein Seinsgewicht haben, das dem ihrigen die Waage hält.“ (Seite 59)

Mir gefällt die Waage-Metapher, da sie auf eine Verbindung der Sphären von Sein und Seiendem deutet. Konkret halten sich essentia und existentia die Waage. Bedeutend ist in diesem Kontext der Begriff des Moments, den Hartmann später einführt. Etymologisch ist Moment mit Beweggrund, Gesichtspunkt, Merkmal und Umstand assoziiert. Der Begriff momentum beschreibt „das Übergewicht, das bei gleichschwebenden Waagebalken den Ausschlag gibt“. Hier gibt es implizit eine Nähe zu Hegels Wissenschaft der Logik, wenn wir essentia und existentia als Momente des Seins verstehen.

Die Aussage selbst ist aus der Abgrenzung zu den traditionellen Fassungen des Seienden entstanden und wird in den nachfolgenden Kapiteln konkretisiert.

Aus heutiger Sicht wären noch die in der Zeit nach Hartmann entstandene Ansätze und Konzeptionen, wie etwa Luhmanns Systemtheorie, der radikale Konstruktivismus und vor allem die Neurowissenschaften zu berücksichtigen. Nach heutigem Verständnis teilt sich unsere Großhirnrinde in kortikale Säulen (ca. 20.000 Zellen), die verschiedene Schwingungsmuster (synfire chains) abbilden und neuronale Entitäten repräsentieren. In einer vom Gehirn konstruierten internen Weltrepräsentation gibt es mitunter nur zitronig, aber keine Zitronen. Entitäten werden als Knoten in einem neuronalen Netzwerk vorgestellt. Wir werden also später noch zu untersuchen haben, ob sich die Perspektive der Kritischen Ontologie mit der neuen Dinglichkeit der Neurowissenschaften vereinbaren lässt.

Im III. Abschnitt behandelt Hartmann die Bestimmungen des Seienden aus der Seinsweise. Auch in diesem Abschnitt geht es im Kern um Abgrenzungen, unter anderem vom Begriff des Ansichseins:

„Ansichsein“ ist und bleibt ein gnoseologischer Begriff.“ (Seite 79)

Damit wird ein erkenntnistheoretischer Ansatz nicht grundsätzlich abgelehnt – er käme lediglich zu früh: erst die Ontologie, später eine Erkenntnistheorie. So könnte das Programm lauten. Das Gleiche gilt für selbstbezogene Ansätze à la Heidegger. Das Programm hier: erst die Ontologie, später das Ich.

In der Tat sieht Hartmann auch gute Ansätze in Heideggers Existenzialphilosophie – insbesondere den Begriff der Zuhandenheit. Doch das alles kommt für die Grundlegung der Kritischen Ontologie zu früh.

Der Plan lautet also: Wir bleiben bei der Formel „Seiendes als Seiendes“ und schauen in aller Ruhe, wie sich Attribute bzw. Seinsverhältnisse wie „Ansichsein“ daraus entwickeln lassen. Und wir kommen mehr und mehr zu der Überzeugung, dass es keine einfachere und bessere Formel als Startpunkt gibt.

Kapitel 15 – Chinesisches Dasein

Der Geschmack von Pistazien ist süßlich, mandelartig und gleichzeitig kräftig-würzig.

Das Parfum Mirto di Panarea hat ein Duftbouquet mit blumigen Akkorden aus Flieder und Freesien.

Unsere Welt ist bunt und vielfältig. Wie angenehm ist es, wenn Kommunikation unsere Sinne anregt. Und wie dunkel ist nun unsere Mission. Denn wir haben nichts anderes als die sterile Formel „das Seiende als Seiendes“ in der Hand.

Wir unternehmen einen kurzen Ausflug nach China, um anhand des Begriffs Dasein ein Gespür für die innere Dynamik eines Wortes zu bekommen. Die chinesische Schriftsprache eignet sich dafür, da sie aus semantischen Bausteinen besteht. Dies ist nicht die Arbeit eines Sinologen, sondern lediglich ein Experiment, das Hegels Dynamisierung der Seinsmomente in einem anderen Kulturkreis veranschaulichen soll.

Die Übersetzung für (soziales) Dasein lautet: 生存(shēngcún)[1]. Der Begriff setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen:

生 (shēng): gebären, wachsen, lebendig, Leben, Existenz

存 (cún): existieren, am Leben sein, leben, Vorräte anlegen

Daraus ergeben sich recht interessante Doppelnamen für das Dasein, etwa Leben-leben und Existenz-existieren. Es erscheint vor dem Auge aber auch eine kleine Geschichte. Der Mensch, der auf die Welt kommt und für sein Überleben Vorräte anlegt. Ein Hamsterrad der Existenz. Und Google Translate übersetzt 生存 in der Tat mit „Überleben“.

In den Doppelnamen steckt keine tautologische Selbstreferenz (wie etwa Existenz-Existenz). Im Kern ist es eine Subjekt-Prädikat-Selbstreferenz. Und das ist mehr als nur ein Fingerzeig, worum es beim „Seienden als Seiendem“ gehen könnte.

Kapitel 16 – Seite 81 bis 86

Der zweite Teil der Grundlegung hat den Titel „Das Verhältnis von Dasein und Sosein“. Wir treten damit in die Kerngedanken der Kritischen Ontologie ein – auf den nächsten 50 Seiten folgen die fundamentalen Gedanken. Von jetzt an müssen wir Seite für Seite jeden relevanten Gedanken aufgreifen und kritisch reflektieren.

Unser ontologischer Warenkorb W enthält bisher nur ein einziges Objekt:

W= {das Seiende als Seiendes}.

Damit wollen wir noch nicht zur Kasse gehen. Was sollten wir zuhause auch mit dem Objekt machen? Doch nur ein weiterer Gedanke wird den Warenkorb füllen. Hartmann beschreibt (auf den Seiten 80 und 81) die Indifferenzen des Seienden. Er benennt eine Reihe von Kategorien K, die wir hier im Einzelnen aufführen:

K = {Einheit und Mannigfaltigkeit, Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Beharrung und Werden, Materie und Form, Subjekt und Objekt, Mensch und Welt, …}.

Ein ganzes Füllhorn an Möglichkeiten. Und unser ‚Seiendes als Seiendes‘ – so wird behauptet – sei indifferent diesen Kategorien gegenüber. Wie ist das zu verstehen?

Es wäre eine Verlockung, einfach eine Kategorie in den Warenkorb zu legen – etwa die Materie. Wenn das Seiende als Seiendes eine Vorliebe für die Materie hätte und so ganz und gar nicht zum Begriff Form passen würde, dann wäre das doch fein. Wir bauen uns dann einen ontologischen Materialismus. Aber so einfach ist es nicht. Wir müssen zunächst Materie und Form auf die Waage der Justitia legen, die Augen schließen und uns ernsthaft fragen: Kommt dem fundamentalen Seinsmodus, den wir mit unserer Formel „Seiendes als Seiendes“ assoziieren, eine der beiden Waagschalen näher, gibt es eine Präferenz?

Und die gibt es nicht. Wasser als abstrakt vorgestellte Materie hat einen gefühlten Seinsmodus, der Wassertropfen oder ein Eiskristall aber nicht weniger. Wie Hartmann feststellt, ist unsere – von Sokrates übernommene Formel – universal.

Der Leser kann auch auf einem alternativen Weg zu diesem Punkt kommen. Wir sind auf der Suche nach dem universalen Seinsmodus. Anschaulich gesprochen suchen wir eine Art ontologisches Betriebssystem, das später die Spezialkategorien als Software abzuspielen vermag.

Nun kommt Hartmann zum Punkt. Bezüglich des Gegensatzes von essentia und existentia (Dasein und Sosein) besteht nicht die gleiche Indifferenz[2]. (Seite 81)

Man kann das zunächst als Ankündigung verstehen. In unserem Warenkorb liegt also nun eine Trinität:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}.

Die genaue Analyse erfolgt in den nachfolgenden Kapiteln. Aus Sicht der Quantenphysik ist es ein spannender Ansatz. Wir haben die möglichen Zustände Ψ eines Objektes als Wellenfunktion (Dasein) und die gemessenen Werte eines Operators X (kollabierte Wellenfunktion |Ψ| (Sosein).

„Alles Seiende hat notwendig ein Moment der Wesenheit und ein Moment der Existenz an sich.“ (Seite 83)

Dies steht im Widerspruch zur traditionellen Fassung der Begriffe. Betrachten wir den Satz: „Im Garten steht ein rotes Zelt.“

Traditionell würde man sagen: Das Zelt existiert. Nicht nur, dass man in den Garten gehen kann und sich das Zelt von allen Seiten ansehen und es berühren kann, es passt als Objekt zur Etymologie von existo („auslegen, aufstellen, herausstehen“). Die Farbe rot hingegen ist eine Wesenheit. Kommt diese nur dem platonischen Ideal der Farbe rot zu? Die Seitenfläche des Zelts ist ein Rechteck. Allerdings kein platonisch ideales Rechteck. Kommt dem Zelt keine Wesenheit zu?

Hartmann bemängelt, dass der Gegensatz von essentia und existentia dem Gegensatz von Idealität und Realität gleichgesetzt wurde. Es sind also zwei völlig verschiedene philosophische Diskurse, wenn wir diskutieren, ob das Zelt ideal oder real ist oder ob dem Zelt Wesenheit und Existenz zugesprochen wird.

Zumindest denkbar wäre, dass essentia und Idealität eine eigene, abgeschlossene Sphäre bilden. Hartmann lehnt das ab. Es gibt bei ihm keinen Chorismus und somit auch keine „Zwei-Welten-Theorie“.

Dasein und Sosein sind das „daß“ und „was“ des Seienden. (Seite 85)

Beim Dasein geht es um die Washeit (quidditas) des Seins. Damit endet das 11. Kapitel der Grundlegung.

Kapitel 17 – so und da sein

Wo stehen wir nun? Betrachten wir unseren aktuellen Warenkorb:

W= {das Seiende als Seiendes, Dasein, Sosein}

und formulieren mit anderen Begriffen um:

W*= {Sein, Subjektobjekt, Prädikat}.

Betrachten wir drei Aussagesätze:

A1. Elkana erkannte sein Weib Hanna.

A2. Die rote Linie im Wasserstoffspektrum hat eine Wellenlänge von 656,2793 nm.

A3. 0100011001011011101101000100100101001101011011011011101100111010101.

Zunächst noch eine Bemerkung zu W*. Wir kennen zu diesem Zeitpunkt noch keine Differenz von Subjekt und Objekt. Daher habe ich einfach den Begriff Subjektobjekt eingesetzt[3].

Was sagen uns nun die Sätze?

A1. Der daseiende Elkana hat sich im Rahmen seines Soseins mit Frau Hanna fortgepflanzt.

Dabei lesen wir diese Geschichte jenseits von Realismus und Idealismus. Dieser Elkana mag eine Figur aus dem Alten Testament sein. Ob es einen realen Elkana gab, ist unbekannt. Ob er aus der Sphäre des geistigen Seins heraus Gläubige inspiriert, entzieht sich ebenfalls unserer Kenntnis. Und doch ist es ein Satz zwischen Sachentität und Fiktion.

A2. Das daseiende Elektron des Wasserstoffatoms ist in seinem Sosein messbar.

Wichtig dabei: Das daseiende Elektron und das soseiende Elektron sind ein und dasselbe Elektron. Es gibt Beziehungen zwischen den Momenten des Daseins und des Soseins. Das ist keineswegs trivial. Die Kopenhagener Deutung verneint die Existenz jeglicher Beziehung zwischen den Objekten des quantentheoretischen Formalismus einerseits und der „realen Welt“ andererseits.

A3. ???

Dies soll nur den Sonderfall andeuten, dass die Welt eine Computersimulation oder Output einer Turing-Maschine ist. In diesem Fall gibt es eine recht überschaubare quidditas aus {0,1}, und die Ontologie der Welt am Draht mag auf einen Bierdeckel passen. Doch auch sie passt in unser Schema aus Dasein und Sosein.

Im 12. Kapitel behandelt Hartmann die Trennung von Dasein und Sosein. Das Sosein scheint ein Sein 2. Klasse zu sein, quasi eine Art Prädikat. Das Wort Prädikat leitet sich von prae-dicare („öffentlich ausrufen; laut sagen, aussagen; rühmen“) ab. Wir sehen am Zeitschriftenkiosk einen Bericht über den Urlaub einer Schlagersängerin in Südafrika. Alle erdenklichen Attribute ihres Lebens werden öffentlich ausgerufen. Und doch hat die daseiende Schlagersängerin gefühlt eine andere Seinsqualität. An ihr interessierte Personen geben sich nicht mit den öffentlichen Ausrufungen zufrieden. Sie besuchen Konzerte der Sängerin und möchten sie sehen und noch besser: berühren. Dann haben sie sie a posteriori erkannt.

Im 14. Kapitel wird der Unterschied zwischen Dasein und Sosein anhand von Urteilstypen besprochen.

Wir unterscheiden Daseinsurteile „S ist“ von Soseinsurteilen „S ist P“. Hartmann zeigt, wie wir ein Daseinsurteil in ein Soseinsurteil wandeln können. Dazu müssen wir nur das Daseinsurteil richtig ausschreiben: „S ist seiend“ oder „S ist existent“. Die Analyse zeigt, dass das Wörtchen „ist“ in beiden Urteilen verschiedene Funktionen hat:

„Das ‚ist‘ als Zeichen des Zukommens ist wesensverschieden vom ‚ist‘ als Existenzialprädikat.“

Wie kann man sich überhaupt ein einfaches Daseinsurteil wie etwa „Schopenhauer ist“ vorstellen? Einfaches Beispiel: Das Wort Schopenhauer taucht im Namensregister eines Buches auf. Dann steht da zunächst nur das Wort ohne jedes Prädikat. Implizit ist das Wort aber in einen Kontext eingebunden. Wir können folgern: Schopenhauer ist ein Nachname. Handelt es sich bei dem Buch um ein Philosophie-Lexikon, könnten wir vermuten: Schopenhauer ist ein Philosoph.

Ein wichtiger Meilenstein folgt im 17. Kapitel, dort wird der Begriff des ontisch neutralen Soseins eingeführt. Hartmann führt ein Beispiel auf:

„Am Rundsein einer Kugel macht es keinen Unterschied aus, ob es sich um eine geometrische Kugel oder eine materielle handelt“.

Das Sosein ist hier indifferent gegen die Sphären von Idealität und Realität. Das Rundsein hat demnach ein neutrales Sosein. Für imaginäre Zahlen gilt dies nicht, da diese sich nur auf die Sphäre der Idealität beziehen[4].

Das Dasein hingegen ist bezüglich der Sphären Idealität und Realität nicht neutral:

„Das Sosein verbindet die beiden Sphären des Seienden. Das Dasein scheidet sie.“ (Seite 112)

Wir haben hier 2 Dimensionen: Dasein und Sosein bilden die eine Achse, Idealität und Realität die andere. In einer Dimension beobachten wir eine UND-Verknüpfung (konjunktiv), in der anderen eine ODER-Verknüpfung (disjunktiv):

„Das Sein alles Seienden – einerlei ob ideal oder real – ist sowohl Sosein als auch Dasein; aber das Sein alles Seienden – einerlei ob Sosein oder Dasein – ist entweder ideales oder reales Sein.“ (Seite 113)

Damit haben eine wichtige Zwischenetappe erreicht, Hartmann spricht sogar vom „ontischen Grundschema im Aufbau der Welt“.

Wie haben also als Grundschema eine 2×2-Matrix mit den Elementen ideelles Sosein, ideelles Dasein (1. Reihe) und reales Sosein und reales Dasein (2. Reihe).

Es ist sehr interessant, die Quantenphysik in diesem Quadranten zu verorten. Die Mehrheit der Physiker hat einen pragmatischen Standpunkt und konzentriert sich auf den Messprozess. Damit wäre diese Fraktion beim realen Sosein zu verorten (unten rechts). Die Vertreter der Minderheit – etwa Roger Penrose – die auch der Schrödinger-Wellenfunktion ein Dasein zuschreiben wollen, wären dann beim ideellen Dasein (oben links) positioniert. Dieses sich diagonal Gegenüberstehen kennzeichnet den Stand der Debatte in der Philosophie der Quantenmechanik ganz gut.

Im 20. Kapitel wenden wir uns der Erkenntnistheorie zu. Für reales Dasein und Sosein stellt Hartmann fest:

  1. Dasein ist nur a posteriori erkennbar;
  2. a priori ist nur das Sosein erkennbar.

Die Grenze von Dasein und Sosein ist allerdings nicht identisch mit der Grenze von Erkenntnissen a priori oder a posteriori. So stellen zum Beispiel wahrgenommene Qualitäten von etwas ein Sosein a posteriori dar (etwa der Geruch einer Blüte).

Innerhalb der 2×2-Matrix stehen drei Blöcke der Erkenntnis a priori offen (mit Ausnahme des realen Daseins). Und nur im realen Sosein überlappen sich apriorische und aposteriorische Erkenntnis.

Damit ist es vollbracht. Hartmann hat die ontische Dimension (Dasein/Sosein) mit den Sphären von Idealität und Realität und den Erkenntnismodi a priori und a posteriori abgeglichen. Dieser Rahmen umspannt sowohl den mathematischen Platonismus als auch die empirischen Wissenschaften.

Ein entscheidender Schritt über die Grenzen der Kritik der reinen Vernunft hinaus ist geglückt.

Kapitel 18 – Manöverkritik

Und wo stehen wir nun? Wir halten mit der 2×2-Matrix unseren ontologischen Bierdeckel in der Hand. Jede weitere Überlegung hängt also von dieser Basis ab.

Gerade deshalb können und sollen wir Hartmann nicht blind folgen. Und durchaus gibt es Ansatzpunkte für Kritik. Dies betrifft die Sphären von Realität und Idealität. Diese werden nicht weiter hinterfragt, sondern uns als gegebene Begriffe vorgesetzt. Nun spielt sich die Mathematik in der Sphäre der Idealität ab. Handelt es sich um eine homogene Sphäre, oder gibt es dort eine versteckte Struktur? Eine Vielzahl von Bestandteilen bevölkert die Mathematik, etwa Operatoren, Axiome, Gleichungen, Zahlen, Vektoren etc. Und innerhalb der Welt der Zahlen gibt es offenbar Schichten (unter anderem rationale, irrationale und imaginäre Zahlen). Können wir also sicher sein, dass die Sphäre des Idealen homogen ist? Sind wir in unserem Verständnis der Differenz von Realität und Idealität hinreichend sicher? Offenbar liegt es uns, diesen Fragen im weiteren Verlauf nachzugehen.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Kategorien und Begriffe, die Hartmann bis zu diesem Punkt behandelt hat (Materie, Form, Möglichkeit, etc.). Wurden dort nicht eigentlich (nur) die Schlachten und Dispute der antiken Ontologie neu aufgeführt? Kam denn in den letzten Jahrhunderten kein neuer Begriff hinzu? Das ist in der Tat der Fall. Dabei geht es um Begriffe und Strukturen, die zum Teil latent auch in der Antike bekannt waren, aber erst in unserer Zeit analytisch verstanden wurden. Vor allem wäre der Begriff der Isomorphie zu nennen. Bekanntlich hat Paul Finsler seine Mengenlehre auf diesem Prinzip aufgebaut. Die wissenschaftliche Lebensleistung eines Goethe hängt ebenfalls an diesem Begriff. Last but not least wäre zu bemerken, dass sich die moderne Physik im Wesentlichen auf Symmetrieprinzipien gründet.

Aus beiden Kritikpunkten folgt, dass unser ontologisches Verständnis vom Aufbau der Welt unvollständig sein könnte. Das klärt sich erst im Verlauf der Untersuchung. Womöglich können wir das Konzept der Isomorphie nahtlos aus den bestehenden Begriffen ableiten.

Ein letzter Kritikpunkt betrifft Hartmanns Verhältnis zu Heidegger. Wie schon erwähnt, hat Hartmann das Konzept der Zuhandenheit ausdrücklich gelobt. Was in der Grundlegung komplett fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Zeit. Die Naturwissenschaften kennen das Konzept der Eigenzeit, das auch in den Neurowissenschaften zunehmend Anwendung findet. Das Phänomen der Zeitwahrnehmung gehört in den Fokus der Existenzialontologie. Allerdings wurde Sein und Zeit nicht vollendet und in den zu antizipierenden ungeschriebenen Kapiteln fände sich sicher eine Antwort. Heidegger hat zumindest in diesem Punkt den richtigen Fokus gesetzt (Zeit und Alltäglichkeit §§67-71).

Fußnoten

    1. Quelle: Langenscheidt Taschenwörterbuch Chinesisch 2008
    1. Die Waagschale richtet sich ja nach Perspektive auf Dasein oder Sosein aus – abhängig vom momentum.
    1. Dies mag auch ein kleiner Verweis auf den wunderbaren Ernst Bloch und sein Werk „Subjekt – Objekt“ sein.
  1. Diesen Befund lassen wir mal so stehen. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass womöglich im Rahmen der Quantentheorie Observable definiert werden, die den imaginären Zahlen dann auch in der Sphäre der Realität einen Platz zuweisen.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Uncategorized

Hermann Wein. Eine Würdigung.

Wie kann man einen Philosophen entwürdigen? Die Geschichte der Philosophie ist ein lebendiger Fluss. So manches Philosophen-Zitat wirkt im Diskurs so, als wäre es soeben erst ausgesprochen worden und so für uns neu entdeckt. Für einen Philosophen kann es also ein transzendentes Weiterleben nach dem Tod geben.

Die Entwürdigung eines Philosophen ist das Vergessen. Das völlige In-Vergessenheit-geraten des Philosophen ist sein eigentlicher Tod. Eine ganze Strömung der Philosophie schien zeitweise davon betroffen zu sein: die Fundamentalontologie Nicolai Hartmanns.
Analytische Philosophie und Existenzphilosophie stellten die Fundamentalonotologe lange in den Schatten. So wurde zum Beispiel erst im März 2009 eine Nicolai-Hartmann-Society gegründet, 59 Jahre nach dem Tod Nicolai Hartmanns!
Bemerkenswert ist, dass durch den Hartmann-Schüler Takiyettin Mengüşoğlu die Fundamentalontologie in der Türkei einen Wirkungsort gefunden hat.
Der Göttinger Philosoph Hermann Wein war ebenfalls Hartmann-Schüler. Bis heute gibt es keinen Wikipedia-Eintrag zu Hermann Wein.
Ein Impuls zur Auseinandersetzung kam aus der Türkei: Nebil Reyhani hat an der Hacettepe-Universität Ankara sein Philosophie-Studium absolviert. Durch ein Auslandsstipendium kam er nach Mainz und verfasste eine Dissertation über Hermann Weins Kosmologie.
Diese Dissertation sowie die Schrift Kentaurische Philosopie sind für mich der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Hermann Wein.

Hermann Wein ist der Philosoph der Struktur. Für Naturwissenschaft und Systemtheorie sind seine Überlegungen sehr bedeutsam. Starten wir mit seinem „Zugang zu Philosophischer Kosmologie“ (kurz: ZpK).

„Was nicht in den Zusammenhang der Erfahrung, des Bewußtseins eingeht, kann nicht Erfahrung, kann nicht Bewußtes sein“ (ZpK 46)
„Es handelt sich um das Eintreten in eine Ordnung“ (ZpK 47)

Wie Nebil Reyhani überzeugend darstellt, gibt es hier einen engen Zusammenang zu Kants Begriff der Affinität. Wein übernimmt von Hartmann die Kernpunkte seiner Kategorienlehre: Kategorien können keine isolierten Entitäten sein, sondern stehen selbst im Zusammenhang und sind als Teil einer Struktur zu betrachten.

„Das Metakategoriale, das ‚hinter’ den Kategorien – Seins und Erkenntniskategorien – Stehende, an dem sie insgesamt teilhaben, ist: Geordnetheit-überhaupt, Systematik-überhaupt“ (ZpK 111).

Kategorien werden hier als Teil eines Gefüges aus (System,Struktur,Ordnung) gesehen.
Worum geht es hier?
Wein bemängelte, wie Philosophie und Naturwissenschaften auseinander drifteten.
Die Diskussion um die „richtige“ Deutung der Quantenphysik war aus Weins Sicht ein Indiz dafür, dass den Naturwissenschaften eine philosophische Grundlage fehlt. Damit im Zusammenhang steht die Kluft zwischen Realismus und Idealismus und zwischen der Welt des Seins und der Welt des Seienden.
Wie aktuell die Überlegungen von Hermann Wein sind, zeigt die Diskussion in der Quantenphysik. Elementarteilchen werden durche eine Wellenfunktion Ψ beschrieben (unendlich ausgedehnt). Eine MESSUNG hingegen wird durch den Skalar |Ψ|² (punktförmig) beschrieben:
Denkbare Welt (Idealismus, homogen): Ψ
Messbare (erfahrbare) Welt (Realismus, heterogen):|Ψ|²

Eine Mehrheit der Physiker findet sich unreflektiert damit ab, dass es offenbar zwei Physiken gibt. Weins Philosophie bietet einen Lösungsansatz für eine Theorie, die beide Welten umfasst:

„Die Möglichkeit einer Struktur, die weder homogen noch heterogen sein soll, sondern aus mit einander affinen Strukturen besteht, braucht nicht gesondert gezeigt zu werden. Da diese Struktur ein Erfahrungsbefund ist, ist ihre Möglichkeit durch ihre Realität schon bewiesen.“

Dies ist eine Beweislastumkehr: Warum soll sich eine Philosophie, die die Vereinigung von Idealismus und Realismus propagiert, vor einer Physik rechtfertigen, die diese Vereinigung schon lange lebt?
Wein stellt die alles entscheidende Frage nach einer Isomorphie der Welt des Seins und der Welt des Seienden. Diese Isomorphie soll sich auf eine neutrale Ur-Ordnung gründen.

Natürlich sind diese Überlegungen nur eine erste Einordnung. Seine Auseinandersetzung mit Heidegger und Hegel ist sehr bemerkenswert, würde hier aber den Rahmen sprengen. Um meinen ersten Eindruck auf den Punkt zu bringen: Hermann Wein war der letzte echte Kosmologe.

Mir ist es nicht gelungen eine Abbildung von Hermann Wein im Internet zu finden. Durch seine Positionierung zwischen Idealismus und Realismus kann ich mir Hermann Wein gut als einen Kentaur vorstellen:

Chiron instructs young Achilles - Ancient Roman fresco

Wie man sieht ist der von der Gesellschaft geächtete Kentaur zumindest als Lehrer von Achill zu gebrauchen. Der abgebildete Chiron hatte eine ganze Reihe prominenter Schüler. Dies steht bei Hermann Wein offenbar noch aus.

6 Kommentare

Eingeordnet unter Naturwissenschaft, Philosophie